Pöltl: "Wir wissen, welches Team wir sein können"

Pöltl: Foto: © GEPA
 

40 Spiele in 68 Tagen in der zweiten Saison-Hälfte.

Der Spielplan der San Antonio Spurs in der zweiten Saison-Hälfte ist schlichtweg brutal. Nach diversen Aufs und Abs schaut es derzeit gut aus, dass die Texaner via Play-In-Turnier die Chance auf die Teilnahme an den NBA-Playoffs wahren.

Im Lebenslauf von Jakob Pöltl wird sich diese herausfordernde Spielzeit als jene Phase seiner Karriere wiederfinden, in der ihm der Sprung zum Starter geglückt ist.

Und zwar zum Starter in einem durchaus aufstrebenden Team, wie in der Nacht auf Dienstag etwa auch das spektakuläre 146:125 gegen die Milwaukee Bucks, ein Spitzenteam der Eastern Conference, unterstreicht.

Pöltl schrammt in dieser Partie mit 9 Punkten, 10 Assists und der Karriere-Bestleistung von 8 Assists nur knapp an einem Triple-Double vorbei.

Nach dem Spiel nimmt er sich Zeit, um im LAOLA1-Interview nicht nur die "eigenartige" NBA-Saison zu besprechen, sondern auch die Perspektiven der Spurs und die Möglichkeit einer Go-to-Guy-Rolle für seine Person.

LAOLA1: Gegen die Milwaukee Bucks ist euch ein Befreiungsschlag gelungen, wie er im Buche steht. 87 Punkte in der ersten Halbzeit sind neuer Franchise-Rekord. Hat sich das vor allem vor der Pause wie im Rausch angefühlt?

Jakob Pöltl: Es hat sich sehr gut angefühlt, und es war auch wieder an der Zeit. Vor allem offensiv haben wir uns in einen Rausch gespielt und unheimlich gut getroffen. Das hat man auch gespürt im Team. Es war dann eine gewisse Lockerheit da, wir konnten frei aufspielen.

LAOLA1: Du hast acht Assists beigesteuert. Hast du den Westbrook oder Jokic in dir entdeckt?

Pöltl (grinst): Ich muss zugeben, dass ich das im Spiel gar nicht so mitbekommen habe. Gegen Ende hin habe ich gesehen, dass ich bei acht Assists halte. Aber ehrlicherweise waren da ein paar einfache dabei.

LAOLA1: Dieses Ausrufezeichen ist gegen ein absolutes Spitzenteam gelungen. Unterstreicht dies das Potenzial, das in euch steckt, noch einmal extra?

Pöltl: Finde ich schon. Wir sind uns über unser Potenzial auch im Klaren. Wir wissen, welches Team wir sein können, obwohl wir doch noch recht jung unterwegs sind. Dann ist es natürlich cool, wenn man das auch einmal aufs Parkett bringt. Gerade in einer Phase, in der es nicht so gut läuft, ist das für die Moral der Mannschaft wichtig, um wieder unseren Rhythmus zu finden.

LAOLA1: Ist solch eine Schwächephase wie jene davor dann umso ärgerlicher?

Pöltl: Natürlich. Jede Niederlage tut weh. Teilweise waren es bittere, knappe Partien. Teilweise haben uns Konzentrationsfehler den Sieg gekostet. Man muss jedoch auch dazusagen, dass der Spielplan für uns eine sehr harte zweite Saison-Hälfte parat hat. Teilweise hat man die Müdigkeit im Team schon gemerkt. Es zehrt an Körper und Kopf, wenn man so viele Spiele in kurzer Zeit hat. Aber natürlich ist es schade, wenn man bedenkt, dass wir eigentlich sehr gut in die Saison gestartet sind und in der zweiten Hälfte ein wenig nachgelassen haben.

LAOLA1: Wenn man die Spurs abseits der Tagesaktualität betrachtet, ist es ein durchaus spannendes Projekt. Was entsteht da gerade?

