Winken Gall jetzt andere Top-Teams? Was zum großen Wurf fehlt
Noch nie war ein Österreicher beim Giro besser. Ein Jungstar könnte einen Teamwechsel attraktiv machen. In welchen Bereichen sich Gall verbessern möchte:
Durch seinen - seit Samstag praktisch fixen - ersten Podestplatz bei einer Grand Tour ist Felix Gall in neue Sphären vorgestoßen.
Mit der bravourösen Leistung in Italien toppte der Osttiroler Rang fünf bei der Tour de France 2025. Der zweite Platz des 28-Jährigen hinter Top-Star Jonas Vingegaard ist gleichzeitig ein Zukunftsversprechen.
Heuer hat der 28-Jährige bei der Vuelta noch eine Chance, auf großer Bühne zu glänzen. Bei der Tour will er 2027 den nächsten Schritt tun.
Erster Österreicher am Giro-Podest
In den drei Giro-Wochen überzeugte Gall nach ideal verlaufener Vorbereitung im Höhentraining einmal mehr durch seine Bergfahrqualitäten. Außerdem agierte er in kritischen Situationen abgebrüht, bewies Nervenstärke und konnte sich stets auf seine Decathlon-Teamkollegen verlassen.
Bis auf den zweimaligen Tour-Champion Vingegaard stach Gall alle Konkurrenten aus. Sein souverän fixierter Podestplatz bei der zweitwichtigsten Rundfahrt ist nicht nur für ihn, sondern aus historischer Perspektive für Österreich herausragend.
Denn bisher stand 1957 mit Adolf Christian als Dritter der Tour de France erst einmal ein rot-weiß-roter Fahrer auf dem Siegertreppchen einer Grand Tour. Beim Giro war nie ein Österreicher besser als Fünfter.
Tour de France bleibt das Traumziel
Das Podium auch einmal bei der Tour zu erklimmen, ist für den Junioren-Weltmeister von 2015 durch den bravourösen Giro realistischer geworden. "Die Tour ist eben die Tour", betonte Gall in Italien und stellte gleichzeitig klar, dass das Giro-Podium über seinen fünften Tour-Rang 2025 zu stellen sei.
Ob er kommendes Jahr zur Grande Boucle zurückkehrt, bei der sein Stern 2023 mit dem Sieg auf der Königsetappe aufgegangen war, hängt auch von einem 19-jährigen Franzosen ab. Denn sein Teamkollege Paul Seixas ist einer der kommenden Superstars, der im Juli für den mit vielen Sponsormillionen des Logistik-Unternehmens CMA CGM deutlich aufgerüsteten Decathlon-Rennstall bei seinem Tour-Debüt für Furore sorgen soll.
Aufgrund der künftig möglicherweise strittigen Tour-Kapitänsrolle ist es denkbar, dass Gall nach Auslaufen seines aktuellen Vertrages Ende des Jahres einen Teamwechsel vollzieht.
Verbleib im Team mit Supertalent Seixas?
An Angeboten von anderen Top-Rennställen mit der Aussicht auf die alleinige Führungsrolle bei der Tour wird es nach seinem starken Giro nicht mangeln.
Dennoch ist sein Verbleib bei den Franzosen, für die er seit 2022 fährt, durchaus wahrscheinlich. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass er sich beim mittlerweile zur obersten Etage gehörenden Team pudelwohl fühlt und mit Gregor Mühlberger einen Freund als Vertrauensperson um sich hat.
Das heuer deutlich erhöhte Teambudget ermöglicht Gall eine perfekte Rundumversorgung mit Top-Personal in allen Bereichen. Und hochkarätige Mannschaftskollegen sind für einen Rundfahrer genauso unerlässlich wie das eigene Können.
Einer seiner Helfer ist seit heuer Mühlberger. Dieser lebt wie seit dem vergangenen Herbst auch Gall in der Stadt Salzburg. Das erleichtert den beiden nicht nur gemeinsame Trainingsfahrten.
Für den aus Nußdorf-Debant bei Lienz stammenden Gall sprach auch die bessere Flugverkehrslage für den Umzug ins Nachbarbundesland. Auch seine Freundin Maya, eine Musikerin aus den USA, verfügt in der Mozartstadt über deutlich bessere Möglichkeiten.
Zeitfahr-Schwäche als einziges Manko
Galls Möglichkeiten auf dem Rad sind noch nicht voll ausgeschöpft. Bergauf macht ihm kaum noch jemand etwas vor, im Zeitfahren hat er aber immer noch beträchtliche Probleme.
Um in Zukunft eine (große) Rundfahrt gewinnen zu können, wird Gall aber verstärkt daran arbeiten müssen. Denn alle Top-Stars haben ihm im Kampf gegen die Uhr einiges voraus.
Schwierigkeiten bekundet Gall gelegentlich auch in besonders gefährlichen Abfahrten. Seine vorsichtigere Fahrweise hat ihn aber wohl schon vor so manchem Crash samt schwereren Verletzungen bewahrt. Ein solcher wurde beim Giro seinem potenziellen Podestkonkurrenten Adam Yates zum Verhängnis.
In die Karten spielten Gall auch die kurzfristigen Absagen mehrerer Asse wie Joao Almeida, und allen voran im Feld das Fehlen von Superstar Tadej Pogacar.
Den dominanten Top-Star wird Gall heuer möglicherweise aber noch bei der Vuelta wiedersehen.