Scherb: "Wir wollen keine uniformen Spieler mehr"

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"Mit idealen Schwiegersöhnen gewinnt man keine Spiele", sagt Martin Scherb. Der 50-Jährige muss es wissen, immerhin ist er Nachwuchs-Teamchef des ÖFB und Leiter des neuen "Projekt 12".

Der österreichische Fußballbund hat die Talenteförderung nämlich auf neue Beine gestellt. Talentecoaches in den Akademien fördern jene Spieler ganz besonders, die das Potenzial haben, später einmal im A-Team zu kicken. Das passierte bisher gewissermaßen auch, aber doch anders.

Im LAOLA1-Interview klärt Scherb über den neuen Weg des ÖFB auf:

LAOLA1: Wie war der Status quo, den Sie vorgefunden haben?

Martin Scherb: Anfang der Nuller-Jahre wurde das Projekt unter dem Namen „Challenge 08“ gegründet. Damals habe ich noch in der Akademie St. Pölten gearbeitet. Aus meiner Sicht hat das einen Riesenschub bewirkt. ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel hat es dann analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass das Projekt etwas in die Jahre gekommen ist und eine Blutauffrischung braucht. Wir haben das Projekt einem Relaunch unterzogen, es modernisiert. Aber wir sind uns auch bewusst, dass wir in einem Prozess stecken, das immer tun werden. Wir evaluieren ständig, bekommen Feedback von den Experten, die täglich an diesem Projekt arbeiten, können kurzfristig etwas korrigieren.

LAOLA1: Es gibt drei Beine, auf denen das Projekt steht. Fangen wir mit dem ersten an.

Scherb: Der Talente-Coach, der früher der Individualtrainer war. Die große Neuerung: Der Trainer stand mit den Spielern zwei, drei Mal in der Woche am Platz, hat meistens schwächenorientiert mit ihm trainiert. Wir haben einen Coach installiert, der sich umfassend mit dem Spieler, der Persönlichkeit beschäftigt. Da gibt es auch Dinge wie Videoanalysen, Ernährungsberatung und so weiter. Der Talente-Coach soll ein Vertrauensverhältnis zum Spieler aufbauen.

LAOLA1: Der Talente-Coach wird von der jeweiligen Akademie nominiert?

Scherb: Genau. Es gibt gewisse Ausbildungserfordernisse und wir segnen das letztlich auch ab. Wir unterstützen das ja auch finanziell. Es muss uns auch nachgewiesen werden, dass das Geld zweckgebunden für den Talente-Coach aufgewendet wird.

Akademie Talentecoach Akademie Talentecoach
Salzburg Dusan Svento Vorarlberg Jonas Hammerschmidt
Admira Tommy Wright Austria Christoph Glatzer
LASK Andreas Gahleitner WAC Oliver Pusztai
Sturm Günther Neukirchner Rapid Steffen Hofmann
St. Pölten Hannes Weber Mattersburg Enrico Kulovits
Ried Roman Untersberger Tirol Florian Schwarz
Hartberg Danijel Zenkovic

LAOLA1: Kommen wir zur zweiten Säule.

Scherb: Die Kommunikation. Da haben wir uns angeschaut, was wir als ÖFB besser machen können. Es hat von den Nationalteams zu den Vereinen bzw. Akademien manchmal zu wenig Kommunikation gegeben. Aus dem Pool der Nationalteam-Experten – Ärzte, Trainer, Psychologen, Video-Analysten, etc. – haben wir regelmäßige Experten-Meetings. Da geht es um den Erfahrungsaustausch in allen Bereichen.

"Es sind jetzt schon tausende Spieler, die in unserer Datenbank erfasst sind"

LAOLA1: Und das dritte Standbein?

Scherb: Unsere Wissensplattform, die wir über „SAP Sports One“ abwickeln. Ein Beispiel: Ich bin am Sonntag vom U17-Trainingslager in der Türkei nach Hause gekommen und am Montag waren bei jedem Spieler die Belastungsreports, die Trainingsdokumentationen, alle Behandlungen abrufbar. Der Talente-Coach hat Zugriff auf die Daten seiner Spieler. Also Rapids Steffen Hofmann kann sich etwa genau ansehen, was Yusuf Demir in der Woche beim U17-Camp trainiert hat, hat auf einen Blick alle Informationen. Da gibt es etwa auch Video-Szenen von Spielen. Über diese Plattform läuft die ganze Kommunikation. Das ersetzt nicht das Telefongespräch von mir als U17-Teamchef mit dem jeweiligen Talente-Coach, aber es liefert ergänzend dazu die Hard Facts. Das Feedback bisher ist sehr positiv. Wir nutzen diese Plattform schon in den LAZs, dokumentieren Trainingsbelastungen in den Akademien und vieles mehr.

LAOLA1: Es wird also so ziemlich jeder österreichische Nachwuchsfußballer, der einigermaßen talentiert ist, erfasst?

