Klare Tendenz bei den Schlussmännern
Den Anfang machen die Männer zwischen den Pfosten.
Dort weist Argentinien mit Emiliano Martinez (33) die namhaftere Besetzung auf. Das dürfte auch dem Umstand geschuldet sein, dass der Villa-Keeper vor allem bei der vergangenen WM nicht nur mit heroischen Paraden, sondern auch mit Provokationen und Psycho-Spielchen für Schlagzeilen sorgte.
Dass die Wahl auf Unai Simon (29) fiel, sorgte in Spanien vereinzelt für Überraschung. Statt Arsenals David Raya (30) oder Joan Garcia (25) vom FC Barcelona entschied sich Luis de la Fuente für Athletic Bilbaos Schlussmann. Auf die etatmäßige Nummer eins zu setzen, erwies sich längst als goldrichtig.
Die Zahlen Simons sind deutlich stärker als die seines argentinischen Pendants. Das erste und bisher einzige Gegentor kassierte man erst im Viertelfinale gegen Belgien, auch die beste "Save Percentage" aller Torhüter weist Spaniens Nummer eins auf.
Rein statistisch gehört Martinez indes eher zu den schwächeren Torhütern. Mit sieben Gegentoren kassierte er fast so viele wie er Paraden verbuchte (neun). Obendrein kassierte er 1.4 Tore mehr, als er statistisch hätte bekommen dürfen. Nichtsdestotrotz hat der Elferkiller aus Mar de Plata schon zur Genüge bewiesen, wozu er vor allem in entscheidenden Spielen fähig ist.
Unai Simon (Spanien) | Emiliano Martinez (Argentinien) | |
|---|---|---|
Einsatzminuten | 630 | 690 |
Gegentore | 1 | 7 |
Paraden | 10 | 9 |
Save % | 90.9 % | 56.3 % |
Erwartete Gegentore | 1.7 | 5.6 |
Quelle: OPTA
Spanische Pressing-Maschinerie
Intensität.
Was Spanien und Argentinien neben den technischen und offensiven Qualitäten auszeichnet, ist ihre Vehemenz und Effektivität im Spiel gegen den Ball.
Das höchste und aggressivste Pressing hat im Laufe des Turniers jedenfalls Spanien praktiziert. Keine Mannschaft beendete den gegnerischen Spielaufbau so oft innerhalb von drei Pässen wie die Spanier (93).
Das machte sich in Form von hohen Ballgewinnen bezahlt. Spitzenreiter ist die Mannschaft von Luis de la Fuente nämlich auch bei "High Turnovers", also Balleroberungen innerhalb von 40 Metern vor dem Tor des Gegners.
Argentinien presst im Vergleich nicht so hoch und aggressiv an, rangiert im WM-Vergleich deshalb "nur" auf den Plätzen sieben und acht in jenen Kategorien.
Spalte 1 | Spanien | Argentinien |
|---|---|---|
Gesamtdistanz | 799 km | 813 km |
Sprints | 3.121 | 2.854 |
Erfolgreiche Pressingsequenzen | 93 | 67 |
High Turnovers | 65 | 41 |
Quelle: FIFA/OPTA
Iberische Lufthoheit gegen argentinische Zweikampfkultur
Welch ungeahnte Qualitäten auch eine technisch derart versierte Mannschaft wie die "Furia Roja" mittlerweile aufweist, untermauern die Zahlen.
Keine Mannschaft gewann mehr Luftduelle als die Iberer, bei denen neben Top-Sechser Rodri auch Spieler wie Pedro Porro (85,7 %), Pedri (75 %) oder Ferran Torres (83,3 %) mit beeindruckenden Bilanzen überraschen.
Argentinien liegt nur auf Rang 21, mit dem Innenverteidiger-Duo Lisandro Martinez und Cristian Romero weist man aber trotzdem zwei Kopfballmonster in den eigenen Reihen auf.
