Florian Gabriel: Dass sich Atlético Madrid und der FC Barcelona in dieser Saison bereits mehrfach gegenüberstanden, ändert wenig an der Ausgangslage. Die Rollen sind längst klar verteilt.
Barcelona wird das Spiel dominieren, den Ball kontrollieren und auf das Comeback drängen. Atlético hingegen wird tief verteidigen, auf Fehler lauern und über Konter gefährlich werden – ein Muster, das man aus den bisherigen Duellen bestens kennt.
Genau darin liegt aber auch der Trugschluss der These: Nur weil ein Spiel vorhersehbar ist, ist es noch lange nicht kontrollierbar. Barcelona hat bereits im Copa-Rückspiel gezeigt, dass es nach einem 0:4 zumindest ein 3:0 holen kann. Ein Ergebnis, das diesmal reichen würde.
Zudem war schon im CL-Hinspiel zu sehen, welche offensive Qualität die Katalanen rund um Ausnahmespieler Lamine Yamal besitzen. Und ohne die Rote Karte gegen Pau Cubarsí im Hinspiel würde Barcelona heute wohl keinem Rückstand hinterherlaufen.
Für mich ist daher klar: Atlético kann sich noch so gut vorbereiten, Barcelona wird seine Chancen bekommen. Und diesmal werden sie reichen, um das Spiel noch zu drehen.
Johannes Hofer: Das von Flo angesprochene Copa-Rückspiel ist das beste Beispiel für Barcas Comeback-Qualitäten. Jedoch hat Atletico in Hinspielen schon zwei Mal bewiesen, wie sie Barca weichkochen können. Cubarsis Rote Karte hat das Hinspiel natürlich komplett auf den Kopf gestellt. Dennoch konnte der FCB danach nicht mehr anschreiben.
Der größte Unterschied für mich, ist dieses Mal der Austragungsort. Denn Atleti kann im eigenen Stadion einen Zwei-Tore-Vorsprung erfahrungsgemäß besser verwalten als auswärts.
Dass beide Teams keine großen Geheimnisse voreinander haben, ist im bereits sechsten Aufeinandertreffen dieser Saison keine Überraschung. Von den bisherigen Begegnungen konnten die Katalanen drei für sich entscheiden.
Barca wird Chancen bekommen, aber es wird am Ende nicht reichen. Atletico kann ab Dienstag Abend mit den Halbfinal-Plänen beginnen.
These 2: Die Chancen steigen und steigen: Mindestens ein Europacup-Finale mit österreichischer Beteiligung wird es heuer definitiv geben.
Johannes Hofer: Oliver Glasners Crystal Palace konnte im Hinspiel gegen die Fiorentina zum ersten Mal in dieser Conference-League-Saison überzeugen. Es wäre schon fast überraschend, wenn K.o.-Spezialist Glasner mit seinem Team dann nicht auch noch den vermeintlichen Gegner Shakhtar Donetsk im Halbfinale packt.
Der andere heiße Anwärter ist Konrad Laimer mit den Bayern. Die aktuelle Ausgangslage ist gut, aber mit einem 2:1-Minimalvorsprung durchaus trügerisch. Bei einem K.o.-Spiel von Real halte ich mich mit großen Prognosen gerne zurück – zu oft haben die Königlichen ihre Kritiker in der Vergangenheit schon Lügen gestraft.
Sollte Braga sich gegen Betis durchsetzen, käme es im Halbfinale wohl zu einem Duell mit Philipp Lienharts Freiburgern. Dann wäre ein rot-weiß-roter Finalist fix. Aber hier gibt es bekanntlich noch den Faktor Betis. Altmeister Manuel Pellegrini hat die Andalusier zu einem Top-Team geformt, das in der Vorsaison bis ins Conference League-Finale gekommen ist.
Florian Gabriel: Ein Europacup-Finale mit österreichischer Beteiligung? Die Chancen standen lange nicht mehr so gut.
Auch ich sehe bei Oliver Glasner und Crystal Palace sowie bei Konrad Laimer und dem FC Bayern die größten Chancen auf einen Finaleinzug. Spätestens nach dem überzeugenden Hinspielsieg ist der Premier-League-Klub mein Topfavorit auf den Titel in der Conference League.
Und auch die Bayern überzeugen seit Monaten auf ganzer Linie. Ihre größte Prüfung wartet wohl in einem möglichen Halbfinale gegen Titelverteidiger PSG – dort ist alles möglich.
Nicht vergessen sollte man auch das ÖFB-Trio Posch, Mwene und Veratschnig bei Mainz 05. Der Bundesligist ist unter Urs Fischer wiedererstarkt und steht bereits mit einem Bein im Halbfinale – dort wäre man gegen Rayo Vallecano keineswegs Außenseiter.
Die Chancen sind also da. Und deshalb lege ich mich fest: Am Ende wird zumindest ein Österreicher in einem Europacup-Finale stehen.
These 3: Xabi Alonso zu entlassen, war ein großer Fehler. Real Madrid wird auch heuer ohne Titel bleiben.
Florian Gabriel: Die Entlassung von Xabi Alonso war ein Fehler – aber sie ist nicht der Grund dafür, dass Real Madrid in dieser Saison wohl ohne Titel bleiben wird.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie wenig Ruhe im Klub herrscht: Nachfolger Álvaro Arbeloa verlor sechs seiner ersten 20 Spiele, Alonso kam in 34 Partien auf dieselbe Anzahl. Die Entscheidung wirkt daher weniger sportlich begründet als vielmehr wie ein Ausdruck der typischen Ungeduld bei Real Madrid.
Dennoch wäre auch mit Alonso kein Titel garantiert gewesen. In der Liga ist der FC Barcelona zu konstant, in der Champions League gibt es mit Bayern München, Paris Saint-Germain und Arsenal aktuell schlicht stärkere Mannschaften.
Trotzdem darf man Real nicht abschreiben. Schon im Hinspiel hat man gezeigt, dass man auf diesem Niveau mithalten kann.
Am Ende bleibt jedoch der Eindruck: Nicht die Trainerfrage entscheidet über Madrids Saison – sondern ob es die vielen Ausnahmespieler schaffen, zu einem Team zusammenzuwachsen.
Johannes Hofer: Álvaro Arbeloa war bestimmt nicht die Königslösung. Aber den 1b-Coach hochzuziehen hat in der Vergangenheit mit einem gewissen Zinedine Zidane schon einmal gut geklappt. Aber weder Alonso, noch Arbeloa konnten das Starensemble bislang zu einer schlagkräftigen Einheit formen.
Die Dominanz vergangener Tage ist zwar etwas gewichen, trotzdem wäre es keine Riesenüberraschung, wenn die Madrilenen das 1:2 aus dem Hinspiel bei den Bayern noch drehen. Aber in dieser Saison gibt sich Real über weite Strecken ungewohnt wankelmütig. Und das in beide Richtungen.
Aber auch unter Xabi Alonso wäre kein Titel garantiert gewesen. Der Ex-Coach wollte zu viel taktische Kontrolle über eine Mannschaft die von der Individualität lebt. Spieler wie Vinicius Jr. oder Kylian Mbappé in ein striktes Ideenkorsett zu pressen, hat nicht funktioniert. Durchaus überraschend. Denn der Baske kennt die gelebte Kultur bei Real aus seinen Spielertagen.
Der größte Fehler war Xabi Alonsos Verpflichtung. Es hätte fußballromantisch eine herrliche Geschichte werden können. Aber genau davon ließ sich die Klubführung blenden.