Nicole Billa: In der Rückrunde fällt die Belastung bei uns im Vergleich zum Bayern München und dem VfL Wolfsburg deutlich geringer aus. Wir sind international und im Pokal nicht mehr vertreten, haben keine englischen Wochen, können gezielt und mit vollem Fokus auf die Wochenenden hinarbeiten. Es ist sehr ausgeglichen, alle haben schon gepatzt und Punkte liegen lassen, keiner kann sich seiner Sache sicher sein. Es wird auf alle Fälle sehr interessant.
LAOLA1: Du bist in der Saison 2015/16 nach Hoffenheim gewechselt, hast deinen Vertrag trotz mehrfacher Angebote bis 2023 verlängert. Warum hast du dich für einen Verbleib im 35.000-Einwohner-Städtchen Sinsheim entschieden?
Billa: Weil meine Reise noch nicht zu Ende ist. Wenn ich etwas anfange, mit aufbaue und dabei bin, wenn es sich entwickelt, dann möchte ich das so lange weiter erleben und die Erfahrungen mit der Mannschaft und dem Verein sammeln, bis wir alle unsere Ziele erreicht haben.
LAOLA1: Hast du so etwas wie einen Karriereplan, welche Aufgaben würden dich reizen, wie sehen deine mittelfristigen Ziele aus?
Billa: Nein, nicht wirklich. Für mich steht der Spaß und die Freude am Sport im Vordergrund, außerdem bin ich eher der Typ Mensch, der von Tag zu Tag schaut und lebt. Für mich ist es einfach wichtig, dass das Umfeld passt. Ich muss mich wohlfühlen und in jedes Training und Spiel mit Spaß und Freude reingehen können. Natürlich ist es ein Ziel, eine Meisterschaft zu gewinnen, egal in welchem Land oder in welcher Liga. Wenn sich eines Tages die Option ergibt und der Bauch sagt ja, dann schauen wir weiter.
LAOLA1: Du hast in der vergangenen Saison mit dem Gewinn der Torjägerkrone in der deutschen Liga für Furore gesorgt, bist in Deutschland und Österreich als Fußballerin des Jahres ausgezeichnet worden. Wie wohl fühlst du dich im Rampenlicht und in eleganter Abendgarderobe?
Billa: Natürlich freue ich mich über die Auszeichnungen und Wertschätzung, aber ganz ehrlich, die schicke Abendgarderobe ist nicht unbedingt so meines (lacht).
LAOLA1: Wie sehr setzt du dich persönlich unter Erfolgsdruck, wie groß ist der Druck von außen?
Billa: Den Druck von außen bekomme ich oftmals gar nicht mit. Ich weiß, dass der Verein hinter mir steht und auch auf mich setzt, wenn es mal nicht so gut läuft. Dieses Vertrauen ist genauso wichtig wie das eigene Vertrauen an mich und meine Möglichkeiten. Ich arbeite schon seit der Akademie in St. Pölten mit einer Sportpsychologin zusammen, da es nicht immer einfach ist, in der Emotion die richtigen Lösungen parat zu haben. Da kann ein anderer Blickwinkel oftmals weiterhelfen.
LAOLA1: In Hoffenheim wirst du vom Deutschen Gabor Gallai trainiert, im Nationalteam folgst du den Anweisungen der Wienerin Irene Fuhrmann. Inwieweit kann man die Art und Herangehensweise der beiden vergleichen?
Billa: Beide sind eher die ruhigeren Charaktere, was mir persönlich ohnehin lieber ist. Also keine Trainer, die permanent an der Seitenlinie auf und ab hüpfen und ständig etwas reinbrüllen. Ich verstehe mich mit beiden sehr gut, kann mich mit ihnen super austauschen. Das ist für mich eine Grundvoraussetzung, damit ich mich wohlfühle und Leistung zeigen kann.
LAOLA1: Euch ÖFB-Frauen wird die Ehre zuteil, das Eröffnungsspiel der UEFA Women's EURO 2022 gegen England im Old Trafford in Manchester zu bestreiten. Wie präsent ist der 6. Juli zum gegenwärtigen Zeitpunkt?
Billa: Jetzt, hier und heute gar nicht. Bis es so weit ist, gilt es noch so viele andere Aufgaben und Spiele zu bestreiten, da ist die EM und das Eröffnungsspiel noch zu weit weg. Nach der Auslosung war es präsent, da habe ich mich schon sehr gefreut. Mein Bruder ist ein riesen United-Fan und sehr stolz, dass seine Schwester in diesem Stadion einlaufen wird. Da war es wichtig, dass wir sofort Karten für die Familie besorgen (lacht).
LAOLA1: Ihr trefft in der Gruppe neben England noch auf Norwegen und Nordirland – ein attraktives, aber nicht unbedingt einfaches Los. Wie siehst du die Ausgangslage, was ist für euch möglich?
Billa: Natürlich ist das alles andere als ein einfaches Los, auf der anderen Seite haben wir selbst schon erlebt, was entstehen kann, wenn der Zug Fahrt aufnimmt und Euphorie entsteht. Wir haben keinen Druck, nichts zu verlieren, ich sage nicht wir müssen, sondern wir dürfen. Mit dieser Einstellung und wenn jede alles abruft, ist alles möglich.
LAOLA1: Am Tag des Rückrundenstarts werden in Peking die Olympischen Spiele eröffnet. Wie groß ist dein Interesse am Wintersport? Verfolgst du die Bewerbe?
Billa: Natürlich verfolge ich den Wintersport und die Olympischen Spiele, drücke allen heimischen Sportlern vor Ort fest die Daumen. Wenn ich daheim bin und Zeit habe, dann fiebere ich bei allem mit, egal ob Curling oder Biathlon. Ich schaue generell viel Sport, Fußball, Eishockey, American Football, Handball - bei mir zu Hause läuft abgesehen von Sport oder Dokus kein anderes TV-Programm.
LAOLA1: Abschließend, das ZDF-Sportstudio regte an, "Frauschaft" statt "Mannschaft" zu sagen, daraufhin kochten die Gemüter im Netz über – wie stehst du der Gender-Debatte gegenüber?
Billa: In diesem konkreten Fall stellt sich schon die Frage, warum sich der Begriff ändern soll. Für mich bezieht sich das Wort Mannschaft nicht auf das Geschlecht, sondern auf das Team, auf eine Gruppe, die gemeinsam etwas bewegen möchte und dieses Ziel durch Zusammenhalt erreicht.