Bei "Recoveries" (Ballsicherungen, zweite Bälle) sind die Spanier ebenfalls das Maß aller Dinge. Ganze 353 Bälle schnappte man sich im Turnierverlauf, Argentinien kommt hinter Frankreich und Belgien als viertbeste Mannschaft auf 304.
Am Boden kommt der Kampfgeist der "Albiceleste" hingegen voll zur Geltung. Keine Mannschaft verbuchte im Laufe des Turniers mehr Tacklings als die Südamerikaner (141), auch in der Kategorie "Interceptions" (abgefangene Pässe) ist die Scaloni-Elf Spitzenreiter.
Österreich landet in der Kategorie "Ground Duels won" mit 40,6 % übrigens auf dem letzten Platz aller Teilnehmer.
Spanien | Argentinien | |
|---|---|---|
Gewonnene Zweikämpfe (%) | 48,0 % | 52,4 % |
Gewonnene Luftduelle (%) | 62,3 % | 49,6 % |
Abgefangene Pässe | 52 | 65 |
Tacklings | 110 | 141 |
Ballsicherungen | 353 | 304 |
Rodri als Nonplusultra
In Sachen Defensivarbeit kommt man im Statistik-Check um einen Namen nicht herum - Rodri.
Der Ballon-d'Or-Gewinner verbuchte im Laufe des Turniers die fünftmeisten Balleroberungen, die zweitmeisten Tacklings, spulte die meisten Meter aller Spieler ab und ist auch in den Zweikampf- und Luftduell-Rankings weit vorne dabei.
Bei den Argentiniern lässt sich nur schwer ein Spieler hervorheben. Neben dem Mittelfeld-Duo Enzo Fernandez und Alexis Mac Allister stechen die Innenverteidiger Cristian Romero und Lisandro Martinez mit starken Werten hervor.
Auch die Außenverteidiger beider Teams präsentierten sich im laufenden Turnier in Topform. Die Spanier Marc Cucurella und Pedro Porro gehörten offensiv wie defensiv zu den stärksten Akteuren, bei Argentinien machten Nicolas Tagliafico und Nahuel Molina bisher vor allem im Spiel gegen den Ball einen sehr guten Job.
Insgesamt stehen sich die beiden Mannschaften individuell in der Defensive um nichts nach, die Anzahl der Gegentore spricht aber doch eine deutliche Sprache zugunsten der Spanier.
Die meisten Zweikämpfe bestritt übrigens Lionel Messi, er gewann 51 seiner 91 Bodenduelle.
Balleroberungen | Tacklings | Pässe abgefangen | Gewonnene Zweikämpfe | Gewonnene Luftduelle |
|---|---|---|---|---|
Rodri (34) | Rodri (22) | Laporte (13) | Messi (51/91) | Laporte (17/31) |
Pedri (30) | Mac Allister (19) | Mac Allister (10) | Yamal (38/86) | Romero (13/18) |
E. Fernandez (27) | Romero (14) | Romero (10) | Mac Allister (33/50) | Cubarsi (12/22) |
Mac Allister (26) | Porro (12) | Rodri (30/50) | Rodri (11/14) | |
Laporte (26) | Molina (12) | Pedri (9) | Tagliafico 18/25 | Lisandro M.(9/14) |
Wo die Spanier Luft nach oben haben
Absolut weltmeisterlich lesen sich die Passstatistiken der beiden Finalisten.
Argentinien und Spanien spielten die meisten (erfolgreichen) Pässe aller Teilnehmer. Mit 90,5 % angekommenen Pässen sind die Südamerikaner Spitzenreiter in puncto Passquote, Spanien rangiert hinter Portugal (90,1 %) und ÖFB-Gegner Algerien (89,9 %) auf Platz vier.
Dass hoher Ballbesitzanteil kein direkter Erfolgsfaktor ist, beweisen die Türkei (65,8 %) und Deutschland (65,2 %) - die zwei Enttäuschungen des Turniers belegen in dieser Statistik die ersten beiden Plätze. Spanien weist den dritthöchsten Wert auf, Argentinien hinter Südkorea und Algerien den sechsthöchsten.
