Martin Hintereggers schmaler Grat

Martin Hintereggers schmaler Grat Foto: © GEPA
 

Martin Hinteregger lebt in der falschen Zeit. Gucci, Fortnite und Tattoos – mit praktisch jedem Fußball-Profi seiner Generation könnte man über diese Themen stundenlang plaudern. Der Kärntner würde darauf angesprochen wohl höchstens das Gesicht verziehen.

Was den 26-Jährigen mit den meisten seiner im Profi-Fußball kickenden Altersgenossen vereint: Er ist ein ausgezeichnet ausgebildeter Fußballer, der unter den richtigen Umständen in der Lage ist, auf allerhöchstem Niveau zu spielen. Aber abgesehen davon ist „Hinti“ irgendwie anders.

Man kann getrost behaupten: Das ist ein Typ. Einer, der die Menschen bewegt, zu dem sie eine Meinung haben. Eben weil er sich aus dem Einheitsbrei von phrasendreschenden, vermeintlich individuell gestylten, aber dabei dann doch alle gleichaussehenden, konturlosen Profi-Fußballern abhebt.

Was Hinteregger so tut, und auch, was er nicht tut, ist spannend und sorgt für Schlagzeilen. Weil heutzutage eben schon viel weniger eine Schlagzeile ist, als es das früher war. Der Innenverteidiger verzichtete lange Zeit auf ein Smartphone. Kein Facebook, Instagram oder Snapchat, kein Whatsapp. Er spiele „Snake“ praktisch auf Champions-League-Niveau, erklärte er einmal. Und die meisten seiner Altersgenossen mussten daraufhin wohl ihr Smartphone zücken, um zu googeln, wovon er da eigentlich spricht.

Mittlerweile hat sich der Blondschopf aber ein Smartphone zugelegt, weil es eben ohne heutzutage nicht mehr geht. Zu viele Strafen habe er bezahlt, weil er diverse Termine, von denen er mangels moderner Kommunikationskanäle gar nichts mitbekommen hat, verpasst hatte.

Außerdem hat der 43-fache ÖFB-Teamspieler einen Jagdschein, spielt Ziehharmonika und Mundharmonika. Es ist also gewiss nicht so, dass dieser Mann keinerlei Interessen hätte, sie decken sich nur eben nicht mit jenen der Menschen, die für gewöhnlich neben ihm in der Kabine sitzen.

Der Haken

Und da ist dann auch schon der Haken daran, Martin Hinteregger zu sein. Ob es ihm nun gefällt, oder nicht, Hinteregger ist Teil der Blase „Profi-Fußball“. Und in dieser herrschen nunmal Gesetze, die man als Person des öffentlichen Lebens zwar nicht gut finden muss, aber eben nicht ignorieren kann.

Wenn der Kärntner fünf Tage vor dem Rückrundenstart im Jänner 2018 an einem Charity-Skirennen in der Flachau teilnimmt und danach lapidar erklärt, dass er seinen Vertrag nicht so genau gelesen habe, und deswegen nicht mit Sicherheit wisse, ob er von seinem Arbeitgeber aus überhaupt Skifahren dürfe, ist das nicht ganz unproblematisch. Da mag man seine Antwort auf den Hinweis, dass das Rennen sogar auf „ORF Sport +“ übertragen wurde – „Das empfangen die in Augsburg eh nicht“ – noch so amüsant finden.

Nun steht der ÖFB-Legionär wieder in den Schlagzeilen. Ein Video zeigt einen sichtlich betrunkenen Hinteregger am letzten Abend des Trainingslagers beim Besuch eines Dorffests in Bad Häring (Alle Infos >>>). Es kann passieren, dass man mal ein Glas zu viel trinkt. Ein asketisches Leben ist auch für Profisportler keine unbedingte Voraussetzung.

Aber es kommt eben auf den Zeitpunkt und die Umstände an. Die derzeitige Lage kann wie folgt kurz umrissen werden: Der Abwehrspieler hat einen laufenden Vertrag beim FC Augsburg, aber offenbar überschaubare Lust, diesen zu erfüllen. Eintracht Frankfurt, das ihn bislang ausgeliehen hatte, will ihn fix verpflichten, konnte sich mit Augsburg aber noch nicht auf eine Ablösesumme einigen. Es gibt zudem weitere Interessenten.

Zwei Interpretationsmöglichkeiten

Der Alkohol-Vorfall kann deshalb auf zweierlei Weise interpretiert werden: Entweder Hinteregger startete damit einen Versuch, Augsburg zur Resignation zu bringen und seinen Verkauf zu erzwingen, oder er hat einfach nicht nachgedacht und sich schlichtweg überaus unprofessionell verhalten.

Ersteres wäre zumindest problematisch, Zweiteres schlichtweg dumm. Ob die Eintracht-Verantwortlichen durch solch eine Aktion zu mehr Anstrengungen, den Kärntner zu verpflichten, motiviert werden, ist tendenziell zu bezweifeln. Und andere Interessenten schreckt solch ein Verhalten mutmaßlich auch eher ab.

Fakt ist, dass solch eine Aktion zu einer weiteren Polarisierung beiträgt, wenn es um die Person Hinteregger geht. Die Reaktionen auf die jüngsten Schlagzeilen sind unterschiedlich. Einige Eintracht-Fans würden nun lieber von einer Verpflichtung absehen, andere wiederum glorifizieren den Typ Hinteregger.

Alleine schon dieser Umstand zeigt, dass sich der Österreicher von der breiten Masse an Kickern abhebt. Es ist ein schmaler Grat, auf dem der Kicker seit Monaten wandelt. Seine unkonventioneller Umgang mit den Medien mag ihm zwar Sympathiepunkte einbringen, gleichzeitig kann dieser aber auch sehr schädlich für seine Karriere sein. Letztendlich hat sich seine damalige Aussage gegen Augsburg-Coach Manuel Baum („Kann nichts Positives über ihn sagen“) als Glücksfall herausgestellt, Hinteregger landete – zumindest für ein halbes Jahr – in Frankfurt, kletterte die Karriereleiter also nach oben.

Es kann aber beim nächsten Mal gut und gerne auch in die gegenteilige Richtung gehen. Das macht die Schnelllebigkeit unserer Zeit aus. Eine Zeit, in die der Mensch Martin Hinteregger mit all seinen Ecken und Kanten nicht so recht zu passen scheint. Aber genau das macht ihn aus und als Menschen letztlich so greifbar.

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