Interview

Günther Steiner: Was die MotoGP von der Formel 1 lernen muss

Ein Besuch in Austin weckte sein Interesse, nun ist Günther Steiner Eigentümer von KTM Tech3. Was er vorhat und wie die MotoGP mehr Fans gewinnen soll.

Günther Steiner: Was die MotoGP von der Formel 1 lernen muss Foto: © GEPA

Günther Steiner ist ein gefragter Mann.

Nicht erst seit seinen Auftritten als Teamchef von Haas in der Formel-1-Dokuserie "Drive to Survive" auf Netflix. Auch in seiner neuen Funktion als Eigentümer des MotoGP-Teams KTM Tech3 reiht sich Termin an Termin.

Vorbei sind allerdings die Zeiten, in denen sich der charismatische Südtiroler an die vorderste Front stellt und auf den Tisch haut. In der MotoGP zieht er sich bewusst in den Hintergrund zurück – denn seine Aufgabe bei den Zweirädern ist eine andere als bei den Vierrädern.

In Spielberg hat sich der 61-Jährige für LAOLA1 Zeit genommen und erzählt, was er mit dem KTM-Kundenteam vorhat und wie die MotoGP mehr Fans gewinnen soll. Außerdem verrät er, wie teuer der Kauf eines MotoGP-Teams ist.

LAOLA1: Es ist dein erster Heim-Grand-Prix als CEO von KTM Tech3. Wie kriegst du den Trubel rund um KTM mit?

Günther Steiner: Den Trubel bin ich ja gewohnt. Deswegen bin ich nicht überrascht. Es soll auch so sein, wenn es ein Heimrennen gibt. Man soll es mitleben, das tun die österreichischen Fans auch. Es zeigt sich, dass man eine Identität hat.

LAOLA1: Du bist als Formel-1-Teamchef von Haas schon oft in Spielberg zu Gast gewesen. Gibt es Momente, an die du dich mit Wohlwollen zurückerinnerst?

Steiner: Ja, wir waren hier einmal Vierter und Fünfter (2018, Anm.). Das ist bis heute das beste Ergebnis in der Geschichte von Haas. Es hat leider nicht zum Podium gereicht.

Ich habe mir gedacht: Es wäre geil, ein MotoGP-Team zu haben.

Günther Steiner

LAOLA1: Letztes Jahr wurde in Barcelona offiziell bekanntgegeben, dass du Tech3 kaufen und von Herve Poncharal übernehmen wirst. Wann ist diese Entscheidung in dir gereift?

Steiner: Mir gefällt der Sport allgemein. Und manchmal hab' ich so Ideen, man kann sie auch als Schnapsideen bezeichnen. Als ich von der Formel 1 weg bin, bin ich als Fan zum MotoGP-Rennen nach Austin gefahren. Auf dem Weg zurück habe ich mir gedacht: Es wäre geil, ein MotoGP-Team zu haben. Ich habe mich informiert, daran gearbeitet und habe ein Team gefunden, das ich kaufen kann. Ich konnte Leute finden, die das nötige Geld haben und bin losgezogen. So sind wir hergekommen. Wir hatten sehr viel Glück, dass wir mit Tech3 ein Team gekauft haben, das sehr gut vorbereitet war. Herve Poncharal hat einen tollen Job gemacht, das Team aufzubauen. Die Leute arbeiten hier wirklich als Team und gerne miteinander. Das ist für mich schön zu sehen, deswegen bin ich sehr glücklich hier.

LAOLA1: Was waren die größten Hürden auf dem Weg?

Steiner: Einen Verkäufer zu finden! Jemanden, der das Team wirklich hergeben will. Das Geld aufzutreiben war das kleinere Problem. Freilich muss man den Leuten auch erklären, was man vorhat. Doch der Sport ist am Wachsen – damit jemand ein Team verkauft, muss man schon überzeugende Argumente haben.

LAOLA1: Ich habe gelesen, dass deine Frau von dieser Idee nicht ganz überzeugt gewesen sein dürfte.

Steiner: Sie sagt: Warum tust du dir das immer wieder an? Wieso willst du immer wieder etwas Neues machen? Aber ich kann nicht still sitzen, das weiß sie auch. Ich bin gerne zu Hause, meine Familie hat mich gerne um sich. Doch nichts zu tun, das kann ich nicht. Ich muss stets an irgendetwas arbeiten. Für mich sind solche Projekte einfach schön. Sie interessieren mich, da kann ich mich verwirklichen.

Zwischen 25 und 30 Millionen Euro.

So viel kostet ein MotoGP-Team.

LAOLA1: Kann man verraten, wie hoch die Kosten für den Kauf eines MotoGP-Teams sind?

Steiner: Ich möchte nicht die exakte Zahl nennen, aber zwischen 25 und 30 Millionen Euro.

