Benedikt Pichler: Salzburger Augenöffner

Benedikt Pichler: Salzburger Augenöffner Foto: © GEPA
 

Guido Burgstaller führt die Torschützenliste an und ist somit das Aushängeschild unter den österreichischen Stümer in der 2. deutschen Bundesliga.

Doch auch die Quote von Benedikt Pichler hat es in sich.

Sechs Tore in den letzten neun Liga-Spielen der Hinrunde hat der ÖFB-Legionär für Holstein Kiel erzielt. Und trotzdem fühlt sich der gebürtige Salzburger nicht so recht in einem Flow, wie er im LAOLA1-Interview erzählt.

Zudem erklärt der 24-Jährige, warum die Ablehnung in der Red-Bull-Akademie für ihn ein Augenöffner war, wie Grödig zum Aussichtsturm wurde, wie er bei der Austria zwischen einem unglaublichen Jahr unter Peter Stöger und fehlendem Vertrauen schwankte und wie sehr ihn die Rückkehr von Sandro Ingolitsch freut.

LAOLA1: Wer ist eigentlich aktuell der beste österreichische Stürmer in der 2. Deutschen Bundesliga – ist das fix Guido Burgstaller?

Benedikt Pichler (lacht): Guidos Werte sprechen für sich, daher möchte ich mich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Er hatte auch ganz andere Stationen, da muss man schon realistisch bleiben.

Saison-Tor Nummer 6 gelang gegen St. Pauli
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LAOLA1: Die Frage zielte natürlich auf deine sechs Tore in den letzten neun Liga-Spielen ab. Es ist anzunehmen, dass du dich richtig im Flow befindest. Ist es der beste Lauf deiner Karriere?

Pichler: Rein von den Toren her natürlich schon. Aber ich finde nicht, dass es der komplette Flow ist. Der Spielstil ist ein anderer als bei der Austria, hier spiele ich Solo-Spitze. Das ist eine Umstellung, aber ich freue mich natürlich, dass es bislang so gut hinhaut. Trotzdem: Es ist sicher noch einiges an Luft nach oben.

LAOLA1: Was fehlt, um zu behaupten, dass du im Flow bist?

Pichler: Es war so, dass ich bei der Austria wegen Corona, meiner Rot-Sperre von fünf Spielen und einer Verletzung zuletzt ziemlich zu kämpfen hatte. Obwohl ich davor extrem gut beieinander war, musste ich aufholen, was die Fitness betrifft. Das ist zum Glück inzwischen nach und nach gelungen, aber zum Flow fehlt noch eine gewisse Abgestimmtheit, die Laufwege der Mitspieler blind zu kennen. Das würde unserem Spiel als Mannschaft gut tun, aber sicher auch mir individuell, damit man noch mehr Aktionen hat, vielleicht noch mehr Bälle kriegt und dann auch weiß, wohin man sie spielt, ohne überhaupt schauen zu müssen. Das ist noch nicht so ausgereift, dass man es als perfektioniert bezeichnen könnte. Aber das ist nach den Trainerwechseln auch verständlich. Da sind wir als Mannschaft aber auf einem guten Weg, die Automatismen greifen mehr und mehr.

LAOLA1: Dein Lauf hat mit dem Debüt des aktuellen Trainers Marcel Rapp begonnen. Ist das Zufall oder hat er ein besonderes Händchen für dich?

Pichler: Ich würde sagen, wenn man Vertrauen bekommt, wird es auch meistens zurückgezahlt. In Kiel war es das erste Mal nach dieser Phase im Frühjahr, dass ich wieder Vertrauen gespürt habe. Dann ist es für einen Spieler natürlich immer leichter, befreit aufzuspielen, als unter gewissem Druck, sich beweisen zu müssen. Ich hatte hier schon in den ersten Wochen drei Trainer. Ole Werner ist nach zwei Wochen zurückgetreten. Dann ist der Co-Trainer eingesprungen, bis Marcel Rapp kam.

LAOLA1: Muss man schlucken, wenn der Trainer, der einen verpflichtet hat, so schnell weg ist?