Flanken sind indes keine Paradedisziplin der Iberer. Mit 101 Hereingaben schlugen Yamal, Baena und Co. die drittmeisten aller Teilnehmer, davon fanden aber nur 18 einen Mitspieler. Von den 64 Flanken Argentiniens kamen 15 an.
Spanien | Argentinien | |
|---|---|---|
Durschn. Ballbesitz (%) | 63,9 % | 60,7 % |
Pässe (angekommen) | 4.474 (4.017) | 4.647 (4.207) |
Passgenauigkeit | 89,8 % | 90,5 % |
Flanken (angekommen) | 101 (18) | 64 (15) |
Pässe ins finale Drittel | 1.473 | 1.337 |
Quelle: OPTA
Weltmeisterliches Passspiel
Noch eindrucksvoller lesen sich die Passwerte einiger Einzelspieler beider Mannschaften.
Mit Rodri und dem Innenverteidiger-Duo Pau Cubarsi und Aymeric Laporte führen drei Spanier das Ranking der "Passmaschinen" des Turniers an - das Trio spielte bisher die meisten (erfolgreichen) Pässe aller Spieler.
Der erst 19-jährige Cubarsi hat trotz der zweitmeisten Pässe überhaupt mit 96,0 % die sechstbeste Passquote aller Spieler. Absoluter Spitzenreiter ist England-Innenverteidiger Ezri Konsa (97,2 %), der beste Österreicher war Xaver Schlager mit 91,6 %.
Mit Leandro Paredes (4.) und Enzo Fernandez (6.) stehen ihnen zwei der drei argentinischen Zentrumspieler nicht um viel nach. Tatsächlich weisen die Argentinier um das Abwehrduo Romero und Martinez sowie das Mittelfeld-Trio um Paredes, Fernandez und Mac Allister insgesamt leicht bessere Passquoten als die Spanier auf. Allerdings spielten diese auch deutlich mehr Pässe.
Pässe | Passquote | Pässe im letzten Drittel | Dribblings (erfolgreich) |
|---|---|---|---|
Rodri (705) | Cubarsi (96,0 %) | Pedri (202) | Lionel Messi 41 (25) = 60,98 % |
Cubarsi (573) | Romero (95,9 %) | Rodri (187) | Lamine Yamal 49 (22) = 44,9 % |
Laporte (567) | Paredes (94,8 %) | Messi (186) | Dani Olmo 12 (5) = 41,67 % |
Paredes (522) | Lisandro M. (94,0 %) | E. Fernandez (173) | E. Fernandez 10 (6) = 60,0 % |
E. Fernandez (475) | E. Fernandez (93,9 %) | Paredes (150) | Lisandro M. 5 (5) = 100,0 % |
Quelle: OPTA
Spanien: Konstanz und Effizienz
Kommen wir zur Offensive.
System und ein klares Muster auf der einen Seite, Spektakel und Unberechenbarkeit auf der anderen.
Auch in der Offensive besticht Spanien durch ausgeklügelte Spielzüge und makelloses Passspiel. Früher oder später schaffte es die "Furia Roja" mit Ausnahme des Auftaktspiels gegen Kap Verde (0:0) stets, die Abwehr des zermürbten Gegners auszuhebeln und im gegnerischen Sechzehner zuzuschlagen.
Die Mannschaft von Luis de la Fuente kam nicht über Standards oder spektakuläre Distanzversuche, sondern durch intelligentes Kombinations- und Positionsspiel zu ihren Torerfolgen.
Spaniens Offensive ist verlässlich, mehr als zwei Tore machte man aber nur gegen Saudi-Arabien (4:0) und Österreich (3:0). Die "Expected Goals" stimmen mit den tatsächlich erzielten Treffern so gut wie überein.
