Ansichtssache

Jetzt wird die Formel 1 ihre Fans vergraulen!

Oder doch nicht? Und wann werfen Max Verstappen und Fernando Alonso den Helm drauf? Thesen und ihre Antworten zur Formel 1 2026 in der Ansichtssache:

Jetzt wird die Formel 1 ihre Fans vergraulen! Foto: © GETTY

Die Formel 1 geht wieder los! Und 2026 beginnt mit vielen Ungewissheiten.

Perfekte Voraussetzungen für unser Format Ansichtssache - in dem zwei LAOLA1-Redakteur:innen mehr oder weniger steile Thesen vom Rest der Redaktion serviert bekommen und diese durchdiskutieren.

Sektion Motorsport darf diesmal in Person von Johannes Bauer und Emily Konrad zur Tat schreiten:

Der Hype endet hier: Die Formel 1 vergrault mit dem neuen, zu komplizierten Reglement ihre Fans.

Johannes Bauer: Technisch zu komplex ist die Königsklasse bald seit zwei Jahrzehnten. Wer sich daran stößt, ist längst abgesprungen.

Und die Welle an neuen Anhängern der Liberty-Ära hat Facetten der Faszination am Sport serviert bekommen, vieles davon findet neben der Rennstrecke statt – die Technik ist untergeordnet.

Was sehr wohl zum Problem werden könnte: Das Reglement verfehlt sein Ziel, das Racing zu verbessern, stellt strategische Fahrweise weit über die Bewegung an den Limits und wird damit dem Spektakel schaden. Was den Fahrern schon nicht gefällt, wird passiv auch weniger Spaß machen.

Emily Konrad: Hier bin ich ganz bei Johannes. Dass die Technik in der Formel 1 deutlich komplexer geworden ist als in der Vergangenheit, ist wahrlich keine Neuheit mehr. Mit meinen 21 Jahren kenne ich es kaum anders.

Dennoch habe ich meine Begeisterung für den Sport gefunden, und wenn das Grundinteresse da ist, spielt der Grad der Komplexität in meinen Augen keine entscheidende Rolle. Neue Fans werden heute vor allem durch das Drumherum gewonnen – sei es durch Paddock-Einblicke in "Drive to survive" oder große Shows wie in Las Vegas.

Wenn Red Bull es abermals nicht schafft, Max Verstappen ein Auto nach seinen Vorstellungen hinzustellen, wird 2026 sein letztes Jahr in der Formel 1 sein.

Emily Konrad: Das würde ich so nicht unterschreiben. Schließlich hat der vierfache Champion jüngst betont: "Es muss trotzdem weiterhin Spaß machen, was man tut". Auch wenn man der Beste oder Schnellste sei, müsse man es genießen können. Die Ergebnisse sind für Max Verstappen also zumindest laut eigener Aussage eher nebensächlich, für ihn geht es auch um andere Faktoren.

Dass er trotzdem gerne ganz vorne mitfährt, sollte klar sein. Nimmt man diese Wortmeldungen des Niederländers her, muss man sich aber wohl doch Sorgen um seine Zukunft in der Formel machen. Nach den Testfahrten in Bahrain sprach er von "Formel E auf Steroiden", es mache ihm keinen Spaß.

Die Saison umfasst bekanntlich 24 Rennwochenenden, es gibt also genug Zeit, ihn noch umzustimmen. Sollte sich sein persönliches Gefühl aber nicht verbessern, kann man ein überraschend frühes Karriereende definitiv nicht ausschließen. Unmöglich ist bei einem Max Verstappen wohl gar nichts.

Johannes Bauer: Ich muss jetzt mal zugeben: Lange war ich kein Fan. Sein "friss oder stirb" ist nicht mein bewunderter Racing-Ansatz.

Diese Kompromiss- und Schnörkellosigkeit übersetzt sich aber in andere Bereiche neben der Strecke, in denen sie die Formel 1 bitter nötig hat. So nimmt sich der Vierfach-Champ kein Blatt vor den Mund, was er vom neuen Reglement hält: Herzlich wenig.

Der Niederländer ist ein Purist, der emotional am Racing hängt, nicht an der Königsklasse. Ich pflichte Emily daher bei: Es wird gar nicht darum gehen, was ihm Red Bull serviert, sondern um den Zustand der Formel 1. Wenn ihm die keinen Spaß mehr macht, ist er weg – eine länger ausgesprochene Drohung, die ich Verstappen voll abkaufe.

