Der Aufstieg des ungarischen Überraschungsteams

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Fast im Verborgenen hat sich Fehervar AV19 in den letzten Monaten einen Top-5-Platz erspielt.

Ein Blick auf die bisherige Saison und die weiteren Erfolgsaussichten eines Teams, das von den österreichischen Medien völlig ignoriert wird, aber vielleicht das attraktivste Eishockey der ICE Hockey League spielt:

Die Tabellensituation

Sowohl in der offiziellen, als auch in der Punkteschnitt-Tabelle belegt Fehervar den zweiten Platz. 1, 91 Punkte pro Spiel sind ein stolzer Wert, der nur vom HCB Südtirol (2, 17) klar übertroffen wird. Auf den Sechsten der Tabelle, Dornbirn, haben die Ungarn stolze 19 bzw. 0, 43 Punkte pro Spiel Vorsprung, ein Top-5 und damit Playoff-Platz ist daher sicher.

Die weiteren Spiele

Mit 34 hat Fehervar die meisten Spiele der Liga absolviert (Salzburg ist das Gegenstück mit erst 28 Partien). Wäre der Vorsprung nicht so groß, müssten sie jetzt angstvoll zusehen, wie die Konkurrenz aufholt.

Auch sie werden noch punkten: Von den ausstehenden sechs Partien spielen sie (die ersten) vier zuhause. Mit Dornbirn (2x), Innsbruck und dem VSV stehen drei Gegner aus der erheblich schwächeren zweiten Tabellenhälfte an, da sollten weitere Dreipunkter anstehen.

Kurios: Im Zeitraum zwischen 17. und 29. Jänner sind die Ungarn zwölf Tage lang spielfrei, da geht sich fast noch ein Mini-Trainingslager aus. Was sich wie eine Corona-Verordnung liest, ist schlicht den Kapriolen des Spielplans geschuldet: Vom 10. Jänner bis zum 2. Februar brauchen sie das Land gar nicht zu verlassen.

Warum meine Erwartungen zu niedrig waren

In meiner Saisonvorschau habe ich keinen Top-5-Platz erwartet. Bei aller Qualität in der Offensive kamen mir die Goalie-Position und die Defensive zu instabil vor. Damit lag ich auch nicht völlig falsch: 117 erzielte Tore (3, 44 pro Spiel) sind Liga-Bestwert, dem gegenüber stehen aber 98 Gegentreffer.

Von Michael Ouzas, der noch von einem Zwei-Jahres-Vertrag profitierte, trennte man sich, der Routinier hat seine beste Zeit schon einige Jahre hinter sich. Nachfolger Jaroslav Janus ist auch kein absoluter Meister seines Faches, hätte Litvinov letzte Saison um ein Haar in die zweite tschechische Liga geführt.

Sein Stil ist viel auf Spekulation aufgebaut, er gibt aber doch nicht so viele fragwürdige Gegentreffer wie Ouzas her. Die Einsätze von Backup Daniel Kornakker enden mittlerweile auch nicht mehr mit automatischen Niederlagen.

Der Coach

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Antti Karhula, der schon letzte Saison von Hannu Järvenpää übernahm, war weder als Spieler noch als Coach bisher eine große Nummer – und das ist schon freundlich formuliert. Assistant Coach bei Estland, sowohl bei Hermes in der finnischen zweiten Liga als auch bei Dunaujvaros gefeuert – mit so einem Lebenslauf findet man normalerweise in der ICE keine Anstellung.

Auch sein Erscheinungsbild bei den Interviews nach den Spielen, die aber in perfektem Englisch immer Hand und Fuß haben, ist gewöhnungsbedürftig: Tiefausgeschnittene T-Shirts, darunter eine Brusttätowierung – das erinnert an einen Türsteher in einer finnischen Kleinstadt-Disco.

Doch der Schein trügt: Denn bei kaum einem anderen ICE-Team ist die Handschrift des Coaches so sichtbar wie Fehervar. Und sie macht die oftmals gehörte Sage von den nur an Defensiv-Eishockey interessierten finnischen Trainern zu einer haltlosen Mär.

Die Spielidee

Bei meinem ersten Fehervar-Viewing in dieser Saison merkte ich noch nichts Außergewöhnliches, allerdings kamen die Ungarn damals auch mit einer Rumpftruppe nach Wien.

Etwas später sah ich sie in Bratislava und die Spielidee stach sofort ins Auge: Stets sind vier Spieler in die Offensive involviert. Die Defender werden dazu ermutigt, die Scheibe nach vorne zu tragen, das gilt sogar für eigentlich limitierte Cracks wie Mike Caruso oder Paul Geiger. Auch im Angriffsdrittel sind die Verteidiger stets involviert, lösen sich von der blauen Linie und bilden damit zusätzliche Passoptionen.