Spanien | Argentinien | |
|---|---|---|
Tore | 13 | 19 |
xG | 13.34 | 14.37 |
Anzahl Torschützen | 6 | 8 |
Tore nach Standards | 1 | 5 |
Tore außerhalb des Sechzehners | 0 | 5 |
Schüsse (aufs Tor) | 42 | 44 |
Chancenverwertung | 10,83 % | 16,96 % |
Beste Torschützen | Mikel Oyarzabal (5) | Lionel Messi (8) |
Quelle: OPTA
Deutlich anders sieht die Bilanz der Argentinier aus.
Zwei Freistoßtore, insgesamt fünf Standardtore und drei Distanztreffer aus dem Spiel heraus untermauern, wie vielseitig das Angriffsportfolio der Südamerikaner ist.
Das schlägt sich auch auf das Verhältnis zwischen xG-Wert und Toren nieder – Argentinien machte fast fünf Tore mehr als erwartet.
Den Weg ins Finale ebneten dem amtierenden Weltmeister einmal mehr Traumtore wie jene von Julian Alvarez gegen die Schweiz oder Enzo Fernandez' gegen England.
Mit fast 17 % verwandelten Chancen sind die Argentinier effektiver vor dem gegnerischen Tor.
Tore | Assists | Chancen kreiert | Defensivlinie-brechende Pässe | |
|---|---|---|---|---|
1. | Lionel Messi (8) | Lionel Messi (4) | Lionel Messi (25) | Rodri (13) |
2. | Mikel Oyarzabal (5) | Olmo, Cucurella (2) | Alex Baena (10) | Lionel Messi (9) |
3. | Lautaro Martinez (3) | Baena, Laporte, Torres, Llorente, Oyarzabal (1) | Rodri, Olmo, Porro, Pedri (9) | Yamal; E. Fernandez (8) |
4. | Merino, Porro; E. Fernandez (2) | Lopez, Medina, Martinez, Lisandro M., Montiel, Gonzalez, Mac Allister, De Paul (1) | Pau Cubarsi (7) | Olmo, Ruiz (6) |
Quelle: OPTA
Messi stellt alle in den Schatten
Während sich bei Spanien Top-Torjäger Mikel Oyarzabal und Super-Joker Mikel Merino als die offensiven Aushängeschilder der Iberer hervortaten und Spieler wie Dani Olmo, Alex Baena und Rodri im Hintergrund die Fäden ziehen, dürfte es die wenigsten wundern, wessen Name es bei der Analyse der offensiven Einzelspieler hervorzuheben gilt.
Lionel Messi ist das Um und Auf im Spiel der "Albiceleste". Der achtfache Weltfußballer war gemäß FIFA-Daten bisher an 83,3 % der Tore Argentiniens direkt beteiligt und steht sinnbildlich für den leidenschaftlichen Power-Fußball der Scaloni-Truppe.
"La Pulga" kreierte die meisten Chancen aller Spieler des Turniers, Spaniens bester Chancenkreier Alex Baena kommt auf weniger als die Hälfte. Acht Tore, vier Assists - und das in sieben Spielen.
Fazit
Nicht in jeder Kategorie sind Spanien und Argentinien das Nonplusultra bei dieser WM.
Dennoch lässt sich der Weg ins Finale auch auf Basis der produzierten Zahlen der Stars der "Furia Roja" und der "Albiceleste" ergründen. Dass jene beiden Teams in so vielen Aspekten des Spiels die besten Bilanzen aufweisen, ist kein Zufall.
Was neben besagten Statistiken und Zahlen am Ende wohl den Ausschlag gibt, sind Faktoren, die nur bedingt oder gar nicht messbar sind.
Fest steht: Auf die Fußball-Welt wartet ein hochinteressantes WM-Finale, in welchem weit mehr als Passquoten und gewonnene Zweikämpfe den Ausschlag im Kampf um die Trophäe geben werden.