LAOLA1: Das ist eine beträchtliche Summe.

Steiner: Ja, das ist kein Kleingeld.

LAOLA1: Weshalb bist du CEO und nicht Teamchef wie früher in der Formel 1?

Steiner: Weil ich nicht bei jedem Rennen dabei sein kann – und auch nicht will. Ich will etwas Distanz halten. Wir haben sehr gute Leute, die das Team führen. Die brauchen mich nicht, ich will mich auch nicht einmischen. Ich habe das lange genug gemacht. Ich möchte das Team kommerziell nach vorne bringen und auch helfen, den Sport etwas nach vorne zu bringen, damit wir noch mehr Fans erreichen.

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Günther Steiner verbrachte viele Jahre in der Formel 1.
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Das Team kommerziell aufzubauen bedeutet was konkret?                                                                      

Steiner: Etwa Titelsponsoren zu finden. Wir möchten das Team mehr in den Vordergrund bringen und für Sponsoren interessant machen.

LAOLA1: In so ein Projekt geht man mit Ideen und Visionen. Welche sind das?

Steiner: Eine konkrete Idee ist, den Sport so groß wie möglich zu machen. Wir als Team tragen unseren Teil dazu bei. Mit der Erfahrung, die nicht nur ich persönlich, sondern das gesamte Team rundherum hat. Die Investoren sind ebenfalls sehr wichtig. Sie sind aus Amerika und haben sehr gute Connections. Wenn wir das Team nach vorne bringen, geht auch der Sport nach vorne. Wenn der Sport nach vorne geht, geht das Team nach vorne. Da wollen wir auch mit den anderen Teams im Paddock zusammenarbeiten.

Man sollte nicht hergehen und Copy-Paste betreiben, das wird nicht funktionieren.

Die MotoGP muss ihre eigenen Wege finden, mehr Fans zu erreichen.

LAOLA1: Was muss die MotoGP konkret tun, um noch mehr Fans zu erreichen?

Steiner: Man muss den Fans bewusst machen, wie schön und aufregend der Sport ist. Viele Leute kennen die MotoGP, wissen aber nicht, wie interessant der Sport ist, bis man sich damit ein wenig befasst. Dasselbe habe ich in den USA mit der Formel 1 erlebt. Ich lebe in den USA – viele haben die Formel 1 bereits gekannt, doch niemand hat sie geschaut. Irgendwann hat sich dieses Interesse gezeigt und der Sport ist gewachsen. Genau dasselbe müssen wir mit der MotoGP schaffen, weil der Sport toll ist. Wir müssen das Format vielleicht ein wenig anpassen, das wäre allerdings nur Feintuning. Wir müssen die MotoGP über soziale Medien an die Leute bringen. Das Fernsehen alleine genügt nicht. Man muss die sozialen Medien nutzen, um gerade bei jungen Menschen Interesse zu wecken. Und dann glaube ich, dass es klappt.

LAOLA1: Du hast hautnah miterlebt, wie die Formel 1 durch Formate wie die Netflix-Serie "Drive to Survive" einen regelrechten Hype erzeugt hat. Überall auf der Welt schreibt die Formel 1 heute Rekordzahlen. Sollte sich die MotoGP etwas davon abschauen – oder sollten eigene, neue Wege gefunden werden?

Steiner: Man muss neue Wege finden, weil die MotoGP ihre eigene Geschichte schreiben kann. Gleichzeitig muss man die Erfahrungen nutzen, die man mit der Formel 1 gemacht hat. Man sollte nicht hergehen und Copy-Paste betreiben, das wird nicht funktionieren. Doch es wurden schon viele Erfahrungen gesammelt, die funktioniert haben. Also lass uns nicht die Sachen machen, die nicht funktioniert haben. Die MotoGP hat mit Liberty Media denselben Besitzer wie die Formel 1, die haben die ganzen Werte. Wir müssen auch etwas geduldig sein. Jeder meint, es ändert sich ja gar nichts, seit Liberty Media die MotoGP gekauft hat. Allerdings hat es auch in der Formel 1 ein paar Jahre gedauert, bis sich Dinge verändert haben – nur hat das niemand bemerkt. Es wusste ja niemand, was Liberty Media macht, bis es passiert ist. Und so wird es auch bei der MotoGP sein.

LAOLA1: In der Hinsicht ist es sicher ein Vorteil, mit Liberty Media einen erfahrenen Eigentümer zu haben.

Steiner: Absolut! Man kann auch das Vertrauen in Liberty Media haben, dass der Sport derselbe bleibt. Den haben sie auch in der Formel 1 nicht verändert. Nur das Rundherum war von Liberty Media konstruiert. Das wird in der MotorGP ebenso der Fall sein. Die Hardcore-Fans können sich sicher sein, dass ihr Sport nicht verändert wird. Der Sport wird der Mittelpunkt dieser Veranstaltungen bleiben.

