Interview

Graz-Meistercoach Lacroix: "Ich bin mir gegenüber sehr kritisch"

Dan Lacroix hat die Graz99ers zu ihrer ersten Meisterschaft geführt. Der Kanadier spricht über seinen ständigen Drang zur Verbesserung und seinen Verbleib.

Graz-Meistercoach Lacroix: "Ich bin mir gegenüber sehr kritisch" Foto: © GEPA

Die Graz99ers starten am Donnerstag mit einem Kracher in die neue Pflichtspiel-Saison. Bei der Rückkehr in die Champions Hockey League wartet zum Auftakt direkt das Heimspiel gegen den Schweizer Meister HC Fribourg-Gotteron.

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Weiter mit an Bord ist Dan Lacroix. Der Head Coach übernahm die Murstädter Ende November des Vorjahres und führte sie mit 34 Siegen aus 40 Spielen – darunter einem perfekten Playoff-Run – zur ersten Meisterschaft der Klubgeschichte.

Danach herrschte reges Interesse am 57-Jährigen, der Kanadier schlug unter anderem ein Angebot des deutschen Meisters Eisbären Berlin aus und verlängerte seinen Vertrag bei den 99ers um ein Jahr.

Im ausführlichen LAOLA1-Interview spricht der Meistermacher über die Gründe für seinen Verbleib, seinen ständigen Drang nach Verbesserung und die Erwartungen an die kommende Spielzeit.

LAOLA1: Wie zufrieden waren Sie mit der Vorbereitung?

Dan Lacroix: Es ist ein laufender Prozess. Wir lernen uns noch kennen, und ich spreche hier von den Spielern, die ich noch nicht gekannt habe - das sind ziemlich viele. Wenn man sich unsere Abwehr ansieht, haben wir viele neue Gesichter und es gibt noch viele Details, die geklärt werden müssen. Aber wir bewegen uns in die richtige Richtung. Ich bin mit dem Einsatz im Training zufrieden. Wir haben gegen einige starke Gegner gespielt. Das waren gute Tests für uns, um zu lernen und zu erkennen, was wir besser machen müssen und in welchen Bereichen wir mehr Zeit investieren müssen. Für mich sind das alles positive Aspekte, denn wir sehen darin die Chance, als Team zu wachsen. Es gibt noch viel Raum für Verbesserungen. Das ist gut für uns und genau der Grund, warum wir hier sind.

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Darryl Williams ersetzt Nate DiCasmirro als Assistant Coach.
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Können Sie konkretisieren, auf welche Bereiche der Fokus noch stärker gelegt werden soll?

Lacroix: Ich habe mich darüber mit Darryl (Williams, Assistant Coach, Anm.) und "Fipo" (Sportdirektor Philipp Pinter, Anm.) unterhalten: Das Spiel ist gar nicht so kompliziert. Es gibt drei Zonen. Entweder hat man den Puck oder nicht. Das ergibt sechs Spielsituationen, wenn man Powerplays und Unterzahlsituationen außer Acht lässt. Sechs Bereiche, auf die wir uns konzentrieren und die wir abdecken müssen. Wir müssen gut mit dem Puck umgehen, damit wir ihn nicht verlieren. Ein wichtiger Teil einer guten Defensivmannschaft ist es, den Puck nicht abzugeben. Die Leute sehen das nicht immer so. Sie fragen sich: Wie können wir die gegnerischen Spielzüge unterbinden? Doch bevor man sie unterbinden kann, sollte man sich fragen: Wie können wir den Puck behalten? Wir arbeiten daran, wie wir, wenn wir ihn doch einmal verlieren sollten, ihn schnell zurückgewinnen und in den Angriff übergehen können.

LAOLA1: Es war Ihre erste komplette Saisonvorbereitung mit den Graz99ers. Was war Ihnen wichtig?