Pichler: Das klingt möglicherweise blöd, aber grundsätzlich habe ich mir gedacht: Qualität setzt sich durch. So heißt es zumindest. Wenn man darauf vertraut, dass man geholt wurde, um der Mannschaft weiterzuhelfen, geht man davon aus, dass auch der neue Trainer darauf anspringt. Außerdem bietet es in gewisser Weise ja auch immer eine neue Chance, wieder etwas zu lernen. Aber natürlich: Ideal war es sicher nicht, da es auch anders laufen hätte können. Das weiß man im Fußball nie.

"Man kennt eigentlich fast alle Mitarbeiter. Das war bei Austria Wien nicht so. Wenn man dort oben ins Büro gegangen ist, kannte man nicht jeden, weil da einfach so viele am Werk waren – es ist halt trotzdem noch ein Großverein."

Benedikt Pichler

LAOLA1: Wobei du mit der Ablöse von einer Million Euro der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte bist. Da kann man schon eine gewisse Rückendeckung erhoffen, oder?

Pichler: In dieser Hinsicht habe ich natürlich ein gewisses Vertrauen mir gegenüber erwartet. Wenn du weißt, wofür du das Geld ausgibst, solltest du dann auch die nötige Geduld haben. Aber: Es ist dann eh relativ schnell gegangen. Es wurde mir auch relativ einfach gemacht mit der Verpflichtung des neuen Trainers, der mir gleich gezeigt hat, dass er auf mich baut.

LAOLA1: Ist es eine andere Fußball-Welt, wenn man wie beim HSV-Spiel vor 40.000 Besuchern trifft?

Pichler: Auf jeden Fall. Ich kann glücklicherweise sagen, dass ich schon im Derby gegen Rapid im Allianz-Stadion getroffen habe, was von der Stimmung her ähnlich war. Aber in Hamburg war es natürlich unglaublich, weil es immer schon einer meiner Träume war, in Deutschland gegen solche Vereine zu treffen.

LAOLA1: Holstein Kiel war in den vergangenen fünf Jahren zwei Mal knapp am sensationellen Aufstieg in die Bundesliga dran. Gleichzeitig gibt es natürlich Vereine mit wesentlich höherem Budget. Wofür steht Holstein Kiel für dich?

Pichler: Für einen sehr bodenständigen Verein, der weiß, woher er kommt und der sehr familiär arbeitet. Man kennt eigentlich fast alle Mitarbeiter. Das war bei Austria Wien nicht so. Wenn man dort oben ins Büro gegangen ist, kannte man nicht jeden, weil da einfach so viele am Werk waren – es ist halt trotzdem noch ein Großverein. Bei Holstein wird in engen Kreisen wirklich gut miteinander gearbeitet. Im Stadion machen die Fans eine gute Stimmung, und trotzdem sind es kein Anhänger, die nach ein, zwei Niederlagen mit einem Boykott drohen. Kiel selbst bietet keine Ablenkungen, es ist eine Studenten-Stadt am Meer mit guten Cafes und Lokalen. Es hat eigentlich von allem etwas. Alles in allem lässt es sich hier wirklich gut arbeiten. Man kann sich voll und ganz auf seine Leistung konzentrieren. Das war auch ein Gedanke beim Wechsel hierher.

LAOLA1: Die 2. Bundesliga ist derzeit mit großen Namen besetzt. War es daher auch von der Liga her der nächste Schritt?

Pichler: Das lässt sich schwer verallgemeinern. Es ist jedenfalls ein anderer Fußball, der gespielt wird. Ein taktischerer Fußball. Aber wir haben in Österreich super Vereine mit fußballerischer Qualität, wenn man sich zum Beispiel Sturm Graz anschaut. Über Red Bull Salzburg muss man sowieso nicht diskutieren. Ich würde es in Deutschland als ein bisschen physischer bezeichnen, also gefühlt ist es schon mehr Laufarbeit… (grinst). Aber das kann eben auch mit dem Taktischen zusammenhängen. Definitiv beeindruckt der deutsche Fußball mit seinen Stadien, den Fans und der Ernsthaftigkeit, denn der Stellenwert des Fußballs ist hier schon noch einmal ein anderer. Wahrscheinlich ist es genau das, was dann auch überwiegt.

