Homophobie im Fußball: You’ll always walk alone?

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"Man würde gegen so einen nicht richtig rangehen, weil die gewisse Furcht vor Aids da wäre."

Das sagte der ehemalige deutsche Fußball-Profi Michael Schütz Anfang der 90er-Jahre angesprochen auf homosexuelle Fußballspieler.

Mehr als 25 Jahre später ist die Anerkennung von Homosexualität im Fußball weiter so gut wie nicht existent. Sei es in der Fan-Szene, die homophobe Ausdrücke zur Beschimpfung des Gegners nützt, oder im Umgangston innerhalb eines Vereins, wo ein Pass "woarm" sein kann oder ein Schuss "wie von einer Schwuchtel" geschossen wird.

Homosexualität und Fußball scheinen sich also nach wie vor auszuschließen. Das Gegenteil beweist in Österreich Oliver Egger.

Der 26-Jährige spielt beim FC Gratkorn in der fünften Liga und ist österreichweit der einzig öffentlich geoutete Fußballer. "Es ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich einfach nicht mehr verstecken wollte. Ich habe mir damals einfach selbst eingestanden, dass es so ist und schon immer so war. Und ich wollte ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne mich vor jemanden rechtfertigen zu müssen, ohne zu lügen", erklärt der Verteidiger gegenüber LAOLA1 was ihn zum Outing bewogen hat.

"Aufpassen, der Oli ist in der Dusche"

Oliver Egger ist Österreichs einzig öffentlich geouteter Fußballer
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Egger, der sämtliche Jugend-Teams des SK Sturm Graz durchlaufen hat, wagte den Schritt des Outings auch, weil er sich der Unterstützung seines Vereins sicher sein konnte: "Ich muss festhalten, der FC Gratkorn ist ein besonderer Verein, das ist nicht der typische Fußballverein. Es ist soweit fortgeschritten, dass wenn jemand im Verein ein Problem mit mir hätte, zum Beispiel ein Neuzugang, dann müsste der wieder gehen, nicht ich."

Auch innerhalb der Mannschaft gab es keinerlei Probleme mit der Sexualität von Egger, im Gegenteil, seine Teamkollegen waren vom Mut des Verteidigers beeindruckt. Lediglich an eine Situation kann sich der Steirer erinnern.

"Wir haben auch eine Zweier-Mannschaft mit gemeinsamen Duschen und ich habe von einem Mitspieler mitbekommen, dass drüben gesagt wurde: Müssts aufpassen, der Oli ist in der Dusche", erzählt Egger.

Fußball als Männerdomäne

Doch warum gelten geoutete Fußballer noch immer als Exoten? Der Verein „Fußballfans gegen Homophobie“ kämpft ebenso für mehr Akzeptanz von Homosexualität in den Stadien.

Stefan, einer der Mitglieder, glaubt im Gespräch mit LAOLA1 den Grund zu kennen, warum es gerade im Fußball noch so große Probleme gibt: "Der Männerfußball ist einer der letzten Bastionen des traditionellen Männerbilds."

Ein großes Problem ist meiner Meinung nach die Fankultur.

Oliver Egger

Oliver Egger sieht das ähnlich, verstehen kann er es aber nicht so recht und bringt einen Vergleich mit einer Sportart, wo Homophobie kein Thema mehr ist: "Wenn du Fußballer sein willst, musst du ein Mann sein, heißt es oft. Wenn ich jetzt Rugby und Fußball vergleiche, dann ist Fußball Kindergarten im Gegensatz zu Rugby. Deswegen ist es für mich unverständlich, warum es im Fußball noch immer so ein Problem ist, schwul zu sein."

"Ein großes Problem ist meiner Meinung nach die Fankultur. Man hat es mittlerweile nicht nur in Österreich, auch international, geschafft, Rassismus und Antisemitismus aus den Stadien rauszuhalten. Mit Homophobie ist man da noch nicht so weit", berichtet Egger weiter.

Kampf gegen Homophobie in den Stadien

Wie eingangs erwähnt gehören homophobe Sprechchöre in Österreichs Fußballstadien noch immer zur Normalität. Die "Fußballfans gegen Homophobie" wollen dagegen aktiv vorgehen, wie uns Stefan erklärt: "Uns gibt es seit 2015. Uns ist es ein Anliegen, alle Fans zu organisieren, die etwas gegen Homophobie in den Fankurven machen wollen. Es ist von Fans des Wiener Sportklub und der Vienna ausgegangen."

Aktuell sind Fanklubs vom Sportklub, der Vienna und vom SKN St. Pölten beim Verein dabei, sowie einzelne Fans von anderen Teams. Stefan selbst ist Fan von Rapid Wien, deren Fans in der Vergangenheit oft Negativ-Schlagzeilen aufgrund von Homophobie geschrieben haben.

Rapid-Fans mit einem homophoben Banner

Sei es aufgrund von Fan-Gesängen wie "Schwuler, schwuler FAK" oder die Transparente gegen Ex-Austria-Spieler Raphael Holzhauser (siehe Bild).

"Es gibt viele Rapid-Fans, die das nicht gutheißen. Aber die dominanten Kräfte in der Fankurve zeigen wenig Sensibilität zu dem Thema oder sogar im Gegenteil, es wird bewusst der Gegner homophob beschimpft. Ich würde das aber nicht nur auf die Fantribüne beschränken, das hat man im VIP-Bereich genauso wie auf den ganz normalen Tribünen", so Stefan.

