ÖEHV-Duo in Biel: Wo der Schlendrian verschwindet

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Das internationale Geschäft der Champions Hockey League – es führt zwei ÖEHV-Legionäre ausgerechnet in die Heimat zurück.

Peter Schneider und Stefan Ulmer sind seit dieser Saison beim EHC Biel in der Schweiz engagiert und treffen in den abschließenden beiden Gruppenspielen auf den KAC – beide Teams können die Gruppe noch gewinnen, aber ebenso ausscheiden, denn drei Zähler hinter den punktgleichen Kontrahenten lauert Tappara Tampere.

Schneider kam als EBEL-MVP von den Vienna Capitals in die Schweiz, wo als "echter Import" viel Druck auf ihm liegt. Mit zwei Toren und fünf Assists aus 15 Pflichtspielen kommen die großen Scoring-Zahlen noch nicht, aber Biel ist als Tabellen-Zweiter der National League trotzdem gut in die Spielzeit gestartet.

Ulmers Vertrag beim HC Lugano wurde nach neun Jahren nicht mehr verlängert, der Defender fand in der Schweiz aber leicht eine neue Station, gilt der Vorarlberger dank Schweizer Lizenz doch nicht als Import.

Im LAOLA1-Interview spricht das Bieler ÖEHV-Duo über das neue Umfeld und die Ansprüche in Biel, das Spiel in der Schweiz und das CHL-Duell mit dem KAC:

LAOLA1: Stefan, wie geht es dir nach der Verletzung? Du hattest ja vor einigen Tagen einen Trainings-Zwischenfall, bei dem du auch einen Zahn verloren hast.

Stefan Ulmer: Besser. Natürlich ist es schwer, zu reden. Der Zahn ist weg und die Lippe ist gespalten. Mit einem Gesichtsgitter kann ich spielen. Ich habe am Samstag mein Comeback gegeben.

Peter Schneider: Hübscher wird er nicht mehr (lacht).

Ulmer: Die Model-Karriere kommt noch.

LAOLA1: Ihr seid neu nach Biel gekommen, ein aufstrebender Verein – was sind die ersten Eindrücke?

Schneider: Für einen Klub in einer großen, professionellen Liga ist es ein sehr familiäres Umfeld, man wird als Neuer sehr freundlich aufgenommen. Alle gehen auf einen zu. Es ist wie eine große Familie. Das ist gut für Neueinsteiger.

Ulmer: Der Verein ist sehr bescheiden, sie haben erst seit kurzer Zeit ein bisschen mehr Geld und ein neues Stadion, dadurch auch erst einen Zuwachs an Sponsoren. Da ist die Mentalität noch ein bisschen tief gestapelt. Vom Talent her sind wir sicher eine Top-Mannschaft, ein Team, das noch zusammenwächst. Man spürt, dass in der ganzen Organisation noch wenig Druck und viel Demut herrschen.

LAOLA1: Peter, die ersten Eindrücke sind ja nun gesammelt – wie unterscheidet sich das Schweizer Eishockey am stärksten von jenem in Österreich?

"Vom Talent her sind wir sicher eine Top-Mannschaft, ein Team, das noch zusammenwächst. Man spürt, dass in der ganzen Organisation noch wenig Druck und viel Demut herrschen."

Ulmer über das Feeling in Biel

Schneider: Die Liga ist so eng. Jedes Spiel hat Playoff-Charakter. Es ist egal, wo du in der Tabelle bist, im Grunddurchgang kann jedes Team jeden schlagen. Das ist in der EBEL nicht so. Dann auch der Speed, die Liga ist unheimlich schnell. Es können alle sehr gut eislaufen.

LAOLA1: Stefan, warum wurde dein Vertrag in Lugano eigentlich nicht verlängert?

