LAOLA1: Du hast die Länderspiel-Pause für den B-Lizenz-Trainerkurs genutzt.
Marco Djuricin: Ich war lange Jahre nicht mehr in der Schule, da ist das schon anstrengend, viel Input. Anfangs habe ich gesagt, ich ziehe das auf jeden Fall bis zur A-Lizenz durch. Aber das ist schwierig, weil du ja auch Praxis brauchst. Mal schauen… Ich will eher ins Management gehen.
LAOLA1: Du hast ja noch Zeit, bist noch aktiv. Im Winter bist du zum SKN St. Pölten gewechselt. Wie geht’s dir dort?
Djuricin: Ich war positiv überrascht. Eigentlich traurig, dass ein Verein mit dieser Infrastruktur nicht in der Bundesliga spielt. Mit Cheftrainer Cem Sekerlioglu, Co Mark McCormik und Fitness-Coach Simon Zehenthofer sind drei Leute da, die ich schon lange kenne. Das macht natürlich Spaß.
LAOLA1: Schau dir mal dieses Foto an.
Djuricin: Falsches Dress.
LAOLA1: Wenn du diesem jungen Mann einen Satz sagen könntest, was wäre das?
Djuricin: Dass ich stolz auf ihn bin. Mit 15 Jahren von zu Hause weg, das war keine einfache Zeit. So viele Vereine waren dann nicht geplant. Ich habe einige Sachen gesehen, viel erlebt. Wahnsinn, wie die Zeit vergangen ist. Es war eine schöne Reise.
LAOLA1: Du bist mit 15 Jahren alleine von Wien nach Berlin gegangen.
Djuricin: Ich bin zu dieser Zeit ein bisschen auf die falsche Bahn geraten, falsche Freunde, zu viel auf der Donauinsel unterwegs, viel Blödsinn gemacht, auf den ich nicht stolz bin. Fußball hat mich damals gar nicht mehr so interessiert. Mein Vater hat sich dann mit mir hingesetzt und gesagt: "Junge, wenn du wirklich Profi werden willst, müssen wir etwas probieren." Zuerst redest du groß, kein Problem, du kannst überall hin. Ein paar Wochen später sitzt du alleine in Berlin. Eine extrem prägende Zeit. Mein Sohn ist jetzt sieben Jahre alt. Wenn ich denke, er würde in acht Jahren von daheim weggehen, würde mir das das Herz brechen. Aber ich würde ihn unterstützen.
"Die Verteidiger haben mich schwindelig gespielt, ich bin nicht gelaufen, habe keinen Willen gezeigt. Es war heftig, das zu sehen."
LAOLA1: Wir haben rund um die U19-EM mal ein Interview gemacht, da hast du erzählt, dass dir die Hertha-Trainer in deiner Anfangszeit mal ein Video gezeigt haben, wie du dich auf dem Platz so gibst.
Djuricin: Bei Rapid bin ich als Stürmer vorne stehengeblieben, langer Ball, ein bisschen gedribbelt, nie zurückgelaufen. Thomas Krücken – damals mein Trainer, heute Nachwuchsleiter bei Man City – hat mir dann dieses Video gezeigt. Ich habe gemerkt: Da spielt jeder besser als ich. Die Verteidiger haben mich schwindelig gespielt, ich bin nicht gelaufen, habe keinen Willen gezeigt. Es war heftig, das zu sehen. Ich habe die DVD noch daheim.
LAOLA1: Mit 17 Jahren hast du bei deinem Profi-Debüt einen Doppelpack erzielt und für den ersten Hertha-Heimsieg seit über einem Jahr gesorgt. "Super-Ösi" hat die "Bild" geschrieben, in der "Berliner Zeitung" war vom "Wunderbengel" zu lesen.
Djuricin: Nach diesem Tag wusste ich, dass es in Berlin zwölf Tageszeitungen gibt, auf jeder Titelseite war mein Gesicht. Das hat etwas mit mir gemacht. Ich war immer ein Typ, der überheblich wirkt. In dieser Phase war ich das auch wirklich. Natürlich gehst du dann mal fort, lässt dich feiern, das hätte jeder 17-Jährige gemacht. Im Nachhinein war ich damals wahrscheinlich zu viel unterwegs.
LAOLA1: Man hört immer wieder, dass du nicht der allerleichteste Spieler-Typ bist. Woher kommt dieser Ruf?
Djuricin: Ich bin ehrlich, sage Menschen unangenehme Dinge ins Gesicht. Das verlange ich auch zurück. Du kannst nicht austeilen und nicht einstecken. Im Fußball will aber nicht jeder ehrliche Meinungen hören. Wahrscheinlich bin ich auch anstrengend, weil ich im Training viele Übungen hinterfrage. Anstrengend war ich auf jeden Fall, das kann meine Frau sicher bestätigen.
LAOLA1: Fußball ist letztlich ein Beruf, ein Business. Wie viele echte Freundschaften entstehen im Laufe einer Karriere?
Djuricin: Ich bin ein geselliger Typ. Ich weiß, es geht dem Ende zu, die Kabine werde ich am meisten vermissen. Da nehme ich mir heutzutage schon die Zeit, Menschen zu schreiben, sie zu fragen, wie es ihnen geht. Echte Freundschaften gibt’s auch, aber das ist sehr schwierig. 99 Prozent sind einfach Kollegen. Der älteste Freund aus meiner Karriere ist Änis Ben-Hatira – er hat damals in Berlin auf mich geschaut, wir haben bis heute Kontakt, sehen uns immer wieder.
"Irgendwann kommt die Phase, in der es keinen Spaß macht, aber du verdienst super, also spielst du halt."
LAOLA1: Bei einem normalsterblichen Arbeitnehmer ist es in der Regel so, dass er sich vom Gehalt her stetig ein wenig nach oben hantelt. Ich behaupte, du wirst in Stripfing im Jahr nicht das bekommen haben, was du in Salzburg im Monat hattest. Wie geht es einem damit, wenn man einen gewissen Standard gewohnt ist, dann aber notgedrungen runtergehen muss, um den Beruf weiter ausüben zu können?
Djuricin: Wenn ich mir denke, was ich vor meiner Pause wegen der Herzmuskel-Entzündung bei Rijeka verdient habe, und was danach bei Stripfing… Danke für das schlechte Gewissen! (lacht) Aber das machst du ja nicht wegen des Geldes, da machst du dir keinen Kopf. Mich hat das irgendwie gereizt.
LAOLA1: Ist Spaß inzwischen ein stärkerer Antrieb?
Djuricin: Am Anfang der Karriere ist es Spaß. Dann lernst du das Geschäft kennen, da macht nicht alles Spaß. Irgendwann kommt die Phase, in der es keinen Spaß macht, aber du verdienst super, also spielst du halt. Jetzt ist es nur noch Spaß. Und genießen! Ich weiß, es ist bald vorbei.
Das ganze Interview im VIDEO: Warum er ein Rapid-Angebot abgelehnt hat, was Alaba und Götze schon sehr früh richtig gut gemacht haben und weshalb der Wechsel zu Red Bull der Knackpunkt seiner Karriere war.