Beschimpfung der eigenen Leute

Bei diesem Thema wird Stefan vom Verein "Fußballfans gegen Homophobie" spürbar emotional und rechnet vor: "Selbst nach konservativen Schätzungen sind circa fünf Prozent der Gesellschaft nicht heterosexuell. Bei Rapid gehen 20.000 Leute ins Stadion, das müssten 1.000 Leute sein die nicht heterosexuell sind. Das verstehen viele Fans nicht, dass solche Sprechchöre nicht gegen andere sind, das ist auch gegen die eigenen Leute. Bei uns gibt es alle möglichen sexuellen Orientierungen."

Besonders ist er über die Auswirkung auf Jugendliche besorgt: "Es machen männliche Jugendliche mit 13, 14 Jahren ihre ersten Erfahrungen in der Fankurve, werden angezogen von diesen Choreographien, von den Gesängen. Aber wenn die dann lernen, schwul ist ein Schimpfwort, schwul darf man nicht sein - was ist wenn die selber schwul sind?Wir wissen, dass die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen um ein x-faches höher ist als bei heterosexuellen. Das ist gefährlich, das ist hundertmal gefährlicher als ein Becher, der auf das Feld fliegt."

"Wenn das Thema von den Medien aufgegriffen wird, wird es oft als 'Prolo-Problem' dargestellt, aber Homophobie ist in allen Schichten verbreitet. Das wird man im VIP-Klub genauso finden", möchte Stefan die Kritik jedoch nicht ausschließlich auf die Fantribüne festmachen.

"Vereine könnten noch mehr machen"

Ein positives Beispiel in Österreich sind die Fangruppen von Sturm Graz, die homophobe Sprechchöre bereits vor einigen Jahren aus dem Stadion verbannt haben.

Initiativen, dass dies auch in den anderen Stadien Österreichs zur Normalität wird, gibt es durchaus.

"Ich war erst vor kurzem in Wien, da hat es einen runden Tisch gegeben, der von Bundesliga und ÖFB einberufen wurde. Es wurden Leute von der Community eingeladen, um Maßnahmen zu besprechen, wie man Homophobie im Fußball begegnen kann. Sei das nun im Stadion oder am Feld. Da hat man schon gemerkt, dass ÖFB und Bundesliga dieses Thema ernst nehmen", erzählt Oliver Egger.

Stefan bleibt in dieser Hinsicht etwas kritischer: "Ich habe den Eindruck, die Vereine sind durchaus interessiert, sind aber nicht übermäßig engagiert. Und gerade so große Vereine wie Rapid und Austria und Sturm könnten mehr machen. Ein paar Rapid-Spieler haben ein Schild hochgehalten – gut. Der Austria-Kapitän ist mit Regenbogen-Schleife aufgelaufen – auch gut. Bei Sturm gab es das schon etwas früher. In Wirklichkeit bräuchte es viel mehr Stellungnahmen, viel mehr Workshops. Die Vereine können sich da nicht so einfach abputzen."

Schlechte Vorbilder

"Man könnte viel mehr im Nachwuchs machen. Man könnte Schulungen und Workshops im Nachwuchs machen. Das ist das Alter, wo die Leute angesteckt werden. Und ich kann angesteckt werden mit Homophobie oder aber sensibel für das Thema werden", hofft Stefan auf einen größeren Einsatz des ÖFB.

Egger sieht neben der Aufklärung ein weiteres Problem. Regelmäßig melden sich Ex-Profis und Trainer zu diesem Thema zu Wort – meist negativ.

So meinte etwa Österreichs U21-Teamchef Werner Gregoritsch kurz vor seiner Bestellung, dass ein schwuler Fußballer für ihn "undenkbar" sei und "für mich selbst ist es etwas Unnatürliches, mir ist das Wort Macho lieber als das Wort Schwuler. Ich weiß, jetzt kommen Mails von der Schwulen-Kommission, aber ich stehe dazu."

Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen, höchstens gegen mich.

Österreichs Ex-Teamchef Otto Baric

Auch ein Mario Basler blies in Deutschland in ein ähnliches Horn.

"Solche Aussagen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Wenn ich da einen Mario Basler hernehme, der hat die Intelligenz auch nicht gepachtet. Tut natürlich trotzdem weh. Ich glaube denen ist gar nicht bewusst, was solche Aussagen bei anderen bewirken. Weil wenn da ein 17-Jähriger dasteht, der vielleicht schüchtern ist, introvertiert ist, der wird sich dann nicht in seinem Fußballverein outen, wenn es da Vorbilder gibt, die solche Aussagen tätigen", kann Egger nur den Kopf schütteln.

Outing auch bei Rapid und Co.

Ein weiterer großer Schritt zur Akzeptanz von Homosexualität wären mehrere geoutete Profis. Nach kurzer Überlegung ist sich Oliver Egger sicher, dass er den Schritt des Outings auch bei einen Großverein gewagt hätte: "Ich hätte darüber sicher noch einmal so lange überlegt. Da ist es dann ja auch dein Job, da lebt man davon, dass tue ich jetzt nicht. Andererseits hätte es noch eine größere Signalwirkung als jetzt, daher hätte ich es wahrscheinlich schon wieder gemacht."

"Man muss versuchen, Homophobie auf die gleiche Stufe wie Rassismus und Antisemitismus zu bringen. Wenn man das geschafft hat und das in die Köpfe der Menschen reinbringt, dann bin ich mir sicher, dass sich Spieler outen werden", hofft Egger weiter.

Stefan von den "Fußballfans gegen Homophobie" hofft zudem auf eine Änderung in der Fankultur: "Ich würde es cool finden, wenn die Fan-Szenen einen Art Selbstreflexions-Prozess durchmachen und das nicht als lächerliche Politcal-Corectness abtun."

In den nächsten 25 Jahren muss also ein Vielfaches von dem passieren, was in den letzten 25 Jahren verabsäumt wurde.


Textquelle: © LAOLA1.at

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