Eishockey und Fußball: Ein geteiltes Manko

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Es ging bei der Rückkehr von Zoran Barisic und Peter Stöger unter: Sowohl Rapid als auch Austria wollen ihr Scouting auf neue und breitere Beine stellen.

Ohne die bisherigen Scouting-Abteilungen im Detail zu kennen: Dass Luft nach oben besteht, liegt nicht nur im Abschneiden der beiden Wiener Vereine in den letzten Jahren begründet. Doch die Problemfelder sind vielseitig.

LAOLA1-Eishockey-Scout Bernd Freimüller wirft einen Blick auf die Probleme im Fußball-Scouting sowie Unterschiede bzw. Parallelen zum österreichischen Eishockey:

Proaktiv oder auf Zuruf von Agenten?

Will man die Transferzeit mit einer Liste von Kandidaten für die Problem-Positionen angehen oder wartet man auf die Vorschläge von Agenten? Ersteres wäre natürlich wünschenswert – du suchst einen linken Verteidiger und deine Scouting-Abteilung legt dir eine Liste wechselwilliger in- und ausländischer Spieler in einem realistischen Preissegment vor.

Doch selbst bei Großklubs dürfte eine solche proaktive Herangehensweise nicht gang und gäbe sein. Sven Mislintat, der gerade von Arsenal zum VfB Stuttgart als Sportdirektor wechselte, legte in einem Interview mit "11 Freunde" seine Gründe für seinen Wechsel dar. Einer davon lautet: Die neue Führung bei Arsenal wollte erst auf Angebote von Spielerberatern reagieren, Mislintat dagegen den Markt schon vor der Transferperiode in einer Mischung aus Live-Sichtung und Daten- und Video-Analyse aufbereiten.

Wenn also schon ein Premier-League-Klub wie Arsenal erst auf Vorschläge reagiert, werden die weit finanzschwächeren Bundesliga-Klubs hierzulande natürlich auch eher nicht groß proaktiv arbeiten können.

Das führt aber dann dazu, dass es zu hektischen Last-Minute-Beobachtungen kommt bzw. nur mit Videos gearbeitet wird. Zumindest der einheimische Markt sollte aber stets im Griff sein.

In der EBEL läuft es wie folgt ab: Fast alle Transfers kommen erst auf Zuruf von Agenten zustande, die ihre Klienten anbieten. Recherchen finden dann erst zeitnah statt, Beobachtungen während des Jahres sind die absolute Ausnahme.

Die große Fußball-Welt

Wohl der größte Unterschied zwischen den Sportarten: Während das Eishockey eigentlich nur in Europa und Nordamerika stattfindet, ist der Fußball natürlich ein weltumspannender Sport.

Alle Länder abzudecken, das schaffen nur die internationalen Top-Vereine. Auch Rapid verpflichtete Koya Kitagawa weniger aufgrund detaillierter Kenntnisse der japanischen J1 League, sondern erst nachdem der Name in das Blickfeld von Sportdirektor Zoran Barisic gerückt wurde (siehe Story zur Verpflichtung von Koya Kitagawa).

Einige europäische Spitzenklubs leisten sich Zuträger in ausländischen Ligen, die ihnen Listen mit interessanten Spielern vorlegen, eventuell haben sie auch eine gewisse Wechselmöglichkeit bereits ausgetestet. Doch selbst bei guten finanziellen Mitteln muss man irgendwo die Grenze ziehen: Ist für einen deutschen Bundesliga-Klub etwa die schwache slowakische oder ungarische Liga in diesen Details wichtig oder reicht hier die Beobachtung der jeweiligen Nachwuchs-Nationalteams bei internationalen Turnieren?

Diese Ligen wären dann umgekehrt vielleicht für Österreichs Klubs interessanter und aufgrund der Nähe auch leichter zu scouten bzw. durch einen "Pick Bird" (=Teilzeit-Scout) abzudecken.

Oder konzentriert man sich auf einige wenige Länder, wie es zum Beispiel Mainz 05 zuletzt mit Frankreich tat? Ein gutes Fußball-Land, dessen Spieler erschwinglich sind, im Detail zu kennen, könnte ertragreicher sein, als "Gießkannen-Wissen" über mehrere Ligen oder gar Kontinente.

In der EBEL läuft es so: Vom österreichischen Markt abgesehen, sind die wichtigsten Ligen die AHL und ECHL in Übersee bzw. die deutsche DEL, finnische Liiga und die Allsvenskan (zweite schwedische Liga) in Europa. Spieler aus der Schweiz oder der KHL können meist erst erworben werden, wenn sich ihr Stern bereits im Absinken befindet, haben daher trotz ihrer sportlichen Qualität nicht unbedingt Priorität.

Live- oder Online-Scouting?

Aufgrund des eigentlich weltweiten Markts und der beschränkten Mittel ist das Online-Scouting im Fußball natürlich unerlässlich, dafür sorgen schon einige Scouting-Tools, die entweder ganze Spieler oder Sequenzen von einzelnen Spielern aufbereiten. Doch Rapid gab zu, dass in der Ära Bickel zu viel vom TV weg gescoutet wurde.

Etwas, das mir immer Magengrummeln bereiten würde. Scouts gehören für mich zuerst in die Stadien und dann erst vor den Computer- bzw. TV-Screen.

