JEDER.MANN: Red Bull Salzburgs intime Einblicke

 

Inhalt der letzten Folge soll das langersehnte Auftakt-Spiel in die Champions-League gegen KRC Genk (Dienstag, 21 Uhr im LIVE-Ticker) sein.

Sprich: Das Ende eines langen Weges für einen Verein, welcher der Königsklasse viel zu lange vergeblich nachgelaufen ist. Die Erfüllung des großen Traums.

Ob es auch eine Folge mit Happy End sein wird?

Das wissen weder der FC Red Bull Salzburg noch die Macher der TV-Reihe "JEDER.MANN - Des ist Soizburg", mit welcher die "Bullen" aktuell in acht jeweils 15 Minuten langen Folgen Einblick in ihr Innenleben gewähren.

"Wir wollen uns als Klub so präsentieren, wie wir wirklich sind. Das heißt, die Doku setzt sich mit unserem Verein ebenso kritisch wie positiv auseinander. Es gibt spannende Einblicke, die man als normaler Fans sonst nie bekommen würde", erklärt Salzburgs Geschäftsführer Stephan Reiter.

Von "Sunderland 'Til I Die" bis "All or Nothing"

Dokumentationen, die einen solchen Einblick hinter die Kulissen bieten sollen, liegen im Sport derzeit voll im Trend - auch im Fußball, obwohl das deutsche "Sommermärchen" bei der Heim-WM inzwischen schon wieder fast eineinhalb Jahrzehnte her ist.

Exemplarisch sei die kultige Netflix-Produktion "Sunderland 'Til I Die" ebenso genannt wie die Amazon-Serie "All or Nothing", die in der Saison 2017/18 Manchester City begleitet hat.

"All or Nothing" nahm ihren Ursprung in der NFL, wo es die Serie inzwischen auf vier Staffeln (Arizona Cardinals, Los Angeles Rams, Dallas Cowboys, Carolina Panthers) und eine treue Fan-Gemeinde gebracht hat. Vielleicht auch wegen Szenen wie dieser, als der damalige Rams-Coach Jeff Fisher seinen Assistenten von seiner Entlassung berichtet:

Noch viel länger gibt es die HBO-Serie "Hard Knocks", in der jeden Sommer ein NFL-Team während der Saison-Vorbereitung begleitet wird.

Für solch eine Produktion braucht es den "richtigen Trainer"

Ausgangspunkt der Salzburger Idee war laut Reiter aber vor allem "All or Nothing", auf das ihn Partner A1 vor rund zwei Jahren aufmerksam gemacht habe: "Ich habe mich dann damit auseinander gesetzt und mir gedacht: Es wäre etwas Gewaltiges, wenn wir so etwas in Salzburg zusammenbringen würden."

Das Endprodukt ist seit 9. September jeweils montags um 23 Uhr auf A1now zu sehen beziehungsweise als Stream abrufbar.

Alleine schon aus Kostengründen kann und will man sich in Salzburg nicht mit den großen US-Produktionen messen, sondern vor allem seiner Vorreiter-Rolle in Österreich gerecht werden: "Natürlich gibt es Benchmarks, aber wir wollen unseren eigenen Weg beschreiten."

Dafür habe laut Reiter zuerst einmal "die Zeit reif" sein müssen: "Das Umfeld muss zu so einem Projekt passen. Zuerst einmal muss der richtige Trainer dabei sein. Das ist die wichtigste Person, die das mittragen muss. Zudem muss es die ganze Mannschaft mittragen. Aber wir haben uns gedacht, dass es ein fantastischer Augenblick ist, nachdem wir erstmals die Qualifikation für die Champions League geschafft haben."

Der Fußball muss sich öffnen

Besagter richtiger Trainer ist Jesse Marsch, der von diesem Projekt noch vor seiner Unterschrift wusste, wie Reiter erzählt: "Wir haben schon vor Monaten in einem der ersten Telefonate, das ich mit Jesse geführt habe, darüber gesprochen, ob es für ihn okay wäre, so eine Doku zu machen. Er ist neu in Salzburg, übernimmt eine Mannschaft, hat eine riesige veränderung vor sich - da geht es ein Stück weit schon um ein Riesen-Vertrauen in uns und natürlich auch die Fähigkeiten von Jesse. Mit ihm haben wir einen fantastischen Typen und Charakter, der sich darauf eingelassen hat."

"Jesse weiß vielleicht auch aufgrund seiner Herkunft, dass sich der Fußball möglicherweise ein Stück weit öffnen und neue Wege beschreiten muss."

Stephan Reiter

"Jesse weiß vielleicht auch aufgrund seiner Herkunft, dass sich der Fußball möglicherweise ein Stück weit öffnen und neue Wege beschreiten muss", so Reiter weiter.

Ein interessanter Gedanke, schließlich ist Marsch US-Amerikaner und kennt Dokumentationen wie diese aus seiner Heimat.