Im aggressiven Forecheck macht das Team die Eisfläche automatisch klein – selbst ein Team wie Bozen, das über so viele Defender mit Spielaufbau-Skills wie kein anderes verfügt, kam da am letzten Samstag öfters als gewohnt in die Bredouille.

Natürlich öffnet dieses aggressive Spiel, das irgendwie an das von Pierre Page angestrebte "Fünf Spieler, keine Positionen" erinnert, auch Löcher. Überwindet man den Forecheck einmal, stehen oft nur mehr ein oder zwei Gegenspieler gegenüber und genauso wie im gegnerischen Drittel sind einige Räume über- und andere wieder gar nicht besetzt. Die dadurch entstehenden High-Scoring Games dürften auch Bestandteil der Fehervar-DNA bleiben.

Das Personal

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An der Offensivbesetzung des Teams hatte ich schon vor Saisonbeginn keine Zweifel: Janos Hari und Istvan Bartulis sind ein immens begabtes 1-2-Centerduo, von dem die meisten Konkurrenten nur träumen können. Hari gehört zu den wenigen Ligacracks, die ihre Mitspieler besser machen, was das Beispiel von Anze Kuralt beweist: Mit Hari 16 und (bis jetzt) 13, ohne ihn in der Vorsaison neun Tore.

Aber auch in Österreich fast völlig unbekannte Namen füllen ihre Rollen einfach perfekt aus: Csanad Erdely etwa wirft sich mit Inbrunst in die Getümmel um den Torraum, fast alle seiner 14 Tore fielen aus Nahdistanz.

Defender Bence Stipsicz lebt nach einer sehr schwachen Vorsaison wieder auf, dem mobilen und talentierten Defender kommt das laufintensive System sehr entgegen. Es ist zwar nur ein selten gefragter Aspekt, aber ich kenne kaum Liga-Verteidiger, die ich in einer Overtime lieber auf dem Eis hätte. Seine Zuordnungsprobleme im eigenen Drittel verhindern für mich ein Engagement im Ausland.

Ebenfalls größer und begabter als etwa der durchschnittliche österreichische ICE-Defender ist sein Kollege Daniel Szabo. Mit dem 01er Milan Horvath spielte sich heuer ein junger Defender in die Top-6, der eigentlich solide agiert.

Fehervar recycelt schon seit Jahren gerne Imports, die bei anderen Teams nicht mehr gebraucht werden: Colton Hargrove tat sich in Bozen lange schwer, war aber gegen Saisonende wesentlich besser und beweist in Ungarn, dass er ein körperlich starker Flügel mit guten Schussqualitäten ist. Bei Defender Tim Campbell frage ich mich schon länger, warum ihn einheimische Teams seit seinem Abgang aus Bozen ignoriert haben: Er verträgt viel Eiszeit und kann in allen Situationen spielen.

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)

Fehervar lässt sich allerdings Qualität seit einiger Zeit auch gutes Geld kosten, Haris 5-Jahres-Vertrag wird natürlich nicht mit Haselnüssen bezahlt. Allerdings musste Karhula heuer lange Zeit mit einem Minikader auskommen, Agenten-Angebote wurden lange nicht einmal beantwortet.

Durch Corona, Verletzungen und Abgänge (Viertlinien-Center Aron Reisz heuerte in der DEL2 an) standen ihm lange nur fünf Defender und drei Linien zur Verfügung. Das macht die Leistungen in der knapp getakteten Corona-Saison umso bemerkenswerter und könnte Karhula bei coachsuchenden ICE-Teams auch Pluspunkte einbringen – einige Amtskollegen von ihm hätten unter diesen Umständen täglich Krokodilstränen bei ihren Vorgesetzten vergossen.

Mit Mikka Lahti kam doch noch ein Reisz-Ersatz, bei ihm und seinem Landsmann Toni Kähkönen hätte ich allerdings nicht unbedingt an Spieler gedacht, die in ein laufintensives System passen.

Die zehn Importplätze sind damit belegt, aber "tote Punkte" von Reisz und Ouzas ließen noch Platz für U24-Legionäre, um so auch für die Playoffs quantitativ gerüstet zu sein. Da sollte allerdings auch Andrew Sarauer nach seinem Fußbruch längst wieder gesundet sein.

Kann Fehervar seinen offensiven Hochseilakt auch in der Pick Round und in den Playoffs durchziehen oder geben sie irgendwann einfach zu viele Gegentore her? Die Beantwortung dieser Frage sollte hochinteressant werden und vielleicht auch in der einen oder anderen TV-Übertragung beleuchtet werden.

Textquelle: © LAOLA1.at

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