Eine Zahl von 150 Live-Spielen, die einst Michael Reschke (damals noch als Kaderplaner für die Bayern tätig) pro Jahr nannte, kommt mir gering vor, vor allem, da er sich als überzeugter Live-Beobachter outete. Noch dazu ist der Fußball mittlerweile ein Ganzjahres-Sport – im Sommer geht eine Saison fast nahtlos in die andere über (von den Turnieren dazwischen ganz zu schweigen), im Winter spielen einige Ligen ohnehin (fast) durch.

Andrerseits nehmen Reisen nach Südamerika und Japan sowie die Regeneration danach doch einige Zeit in Anspruch, die dann für eigentliche Stadionbesuche fehlen kann. Für mich hat sich die Zahl der Live-Beobachtungen über die Jahre zwischen 200 und 230 eingependelt, und das bei zwei Eishockey-spielfreien Monaten Juni und Juli. Live-Spiele, die von Online-Eindrücken unterstützt werden, wäre für mich die richtige Reihenfolge - und nicht umgekehrt.

In der EBEL läuft es so: Auch wenn Online-Scouting im Eishockey immer mehr in Mode kommt, steckt es noch in den Kinderschuhen, vor allem wenn es um einzelne Sequenzen von Spielern (im Unterschied zu YouTube-Highlight-Videos) geht. Auskünfte über Spieler durch Coaches, gefolgt von Online-Scouting ist die Reihenfolge in der EBEL, dann erst folgen Live-Beobachtungen. Die Qualität der Eishockey-Videos mit ihren meist kleinen Bildausschnitten hinkt jener im Fußball, wo oft das ganze Feld überblickt werden kann, krass hinterher.

Scouting im eigenen Land

So schwer der internationale Markt unter einen Hut zu bringen ist – das eigene Land sollte stets aufbereitet sein, noch dazu, wenn es so klein wie Österreich ist. Bundesliga, HPYBET 2. Liga sowie die Top-Spieler der Regionalligen – der Senioren-Markt ist leicht abzudecken, Probleme könnten daher eher die Unzahl der Legionäre und deren jeweiliger Leistungsstand vor einer eventuellen Rückkehr bereiten.

Im Nachwuchs stellt sich die Frage, welche Altersstufen gecovert werden sollen. Die ÖFB-Jugendligen (U15, U16, U18) decken natürlich die Akademie-Spieler nahtlos ab. Da sich die Spiele sowohl im Senioren- als auch im Junioren-Bereich immer am Wochenende ballen, sollten zumindest diese beiden Bereiche voneinander getrennt sein. Doch als Chef-Scout sollte man aus eigener Beobachtung bzw. aufgrund von Mitarbeiter-Informationen über die Top-Talente jedes Jahrgangs informiert sein.

Die Nachwuchs-Länderspiele in den Liga-Pausen gehören natürlich zum Pflichtprogramm und das geht fast ohne große Spesen ab – irgendein Jahrgang spielt immer daheim.

Was bei ausländischen Spielern aufgrund begrenzter finanzieller Mittel noch verständlich erscheint – Scouten erst auf Agenten-Zuruf - ist bei den in Österreich agierenden Spielern fast unverzeihlich.

In der EBEL läuft es so: Es erstaunt mich immer wieder, wenn mich Klubs über EBEL-Spieler, die gar schon Jahre in dieser Liga spielen, fragen. Aber bitte, alles im Programm einbegriffen. Im Nachwuchs herrscht überhaupt oft völliges Rätselraten, obwohl dieser Markt angesichts einer winzigen Quantität (300 bis 350 Spieler pro Jahrgang) und einer sehr überschaubaren Qualität (Jahrgänge mit einer einstelligen Anzahl an herausragenden Nationalteam-Spielern sind die Regel, nicht die Ausnahme) schnell zu überschauen ist.

Ab der U15 gibt es Nationalteams - spätestens dort können die Spieler beobachtet werden - wenn das nicht schon im Ligen-Betrieb zwischen Wien und Innsbruck passiert. Im U14-Bereich ist es etwas schwieriger, und dieser Jahrgang kann auch wichtig sein: Viele Spieler stehen vor einem Schulwechsel und die Akademien in Wien, Klagenfurt und Salzburg sind hier aufnahmewillig. Die Vorarlberger Spieler, die meist in der Schweiz agieren, sind am schwersten zu beobachten.

Mit zunehmendem Alter wird die Übersicht leichter: Spieler wie Thomas Goiginger im Fußball - die erst im Senioren-Bereich auf dem Bildschirm auftauchen und dann noch große Karriere machen - gab es mit der Ausnahme von KAC-Goalie David Madlener im Eishockey in den letzten Jahren eigentlich nicht.

Große Unterschiede, aber auch Parallelen zwischen den beiden Sportarten sind, dass das Scouting in Österreich internationalen Maßstäben hinterherhinkt. Das haben Fußball und Eishockey definitiv gemein. Rapid und die Austria dürften sich ihre Mankos zumindest eingestanden haben - die Austria will etwa unter Neo-Sportvorstand Peter Stöger das Scouting noch weiter ausbauen, hat aktuell für die Profis zwei hauptberufliche Scouts angestellt -, Selbsterkenntnis ist ja der erste Weg zur Besserung.

Im Eishockey hingegen klingt mir immer noch die Aussage eines Klub-Präsidenten von vor Jahren in den Ohren: "In Schweden gibt es ja auch keine Scouts!" - was soll man dazu sagen...

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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