ÖFB-Schiri-Chef über Fehlpfiffe und Videobeweis

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Keine Runde ohne grobe Fehlentscheidungen in der Bundesliga. Die Unparteiischen rücken zu oft in den Fokus der Kritik.

Spieler und Betreuer vermissen eine klare Linie. Ab wann in Österreich der Videobeweis zum Einsatz kommt, ist völlig offen. Österreichs Schiedsrichter glänzen bei der WM 2018 in Russland mit Abwesenheit.

Internationale Einsätze bei Top-Spielen sind rar, die Häufung an Fehlpfiffen dafür groß.

Was ist los mit den Spielleitern? ÖFB-Schiri-Chef Robert Sedlacek im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Wie stehen Österreichs Schiedsrichter zur Einführung des Videobeweises?

Robert Sedlacek: Wir werden von vielen Experten in diesem Bereich beraten und es werden uns immer wieder Berichte geliefert, wie und was, wann und wo am besten oder gar nicht funktioniert. Wir sind, was den Videobeweis anlangt, auf dem Laufenden und haben auch vorgeführt bekommen, wie die Sache funktioniert und was wichtig ist. Wie der Videobeweis funktioniert, wo er schon gelebt wird. Daher haben wir viele Erkenntnisse.

LAOLA1: Aber wann wird er in Österreich kommen?

Sedlacek: ÖFB, Schiedsrichterwesen und Bundesliga haben in den nächsten Wochen ein Meeting, in dem es aber nicht vordergründig nur um den Videobeweis geht, sondern um die Zusammenarbeit ÖFB-Bundesliga punkto Schiedsrichterwesen und wie da die Zukunft ausschaut. Und da ist sicher auch der Videobeweis ein Thema.

LAOLA1: Welche Aspekte gehören Ihrer Meinung nach besprochen?

Sedlacek: Da sind zum einen die Kosten. Der zweite Aspekt ist die Frage, wie schnell kann der Videobeweis kommen. Dafür braucht es in jedem Fall eine Vorlaufzeit, um das entsprechende Personal - sei es Techniker, sei es Schiedsrichter – einzuschulen. Das geht bestimmt nicht mit ein paar Wochen Vorlaufzeit, sondern da muss man wohl realistisch gesehen ein Jahr dafür einplanen. Dazu gehört auch eine Willenskundgebung der Vereine - wobei ich glaube, dass die das wollen - und des Schiedsrichterwesens - ja, wir stehen auch dahinter - und dann ist es noch eine Sache, wie die Finanzen geordnet werden können und dann glaube ich, dass es ein Projekt ist, das auch hierzulande in der Zukunft nicht aufzuhalten ist.

LAOLA1: Ist es finanziell zu stemmen?

Sedlacek: Es ist sicher zu stemmen, aber wie überall ist es eine Frage, wofür man das Geld ausgeben will. Und ich möchte es vorsichtig formulieren, aber alleine aufgrund der Ressourcen, die man im Schiedsrichterwesen und für die Technik braucht, kann ich mir – das ist meine persönliche Meinung – den Einsatz des Videobeweises nur in der höchsten Spielklasse vorstellen. Aber da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren, ob zukünftig in der 2. Liga bei Spitzenspielen oder vermehrt der Videobeweis zu Einsatz kommen soll. Dazu kommt ja, dass in der 1. Bundesliga ab Sommer pro Runde sechs Spiele stattfinden und es wird ja nicht so sein, dass sich ein Video-Schiedsrichter bis zu vier Spiele pro Runde ansieht und hin- und herswitcht. Das soll ja, wenn es kommt, Hand und Fuß haben.

Die Hoffnung ist - und damit meine ich, dass 2020 knapp wird - dass Alexander Harkam und Manuel Schüttengruber jene zwei sind, die in der Reihenfolge dran sind und dass einer den Schritt in die nächste Kategorie schafft.

LAOLA1: Wo steht Österreichs Schiedsrichterwesen aktuell in Europa. Warum ist bei der WM in Russland kein heimischer Referee vertreten?