"Ich glaube einfach, es formt einen so, dass es mittlerweile in der Fußball-Welt für Vereine teilweise attraktiv geworden ist, nicht nur fein ausgebildete Akademie-Spieler zu haben, sondern auch einen Spieler, der sich irgendwie mit Kampf und Wille durchgeschmettert hat."

Benedikt Pichler

LAOLA1: Du bist noch relativ frisch beim Verein. Dennoch: Wo soll dich dein Weg noch hinführen?

Pichler: Mein Traum ist und war schon immer die 1. Deutsche Bundesliga. Das ist das Riesen-Ziel, für das ich arbeite, seit ich denken kann. Natürlich war die österreichische Bundesliga auch ein großes Ziel, aber über allem stand für mich immer Deutschland. Und dann natürlich auch das Nationalteam. Okay, diese zwei Ziele setzt sich wahrscheinlich jeder österreichische Fußball-Profi (schmunzelt). Aber es sind eben auch meine Ziele, für die arbeite ich und an die glaube ich auch. Es liegt noch viel Arbeit vor mir, ich muss mich noch in einigen Dingen weiterentwickeln. Ich habe hier jedoch ein perfektes Umfeld, in dem das auch gelingen kann.

LAOLA1: Dein Weg war schon bisher spannend. Du zählst nämlich zu jenen Profis, die es ohne Akademie geschafft haben. Macht dich das stolz?

Pichler: Ja, sicher. Ich möchte nicht bewerten, ob es der schwierigere oder einfachere Weg ist. Sich in einer Akademie gegen die vielen Talente durchzusetzen, ist sicher enorm schwierig. Will man es ohne Akademie schaffen, braucht man vielleicht mehr Geduld und möglicherweise auch mehr Glaube an sich selbst, weil man diesen Glauben von anderen Seiten nicht so spürt. Manche haben es vielleicht anders erlebt, aber ich hatte das Gefühl, dass ich vieles mit individueller Arbeit kompensieren musste. Ich habe immer zusätzlich trainiert, um ja nicht abzufallen. Ich glaube, das hat mich von der Einstellung und auch von meinem Spielstil her in gewisser Weise stark gemacht. Jene Eigenschaften, die ich mir über diesen untypischen Weg angewöhnt habe, sind jetzt sicher meine Stärken.

LAOLA1: Muss man ein wenig eigenverantwortlicher sein?

Pichler: Das weiß ich nicht, das ist vermutlich von Spielertyp zu Spielertyp unterschiedlich. Aber ich kann sagen, dass ich für mich selbst einfach eine extreme Disziplin entwickelt habe, was zusätzliche Arbeit betrifft. Gleichzeitig gilt es die Balance zu halten: Was tut noch gut? Was ist zu viel? Das sind Dinge, die man in einer Akademie vielleicht vorgesagt bekommt. Wo man Mentoren oder Betreuer mit Erfahrung im Profifußball hat, die dich dorthin führen. Da habe ich eben versucht, mich selber heranzutasten. Ich finde, man sieht bei manchen Nicht-Akademie-Spielern auch vom Spielstil her und rein von der Persönlichkeit, dass sie diesen Weg gegangen sind.

LAOLA1: Inwiefern?

Pichler: Vielleicht ist "unbekümmert" das richtige Wort. Ich glaube einfach, es formt einen so, dass es mittlerweile in der Fußball-Welt für Vereine teilweise attraktiv geworden ist, nicht nur fein ausgebildete Akademie-Spieler zu haben, sondern auch einen Spieler, der sich irgendwie mit Kampf und Wille durchgeschmettert hat, weil der Spielertyp einfach ein anderer ist.

LAOLA1: Trotzdem stellt sich bei einem Salzburger die Frage, ob die "Bullen"-Akademie damals nicht genau hingeschaut hat?

 

Pichler: Salzburg war ab und zu Thema, aber im Endeffekt hat es bei mir damals körperlich einfach nicht gereicht. In früheren Jahren wäre es schon möglich gewesen, aber im richtigen Red-Bull-Bereich ab der Akademie ist sich das einfach nicht ausgegangen. Das war damals auch ein Augenöffner für mich. Es hat geheißen, ich bin körperlich zu schwach, also wurde das ein Anhaltspunkt, woran man arbeiten kann. Wenn du es nicht unbedingt willst, ziehst du es nicht durch und schaffst es wahrscheinlich nicht.  Aber wenn man den Willen hat, kann man es auch ohne Akademie schaffen.