Lacroix: Für jede Mannschaft ist es wichtig, eine echte Identität zu haben. Man kann sich eine Identität wünschen oder auf eine hoffen, aber man muss daran arbeiten. Wünschen und Hoffen allein bringen nichts. Worte auf einem Blatt Papier oder in einer Besprechung bedeuten nichts, sobald das erste Bully fällt. Für mich geht es um die täglichen Gewohnheiten. Das beginnt mit der körperlichen Fitness unserer Spieler, die sie bisher unter Beweis gestellt haben. Darauf können sie wirklich stolz sein. Ich bin sehr zufrieden mit den meisten Jungs, sie haben hart gearbeitet und in sich selbst investiert. Das wird uns als Team zugutekommen. Und die täglichen Standards müssen nicht nur gut, sondern hervorragend sein, wenn wir wieder zu den Top-Teams der Liga gehören wollen.

Ich bin sehr kritisch gegenüber meiner eigenen Arbeit als Trainer.

Meistermacher Dan Lacroix

LAOLA1: Haben Sie bestimmte Schlüsselbegriffe für diese Identität?

Lacroix: Ja, die habe ich. Wir verwenden alle dieselbe Sprache. Ich behalte sie zwar für mich, aber wir sprechen jeden Tag darüber, Gewohnheiten zu entwickeln und auf die Details zu achten, die uns als Team besser machen. Wir sind auf einem guten Weg. Ich fand, dass wir mit der Anzahl der Trainingseinheiten etwas im Rückstand waren, vor allem, weil wir vor zwei Wochen nicht genug Spieler hatten, um richtig zu trainieren (einige Spieler waren krank, Anm.). Unser neuer Co-Trainer Darryl ist erst kürzlich zu uns gestoßen. Er ist eine wirklich willkommene Verstärkung für unseren Trainerstab. Wir haben anfangs mit einem kleinen Team gearbeitet, daher ist es wirklich gut, ihn dabei zu haben, um Ideen auszutauschen und von seiner enormen Erfahrung zu profitieren, die er als Trainer an der Seite einiger der besten Trainer der Welt gesammelt hat. Das sorgt für eine angenehme Atmosphäre.

LAOLA1: Sie haben die enorme Erfahrung erwähnt, die Darryl in das Team einbringt. Er war 14 Jahre lang in der NHL tätig, Sie selbst haben dort zwölf Jahre gearbeitet. Sie bringen gemeinsam 26 Jahre NHL-Erfahrung als Trainer mit. Was ist Ihr erster Eindruck von ihm, was kann er dem Team bieten?

Lacroix: Man sieht diese 26 Jahre in der NHL, aber es ist mehr als das. Ich habe in meinen ersten Jahren als Chef- und Assistenz-Trainer in der Quebec Major Junior League viel gelernt, indem ich mit guten Leuten zusammengearbeitet habe. Ich habe dort genauso viel gelernt wie in einigen Jahren in der NHL. Für mich geht die Erfahrung also weit über diese Jahre in der NHL hinaus. Wir haben beide in denselben Ligen gespielt und trainiert, ich kann mich wirklich auf ihn stützen. Er hat Erfahrung in der Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Trainern. Einige davon sind dieselben, mit denen auch ich zusammengearbeitet habe, zum Beispiel Alain Vigneault. Von dieser Erfahrung bringt er jeden Tag etwas ein, wenn wir in unseren Besprechungen zusammensitzen. Und genau das ist es, was ich suche. Ich möchte als Cheftrainer dazulernen. Ich möchte, dass wir als Team wachsen. Wenn ich von unseren Spielern jeden Tag verlange, mehr zu wollen und besser zu werden, dann müssen wir das meiner Meinung nach auch als Trainer tun. Es ist ein fortlaufender Prozess. Und glaube mir: Ich bin sehr kritisch gegenüber meiner eigenen Arbeit als Trainer.

Ich bin an einem Punkt, an dem ich meine Arbeit als Trainer mit Menschen teilen möchte, die ich mag.

Dan Lacroix über seinen Verbleib in Graz

LAOLA1: Es war nicht selbstverständlich, dass Sie auch in dieser Saison Cheftrainer der Graz99ers sein würden. Nach dem Meistertitel in der vergangenen Saison gab es großes Interesse an Ihrer Person. Es kursierten einige Gerüchte, insbesondere die Eisbären Berlin sollen Sie als ihren neuen Trainer gewollt haben. Warum haben Sie sich dann entschieden, in Graz zu bleiben?