Sedlacek: Wir sind momentan dort einzuordnen, wo wir sind. Wir sind einen Schritt unter der Elite, wobei der Elitebereich natürlich sehr dünn gesät ist, dort sind jene Schiedsrichter, die zu einer WM fahren oder die wichtigen Spiele in der Champions League leiten, dahinter sind wir mit drei Referees. Natürlich versuchen wir den einen Schritt zu machen, aber es ist definitiv nicht leicht, im Konzert der Großen dabei zu sein.

LAOLA1: Woran fehlt es?

Sedlacek: Wir haben Talente, haben aber auch Aspekte, die uns ein wenig bremsen. Das eine ist, dass ein Land, in dem es Profi-Schiedsrichter gibt, ein wenig im Vorteil ist. Eh klar, das bedeutet für uns bei einem Blick in die nächsten Jahre, ob wir so etwas - zumindest in einem kleinen Teilbereich - andenken sollen. Auch da sind ÖFB und Liga gefordert. Das ist aber in einem kleinen Land wie Österreich sicher schwieriger wie in Spanien, Italien oder Deutschland. Und zweitens, so ehrlich muss man sein, sind in einem Schiedsrichterwesen, wo die Unparteiischen Woche für Woche bei Top-Spielen vor 50.000, 60.000 oder 70.000 Zuschauern gefordert werden, die Schiris anders gerüstet als bei uns, wo nur wenige ausverkaufte Spitzenspiele pro Saison stattfinden. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Das ist zumindest meine realistische Einschätzung.

LAOLA1: Worauf sind die Häufungen von schweren Fehlentscheidungen der Schiris in den letzten Wochen zurückzuführen? Fehlt es an einer klaren Linie, an den physischen Voraussetzungen oder ist es Zufall?

Sedlacek: Zufall ist es keiner. Jeder Fehler ist grundsätzlich vermeidbar. Auch an der Schulung liegt es sicher nicht. Wir versuchen auch in den letzten eineinhalb Jahren davon wegzukommen, dass wir den Schiris – wie so oft behauptet wird – keine Freiheiten lassen. Aber eine Freiheit kann nur sein, in einem Bereich, wo man seine Persönlichkeit einsetzen kann, aber nicht, wo es um Regeln geht. Da ist für mich und die Schiedsrichter-Kommission zum Teil nicht verständlich, dass scheinbar klare Dinge nicht erkannt werden und dass es da offenbar Wahrnehmungsfehler gibt und die gilt es abzustellen. Wir haben da versucht, das Coaching zu verstärken und Mentoren einzusetzen. Wobei das natürlich ein schwieriger Weg ist, aber beim Blick über die Grenzen muss ich auch sagen, dass wir um nichts schlechter sind, da das Schiedsrichterwesen eben nicht nur aus guten, sondern auch aus fehlerhaften Leistungen besteht. Das ist leider so, auch wenn es den Betroffenen schwer fällt, das zu akzeptieren.

LAOLA1: Fehlt die klare Linie, für die Fritz Stuchlik einst bekannt war?

Sedlacek: Ich glaube, dass die Entwicklung der Spielregeln teilweise so ist, dass es für die Schiedsrichter immer schwieriger wird. Ob beim Handspiel oder bei den Entscheidungen bezüglich Abseits-Positionen - der Job für die Schiedsrichter wird nicht leichter.

LAOLA1: Wie gut sind Österreichs Schiris körperlich beisammen? Es gibt Gerüchte, wonach der von der UEFA praktizierte Yo-Yo-Test hierzulande durch Streikdrohungen von Schörgenhofer & Co. - eventuell aus Angst vor dem Versagen einiger Schiedsrichter - verhindert worden sei und dass zukünftig das ohnedies nur zweimalige gemeinsame Training pro Woche noch einmal reduziert werden soll. Stimmt das?

