Das Kommunikations-Debakel

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Planlos. Visionslos. Konzeptlos. Mit selbst in Frage gestellter Kompetenz. Was für ein Fiasko!

Also manchmal kann man wirklich nur ungläubig staunen.

Nach den vergangenen Tagen war es kaum vorstellbar, dass sich die ÖFB-Funktionäre in ihrer Außendarstellung nochmals selbst unterbieten könnten.

Dann kam dieses Kommunikations-Debakel – und als nichts anderes kann man die Pressekonferenz, auf der Peter Schöttel präsentiert wurde, bezeichnen.

Denn was bleibt etwas zugespitzt hängen? Erstens, dass der neue ÖFB-Sportdirektor ohne detailliertes Konzept im ÖFB-Präsidium von einem Gremium durchgewinkt wurde, von dem sich zweitens nicht einmal "Präsident" Leo Windtner klar, deutlich und unmissverständlich zu behaupten traut, dass es die notwendige Kompetenz hat.

Aber, drittens, wir wissen jetzt, dass Schöttel mit den Landespräsidenten "nicht verhabert" ist. Das ist natürlich ganz super und gibt einem gleich ein viel besseres Gefühl.

Meine Herren!

Wenn man offenbar nicht so wirklich einen Plan hat, sollte man sich zumindest nicht dabei erwischen lassen – und es ist wirklich nicht der Job eines Journalisten, diese PR-Nachhilfe zu erteilen. Aber hier geht es um das Wohlergehen des österreichischen Fußballs, der liegt auch uns Medienvertretern am Herzen und heute waren nach dieser PK einige betrübt-besorgte Kollegen-Gesichter zu erblicken.

Aber gut und trotz allem, stellen wir eines außer Streit, auch wenn es tendenziell eine unpopuläre Forderung ist: Wie in meinem Kommentar von Mittwoch angekündigt, hat Schöttel eine faire Chance zu bekommen. Der Fehler der Koller-Kritiker der ersten Stunde aus dem Jahr 2011, aus einem Impuls heraus von einer Fehlbesetzung zu sprechen, ist zu vermeiden.

Man möge den 50-Jährigen einmal arbeiten lassen. Im Sinne des österreichischen Fußballs wäre es wünschenswert, wenn wir uns alle gemeinsam bald wieder über einen Aufschwung und im Idealfall über eine Turnier-Qualifikation freuen dürften, und das nachdem er wertvolle Initiativen gesetzt hat.

Es bleibt ihm, gelinde gesagt, auch nichts anderes übrig.

Denn was man sehr wohl jetzt schon beurteilen kann, sind die Umstände, unter denen er in dieses Amt gekommen ist, und sein erster Auftritt.

Und sorry, hier kann man nur von einem kapitalen Fehlstart sprechen.

Dafür kann er zum Teil nichts – auf die Umstände seiner Bestellung wird gleich noch einzugehen sein. Zu einem guten Teil kann er jedoch sehr wohl etwas dafür.

Stichwort detailliertes Konzept. Man kann darüber streiten, wie viele Jobs auf dieser Management-Ebene in seriösen Unternehmen, als das ich den ÖFB selbstverständlich betrachte, vergeben werden, ohne dass man ein detailliertes Konzept vorlegen muss.

Aber okay, seien wir einmal nachsichtig: Schöttel war zuletzt mit dem U19-Nationalteam unterwegs. Parallel zu dieser wichtigen Arbeit ein – detailliertes – Konzept auszuarbeiten, ist meinetwegen schwierig.

Aber wie wäre es überhaupt mit einem Konzept? Oder, noch simpler, Visionen?

Willi Ruttensteiner hätte – derselben Fragestellung ausgesetzt – wohl aus dem Stegreif zehn Themen-Gebiete, in denen er sich einbringen möchte und in denen unbedingt eine Verbesserung her muss, runtergerattert.

Und Schöttel? Zitat: "Der österreichische Fußball soll den nächsten Schritt machen."

Nonetnana! Sollen wir etwa freiwillig stagnieren oder uns gar zurückentwickeln wollen? Aber wie, was, bis wann und vor allem wohin?

Das kann Schöttel besser. Glaube und hoffe ich zumindest. Denn grundsätzlich gilt er als überlegter Charakter, dem strategisches Denken durchaus zuzutrauen ist.