LAOLA1: Was hat dich am meisten überrascht, seit du in die MotoGP gekommen bist?

Steiner: Wie gut die Teams sportlich und technisch aufgestellt sind. Die Qualität der Leute hat mich sehr positiv überrascht, das hatte ich nicht erwartet. Ich kenne ja die Formel 1, dort arbeiten ebenfalls tolle Menschen. Hier habe ich aber gemerkt, dass man am Sportlichen und Technischen nicht viel tun muss. Mich hat auch überrascht, wie sehr ein Fahrer hier den Unterschied machen kann – viel mehr als in der Formel 1.

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Steiner ist überrascht, wie sehr die Fahrer in der MotoGP einen Unterschied machen können.
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Vor allem dann, wenn es um das Feedback an das Team geht.

Steiner: Es gibt keine Telemetrie und viel weniger Engineering. Das Motorradfahren ist physisch auch wesentlich anstrengender als Autofahren. Ein guter Fahrer kann hier einen Riesenunterschied machen, auch wenn er kein Top-Motorrad hat.

LAOLA1: Hat es im Team etwas gegeben, wo du sofort Hand anlegen wolltest?

Steiner: Ich hatte das Glück, am Team selbst und am Sportlichen sehr wenig tun zu müssen. Nicolas Goyon, der das Team leitet, macht zudem einen sehr guten Job. Ich mische mich nicht in Dinge ein, die schon gut sind. Das ist sinnlos und reine Zeitverschwendung. Wenn ich weiß, dass wir gute Leute haben, dann muss ich die auch arbeiten lassen. Ich muss mich auf das konzentrieren, wo wir nicht so gut sind – und das Team selbst ist gut.

LAOLA1: Wie sehen deine Aufgaben aus, wenn du bei einem Rennwochenende an der Strecke bist?

Steiner: Ich spreche zum Beispiel mit Journalisten wie dir. Weil ich ungefähr zur Hälfte der Rennen komme, habe ich immer sehr viele Anfragen. Ich bin auch sehr ehrlich: Ich muss immer noch viel lernen. Ich bin nicht in diesem Sport aufgewachsen. Wenn jemand seit zehn, 20 Jahren hier dabei ist, muss er mehr wissen als ich. Meine Tätigkeit ist, zu verstehen, wo wir mehr aus dem Team herausholen können und auch zu probieren, mehr aus dem Sport zu machen und mit den Verantwortlichen der anderen Teams zusammenzuarbeiten, damit wir die MotoGP als Veranstaltung besser machen.

Ich würde mir Vorwürfe machen, wenn wir ihn nicht aufgefordert hätten, dass er gesund werden muss.

Steiner über den verletzten Maverick Vinales

LAOLA1: Sprechen wir noch kurz über die aktuelle Saison: Stimmst du mir zu, wenn ich behaupte, dass es ein schwieriges Jahr für Tech3 ist?

Steiner: Sie war mittelmäßig, weil wir fast immer nur einen Fahrer hatten. Die größte Herausforderung ist der zweite Pilot. Wenn wir zwei Fahrer auf dem Niveau von Enea (Bastianini, Anm.) hätten, wären wir eigentlich ziemlich gut dabei. Die Situation bei Maverick (Vinales, Anm.) mit seiner Verletzung, die nie richtig auskuriert wurde, ist schwierig. Er hatte Schmerzen und war nicht voll fit. Manchmal konnten wir das Rennen gar nicht fahren, dann mussten wir einen Ersatzfahrer einsetzen. Das macht es nicht leicht. Wenn wir einen zweiten fitten Fahrer hätten, wäre die Saison sogar gut. Enea hat – bis auf 15 Punkte – bislang alle geholt. Doch das ist Rennsport, ich will Maverick auch gar keine Vorwürfe machen. Ich würde mir Vorwürfe machen, wenn wir ihn nicht aufgefordert hätten, dass er gesund werden muss. Das ist das Wichtigste für einen Menschen. Er muss gesund sein, der Sport ist zweitrangig.

LAOLA1: Seit der Sommerpause fährt Pol Espargaro anstelle von Maverick Vinales. Lässt sich sagen, wann Maverick zurückkehren wird?

Steiner: Leider nicht. Man muss schauen, wie der Gesundheitsprozess bei seiner Schulter weitergeht. Im Moment sieht es gut aus – aber ist es gut genug, dass er wieder aufs Bike kann? Das weiß ich nicht.

LAOLA1: Abschließend: Wenn einmal eine Schlagzeile über Tech3 verfasst werden soll, welche würdest du gerne lesen?

Steiner: Wir haben ein Rennen gewonnen!

LAOLA1: Danke für das Gespräch!

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