Wie ein Taktik-Kniff Salzburg wiederbelebte

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Es wird beobachtet und spioniert, man holt alle Informationen über einen Gegner ein und bereitet sich optimal vor, um den perfekten Matchplan zu entwerfen.

Und dann liegt der FC Salzburg in einem der größten Spiele der bisherigen Red-Bull-Geschichte an der Anfield Road bei Top-Klub FC Liverpool nach 36 Minuten 0:3 im Hintertreffen (Endstand: 3:4, Spielbericht >>>).

Dabei meinte RBS-Coach Jesse Marsch noch im Vorfeld der Partie, dass es diesmal nicht so kompliziert werden würde und man so spielen will, wie man bisher den größten Ertrag einfahren konnte.

Damit spielten die Bullen den Engländern aber in die Karten, ein Debakel lag in der Luft. Ehe ein Taktik-Kniff dank perfektem In-Game-Coaching die Wende brachte und Salzburg noch vom Sieg träumen ließ.

Strategische Vorbereitung auf Liverpool bereitete Marsch viel Spaß

Marsch ist ein Meister seines Fachs - akribisch, mit detaillierter Vorbereitung auf den Gegner. Selten hat es ihm so viel Spaß gemacht, wie einen Plan gegen die Maschinerie von Jürgen Klopp auszuhecken.

"Das Vorbereiten auf das Spiel gegen Liverpool hat so viel Spaß gemacht, zu sehen, wie das Team spielt, die Leidenschaft, Style und Qualität die sie auf dem Platz haben. Und da dann Wege zu finden, strategisch gegen sie zu spielen, hat sehr viel Spaß gemacht", führt der US-Amerikaner aus.

Eine Komponente hat man jedoch unterschätzt, und zwar den Bonus Heimvorteil in einem der atemberaubendsten Stadien der Welt, das von der herausragenden Atmosphäre lebt.

"Wir haben in der Vorbereitung gegen Real Madrid und Chelsea gespielt, um ein Gefühl dafür zu bekommen, gegen die größten Gegner zu spielen - aber das war in unserem Stadion. Aber wir haben gelernt, wenn man an einen Platz wie Anfield kommt, dass nicht nur der Gegner, sondern die ganze Erfahrung vor Ort zählt. Unser junges Team ist so gewachsen und hat so viel gelernt. Das ist die erste Niederlage diese Saison – wir haben auf jeden Fall ein starkes Team, aber werden viel mitnehmen, lernen viel dazu und werden dadurch besser werden."

4-4-2 funktionierte nicht: "Sind herumgelaufen wie blinde Hühner"

Denn somit wurde der eigentliche Matchplan schnell über den Haufen geworfen. Mit dem ursprünglichen 4-4-2 spielte man Liverpool in die Karten und wurde anfangs praktisch überrollt.

Keine einfache Situation vor allem für die Salzburger Abwehr, die gegen rollende Angriffe von Sadio Mane, Roberto Firmino oder Mo Salah kaum Lösungen fanden.

"Die ersten 30 Minuten haben sie über die Seiten so viele Räume gehabt, dass sie einfach immer 2-gegen-1 Situationen kreieren und dann in die Schnittstellen spielen konnten. Wir sind eigentlich nur von rechts nach links gelaufen und haben nicht gewusst, wo der nächste Ball hinkommt – wir sind ein bisschen wie blinden Hühner herumgelaufen", muss Abwehrchef Maximilian Wöber mit seiner offenen und ehrlichen Art und Weise zugeben.

Da machte es sich bezahlt, dass Marsch in der Vergangenheit immer wieder taktische Wechsel vollzog und auch schon einmal zwei Systemänderungen in einem Spiel aufnahm.

Gutes Gefühl bei Umstellung sollte Marsch nicht täuschen

Selten zuvor zeigte ein Taktik-Kniff jedoch so viel Wirkung wie beim denkwürdigen Spiel gegen Liverpool. Ab der 30. Minute wurde Salzburg quasi wiederbelebt und spielte daraufhin einen komplett anderen Fußball.

Marsch verzichtete auf sein 4-4-2 und stellte auf eine Raute im Mittelfeld mit Takumi Minamino als Zehner um - ein Schachzug, der sofort Wirkung zeigen sollte.