Ulmer: Man hat mir im Dezember einen Einjahres-Vertrag angeboten, aber ich wollte zwei Jahre. Durch meine Verletzung gaben sie mir nicht mehr. Ich habe abgewartet, mit Biel ist eine gute Adresse gekommen, es ist ein Top-Vier-Team in der Liga, wenn wir gut spielen. Da war es eine logische Lösung, zu wechseln und etwas Neues zu erfahren. Lugano macht einen kompletten Neuanfang mit neuem Trainer, neuem Manager und neuen Spielern. Irgendwann braucht man eben einen Neuanfang und ich habe ihn in Biel geschafft.

LAOLA1: Welche Rolle hat die Tatsache gespielt, dass dein Bruder Martin (aktuell beim VSV, Anm.) 2013 bis 2014 beim EHC Biel war?

Ulmer: Es ist schwer zu vergleichen, damals spielte der Verein immer gegen den Abstieg, jetzt in den Playoffs. Aber ich habe viel nachgefragt. Auch bei Raphael Herburger (2014 bis 2016 in Biel, Anm.), der schon die neue Halle kannte.

LAOLA1: Vom Mittelständler zum knappen 3:4-Halbfinal-Aus gegen den späteren Meister Bern letztes Jahr, die Ambitionen in Biel steigen. Wie schätzt ihr die Lage ein?

Schneider: Der Druck auf die Mannschaft ist nicht so groß, wir haben schon Ziele – nämlich oben mitzuhalten. Wir sind nicht der Klub mit dem größten Budget, aber das ist egal. Wir haben genug Talent, um oben mitzumischen. Unser Ziel ist es, wieder mit einem guten Platz in die Playoffs zu kommen.

Ulmer: Druck machen wir uns meistens selbst, und es ist ohnehin besser, wenn von oben nach unten nicht so viel Druck spürbar ist. Das ist hier so. Man lässt uns arbeiten, bisher sehr erfolgreich.

LAOLA1: Wie haben sich eure Rollen am Eis beim neuen Klub verändert?

Ulmer: Für mich war es speziell, weil wir sehr viele verletzte Stürmer hatten. Ich habe daher auch vorne aushelfen müssen. Jetzt spiele ich aber wieder Verteidiger. Der Trainer kommuniziert sehr offen und sagt, was er von mir erwartet. Das macht es einfacher, wenn du – egal, wo du spielst – eine klare Rolle zugewiesen bekommst.

Schneider: Ich möchte nur anmerken, dass er bislang unglaublich im Sturm gespielt hat. Das ist nicht so leicht zu wechseln. Deswegen war er wohl ein bisschen länger im Sturm, als vom Trainer angedacht, weil er so einen guten Job gemacht hat. Was mich betrifft, ich habe bei den Vienna Capitals sehr viel gespielt, hier ist die Last auf mehreren Schultern verteilt. Es wird von den Trainern genau gehalten, dass jeder ungefähr gleich viel Eiszeit hat. Ich bin als Legionär da, das ist eine große Verantwortung und ein bisschen Druck, der nicht nur von außen kommt, den mache ich mir auch selbst. Da muss man liefern. In der Vorbereitung ist es gut gelaufen, jetzt hatte ich eine schlechtere Phase, wo das Glück vielleicht nicht auf meiner Seite war. Daran muss ich arbeiten, dann wird es sich bessern.

"Letztes Jahr habe ich mich sehr auf das Scoring konzentrieren können, und habe andere Dinge wie die Defensive ein bisschen nebenbei laufen lassen. Das hat in unserer Liga noch funktioniert, da bin ich noch davongekommen, dass in anderen Gebieten der Schlendrian reingekommen ist. Das geht hier überhaupt nicht."

Schneider über Spiel in der Schweiz

LAOLA1: Als "echter" Legionär bist du ja eine Besonderheit in der National League, die diesbezüglich starke Einschränkungen einsetzt.