Scherb: Wenn einer in einer Förderungseinrichtung, also einem LAZ oder einer Akademie ist, ist der da drinnen. Es sind jetzt schon tausende Spieler, die da erfasst sind.

Foto: © GEPA

LAOLA1: Wer hat Zugriff auf diese Datenbank?

Scherb: Alle, die am Spieler arbeiten, aber nur auf Teilbereiche. Das ist sehr streng definiert. Nur der jeweilige Talente-Coach hat Zugriff auf die Nationalteam-Daten – er kommuniziert das dann innerhalb des Vereins. Er lädt also etwa einen Befund herunter und gibt ihn dem jeweiligen Arzt. Ich als Teamchef habe auf mehr Zugriff als der leitende Physiotherapeut in meiner Nationalmannschaft, der nur den medizinischen Bereich sieht.

LAOLA1: Haben die Spieler selbst auch Zugriff?

Scherb: Es gibt eine Kommunikations-Plattform, die ähnlich wie Whatsapp aufgebaut ist. Wir nutzen das auch sehr intensiv für die Spielvorbereitung, können da Video-Sequenzen teilen.

LAOLA1: Wieviele Spieler werden im Projekt 12 gefördert?

Scherb: Pro U-Nationalmannschafts-Jahrgang fünf Spieler. Das sind die sogenannten Elitespieler, die der jeweilige Nachwuchs-Teamchef in Absprache mit den Talente-Coaches nominiert. Also: U15, U16, U17, U18 und U19. Und einige Spieler, die schon älter sind, also U20 oder U21. Dazu können die Akademien zusätzlich Perspektivspieler nominieren.

"Man kann nicht verlangen, dass Spieler am Feld zwei Stunden lang kreativ sind und die restlichen 22 Stunden am Tag erzählen wir ihnen, was sie auf die Minute genau zu tun haben."

LAOLA1: Was bedeutet das?

Scherb: Ein Talente-Coach kann bis zu sechs Spieler betreuen. Wenn beispielsweise die Austria drei Elitespieler hat, kann sie drei weitere Perspektivspieler nominieren. Wenn eine Akademie keinen Elitespieler hätte, könnte sie sechs Perspektivspieler nennen. Die Perspektivspieler werden grundsätzlich genauso betreut wie die Elitespieler.

LAOLA1: Es sind aber immer Spieler, die in Österreich in einer Akademie sind, oder?

Scherb: Der Spieler muss für das österreichische Nationalteam spielberechtigt sein. Es gibt auch eine Projekt-12-Liste „Legionäre“. Da haben wir aber keinen direkten Zugriff und bezahlen auch Hoffenheim, Juve und so weiter kein Geld. Aber die Vereine wissen natürlich, dass das für uns wichtige Spieler sind.

LAOLA1: Was muss ein Spieler konkret haben, um Elitespieler zu sein? Muss er im Hier und Jetzt außergewöhnlich gut sein? Kann er aber auch körperlich so retardiert sein, dass er aktuell gar nicht so gut ist, aber ein Riesenpotenzial hat?

Scherb: Wir suchen nach einem schöneren Wort als retardiert, weil sich das so arg anhört. Die körperlichen Spätentwickler – klingt übrigens auch nicht viel besser – sind auch ein Thema im Projekt 12. Es gibt im U15- und dem U16-Nationalteam zusätzlich zwei Lehrgänge mit Spielern, die kleiner sind, aber vom Fußballerischen her das Potenzial haben. Wir wollen ihnen zeigen, dass wir sie sehen und ihre Wertigkeit innerhalb der Akademie heben. Aber zurück zur Ausgangsfrage…

LAOLA1: Bitte.

Scherb: Wir müssen in einem Elitespieler das Potenzial sehen, dass er U21- und/oder A-Teamspieler werden kann. Dann kommt die charakterliche Eignung hinzu: Der Spieler muss wissen, dass viel, viel mehr dazu gehört als Talent, um Profi zu werden. Aber wir wollen auch Spieler mit Ecken und Kanten zulassen. Das ist eine etwas neuere Erkenntnis in diesem Projekt: Wir wollen keine „uniformen Spieler“ mehr. Wir wollen kreative, mutige Spieler. Man kann nicht verlangen, dass Spieler am Feld zwei Stunden lang kreativ sind und die restlichen 22 Stunden am Tag erzählen wir ihnen, was sie auf die Minute genau zu tun haben. Das ist manchmal herausfordernd, aber wir müssen diese Charaktere zulassen.

Foto: © GEPA

LAOLA1: Aber genau das sind ja oft charakterlich schwierige Spieler. Sind nicht gerade diese Spieler förderungswürdiger und forderungswürdiger als jene, die sowieso von Haus aus so fleißig sind, dass sie sich von selbst mit Ernährung, etc. beschäftigen, also gar keinen Talente-Coach mehr brauchen?