"Bei 2:0 haben wir eine Formationsänderung vorgenommen, mit einer Raute in der Mitte. Wir haben keinen guten Job gemacht, keinen Druck auf die Mittelfeldspieler gebracht und sie haben viele zweite Bälle gewonnen. Aber ich hatte das Gefühl, diese Änderung hilft unserem Spiel, aber dann waren wir sogar 0:3 zurück", spielt der Chefbetreuer auf Salahs Trefer nur sechs Minuten nach der Umstellung an.

Die besten Bilder von Red Bull Salzburg in der Champions League:

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FC Liverpool - Red Bull Salzburg 4:3

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"Aber ich habe weiter gefühlt, dass wir mit dem neuem System und unseren Fähigkeiten, das Feld besser abzudecken, unsere Momente vorfinden werden. Wir sind dann besser ins Spiel reingekommen. Und das Tor vor der Halbzeit war wirklich groß für uns, weil es uns die Chance gegeben hat, in der Kabine Dinge anzusprechen, rauszugehen und so hart zu pushen wie es geht."

Raute im Mittelfeld: "Das war viel besser für die ganze Mannschaft"

Es war schnell zu sehen, dass RBS dadurch defensiv kompakter stand und eine bessere Abstimmung zwischen Abwehr und Mittelfeld herrschte. Gleichzeitig wurden die Flankenläufe von Mane und Salah ein wenig eingeschränkt.

Und offensiv wirbelte Minamino zwischen den Ketten und verschaffte sich so Platz, um dann andere Spieler in Szene zu setzen. Die Tore von Hwang, Minamino und Joker Haaland waren nicht nur das Ergebnis großer Mentalität sondern vor allem auch den veränderten Rollen im Spielaufbau.

"Das war sehr entscheidend! Mit der Systemumstellung waren wir einfach kompakter, vor allem im Zentrum. Wir haben das dann besser verteidigt und haben dann leider so ein geschissenes Tor gekriegt – aber Schwamm drüber", sprach Wöber nach der Aufholjagd zum 3:3 schon den Liverpooler Siegtreffer zum 3:4 an, bei dem Szoboszlai sich den Ball abluchsen ließ und es danach schnell ging.

Auch Szoboszlai, der davor eher weniger seine Qualitäten ausspielen konnte, fand dann besser in die Partie. "Nach dem 3:0 haben wir ein bisschen überlegt, was wir jetzt machen sollen. Wir haben danach einfach ein anderes System gespielt, das war viel besser für die ganze Mannschaft."

Stankovic spricht Trainer Kompliment für In-Game-Coaching aus

Torhüter Cican Stankovic kann bestätigen, dass vor ihm plötzlich weniger Betrieb war, plötzlich ein Rad ins andere Griff und offensiv Nadelstiche gesetzt wurden.

"Wir haben auf Raute umgestellt im Mittelfeld, wir haben dann besseren Zugriff gehabt. Das hat viel besser funktioniert", bestätigt auch er und spricht Trainer Marsch sogar ein Lob aus.

"Kompliment, dass man so was sofort erkennt und wir das dann gleich umgestellt haben", so der ÖFB-Teamkeeper. Warum man nicht von Grund auf schon in dieser Formation auflief, bleibt wohl Marschs Geheimnis.

Am Ende muss er sich die Frage gefallen lassen, ob man nicht erst zu spät umgestellt hat. Doch alleine die Aufholjagd war es wert, am Ende fehlte dann aber die letzte Kraft, um das große Wunder zu schaffen.

"Bei 3:3 haben die Jungs sehr viel investiert und wurden ein bisschen müde. Die Energie im Stadion ist dann auch aufgekommen und es ist ein unglaubliches Team gegen das wir gespielt haben. Ich bin wirklich stolz auf unsere Truppe, aber wichtig ist, dass wir aus der Niederlage lernen und es verwenden, um besser zu werden. Damit wir eine gute Chance haben, die Gruppe zu überleben", blickt Marsch bereits in die Zukunft.

Perfektion hat er sich auf die Fahnen geheftet, diesmal waren 60 Minuten nach der Umstellung auf Top-Niveau jedoch noch zu wenig.


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Salzburg nach Spektakel bei Liverpool: "Wir waren so knapp dran"

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