NFL: Strenge Kritierien bei "Hard Knocks"

Bei aller Freude, die "All or Nothing" oder "Hard Knocks" bei den Fans auslösen - die Freude bei den involvierten Teams ist vor allem bei "Hard Knocks" oftmals geringer. Während "All or Nothing" erst mit Respektabstand nach Saisonende ausgestrahlt wird, beschäftigt sich Zweiteres mit der wichtigen Phase der Saisonvorbereitung und geht auch währenddessen on air.

Mittels recht strenger Kriterien konnten die NFL-Teams, und hier vor allem die wirklich guten, die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass sie zum Handkuss kommen. Wer in den vergangenen zehn Jahren schon einmal ein "Hard-Knocks"-Team war, wer in den vergangenen beiden Saisonen zumindest ein Mal in den Playoffs war beziehungsweise wer einen neuen Head Coach installiert hat, kann nicht unfreiwillig gewählt werden.

Für 2019 blieben von 32 möglichen Kandidaten aufgrund dieser Kriterien nur deren fünf über. Über die Schulter blicken durfte man in Staffel 14 letztlich den Oakland Raiders.

Es kam jedoch auch schon vor, dass Teams sich freiwillig gemeldet haben - zumeist aus Image-Gründen. Und Image spielt sicherlich auch in Salzburg eine Rolle, warum man die Produktion in Angriff genommen hat.

Der Produzent will kein "Maulwurf" sein

Aber egal, was das Motiv ist: Kameras sind Kameras - und wenn diese im Prinzip überall eingeschaltet werden dürfen, müssen sich die Protagonisten daran gewöhnen.

Marsch: "Dreharbeiten brachten positive Energie ins Team."
Foto: © Marcus Berger

"Anfangs waren manche im Team noch ein wenig skeptisch", berichtet Marsch, "aber im Laufe der Zeit wurden die Dreharbeiten zur Normalität und haben letztlich sogar viel positive Energie in die Mannschaft gebracht. Ich hatte das Gefühl, dass Spieler und Betreuer großen Spaß dabei hatten. Es ist spannend, dass unsere harte Arbeit hautnah und so detailliert beleuchtet wurde."

Der Anspruch von "JEDER.MANN" ist es, mehr Doku und weniger Imagefilm zu sein. Die Verantwortung dafür trägt als Regisseur, Produzent und eingebetteter Kameramann Nepomuk Fischer.

Die Verantwortlichen des FC Red Bull Salzburg dürfen das Endprodukt natürlich vorab sehen - Zensur würde es laut Fischer jedoch nicht geben, wobei er hierbei gerade bei den Spielern aktiv um ihr Vertrauen geworben habe:

"Ich habe den Spielern natürlich am Anfang gesagt: Ihr könnt ganz normal weiterreden. Wenn es komisch ist, schneide ich es nicht rein. Wir zeigen auch nicht allen alles. Da geht es um ein Vertrauensverhältnis, damit sie nicht denken, da kommt jetzt der Maulwurf. Wenn ich im Bus sitze, werden sie ja zum Glück nicht stumm, wenn ich komme. Ich finde es schon wichtig, dass man eine Distanz hat, aber keine Zensur. Ich mache ja auch keine Doku-Soap, in der ich jemandem in die Pfanne hauen will, sondern für mich sind das Menschen, und die will ich zeigen."

Die Wöber-Verhandlungen gehen - teilweise - on air

Es sei nie jemand auf ihn zugekommen, dass er die Kamera ausmachen soll: "Aber wir haben die Kamera auch mal ausgemacht - freiwillig."

Der Geschäftsführer der deutschen Produktionsfirma "oinkfilm" nennt vor allem die Erlaubnis, dass er die Verhandlungen mit Neuzugang Maximilian Wöber filmen durfte, als Beispiel für maximale Transparenz.

"Ich war zweieinhalb Stunden bei den Verhandlungen von Christoph Freund und Stephan Reiter mit Maximilian Wöber und dessen Berater dabei. Das war natürlich sehr interessant - auch für mich als Geschäftsführer, da konnte ich einige Strategien erfahren."

Nepomuk Fischer

"Ich war zweieinhalb Stunden bei den Verhandlungen von Christoph Freund und Stephan Reiter mit Maximilian Wöber und dessen Berater dabei. Das war natürlich sehr interessant - auch für mich als Geschäftsführer, da konnte ich einige Strategien erfahren", schmunzelt Fischer.

Laut Reiter war dies der einzige Moment, bei dem man ein wenig diskutiert habe, ob es so gut sei, die Kameras dabei zu haben: "Da musst du ja auch Berater haben, die sich darauf einlassen. Das ist nicht so üblich. Aber man vergisst mit der Zeit, dass die Kameras dabei sind. Man blendet es aus, weil man eh so in seiner Thematik ist."

