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Coyotes: Die Tage in Arizona sind gezählt

Die NHL-Franchise steht vor einer Relocation nach Salt Lake City. Bernd Freimüller blickt auf vergangene Relocations zurück und beleuchtet die Fakten.

Coyotes: Die Tage in Arizona sind gezählt Foto: © getty

Die jahrzehntelange Tragikomödie um die Arizona Coyotes ist dem Ende nahe: Eine Übersiedlung nach Salt Lake City dürfte nur mehr Formsache sein.

Nicht die erste "Relocation" in der NHL - ein Blick zurück:

Die bisherigen Relocations

Lassen wir einmal die Geschehnisse vor dem 2. Weltkrieg beiseite - danach war lange Stabilität angesagt, ehe nach Expansionsphasen auch Relocations wieder zum Thema wurden.

1976: Kansas City Chiefs wurden zu den Colorado Rockies

1978: Cleveland Barons gingen in die Minnesota North Stars auf

1980: Atlanta Flames/Calgary Flames

1982: Colorado Rockies/New Jersey Devils

1993: Minnesota North Stars/Dallas Stars

1995: Quebec Nordiques/Colorado Avalanche

1996: Winnipeg Jets/Phoenix Coyotes

1997: Hartford Whalers/Carolina Hurricanes

2011: Atlanta Thrashers/Winnipeg Jets

Erinnerungen an letzte Relocation noch frisch

An diese letzte Relocation erinnere ich mich nur zu gut:

Ende Mai 2011, die jährlichen Scouting Meetings der Atlanta Thrashers steigen diesmal in Toronto. Die üblichen Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Listen für den Draft, das kann natürlich ermüdend sein. Einige Scouts surfen daneben im Internet, tippen dann dem Nachbarn auf die Schultern und deuten auf den Bildschirm: "Ende für die Thrashers, Übersiedlung nach Winnipeg."

Die Meetings an diesem Tage wurden dann schnell beendet, vor allem GM Rick Dudley (erst ein Jahr im Amt) war völlig aufgelöst, noch dazu gab sein Handy an diesem Tag auch den Geist auf. Die News aus Atlanta kamen unvermutet - die Streitereien unter den Eigentümern waren zwar bekannt, aber dass die NHL deswegen die Reißleine ziehen würde, kam überraschend.

Mit den Jets (Edition 2.0 nach dem Abschied 15 Jahre zuvor) stand allerdings ein Anwärter parat, der über die notwendigen Mittel verfügte, eine funktionstaugliche Halle hatte und seine Anwartschaft - darauf legte NHL-Commissioner Gary Bettman immer größten Wert - nicht über die Medien verlautbarte.

Am nächsten Tag - 31. Mai - gab die NHL gemeinsam mit den Jets schon eine Pressekonferenz, die wir im Konferenzraum gemeinsam ansahen. Eine bizarre Szene: Ungefähr so, wie wenn du heute im Büro sitzt und im Internet liest, dass dein Arbeitgeber den Firmensitz von Wien nach Hannover verfrachtet.

Die große Ungewissheit

Keiner wusste damals, wie es weitergehen sollte und das sollte auch noch ein Monat so bleiben.

Wir alle reisten zum NHL-Draft nach Minneapolis an, wo dann einigen von uns - Scouting Boss Dan Marr und mir etwa - mitgeteilt wurde, dass die Übersiedlung nach Winnipeg ohne uns über die Bühne gehen würde. Es wurde uns freigestellt, sofort wieder nach Hause zu fliegen. Ich verzichtete drauf, erkundete lieber noch die Stadt und saß am Draft-Tag auch noch mit am Jets-Tisch.

Scouts sind von Relocations - außer sie bleiben auf der Strecke - nicht annähernd so betroffen wie Spieler, Coaches und Betreuerstab, schließlich leben sie nicht in der jeweiligen Stadt. Aber ich kann mir vorstellen, wie es um die Coyotes jetzt zugeht.

