Erstes Indiz für Rossi? Die Draft Lottery erklärt

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Freitag, 26. Juni 2020: Erster Tag des NHL-Drafts in Montreal. Marco Rossi hätte seinen Namen gehört, Thimo Nickl sowie möglicherweise Benjamin Baumgartner und Senna Peeters hätten noch einen Tag hoffen und bangen müssen.

Alles von Corona dahingeblasen, der Draft ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Allerdings findet heute die Draft-Lotterie statt, wenn auch in abgeteilter und veränderter Form. Was steckt hinter dieser Lotterie und wie veränderte sie sich über die Jahre?

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller hat alle Erklärungen dazu:

Seit wann gibt es die Draft Lottery?

Seit 1995, davor war es einfach: Das schlechteste Team der Vorsaison durfte als erstes ziehen, danach ging es (bis zum Stanley-Cup-Sieger) in umgekehrter Reihenfolge weiter.

Warum der Sinneswandel?

Zu oft hinterließen bereits aus dem Playoff-Rennen ausgeschiedene Organisationen den Eindruck, auf den letzten Platz hinzuspielen, vor allem wenn Supertalente im Draft warteten. Das Schneckenrennen zwischen den Pittsburgh Penguins und den New Jersey Devils um Mario Lemieux etwa wurde Jahrzehnte später sogar in einer TV-Dokumentation aufgearbeitet. Als Kompromisslösung sollte eine Lotterie fortan den schwächeren Teams zwar weiter die größten Chancen auf hohe Picks geben, aber die Draft-Plätze nicht einzementieren.

Und? Funktionierte das auch?

Nicht unbedingt. Auch nach 1995 schalteten einige Teams in der Saison-Schlussphase auf Sparflamme. Die Buffalo Sabres agierten 2014/15 mit einem von General Manager Tim Murray aufs Notwendigste reduzierten Rumpfkader so jämmerlich, dass der letzte Platz unausweichlich war. Die Lotterie verloren sie allerdings, erhielten mit Jack Eichel für Connor McDavid allerdings einen guten Trostpreis. Auch die Toronto Maple Leafs standen ein Jahr später unter dringendem Tatverdacht, wegen Auston Matthews abzukacken.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

Die Spieler haben da also absichtlich verloren?

Nein, mit den Cracks auf dem Eis hat das nichts zu tun, denen ist ziemlich egal, wer da gezogen wird. Im Gegenteil: Ein Top-Talent, das es gleich in die NHL schafft, kann ihnen ja in der Folgesaison den Kaderplatz kosten.

Es geht vielmehr um die GMs, die die Teams durch Trades auf ein Minimum reduzieren. Dazu kommen noch plötzliche Verletzungen ("We had to shut him down for the season") sowie Coaches, die urplötzlich ihre Liebe zu den Backup-Goalies finden und bisherige Tiefen- und AHL-Spieler mit viel Eiszeit belohnen.

Das ist ja höchst unsportlich! Warum greift die NHL da nicht ein?

Hat sie ja, eben mit dem Einführen der Lotterie. Ansonsten agieren Gary Bettman und die GMs nach dem Motto: "Bitte weitergehen, hier gibts nichts zu sehen."

Mario Lemieux: Das erste "Tanking Target"
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Natürlich wird sich jeder hüten, "Tanking" (so der amerikanische Fachbegriff für das "Owezahn" im Sport) zuzugeben. Die Indizien sind aber oft überwältigend und ab und zu wird ein GM nach Jahren auch geständig. So gab etwa Ex-GM Don Maloney zu, dass er 2014/15 mit den Arizona Coyotes sehr wohl auf McDavid oder Eichel spechtelte. Die Lotterie macht ihm diese Pläne allerdings zunichte, Dylan Strome ergab dann einen sehr unbefriedigenden Nummer-3-Pick.

Die Tanks sind oft augenscheinlich und die Fans, die wieder einmal eine miserable Saison ihrer Teams zu Ende gehen sehen, nehmen das oft mit dem Auge aufs große Ganze hin. So bejubelten etwa viele Sabres-Fans das Overtime-Tor der Coyotes im Duell gegeneinander mit "We want McDavid"-Sprechchören.