Dem einzigen Punkt, der ihm dann doch noch einfiel, kann man auch einiges abgewinnen. "Wir wollen in der Ausbildung Spieler nicht nur fußballerisch gut ausbilden, sondern müssen im Nachwuchsbereich mehr im athletischen, körperlichen Bereich arbeiten, um ein bisschen näher an die internationale Spitze zu kommen. Denn das holen sich unsere Spieler vor allem über ihre Vereine im Ausland."

Wenn man liest, wie beispielsweise Maximilian Wöber diesbezüglich die Arbeit bei Ajax und Rapid miteinander vergleicht, kann man erahnen, dass hier der Hebel angesetzt werden muss.

Weitere Visionen blieb Schöttel schuldig. Und so geht das einfach nicht. Diese Kritik muss er sich gefallen lassen.

Bei allem Stress: Zehn Tage nach dem ersten Anruf Windtners kann man mehr verlangen, wenn man der Öffentlichkeit nachweisen will, dass man der geeignete Mann für diesen Top-Job ist – noch dazu, wenn er derart hochemotional diskutiert wird, wie gerade der Fall. Laptop an, lostippen und die ersten Gedanken zu Papier bringen - ein "undetailliertes" Konzept dauert keine Ewigkeit. Und bei der Chance auf solch eine Anstellung muss man ohnehin vor Ideen nur so sprühen!

Aber wir freuen uns alle auf das detaillierte Konzept, wenn es dann fertig ist! Und allen Beteiligten ist zu wünschen, dass es gut wird.

Das Gute für den Wiener wiederum ist: Er kann mit seiner neuen Aufgabe fast nur gewinnen, wenn es ihm gelingt, sich zu emanzipieren und nachzuweisen, dass er keine Marionette eines Gremiums ist, das ihm auf dem Weg zu diesem Engagement wahrlich keinen Gefallen getan hat.

Führende ÖFB-Vertreter behaupten leidenschaftlich, dass die Entscheidung für Schöttel und gegen Ruttensteiner tatsächlich erst bei der Abstimmung am Samstag gefallen ist. Man kann ihnen nur wünschen, dass das stimmt und sie bei diesem Punkt nicht noch beim Schwindeln ertappt werden, obwohl ja schon unter der Woche zu lesen war, was passieren wird.

Aber gut, vermuten wir mal, dass die zahlreichen öffentlichen Solidaritätskundgebungen für Ruttensteiner den einen oder anderen vor seiner Stimmabgabe noch zum Grübeln brachten und tatsächlich erst am Samstag die Entscheidung fiel - das kolportierte Abstimmungsergebnis lautete 8:5, von Einstimmigkeit also keine Spur.

Etwas enttäuschend ist in diesem Zusammenhang, dass sich die vernünftigen Kräfte im ÖFB-Präsidium, und die gibt es, nicht etwas vehementer gegen dieses Geschehen zur Wehr gesetzt haben, oder wenn zu spät.

Dass OÖ-Landespräsident Gerhard Götschhofer am Samstag in der "Krone" "drei, vier eitle Tröpfe" unter seinen Kollegen ortet und darauf hinweist, dass sogar schon die Spieler sich fragen würden "Was machen die Volltrotteln?", ist gut und schön, aber ich fürchte, das ist ein klassischer Fall von mitgehangen, mitgefangen.

Der Ruf der "Landesfürsten" ist vorerst jedenfalls einmal schwerst angekratzt.

Aber nicht nur ihrer. Wie Windtner in punkto Gesichtsverlust aus dieser Nummer wieder rauskommen will, ist eine gute Frage und wird noch gesondert zu erörtern sein.

Dass er dem Gremium, das soeben einen der wichtigsten Jobs im österreichischen Fußball vergeben hat, nicht einmal allzu unverblümt die notwendige Kompetenz abspricht, mag ein Revanchefoul dafür sein, dass er jetzt auch noch "seinen" Willi Ruttensteiner opfern musste.

Diese Befindlichkeit ändert jedoch nichts daran, dass es wahlweise ein Skandal, ein Wahnsinn oder eine Fahrlässigkeit wäre, wenn solch ein Posten nicht von den denkbar qualifiziertesten Persönlichkeiten vergeben werden würde.