Lacroix: Mir ist mein Umfeld und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, wirklich wichtig. Ich bin nicht mehr an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich ein junger Trainer bin und einfach nur nach oben will. Ich bin an einem Punkt, an dem ich meine Arbeit als Trainer mit Menschen teilen möchte, die ich mag. Ich habe das Gefühl, dass "Herb" (Präsident Herbert Jerich, Anm.) und "Fipo" mir das bieten können. Als Trainer ist es das Wichtigste, Unterstützung zu haben. Nichts Großartiges erreicht man im Alleingang. Ich brauche einen großartigen Stab, einen engagierten Eigentümer und eine engagierte Organisation. Wir haben unsere eigenen Herausforderungen, wie jedes Team in der Liga. Ich bin bereit, damit umzugehen. Das macht mich nur zu einem besseren Trainer. Für mich war es also eine leichte Entscheidung, hier zu bleiben. Aber zuerst brauchte ich eine Pause. Am Ende der Saison war ich müde. Es waren ein paar intensive Monate. Und um zu coachen, muss man voller Energie sein. Also habe ich mir ein paar Monate frei genommen und bin mit viel Energie zurückgekommen. Ich bin wirklich froh, wieder hier zu sein.

LAOLA1: Ihr neuer Vertrag ist bis nächsten Sommer datiert. Es klingt aber so, als wären sie nicht abgeneigt, die Graz99ers auch über diese Saison hinaus zu trainieren.

Lacroix: Ich schaue nicht über diese Saison hinaus. Wer weiß, wie ich mich am Ende des Jahres fühlen werde? Wer weiß, wie die Mannschaft zu mir stehen wird? Das ist ein organischer Prozess. Ich konzentriere mich darauf, diese Jungs dazu zu bringen, ihr eigenes Potenzial als Mannschaft auszuschöpfen. Darauf liegt mein ganzer Fokus.

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Korbinian Holzer (Karriereende) ist einer der namhaften Abgänge.
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Als Titelverteidiger lastet immer viel mehr Druck auf einem, denn man ist nun das Team, das jeder unbedingt schlagen will. Spüren Sie selbst auch diesen zusätzlichen Druck?

Lacroix: Nein. Wir setzen uns ohnehin schon jeden Tag selbst unter Druck, Leistung zu bringen und die Mannschaft besser zu machen. Wenn ich mir die Liga mit all den personellen Veränderungen anschaue, haben einige Teams wirklich in ihre Mannschaft investiert, um zu den Top-Anwärtern zu gehören. Wir werden einige sehr konkurrenzfähige Teams aus Salzburg, Wien, vom KAC und auch aus Mailand sehen. Mit all den italienisch-kanadischen- und Importspielern haben sie eine hervorragende Mannschaft. Es ist in Ordnung für uns, zu Beginn nicht zu den Favoriten zu gehören. Es ist in Ordnung für uns zu denken: All diese anderen Teams sind stark geworden. Aber mir gefällt, wo wir stehen. Wir haben eine jüngere Mannschaft, viel jünger als im letzten Jahr, was gut ist. Das bedeutet für uns viel mehr Bereiche, in denen wir als Mannschaft wachsen können.

LAOLA1: Unter anderem hat Kapitän Korbinian Holzer seine Karriere beendet, Nick Bailen ist nach Wien gewechselt. Dazu hat Lukas Haudum den Verein zur Überraschung vieler verlassen, um nach Finnland zu gehen. Vor allem Bailen und Haudum waren in der vergangenen Saison für viele Tore und Vorlagen verantwortlich. Wie wollen Sie das ausgleichen?