Pöltl: Wir haben mehr und mehr junge Spieler, die inzwischen schon über eine ganze Saison lang zeigen können, was sie drauf haben – und das ist teilweise schon recht viel. Man muss bedenken, dass wir nur noch vier "Veterans" im Team haben, der Rest ist maximal im vierten, fünften Jahr. So gesehen: The sky is the limit. In den nächsten Jahren ist auf jeden Fall einiges drinnen.

"Wir haben einige, die sehr viel Potenzial haben. Aber wirklich ein Superstar in der NBA zu sein, ist nicht ohne. Das darf man nicht so leicht dahinsagen."

Jakob Pöltl

LAOLA1: Man könnte bei manchen Teams den Eindruck bekommen, dass es ohne Verpflichtung eines Superstars via Trade oder in der Free Agency kaum geht. Dient ihr als eine Art Gegenentwurf?

Pöltl: Das kann man so stehen lassen. Natürlich gibt es Teams, die sich in der Free Agency oder mit Mega-Trades einen Superstar-Kader zusammenbasteln. Wobei es bei den meisten Teams darauf hinausläuft, dass man erst eine junge Basis aufbaut und dann mit guten Trades und dem einen oder anderen Free Agent ein gutes Team zusammenstellt.

LAOLA1: Was fehlt den Spurs in diesem Kontext perspektivisch? Braucht es ebenfalls einen Star von außen oder siehst du den einen oder anderen Go-to-Guy intern in der Entwicklung, der dieses Team in zwei, drei Jahren als Superstar führen kann?

Pöltl: Es ist noch sehr früh, das zu beurteilen. Wir haben einige, die sehr viel Potenzial haben. Aber wirklich ein Superstar in der NBA zu sein, ist nicht ohne. Das darf man nicht so leicht dahinsagen, das wird man sehen. Normalerweise fehlt uns einfach noch die Erfahrung.

LAOLA1: Die Fans in San Antonio sind sehr erfolgsverwöhnt. Haben sie in solch einer Phase des Neuaufbaus Geduld, oder spürt man von außen Druck, dass es schneller gehen sollte?

Pöltl: Es ist schwer an die Erfolge davor anzuknüpfen, aber ich persönlich verspüre eigentlich keinen Druck. Wir haben es trotz einer Art Rebuild geschafft, einigermaßen erfolgreich zu bleiben. Auch wenn wir in der vergangenen Saison die Playoffs knapp verpasst haben, waren wir im Rennen mit dabei. Diese Saison schaut es im Moment so aus, als würden wir im Play-In-Turnier dabei sein. Vielleicht schaffen wir es so in die Playoffs. Wenn nicht, waren wir wieder knapp dran. Das heißt: Auch wenn wir gerade nicht zu den absoluten Top-Teams zählen, haben wir keine Saison ganz unten im NBA-Keller hingelegt. So gesehen war es kein grundlegender Rebuild.

LAOLA1: Wie weit würde zusätzliche Playoff-Erfahrung dieses Team nach vorne bringen?

Pöltl: Das wäre sehr wertvoll, keine Frage. Das war beispielsweise auch schon die Playoff-Serie gegen Denver vorletzte Saison, in der einige junge Spieler, die nach wie vor im Kader sind, schon tragende Rollen gespielt haben. Natürlich wäre es cool, wenn wir dieses Jahr noch mal einen Schritt nach vorne machen könnten. Es wären Erfahrungen, die man dann nicht erst nächstes oder übernächstes Jahr machen müsste.

LAOLA1: Wie hast du dich in der fixen Rolle als Starter eingelebt?

Pöltl: Am Anfang war es ein bisschen ungewohnt, keine Frage. Die Rotation war anders, ich habe mit anderen Teamkollegen zusammengespielt. Es hat ein paar Spiele gedauert, bis ich mich an sie gewöhnt habe und sie sich an mich. Aber dann ging es relativ schnell, und wir waren in der Phase eigentlich auch sehr erfolgreich.