Wenn sie zur Miete wohnen, ok, aber wenn sie Eigentum besitzen, Familie haben, wird das mehr als nur unangenehm. Da helfen auch No-Trade/Move-Clauses nicht, mitgefangen, mitgehangen, heißt es. Immerhin sollen die Übersiedlungskosten finanziell abgegolten werden.

Ich war vor Ewigkeiten in Salt Lake City, erinnere mich aber an eine sehr ruhige und reine Stadt. Arizona allerdings - wo es natürlich keinen richtigen Winter gibt - hat unter Spielern einen ausgezeichneten Ruf, viele lassen sich dort auch nach der Karriere nieder.

Warum endet die Zeit in Arizona jetzt?

Die Coyotes waren über Jahrzehnte das Liebkind von Bettman, er stellte sich gegenüber den ewigen Problemen dort taub. Unzählige Eigentümer versuchten sich dort, eigentlich auch Bettman selbst, da die NHL von 2009 bis 2012 nach einem Bankrott die Coyotes selbst betrieb!

Blackberry-Eigentümer Jim Balsillie wollte damals die Coyotes übernehmen und nach Hamilton übersiedeln, spielte das aber aggressiv über die Medien. Das stieß Bettman sauer auf und er würgte diese Relocation fast eigenhändig ab.

Die Tragikomödie ging auch danach weiter, schließlich hatte die Stadt Glendale von den Zahlungsverzügen der Coyotes genug und kickte sie aus der eigenen Halle. Glendale war aber ohnehin ein großer Teil des Problems, da verkehrstechnisch in der Stoßzeit nur sehr schwer zu erreichen, was viele Fans von Wochentagsbesuchen abhielt. Die erste Halle der Coyotes - die America West Arena - lag dagegen Downtown, hatte aber mit dem Problem von 2.000 sichtbehinderten Plätzen zu kämpfen.

Die Mullett Arena, in der Arizona aktuell spielt
Foto: © getty

Seit der letzten Saison ist die (dritte) Heimstätte nun eine College-Arena mit 4.600 Plätzen - nicht nur der NHL unwürdig, sondern auch aufgrund der geringen Einnahmen für alle Spieler der Liga (sie sind ja an den Gesamteinnahmen beteiligt) geschäftsschädigend.

Der letzte Hoffnungsschimmer für die Coyotes starb vor einem Jahr, als im Stadtteil Tempe der Bau eines Entertainmentkomplexes mit einer neuen Eishalle bei einem Bürgervotum keine Mehrheit fand.

Zwar tauchten vor einigen Wochen wieder neue Hallenpläne auf, aber die hätten im besten Fall weitere drei Jahre in der College-Arena bedeutet und waren wie so vieles in den letzten Jahrzehnten auf Sand gebaut. Da gingen sogar dem immertreuen Bettman die Argumente aus…

Die Argumente für Salt Lake City

Ein reicher Eigentümer mit Ryan Smith, der schon das NBA-Team Utah Jazz betreibt.

Eine bereits bestehende Halle mit 11.000 Plätzen, die allerdings so bald wie möglich von einer noch zu bauenden größeren Arena abgelöst werden soll. Salt Lake City gilt als Anwärter für Olympia 2034.

Zusätzliche Einnahmen für die NHL, die die Coyotes für eine Milliarde Dollar kauft und sie an Smith für 1,2 Milliarden weiterverkauft. Die Differenz geht in die Kassen der restlichen Teams.

Und Bettman braucht die Idee vom Eishockey in Arizona nicht aufzugeben - Coyotes-Eigentümer Alex Meruelo, der eben die Milliarde einsteckt, kann sich jetzt eben dem Hallenprojekt widmen und bekäme dann vielleicht die Chance, wieder in die Liga aufgenommen zu werden. Meruelo behält alle Rechte an den Coyotes, die Organisation ist quasi auf Eis gelegt.

Ein Comeback scheint nicht ausgeschlossen: Schließlich ist Arizona die fünftgrößte Stadt der USA und weiter ein interessanter Markt für die NHL. Das hieße dann halt wieder einmal "Expansion", jetzt steht aber eine "Relocation" auf dem Programm…


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