Lacroix: Immer wenn man das Glück hat, solche besonderen Spieler zu haben, die sowohl im Angriff punkten als auch ohne den Puck hart kämpfen, macht einen das sofort zu einem besseren Trainer. Aber die Herausforderung für uns besteht immer darin, jemanden zu finden, der in diese Fußstapfen treten kann. Im Moment suchen wir innerhalb des Teams. Jetzt bieten sich Chancen für die Jungs, sich zu beweisen. Es gibt Spieler, die andere Rollen übernehmen werden. Wir gehen nicht zu jemandem hin und sagen: Du wirst ihn eins zu eins ersetzen. Es ist nicht so, dass man einfach mit dem Finger schnippt und am nächsten Tag wie durch Zauberei alles passt. Es ist ein Prozess. Wenn man sich die Entwicklung von Haudums Spiel bei uns ansieht, dann ging das nicht von heute auf morgen. Ich erinnere mich daran, wie sein Spiel im November und wie es im April aussah. Es war ein ganz anderes Spiel, das Gleiche gilt für Bailen. Sie sind beide auf ihre Weise hervorragende Spieler, aber wir suchen nach Spielern, die in die Bresche springen, die Chance ergreifen und das Beste daraus machen.

Es wird sicherlich Rückschläge geben, aber wir betrachten diese als Chancen, uns zu verbessern.

Dan Lacroix über die Erwartungen an die neue Saison

LAOLA1: Im Gespräch mit Lukas Haudum hat er Sie sehr dafür gelobt, wie Sie sein Spiel in den wenigen Monaten seit Ihrem Amtsantritt weiterentwickelt haben. Er ist nicht der Einzige, von dem solche Worte kommen. Das sagt viel über Ihre Arbeit als Trainer aus. Wie stolz macht Sie das?

Lacroix: Wir Trainer sind nur so gut wie unsere Bilanz. Wir hatten eine erfolgreiche Saison, aber das ist das Schöne an unserem Sport. Jedes Jahr haben wir eine neue Chance, neue Herausforderungen. Es macht mir Spaß, all diese Jungs zu trainieren. Es gibt immer eine Herausforderung, denn niemand lernt auf die gleiche Weise. Wir haben viel Arbeit vor uns, um unser Team kennenzulernen. Haudum war für keinen Trainer ein einfaches Puzzle, aber er ist sicherlich ein sehr befriedigendes, sobald man alle Teile zusammengesetzt hat. Letztendlich wollen alle Spieler dasselbe: Sie wollen besser werden und ihren Beitrag leisten. Das ist alles. Man muss sie in die Verantwortung nehmen, aber fair sein. Wenn sie verstehen, dass wir die Dinge aus den richtigen Gründen tun, dann werden wir jeden Tag Fortschritte sehen. Ich freue mich auf unsere neue Saison und die Herausforderungen, die vor uns liegen.

LAOLA1: Worauf freuen Sie sich am meisten?

Lacroix: Ich bin gespannt darauf, zu sehen, wie wir auf Widrigkeiten reagieren. Ich möchte, dass unsere Mannschaft stets auf alle Situationen vorbereitet ist. Ich möchte nicht, dass wir uns leicht ablenken oder aus der Bahn werfen lassen. Es wird sicherlich Rückschläge geben, aber wir betrachten diese als Chancen, uns zu verbessern.

LAOLA1: Ich möchte Sie nicht nach dem Saisonziel fragen, denn das wird wahrscheinlich wieder der Gewinn der Meisterschaft sein. Deshalb frage ich Sie lieber Folgendes: Wenn Sie in ein paar Monaten auf die Saison zurückblicken, wann würden Sie sagen, dass sie gut verlaufen ist?

Lacroix: Wir wollen das volle Potenzial unserer Mannschaft ausschöpfen. Bedeutet das, die Meisterschaft zu gewinnen? Natürlich wünscht man sich vor jeder Saison den Meistertitel. Aber man muss darauf hinarbeiten. Wir haben uns in der letzten Saison Respekt verschafft. Ich möchte, dass wir in diesem Sinne weitermachen, jeden Tag unser Bestes geben und als Mannschaft besser werden, um uns den Respekt unserer Teamkollegen und Gegner zu verdienen. Wenn wir das schaffen, werden wir meiner Meinung nach eine Mannschaft sein, die um die Meisterschaft mitspielt. Und genau deshalb sind wir hier.

LAOLA1: Danke für das Gespräch!

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