Sedlacek: Wir sind dabei, dass wir im Sommer noch einmal das Training individuell ändern. Das ist der Wunsch der Schiedsrichter, nämlich die Trainingsplanung individueller zu gestalten. Die Geschichte um den Yo-Yo-Test hat einen anderen Grund gehabt und zwar, dass er nicht wirklich überall durchgeführt wird und wir daher zum Schluss gekommen sind, dass wir ihn noch nicht einführen. Wobei man sagen muss - das kann man international sehen - unsere Schiedsrichter sind körperlich top. Das sehen wir auch bei UEFA-Lehrgängen. Da brauchen wir uns vor niemandem verstecken. Da gehören wir sicher zu den Top-Nationen dazu.

LAOLA1: Und das, wenn angeblich nur zwei Mal die Woche trainiert wird?

Sedlacek: Zwei Mal die Woche wird gemeinsam trainiert, das ist aber nicht der Hauptteil. Warum haben wir – und das gibt es auch nur in wenigen Nationen – das gemeinsame Training? Wir glauben, dass das von Nöten ist, denn bei den Zusammentreffen in den Sportzentren haben wir Fachkräfte wie Leichtathletik-, Ausdauer- oder Lauf-Trainer etc. zur Verfügung. Da werden die Schnell- und Maximal-Kraft usw. trainiert, das schafft man leichter, wenn einem ein qualifiziertes Betreuerteam zur Seite steht. Das soll zwei Mal pro Woche zusätzlich oder hauptsächlich passieren. Die Hauptarbeit - die Ausdauer - kann auch alleine in der Prater Hauptallee oder wo auch immer trainiert werden.

LAOLA1: In einem Interview haben Sie einmal als Ziel ausgegeben, 2020 einen österreichischen Schiedsrichter bei der EURO zu haben. Geht sich das aus?

Sedlacek: Noch würde es sich ausgehen, auch wenn man bedenkt, dass es dann mehr Teilnehmer und damit auch mehr Schiedsrichter gibt. Man kann leider die guten Schiedsrichter nicht aus einem Topf zaubern, das muss über Jahre wachsen und momentan – wie es scheint – wachsen wir da zu langsam.

LAOLA1: Keinen Schiedsrichter in der UEFA-Elite-Klasse, dahinter (Anm.: Kategorie 1) mit Robert Schörgenhofer einen Schiri, der 45 Jahre alt ist, dazu Harald Lechner, der sich bisher nicht durchsetzen konnte und Oliver Drachta ist international eher am absteigenden Ast – worauf bauen Sie die Hoffnungen?

Sedlacek: Die Hoffnung ist - und damit meine ich, dass 2020 knapp wird - dass Alexander Harkam und Manuel Schüttengruber jene zwei sind, die in der Reihenfolge dran sind (Anm.: sind derzeit in der Kategorie 2 eingeteilt) und dass einer den Schritt in die nächste Kategorie schafft. Dass einer dieser beiden mit einem super Jahr viel überwindet, aber es wird sicher schwer. Dennoch, es ist - wie ich schon erwähnt habe - so, dass wir da ein bisschen langsam sind, wobei es auch schön ist, dass wir als eines der wenigen Länder drei Schiedsrichter in der Kategorie 1 haben, aber die Top-Ereignisse spielen halt noch eine Stufe höher, das muss man einfach so sehen.

Da sind die Themen Video-Schiedsrichter oder die Zusammenarbeit zwischen ÖFB und Bundesliga wesentlich wichtiger, aber in der Zukunftsvision - sagen wir einmal die nächsten drei, vier Jahre - muss der Profi-Schiedsrichter sicher auch ein Thema sein.

LAOLA1: Stimmt es, dass Österreich im Gegensatz zu vielen großen und erfolgreichen Schiedsrichter-Nationen das bisherige Alterslimit von 45 Jahren aufheben wird, und Schörgenhofer dadurch weitermachen kann?