Scherb: Ich glaube, wir haben aktuell eine gute Mischung aus beiden Arten von Spielern. Elitespieler zu sein, ist eine Auszeichnung. Derjenige, der von selbst viel macht, darf nicht glauben, er ist nicht dabei, weil er so ist. Wir sind da im Entwicklungsbereich. Spieler dürfen Fehler machen, dürfen sich fehlverhalten. Mit idealen Schwiegersöhnen gewinnt man keine Spiele. Aber es muss ihnen aufgezeigt werden, welche Konsequenzen ihr Fehlverhalten hat. Und die Fehler dürfen nicht wiederholt werden. Ich habe in der U17 auch drei, vier meinungsstarke Spieler dabei, aber das sind auch die, die voranmarschieren, wenn das Spiel angepfiffen wird.

LAOLA1: In Australien wurde vor ein paar Jahren eingeführt, dass Talente bestimmte genetische Voraussetzungen mitbringen müssen, um überhaupt in Förderprogramme aufgenommen zu werden. Ist das für den ÖFB auch ein Thema?

Scherb: Es gibt sehr spezielle Tests für Projekt-12-Spieler – sie werden einen ganzen Tag sportwissenschaftlich, sportmedizinisch und sportpsychologisch getestet. Es gibt inzwischen eine große Datenbank. Eine der Aufgaben ist aktuell, gewisse Parameter herauszufiltern, ohne die es nicht möglich ist, in die Spitze zu kommen. Schnelligkeit ist da ein großer Faktor. Der leitende Sportwissenschaftler hat mir unlängst gesagt: Wenn du die 10 Meter nicht unter einer gewissen Zeit rennst, geht es sich nicht aus. Ob man soweit geht, das als Ausschließungsmerkmal zu definieren, weiß ich nicht.

LAOLA1: Halbjährlich wird die Liste der Elite- und Perspektivspieler evaluiert. Was muss man falsch machen, um rauszufallen?

Scherb: Man wird eher überholt, als dass man einen Fehler macht. Bei mir hat einer nichts falsch gemacht, sondern ein anderer ist auf der Überholspur dahergekommen, hat ihn mit Leistungen und einem klaren Blick auf das Profisein überholt. Aber natürlich, wenn sich einer wiederholt unprofessionell verhält, wird man auch mal sagen, dass es nicht mehr geht. Wir tragen die Liste auch deshalb nicht offensiv nach außen, weil wir die Spieler nicht in Kritik bringen wollen, für die sie nichts können, weil sie aus der Liste gefallen sind.

"Ich hatte im Jahrgang 1999 einen Linksverteidiger, der völlig konkurrenzlos war, und jetzt trotzdem ein halbes Jahr vereinslos war, weil er den Konkurrenzkampf einfach nicht in der Form gewohnt war"

LAOLA1: Was passiert mit Spielern, die sich verletzen und monatelang ausfallen?

Scherb: Wir versuchen, zu unterstützen, wenn es notwendig ist. Und er wird in die Klammer gesetzt und durch einen anderen Spieler ersetzt.

LAOLA1: Werden die Spieler völlig positionsunabhängig ausgewählt? Wie sieht es mit den Torhütern aus?

Scherb: Robert Almer baut da ein eigenes System für Torhüter auf. Aktuell haben wir zwei Torhüter auf der Liste. Aber es könnten theoretisch zehn Linksverteidiger sein. Es sind jedenfalls nicht – wie man vielleicht denken würde – fast nur Offensivspieler. Bei mir in der U17 sind es etwa ein Innenverteidiger, ein Außenverteidiger und drei Zauberer.

LAOLA1: Würde es nicht Sinn machen, die Spieler auch perspektivisch für das A-Team zu nominieren? Beispiel Linksverteidiger: Es gibt ja kaum welche im Nachwuchs, teilweise spielen in den Nachwuchs-Nationalteams Rechtsfüßer auf der linken Seite. Sollten dann nicht die ein, zwei wirklich guten Linksverteidiger gezielt gefördert werden, obwohl es vielleicht insgesamt Spieler mit mehr Potenzial gäbe?

Scherb: Ich glaube, dass das eher Vereinssache ist. Ich habe einen umgekehrten Fall gehabt, ich hatte im Jahrgang 1999 einen Linksverteidiger, der völlig konkurrenzlos war, und jetzt trotzdem ein halbes Jahr vereinslos war, weil er den Konkurrenzkampf einfach nicht in der Form gewohnt war.

LAOLA1: Wann wird das für Mädchen ausgerollt?

Scherb: Das ist schon ausgerollt! Dort ist die Struktur noch idealer. Wir haben zehn Mädchen in der Frauen-Akademie in St. Pölten, die Projekt-12-Spielerinnen sind. Die sind dort täglich betreut, das ist perfekt.

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Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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