Aussichtsturm: SV Grödig statt Akademie
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LAOLA1: Ein Wechsel in eine Akademie in Wien, Graz, Linz oder in die Südstadt war kein Thema?

Pichler: Eigentlich nicht. Ich bin dann zu Grödig in die zweite Mannschaft gewechselt, der Verein war damals in der Bundesliga. Das war praktisch mein Aussichtsturm, von dem aus ich in Richtung Bundesliga schauen konnte. Wenn Grödig nicht freiwillig in die Regionalliga abgestiegen wäre, hätte sich da auch etwas ergeben können. Aber das Schicksal hat es anders gewollt (grinst).

LAOLA1: Wie verfolgst du das Schicksal deiner beiden Ex-Vereine in Violett namens Austria in Klagenfurt und in Wien?

Pichler: Beide Vereine waren für mich extrem wertvoll. Violett bin ich treu geblieben, kann man so sagen – die Farbe habe ich verinnerlicht (lacht). Ich gönne Klagenfurt den Erfolg von Herzen, weil ich weiß, wie der Zustand war, als ich hingekommen bin, es hat finanzielle Probleme gegeben. Mit dem Einstieg der Investoren hat man schon damals sehen können, dass es in eine gute Richtung geht. Dass es sich dann so gut entwickelt, freut mich umso mehr. Bei Austria Wien ist jetzt sicher auch ein guter Weg eingeschlagen worden, indem man auf junge Spieler baut. Als ich hingekommen bin, war das nicht so der Fall. Aber das hat sich dann entwickelt und wurde eine richtig coole Zeit, in der ich mit vielen richtig guten Spielern zusammenspielen konnte, von denen einige wie Manprit Sarkaria oder Patrick Wimmer ebenfalls eine gute Entwicklung hingelegt haben. Der aktuelle Kurs ist der richtige.

"Das Jahr mit Peter Stöger war für mich unglaublich, weil ich einen Riesen-Entwicklungsschritt hingelegt habe und extrem viel mitnehmen konnte. Ich würde sogar sagen, das war das Jahr, in dem ich gesehen habe, was möglich wäre, wenn ich fit bin."

Peter Stöger

LAOLA1: Du hast im Laufe des Gesprächs fehlendes Vertrauen nach der schwierigen Phase im Frühjahr angedeutet. Hast du dich am Schluss bei der Austria nicht mehr so gut aufgehoben gefühlt?

Pichler: Ja, das muss ich ganz ehrlich so sagen. Das Jahr mit Peter Stöger war für mich unglaublich, weil ich einen Riesen-Entwicklungsschritt hingelegt habe und extrem viel mitnehmen konnte. Ich würde sogar sagen, das war das Jahr, in dem ich gesehen habe, was möglich wäre, wenn ich fit bin. Beim neuen Trainer-Team habe ich schon gemerkt, dass das Vertrauen in mich nach meiner Zwangspause nicht so da ist. Dann ist dazugekommen, dass sich die Chance geboten hat, nach Deutschland zu gehen. Das habe ich als sehr wertvollen Entwicklungsschritt gesehen. Das hat sich für mich so gut angefühlt, dass ich es unbedingt machen wollte.

LAOLA1: Gibt es noch Kontakt zu Sandro Ingolitsch? Diese Szene um deine Rote Karte, bei der er sich einen Kreuzbandriss zugezogen hat, wird euch in gewisser Weise immer verbinden.

Pichler: Wir haben immer wieder Kontakt. Es ist schön zu sehen, dass es gut verlaufen ist und er sich zurückgekämpft hat. Wir kennen uns ja schon länger, und ich weiß auch, wie er ist, deswegen habe ich nie daran gezweifelt, dass er wieder stark rauskommen wird. Ich bin mir sicher, dass er bald wieder aufzeigen wird. Dafür ist er mental auch zu stark, als dass er sich davon unterkriegen lassen würde. Und für mich war natürlich auch ganz wichtig, dass er mir damals auch geglaubt hat, dass es keine Absicht war.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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