Sedlacek: Nein, das schaut ein bisschen anders aus. Die eine Sache ist, auf die FIFA-Liste wird jeder Schiedsrichter nominiert – unabhängig vom Alter. Die zweite Sache ist, wir haben bereits vor einem Jahr für die Bundesliga einen Beschluss gefasst, dass wir die Regelung mit dem Alterslimit von 45 Jahren aussetzen, wenn wir einen Mann in der Elite-Kategorie haben (Anm.: trifft bei Schörgenhofer nicht zu, der in der UEFA-Kategorie 1 aufscheint). Da würden wir uns ja selber schaden. Wenn einer in die Elite-Kategorie kommt und 45 Jahre alt ist, müssten wir ihn von der FIFA-Liste nehmen. Deshalb haben wir über unsere Rechtsexperten beim ÖFB eine Studie machen lassen und dort ist klipp und klar herausgekommen, dass dieses Alterslimit nicht aufrecht zu erhalten ist. Das wäre diskriminierend, wenn es keine klaren Gründe gibt, wie dass jemand Leistungstests etc. nicht schafft. Das Alter alleine ist in der Bundesliga also kein Grund auszuscheiden. Das ist der aktuelle Stand und das wird auch so umgesetzt. Wir werden in der nächsten Saison sicher aus Altersgründen niemanden aus der Bundesliga ausschließen.

LAOLA1: Ist es aber nicht so, dass es nicht möglich ist, einen vierten Schiedsrichter in die Kategorie 1 bei der UEFA zu bekommen? Das bedeutet, dass Talenten der Weg nach oben versperrt ist. Wie sieht ihre Strategie aus, um da entgegenzuwirken?

Sedlacek: Das ist richtig, aber das ist ein Thema, das die Bundesliga und die ÖFB-Schiedsrichter-Kommission beschäftigt, ob es einen Weg gibt und ja, darüber müssen wir in den nächsten Wochen nachdenken und da gibt es auch Vorgespräche, die bereits geführt wurden.

LAOLA1: Es ist aber richtig, dass Österreich in dieser Kategorie mit Schörgenhofer, Lechner und Drachta im Vergleich mit anderen Ländern bereits die Maximalzahl erreicht  und dadurch nachstoßende Talente international gehemmt werden?

Sedlacek: Es ist nirgendwo festgeschrieben, aber wenn große Länder zwei in dieser Kategorie haben und Österreich drei dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, einen vierten Mann zu schaffen. Möglich ist alles, was auch immer passiert.

LAOLA1: Profi-Schiris in Österreich, was ist da der letzte Stand und müssen Schiris künftig Arbeitnehmer des ÖFB werden?

Sedlacek: Wir haben das grundsätzlich schon einige Male angesprochen, das war noch unter Liga-Präsident Hans Rinner, der leider verstorben ist. Es ist eine Zukunfts-Philosophie, dass wir uns zumindest einigen, wenn möglich unseren FIFA-Schiedsrichtern, in irgendeiner Art und Weise, ein zusätzliches Einkommen zukommen zu lassen. Warum? Damit die erstens in Richtung Profi gehen und zweitens, damit sie ihren normalen Arbeitsaufwand reduzieren können und trotzdem keine finanziellen Verluste dadurch haben. Grundsätzlich ist das von der Liga nicht auf total ablehnende Haltung gestoßen. Man muss jetzt halt weitersehen, weil es in Österreich arbeits- und steuerrechtlich eben ganz andere Vorgaben gibt, wie in Deutschland oder Spanien. Sicher wäre das ein überlegenswerter Vorgang, aber da sind wir wieder beim Thema, dass das einiges Geld kostet. Und – ich weiß das von Portugal - es ist nicht gesagt, dass jeder Top-Schiedsrichter auch gleich einen Profi-Vertrag unterschreiben will.

LAOLA1: Noch einmal, bleiben wir bei den Amateuren oder gehen wir Richtung Halbprofis?

Sedlacek: Sagen wir es so, das Thema ist momentan nicht aktuell. Da sind die Themen Video-Schiedsrichter oder die Zusammenarbeit zwischen ÖFB und Bundesliga wesentlich wichtiger, aber in der Zukunftsvision - sagen wir einmal die nächsten drei, vier Jahre - muss der Profi-Schiedsrichter sicher auch ein Thema sein, das angesprochen gehört und von den zuständigen Gremien – wie auch immer – bewertet wird.

Das Gespräch führte Peter Rietzler

Textquelle: © LAOLA1.at

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