"Gerade bei den Verhandlungen haben wir zwar alles drauf, aber da wird natürlich nicht alles veröffentlicht", beruhigt der Produzent grinsend, dass keine Betriebs-Geheimnisse verraten werden.

"Manchmal haben sie es gar nicht bemerkt, dass ich sie gefilmt habe"

Ein weiterer intensiver Moment, der Fischer in Erinnerung blieb, war die Gelb-Rote Karte für Zlatko Junuzovic gegen Mattersburg: "Wir mussten schnell in die Kabine sprinten, damit wir vor ihm da sind. Ich war dann ganz alleine mit ihm dort. Er war nicht ganz so amüsiert, aber da musst du halt ein Gefühl entwickeln: Wann stellst du eine Frage oder nicht? Wann bist du eher Beobachter?"

Im Endeffekt müsse man "ein Fisch sein, der im Schwarm mitschwimmt", findet der Deutsche.

Hubschrauber-Kameras, Drohnen - während gerade bei den Tests gegen Chelsea und Real mit modernster Technik und großem Auwand gedreht wurde, für das Real-Spiel Christoph Freund beziehungsweise rund um das Mattersburg-Spiel Franz Schiemer verkabelt wurden, wurden diese "normalen" Szenen mit kleinen Handkameras gedreht. Die jeweils zwei Kameramänner waren stets gekleidet wie andere Mitglieder des Betreuerstabs - alles, um möglichst wenig aufzufallen.

"Drinnen in der Kabine ist es ja lustigerweise immer das Gleiche! Da gibt's den Lustigen, den Kämpfer, den Akribischen, den Ruhigen. Wie diese Charaktere zusammenwirken, ist das Interessante."

Nepomuk Fischer

"Manchmal haben sie es gar nicht bemerkt, dass ich sie gefilmt habe", glaubt Fischer, dem es vor allem um die hintergründigen Eindrücke geht:

"Ich will keinen verlängerten Sportstudio-Beitrag machen, ich bin kein Sportjournalist, es soll schon anders sein. Ich will die Personen so rüberbringen, dass der Zuschauer denkt, er sitzt in der Kabine, lernt die Typen mal ein bisschen näher kennen und sieht nicht immer nur die Nummer, die eingewechselt wird oder ein Tor schießt. Wenn Erling Haaland, der Spitzbub, seine Späße macht, wollen wir das rüberbringen."

"Sicher, vom Niveau der Spieler, des Trainer-Teams und der Facilities ist es etwas anderes als beim Hobby-Kicker in der Amateurklasse. Aber drinnen in der Kabine ist es ja lustigerweise immer das Gleiche! Da gibt's den Lustigen, den Kämpfer, den Akribischen, den Ruhigen. Wie diese Charaktere zusammenwirken, ist das Interessante."

Der sportliche Drama-Moment fehlt

Und genau deshalb lässt es sich für Fischer auch verkraften, dass - zumindest bislang - aufgrund der Salzburger Siegesserie der sportliche Drama-Moment fehlt.

Rein dramaturgisch war es für das "Sommermärchen" wohl besser, dass Deutschland 2006 nicht Weltmeister wurde. Zumindest bei den NFL-Episoden wurde die Frage "All or Nothing?" bislang stets mit "nothing" beantwortet. Und "Sunderland 'Til I die"? Tja, diese Serie endet gar in der ultimativen sportlichen Tragödie.

Für Fischer macht wett, dass er "so nah rangelassen wurde, wie zumindest im europäischen Fußball noch nicht". Klar hätte Salzburg bislang während der Dreharbeiten viel gewonnen, aber: "Es gibt einen unglaublichen Konkurrenzkampf. Nicht alle Spieler sind zufrieden, auch wenn sie gewinnen. Parallel passiert eben so etwas wie mit Wöber, der mit seiner Rapid-Vergangenheit gekauft wird. Also nein, bisher geht uns der Stoff nicht aus!"

Ein Happy End nach dem Risiko?

Und planbar war dies so laut Reiter auch wieder nicht: "Natürlich hätte man es nicht schöner zeichnen können und es schaut im Film auch super aus, aber es hätte ganz anders sein können. Wir sind auch ein Risiko eingegangen."

"Dass wir mit einer neuen Mannschaft gegen Real so gut spielen, dass wir gegen Chelsea eine gute Figur machen, dass wir gegen Rapid das Auftaktspiel im Allianz Stadion gewinnen, ist im Nachhinein alles super, aber das weiß man ja vorher nicht. Und wir wissen ja jetzt auch noch nicht, wie das erste Spiel in der Champions League ausgeht."

"Wir haben 13 Wochen für die Champions League", sagt Marsch gleich zu Beginn der Serie.

Am Dienstag geht es um das Happy End - im echten Leben wie auch auf der Leinwand.

Textquelle: © LAOLA1.at

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