Schneider: Natürlich sind die Erwartungen dadurch hoch, es gibt nur vier Plätze pro Team. Es ist aber nicht so, dass die Trainer es einem unmöglich machen. Sie sprechen sehr oft mit mir und geben mir auch ein bisschen Zeit zur Entwicklung.

LAOLA1: Wie lässt sich dieses Scoring-Tief zu Saisonbeginn erklären?

Ulmer (springt ein): Wir spielen sehr offensiv, aber wir gewinnen die Spiele durch die Defensive. Wir haben noch kein Spiel mit mehr als zwei, drei Toren Vorsprung gewonnen. Darum schauen die Punkte-Statistiken einzelner Spieler nicht so gut aus, aber wenn man Tabellen-Zweiter ist, fällt es schwer, zu nörgeln. Für Biel ist das Wichtigste das Team-Ergebnis. Als Legionär hat man natürlich einen gewissen Druck, weil man an den Punkten gemessen wird, da denke ich, dass es Peter sehr gut macht. Es gab sehr viele Chancen, wo er noch mehr Punkte hätte machen können, in der Vorbereitung waren die alle drinnen. Momentan nicht so – aber mit seinem Spiel passt er sehr gut ins System.

LAOLA1: So gesehen gibt es also noch keinen Grund, deine Performance kritisch zu betrachten?

Schneider: Ich versuche, mich immer zu verbessern. Es gibt immer Dinge, an denen man arbeiten muss, aber man darf auch nicht verzweifeln. Als Team sind wir Zweiter der Tabelle, da können wir alle stolz sein. Wenn wir so weiterarbeiten, wird es am Ende des Jahres wurscht sein, wer die Tore schießt.

LAOLA1: Hat sich dein Spiel durch die erste Vorbereitung mit dem neuen Team schon merkbar verändert?

Schneider: Ich kann mich an allen Ecken verbessern. Letztes Jahr habe ich mich sehr auf das Scoring konzentrieren können, und habe andere Dinge wie die Defensive ein bisschen nebenbei laufen lassen. Das hat in unserer Liga noch funktioniert, da bin ich noch davongekommen, dass in anderen Gebieten der Schlendrian reingekommen ist. Das geht hier überhaupt nicht. Das merkt man in den Spielen, wenn man sich nicht auf jeden Bereich konzentriert, werden die Fehler ausgenutzt. Hier bin ich erst dabei, mich zu verbessern, ich habe aber schon ein bisschen Fortschritt bei mir selbst gemerkt.

LAOLA1: Österreichische Spieler werden in der Schweiz immer beliebter. Stefan, was sagst du als "Alteingesessener" – worauf müssen sich die Kollegen beim Ligen-Wechsel einstellen?

Ulmer: Es sind die Grundlagen: Eislaufen, Stocktechnik, das ist in der Schweiz alles auf hohem Niveau und das Spiel ist sehr schnell – weniger System, mehr Speed als in anderen Ligen.

LAOLA1: Sind es auch diese Bereiche, die das Schweizer Nationalteam in die Weltspitze gehievt haben?

Ulmer: Schon der ganze Nachwuchs ist so viel professioneller aufgebaut. Wenn ich an die Organisation in Zürich denke, Bern, auch Biel mittlerweile, so einen Nachwuchs gibt es außer in Salzburg nirgends in Österreich zu finden. Es müsste mehr im Nachwuchs geschehen, in der Schweiz wurde hier ein riesiger Fokus gelegt, als sie vor 15 bis 20 Jahren auch eine Fahrstuhl-Mannschaft wie wir momentan waren. Da haben sie den Schritt gemacht, mehr auf den Nachwuchs zu bauen und die Legionäre zu reduzieren. Man sieht auch, wie viele NHL-Spieler sie mittlerweile haben. Da hinken wir meilenweit hinterher.

LAOLA1: Welchen Stellenwert hat die Champions Hockey League bei der ersten Teilnahme für Biel, wo die Ambitionen auf nationaler Ebene erst wachsen?

