Interview

Wurz über neue F1-Autos: "Das kickt dir richtig in den Hintern"

Der ORF-Experte und GPDA-Präsident erklärt, wie sich das Racing unter dem neuen Reglement ändern wird. Und was er sich für seine Söhne in Japan erhofft.

Wurz über neue F1-Autos: "Das kickt dir richtig in den Hintern" Foto: © GEPA/Audi Revolut F1 Team

Auch im Jahr 2026 wird Alexander Wurz zusammen mit Ernst Hausleitner durch jene Rennen der Formel 1 führen, die der ORF überträgt.

Das Geschehen auf der Rennstrecke wird sich hingegen verändern, sind die Autos durch ein neues Reglement doch vom Chassis bis zum Motor anders aufgebaut. Das wird auch auf das Racing erhebliche Einflüsse nehmen.

Noch vor den ersten richtigen Testfahrten kann Österreichs ehemaliger Grand-Prix-Pilot einschätzen, worauf sich Zuschauer und Fahrer einstellen müssen. Im LAOLA1-Interview spricht Wurz über die neuen Bedingungen - und den Wechsel seiner beiden Söhne nach Japan.

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LAOLA1: Die Formel 1 steht mit einem runderneuerten Reglement vor einer Zeitenwende. Was sind deine Hoffnungen an das Racing?

Alexander Wurz:  Dramatische Umstellungen kommen auf uns zu. Ich bin fifty-fifty zwiegespalten. Die Hoffnung vorneweg: Dass die Fahrer untereinander irrwitzige Kämpfe haben werden, denn man kann jetzt die Energie einteilen, strategisch fahren, in gewissen Kurvensektionen weniger Energie verbrauchen, dafür aber nachher sofort zurück überholen.

LAOLA1: Und die Befürchtungen?

Wurz: Die Angst ist, dass sich das Feld, wie oft bei Regelumstellungen, wieder auseinanderzieht. Und wenn die Teams zu weit auseinander sein sollten, gibt es diese Matches auf der Strecke nicht. Dann müssten wir erneut darauf warten, dass die Teams sich im Laufe des Regelzyklus' in den nächsten ein, zwei Jahren wieder annähern. Aber ich bin zwischen den guten und vorsichtigen Vorhersagen für die Saison selbst noch komplett unsicher. So eine große Umstellung hatten wir noch nie in der Formel 1, es werden Chassis und Motor gleichzeitig umgestellt. Daher bräuchte man eine Kristallkugel, um Vorhersagen zu treffen.

LAOLA1: Du bist sehr nah an den Fahrern dran, die sich enorm umstellen müssen. Wie stehen die dazu?

Wurz: Aus der Sicht des Piloten gibt es extreme Ungewissheit. Du weißt nicht, ob dir dein Motor- und Chassis-Hersteller ein Top-Auto konstruiert haben. Und du musst den Fahrstil komplett umstellen. Kannst mit nichts antreten, was du davor gelernt hast.

LAOLA1: Inwiefern ändert sich das?

"Im Rennen wird es taktisch, müssen die Fahrer sehr viel selbst entscheiden und müssen speziell in Sachen Energiemanagement sehr nach ihrem eigenen Verständnis fahren."

Wurz: Das Auto ist leichter, der Anteil an elektrischer Power ist viel höher - 50 Prozent kommen jetzt von der Batterie. Dementsprechend musst du mehr Zeit damit verbringen, sie aufzuladen. Das ist eine andere Art des Fahrens, das weiß ich selbst aus der World Endurance Championship mit Toyota, wo wir ähnlich viel Energie erst aufladen müssen. Wenn du diese ganze Energie entlädst, ist das so viel Power, das kickt dir richtig in den Hintern und macht wahnsinnigen Spaß. Wir können davon ausgehen, dass die Fahrer nach dem ersten Training ein richtig großes Lächeln im Gesicht haben werden. Im Rennen wird es taktisch, müssen die Fahrer sehr viel selbst entscheiden und müssen speziell in Sachen Energiemanagement sehr nach ihrem eigenen Verständnis fahren.

LAOLA1: Die neuen Autos sind noch keinen Meter gefahren, ehe es die ersten Diskussionen um Regelverbiegungen rund um den Motor gab. Hat sich die FIA wieder enorme Lücken aufgemacht, die endlos diskutiert werden?