Fest steht: Der ÖFB muss sich dringend Gedanken darüber machen, wie zeitgemäß seine Strukturen sind. Aber gut, hier ist bis zum Beweis des Gegenteils wohl der Wunsch der Vater des Gedanken.

Vielleicht braucht es auch hierfür eine "professionelle Task Force", wie es sie bei der Sportdirektoren-Suche gegeben hat. Glauben wir Windtner einmal, dass diese Arbeitsgruppe bestehend aus seiner Person, Geschäftsführer Bernhard Neuhold, Generalsekretär Thomas Hollerer und Bundesliga-Vizepräsident Markus Kraetschmer viele Kandidaten unter die Lupe genommen hat.

Nach dem heutigen Tag wäre es zumindest interessant, welche Visionen die anderen – leistbaren – Anwärter gehabt haben.

Alles in allem kann man wirklich nur staunen, wie es dem ÖFB gelungen ist, einem seiner wichtigsten sportlichen Mitarbeiter durch diverse Indiskretionen und Wortspenden von Tag eins an einen derart massiven Schaden zuzufügen.

An Schöttel selbst wird es liegen, den Beweis anzutreten, dass dies nicht die Rückkehr der viel gefürchteten "Freunderlwirtschaft" ist. Marcel Koller hat diesbezüglich die Latte hoch gelegt, damit kommt man im Jahr 2017 nicht mehr so einfach durch wie noch vor seiner Amtszeit.

Inzwischen reagieren mehr Leute allergisch darauf, vor allem wenn man es derart bemerkenswert plump und durchschaubar angeht wie Michael Konsel. Ohne Worte!

Die Teamchef-Bestellung wird hierbei eine erste Prüfung für die Rapid-Legende. Und wer an dieser Stelle an Andreas Herzog denkt, dem sei verziehen, ich habe genau den gleichen Gedanken. Ein Thema ist der Rekordinternationale, das hat Schöttel ja bereits bestätigt (vielleicht ein naiver Gedanke, aber eigentlich halte ich Schöttel und Herzog für schlau genug, dass sie sich unter diesen Umständen keinen allzu großen Gefallen täten…).

Man bekommt dieser Tage oft zu hören, dass man nicht geglaubt hätte, dass sich der ÖFB nach der Koller-Ära in seiner Herangehensweise und öffentlichen Darstellung wieder derart in längst überwunden geglaubte Zeiten zurückentwickeln könnte.

Dem halte ich – abermals - entgegen: Niemand braucht behaupten, dies komme aus heiterem Himmel. Viele dieser Entwicklungen kündigten sich über Monate an, wenn sie nicht gar schon weitestgehend unbeobachtet während der erfolgreichen Phase ihren Ausgangspunkt genommen haben.

Aber vielleicht war der Kreis, dem dies aufgefallen ist, zu klein. Vielleicht wäre, und hier nehme ich mich mit in die Pflicht, ein noch lauterer Aufschrei von Nöten gewesen. Denn alleine schon die Umstände der Windtner-Wiederwahl waren inakzeptabel, sind aber zu leicht "durchgegangen".

Und dies bringt mich zum – zumindest ein bisserl – versöhnlichen Ende. Bei allem Verdruss, der derzeit vielerorts zu spüren ist, bin ich sehr wohl der Meinung, dass diese Nationalteam-Woche auch Positives gebracht hat.

Nämlich dass nun ein viel größerer Kreis eingeweiht und umfassend informiert ist, wie Personalbestellungen im ÖFB mitunter ablaufen können.

Die Wortmeldungen der Spieler haben wachgerüttelt. Die Geschlossenheit der Mannschaft, die sich ausnahmslos hinter die Worte von Marc Janko, Marko Arnautovic und Julian Baumgartlinger gestellt hat, spricht Bände. Und von weiten Teilen der Medienlandschaft wurden die Machtspielchen im ÖFB gut dokumentiert.

Verhindert wurde die angestrebte Personalrochade zwar nicht. Aber wer geglaubt hat, er kann die Intelligenz von Spielern, Fans und weiten Teilen der Öffentlichkeit beleidigen, hat geirrt und darf sich auf frischer Tat ertappt fühlen.

Vielleicht könnte sich dies, Stichwort Teamchef-Suche, noch als wertvoll erweisen. Ab sofort schauen jedenfalls noch mehr Leute noch genauer und vor allem noch skeptischer hin.



Textquelle: © LAOLA1.at

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