Schneider: Es ist immer cool, an so einem Wettbewerb teilzunehmen, sich mit internationalen Teams zu messen. Für Biel ist es das erste Mal und sicher aufregend, aber der Fokus liegt trotzdem eher in der Schweiz auf Meisterschaft und Cup, was nicht heißt, dass wir diese Spiele auf die leichte Schulter nehmen.

LAOLA1: Ist es ein Vorteil, dass ihr ausgerechnet gegen den KAC spielen müsst? Es hat sich dort im Vergleich zum Vorjahr wenig geändert und du müsstest das Team ja noch in Erinnerung haben.

Schneider: Ich weiß nicht, ob die Erinnerung so gut ist (lacht) – also bislang hat mich der Trainer nicht viel nach ihnen gefragt. Vielleicht kann ich im Spiel mehr Input geben. Ich freue mich hoffentlich auf eine Revanche, mal schauen, was passiert.

"Du brauchst nicht die besten, sondern die motiviertesten Spieler. Darum ist es ihm wichtig, mit jedem einzelnen Kontakt zu haben und zu fragen, ob man kommen will. Denn es bringt nichts, nur die Besten zu holen, wenn die eine schlechte Atmosphäre im Team bringen könnten."

Ulmer über das Nationalteam

LAOLA1: Stefan, hat es von deinem Bruder vorher eine Nachricht gegeben? Da er ja beim VSV spielt, ist aus dieser Sicht doppelt Pfeffer in der Konstellation.

Ulmer: "Blaues Blut!", hat er gesagt. Er wird Zuschauen kommen und ich glaube und hoffe, er steht hinter uns. Für uns ist es wichtig, ein gutes Spiel abzuliefern und den Schwung aus der Meisterschaft nicht zu verlieren. Natürlich ist es ein spezielles Spiel mit der Reise unter der Saison, wir hatten bislang ein "englisches Programm" und noch keinen Spieltag frei. Besonders, wenn man gegen Kollegen spielen kann, die man aus dem ÖEHV-Nationalteam so gut kennt.

LAOLA1: Apropos Nationalteam – wann hat euer letztes Gespräch mit Roger Bader stattgefunden?

Schneider: Er war uns vor Beginn der Saison besuchen, vor einem Monat. Er hat mit uns separat gesprochen, mit mir hat er eigentlich nur die Termine der Saison, die Turniere, die Weltmeisterschaft und die Olympia-Qualifikation besprochen und gefragt, ob ich mich immer noch auf das Nationalteam freue – auf jeden Fall, ich hoffe auf eine Einladung im November.

Ulmer: Bei mir genau das Gleiche. Es geht nur darum, zu schauen, welche Spieler noch motiviert sind. Weil es "nur" eine B-WM ist, gibt es vielleicht Spieler, die ehrlich sagen, dass die Familie wichtiger ist. Wir spielen nicht wegen des Geldes, sondern wegen dem Spaß und der Ehre. Daher ist es wichtig, Spieler dabei zu haben, die kommen wollen, daraus ein Team zu formen, und wie man schon beim letzten Aufstieg gesehen hat: Du brauchst nicht die besten, sondern die motiviertesten Spieler. Darum ist es ihm wichtig, mit jedem einzelnen Kontakt zu haben und zu fragen, ob man kommen will. Denn es bringt nichts, nur die Besten zu holen, wenn die eine schlechte Atmosphäre ins Team bringen könnten.

LAOLA1: Und du hast ja noch etwas nachzuholen nach deiner Fußverletzung und dem Ausfall im letzten Jahr.

Ulmer: Ja, immer wenn ich fit bin, bin ich im Nationalteam. Ich musste auch viel absagen, wir werden nicht gut entschädigt und die Gesundheit ist das Wichtigste. Aber wenn ich fit bin und spüre, ich kann dem Team helfen, und der Trainer glaubt an mich – dann bin ich natürlich immer bereit.

 

Fotos: EHC Biel

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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