LAOLA1: Fühlt es sich wie der "echte" Durchbruch an, wenn man konstant Starter ist? Es ist doch noch mal etwas anderes als in den Jahren davor.

Pöltl: Natürlich ist es von der Rolle her etwas anderes, aber als echten NBA-Durchbruch würde ich es nicht beschreiben, da ich schon in der Vergangenheit sehr konstante Rollen hatte, in denen ich vielleicht nicht so viele Minuten wie in dieser Saison hatte, aber trotzdem jeden Abend meinen Teil zum Teamgefüge beigetragen habe. Als Starter erweitert sich das logischerweise, vor allem die Minuten, aber im Prinzip bleibt es das Gleiche.

"Im Endeffekt wird mein Fokus immer auf der Defensive bleiben. Aber in meiner Spieler-Vergangenheit vor der NBA hatte ich diese Go-to-Guy-Rolle zum Teil schon und weiß daher, dass ich es grundsätzlich kann."

Jakob Pöltl

LAOLA1: Mit der Starter-Rolle haben sich auch die Stats sehr erfreulich entwickelt. Wir haben vorher über Kandidaten für die Rolle des Go-to-Guys gesprochen. Bist du auch einer?

Pöltl: So weit in die Zukunft blicke ich normalerweise nicht, aber ich kann mir das durchaus vorstellen, ja. Im Endeffekt wird mein Fokus immer auf der Defensive bleiben. Aber in meiner Spieler-Vergangenheit vor der NBA hatte ich diese Go-to-Guy-Rolle zum Teil schon und weiß daher, dass ich es grundsätzlich kann. Aber vom Mindset her bin ich mehr Defensiv- als Offensiv-Spieler, und die Go-to-Guys in der NBA sind tendenziell doch eher die Offensiv-Superstars. Dennoch, ich glaube, ich kann mich in diese Richtung entwickeln, aber ob ich wirklich ein Go-to-Guy werde, ist eine andere Frage.

LAOLA1: Du betonst immer wieder, dass du deine Statistiken nur am Rande verfolgst. Beobachtest du bei anderen Spielern, dass ihnen Stats sehr wohl wichtig sind?

Pöltl (grinst): Am Feld spürt man es nicht so sehr, aber dem einen oder anderen Spieler wird nachgesagt, dass er ein bisschen den Stats nacheifert. Aber bei 99 Prozent der Spieler ist es schlichtweg so, dass sie gewinnen wollen. Der eine oder andere interessiert sich nach dem Spiel vielleicht mehr für den Stat-Sheet, aber der Wille zum Sieg ist größer. Sonst wären sie nicht in der NBA.

LAOLA1: Wer ist dein Favorit auf den Titel?

Pöltl: In dieser Saison hat es sich ziemlich durchgemischt, deshalb ist das schwer zu sagen. Wenn die Los Angeles Lakers zu 100 Prozent fit sind, sind sie wahrscheinlich immer noch das erfahrenste Team, was die wichtigen Spiele in den Playoffs angeht. Daher zähle ich sie immer noch zu den Topfavoriten. Aber dieses Jahr haben einige Teams, mit denen vielleicht nicht so viele gerechnet haben, groß aufgezeigt.

LAOLA1: Ist diese Durchmischung an der Spitze eine Folge des engen Spielplans? Es gibt viele Zwangspausen. Ist das Niveau in dieser Saison daher in gewisser Art und Weise anders?

Pöltl: Es ist zweifelsohne eine eigenartige NBA-Saison mit vielen Verletzungen. Auch der eine oder andere Covid-Ausfall hatte Einfluss auf Resultate. Man kann es nicht mit anderen NBA-Saisonen vergleichen. Es ist definitiv eine einzigartige Saison.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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