Wurz: Das ist typisch für die Formel 1, wie ein neues Regelwerk interpretiert wird. Aber das Reglement ist wie ein Auto, das passt sich der Evolution an. Die Erstfassung lässt immer viele Graubereiche offen, ich erinnere an den Doppeldiffusor von Brawn GP 2009. Aktuell geht es um das Sprit-Verdichtungsverhältnis im Motor. Das Verdichtungsverhältnis ist klar auf 16:1 festgeschrieben - allerdings bei Raumtemperatur. Wenn ein Motor heiß wird, kann ich mein Verdichtungsverhältnis erhöhen, und konstruiere etwa den Kolben so, dass sich die Materialien im Brennraum sehr ausdehnen. Dann wird die Kompression höher - und ich habe mehr Leistung. Wie wir hören, haben Red Bull Powertrains mit Ford und Mercedes das gut gelöst und vielleicht einen Vorteil.

LAOLA1: Das heißt, du siehst Red Bull und die Teams mit Mercedes-Motoren im Vorteil? Traust du dir schon eine Ersteinschätzung der Kräfteverhältnisse zu?

Wurz: Mercedes hat generell früh mit der Entwicklung des neuen Antriebsstrangs begonnen. Es ist davon auszugehen, dass sie einen Vorteil haben, zumindest besagt das der Talk im Fahrerlager. Auch Helmut Marko hat das bestätigt. Ich glaube, dass der Mercedes-Motor sicher sehr gut ist. Aber man hört nichts von Honda, und ich weiß von Toyota: Wenn ein japanischer Hersteller still ist, dann sind sie happy. Und mit Adrian Newey ist damit vielleicht Aston Martin der Hecht im Karpfenteich. Es ist auch möglich, dass Alpine erstarkt: Mit Mercedes haben sie einen tollen Power-Unit-Supplier und konnten sich auf die Entwicklung des Chassis konzentrieren, das haben sie auch schon relativ zeitig gemacht. Es gibt viele Ungewissheiten und Fragezeichen - das macht es so spannend. Ich bin auch wirklich gespannt, wie sich Cadillac als kompletter Neuling aus Amerika unter der Technikführung von Pat Symonds schlägt. Audi kommt als neuer Motorenhersteller und Vorgängerteam Sauber war gegen Ende gut in Schuss, im vorderen Mittelfeld. Mal sehen, wie die Kollegen aus Ingolstadt das Power-Thema angegangen sind, wie viel Motorleistung sie zum Einstand haben.

LAOLA1: Kurz zu deinen beiden Jungs, Charlie und Oscar. Die werden in Japan fahren (in Super Formula und Super Formula Lights, Anm.). Deine Verbindung zu Toyota hat die Rutsche gelegt, aber was sind die Erwartungen an diesen Karriereschritt?

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Charlie Wurz fuhr vergangene Saison zwei Mal auf das Podest in der Formel 3
Foto: ©GEPA

Wurz: Sie sind Toyota-Werksfahrer geworden. Wenn ihr die Super Formula nicht kennt: Schaut sie euch einmal an. Diese Autos sind fast so schnell wie die Formel 1, und es ist auch ein Weg in die "Königsklasse". Das war früher gang und gäbe. Der Letzte, der es über diese Schiene schaffte, war Liam Lawson, davor Pierre Gasly - früher waren es überhaupt viele Fahrer. Die Super Formula kommt stark zurück, es werden viele Europäer in diesen Markt hineindrängen und wir im Hause Wurz sind natürlich stolz, dass Charlie für Toyota unterwegs ist. Er hat eine interessante, aber schwere Aufgabe bekommen, wird das neu Toyota Junior-Werksteam mit entwickeln. In der Super Formula fahren sonst nur Vollprofis und Teams, die dort schon lange unterwegs sind.

LAOLA1: Und Oscar?

Wurz: Er steigt aus dem Formel-3-Eurocup in die Super Formula Lights ein, quasi die japanische Formel 3, die stark umkämpft ist - dort fährt er für das Top-Team Toms, seit über 25 Jahren das Toyota-Werksteam in dieser Kategorie. Ich freue mich, denn es ist rennfahrertechnisch genau wie menschlich für sie ein richtig guter Schritt. Sie sind im Begriff, richtige Profis zu werden.

LAOLA1: Danke für das Gespräch!

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