Wie läuft die Lotterie ab? Immer nach dem gleichen System?

Nein, im Laufe der Jahre nahm die NHL verschiedene Modifikationen vor. Die ersten, über Jahre hinweg gültigen Regeln ermöglichten es Teams nur, vier Plätze in der Lotterie gutzumachen – Chancen auf den Top-Pick hatten damit nur die letzten fünf Teams. Logischerweise konnte durch diesen einzigen Griff in die Los-Trommel Teams auch nur um einen Platz abrutschen.

2005 war ein Ausnahmefall. Nach dem Lockout-Ausfall der ganzen Saison musste ein eigenes System kreiert werden, das auf den drei Vorsaisonen basierte. Jedes Team bekam eine, zwei oder drei Kugeln in der Trommel. Die Pittsburgh Penguins siegten und nutzten ihren Pick für Franchise-Player Sidney Crosby.

Ab 2013 hatte jedes Nicht-Playoff-Team eine Chance auf das erste Pickrecht, ab 2015 wurden die Odds für die schlechteren Teams abgesenkt (z. B. von 25 auf 20 Prozent für das schlechteste Team). Seit 2016 wird jeder der Top-3-Picks extra ausgelost, 2017 musste das neue Team aus Las Vegas untergebracht werden, dem dieselben Odds der Arizona Coyotes (drittschlechtestes Team) zugewiesen wurden.

Wie funktioniert das aber heuer? Gibt ja noch gar keine Endtabelle?

Ideen gab es genug. Das TV wollte etwa den Draft sogar vor Beendigung der Saison unterbringen, doch dagegen wehrten sich die Klubs mit Händen und Füßen. Nachdem einem erweiterten Playoff mit 24 Teams zugestimmt wurde, tauchte auch die Idee eines vorläufigen verkürzten Drafts mit den sieben Nicht-Playoff-Teams auf.

Was hätte das bedeutet? Ein Spitzenspieler – sei es Marco Rossi, Alexander Holtz oder Cole Perfetti – der jetzt nicht Berücksichtigung gefunden hätte, hätte monatelang darüber brüten müssen, was denn schiefgelaufen sei.

Rossi könnte schon zu spekulieren beginnen
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Von dieser mentalen Züchtigung sah die Liga glücklicherweise ab. Als Restidee blieb aber die vorgezogene Draft-Lotterie der sieben Top-Plätze übrig - in einem skurrilen Zwei-Phasen-System.

Die sieben Nicht-Playoff-Teams nehmen ebenso an diesem Draft teil wie acht Platzhalter-Picks, die für die Teams freigehalten werden, die aus den Pre-Playoffs ausscheiden. 15 Teams (wie zuletzt immer) haben also Chancen auf den Top-Pick, wieder finden drei Ziehungen für die ersten drei Picks statt. Gewinnen diese jeweils eines der Nicht-Playoff-Teams, ist der Draft für heuer erledigt, der Rest der Picks wird dann nach den Endplatzierungen festgelegt.

Sollte aber ein Platzhalter (natürlich mit geringeren Odds ausgestattet) auf einem oder mehreren der ersten drei Plätze gezogen werden, folgt nach den Pre-Playoffs ein zweiter Draft, wo diese Plätze unter den acht Pre-Playoff-Verlierern (jeweils mit den gleich Odds von 12,5 Prozent) ausgelost werden.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht, dieses System mit (vielleicht) zwei Drafts gilt nur heuer. Marco Rossi, Thimo Nickl und ihre deutschen Kollegen Tim Stützle, JJ Peterka und Lukas Reichel müssen davon abgesehen weiter nach Beendigung der heurigen NHL-Saison auf die Namen ihrer zukünftigen Brötchengeber warten.

Rossi und Stützle - beides Kandidaten für einen hohen Pick – können ab Freitagnacht immerhin die Top-Sieben-Teams im Geiste durchgehen, ohne ihr Schicksal beeinflussen zu können...

Textquelle: © LAOLA1.at

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