Dass er das schon Ende 2026 Realität werden lässt, halte ich zumindest nicht für ausgeschlossen.

Mit potenziellem Motorenvorteil wird Mercedes die WM bereits vor der Reglementkorrektur unter Dach und Fach gebracht haben.

Johannes Bauer: Zu Beginn des Reglements müssen die Teams so viele Faktoren austarieren, dass der Motor nur ein Teil von vielen ist. Vielleicht hat Mercedes woanders danebengegriffen? Vielleicht verpufft der PS-Vorteil im Angesicht von Ferraris kuriosem Heckflügel-Trick? Also nein.

Die Vorlage möchte ich aber zu einem kurzen "Rant" versenken: Ich halte Reglement-Anpassungen, die findige Lösungen ersticken sollen, für eine Qual. Der Erfindergeist der Ingenieure ist unterhaltsam – und es heißt nicht umsonst "Konstrukteurs"-Weltmeisterschaft. Warum müssen Lücken geschlossen werden, wenn sie kein Sicherheitsrisiko darstellen?

Der Wettbewerbsvorteil ist redlich verdient, die Konkurrenz muss sich halt nachträglich um Kompensation bemühen. Die Formel 1 ist doch keine Einheitsserie.

Emily Konrad: Dito. Ja, der Motor scheint den Silberpfeilen tatsächlich sehr gut von der Hand gegangen zu sein, das bedeutet aber nicht, dass auch der Rest des Autos der Konkurrenz überlegen ist.

Zudem schläft die Konkurrenz bekanntlich nicht. Ferrari, McLaren und Co. werden wohl kaum dabei zusehen, wie George Russell und Kimi Antonelli im Alleingang zum WM-Titel fahren. Auch Strategien, pures Rennglück oder kleine Detailentscheidungen können alles auf den Kopf stellen – greift man hier daneben, wendet sich das Blatt oft schneller, als man bis drei zählen kann.

Ist die WM für Mercedes also bereits in trockenen Tüchern? Auf keinen Fall.

Spätestens wenn Fernando Alonso in Melbourne zum fünften Mal überrundet wird, muss auch er über ein Karriereende nachdenken.

Emily Konrad: Müssen tut ein Fernando Alonso gar nichts. Die Meinung anderer ist dem Spanier bekanntlich recht egal, schlichtweg im Gespräch zu bleiben, dürfte dem 44-Jährigen nicht unbedingt sauer aufstoßen.

Solange es ihm Spaß macht, spricht wenig dagegen. Grundsätzlich schadet es niemandem, wenn er im Aston Martin seine Runden dreht. Irgendwann muss man aber selbst einen Schlussstrich ziehen, wenn es nicht mehr läuft, vor allem, um jungen, aufstrebenden Talenten Platz zu machen.

Wenn der Aston Martin aber einfach nicht gut zu fahren ist und so oder so hinter der Konkurrenz herfährt, wird auch ein 44-jähriger Alonso im Cockpit das Kraut nicht mehr fett machen.

Johannes Bauer: The stars were bright, Fernando. They were.

Das Talent des Spaniers fürs Autofahren wird nur von jenem übertroffen, sich nach seinen beiden WM-Titeln immer im falschen Team zum falschen Zeitpunkt wiedergefunden zu haben. Respekt! Mitleid kann ich nicht empfinden, Alonso hinterließ bei jedem Abgang verbrannte Erde.

Was er im Spätherbst seiner Karriere in der Formel 1 noch erreichen will, verstehe ich sowieso nicht: Die letzte Chance, um die Spitze mitzufahren, ist nun offensichtlich dahin, da braucht es diese Höchststrafe gar nicht.

Ich an seiner Stelle würde wieder Richtung IndyCar schielen: Bei seinem Gastauftritt 2017 machte er gute Figur. Und die "Triple Crown" ist deutlich näher als ein dritter WM-Titel, der in der Geschichte der Formel 1 keinen Unterschied machen würde. Er wird im Schatten der Allergrößten stehen bleiben.

Aber wenn ihm das Hinterherfahren mehr Spaß macht...

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