Im "Aiwu-Style" zum Rapid-Leader

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"Wenn sich irgendwo eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo eine andere."

Dieses Motto gab Emanuel Aiwu vor fast genau einem Jahr in einem LAOLA1-Interview aus. Damals wurde er mit einem geplatzten Transfer zu RB Salzburg vor mittlerweile zwei Jahren konfrontiert, der ihn zu Admiras Rekordverkauf gemacht hätte, doch die Südstädter winkten ab - zur kurzfristigen Enttäuschung des aufstrebenden Talents.

Seit vergangenem Sommer ist bekannt, wo sich die andere Tür aufgetan hat, nämlich ausgerechnet bei Salzburgs Dauerrivale Rapid. Unverhofft kommt oft, denn dass der hochbegabte Jungspund trotz Angeboten aus dem Ausland noch einen Zwischenschritt in Österreich machen würde, kam doch überraschend.

"Ich habe einige Gespräche geführt und hatte bei Rapid einfach das beste Gefühl. Der Plan, den sie mir vorgestellt haben, hat mich sehr überzeugt. Bis jetzt muss ich sagen, dass es für mich eindeutig die richtige Entscheidung war", bereut es der seit kurzem 21-jährige Sohn eines Nigerianers und einer Österreicherin im LAOLA1-Interview nicht, nicht schon jetzt eine der europäischen Top-Ligen zu beackern.

"Rapid ist ein Riesenverein und ich bin sehr froh und dankbar, dass ich hier sein darf. Für mich war es der perfekte nächste Schritt, um mich gut weiterzuentwickeln, um dann vielleicht in der Zukunft – das wird man dann eh sehen – gewappnet zu sein für größere Aufgaben."

Der Frühjahrsauftakt mit dem Aus im Cup-Viertelfinale gegen Hartberg war alles andere als ein Stimmungsaufheller. Im Mittelpunkt dabei stand auch Aiwu, dessen schwerer Patzer zum 1:1 das Spiel kippen ließ. Den in Innsbruck geborenen und in St. Pölten aufgewachsenen ÖFB-U21-Teamkapitän darauf zu reduzieren, wäre jedoch der falsche Ansatz. Zu wertvoll ist die Aktie Aiwu für Rapid - als Youngster mit extremer Reife, als Führungsspieler und als Typ mit ganz eigenem Style.

Wenn der Youngster das Kommando übernimmt

Der Defensiv-Akteur kam im Sommer als 20-Jähriger, hatte damals schon 87 Pflichtspiele für die Admira absolviert. Aiwu musste vom ersten Tag an bei Rapid funktionieren, obwohl das neue Umfeld doch herausfordernd war. Die Vielzahl an Spielen war zusätzlich eine neue, ungewohnte Erfahrung.

"Es ist halt im Gegensatz zur Admira schon um einiges größer, es sind mehr Spiele, vor allem die internationalen Spiele. Die Möglichkeit, sich auf so einer internationalen Bühne zeigen zu können, ist schon etwas Großartiges. Da ist auch dementsprechend das Niveau um einiges höher, das Spiel generell schneller, die Zweikämpfe sind intensiver und man darf sich auch weniger Fehler erlauben", bedurfte es durchaus Anpassungsfähigkeit seitens des Spielers.


VIDEO - Aiwu im LAOLA1-Talk:
(Text wird unter dem Video fortgesetzt)

Allerdings trauten die Rapid-Verantwortlichen dem Neuzugang zu, damit umzugehen. Denn anders als viele seiner gleichaltrigen Kollegen glänzt Aiwu mit seiner extremen Reife, seinen fußballerischen Fähigkeiten und Führungsqualitäten - und das in so jungem Alter.

Es konnte als durchaus imponierend wahrgenommen werden, dass plötzlich der Youngster das Sagen in der Viererkette hatte, er derjenige war, der viel routinierteren Neben- und Vorderleuten Anweisungen gab und versuchte, das Spiel in geregelte Bahnen zu lenken.

Extreme Reife: "Brauche mich nicht zu verstecken"

Die Motivation und gleichzeitig Unbekümmertheit spiegelt sich in seinem Spiel wider. Aiwu verstellt sich nicht, geht voran - schließlich hat er sich hohe Ziele gesteckt. Woher er diese Frühreife nimmt?

"Ich bin damals früh von daheim ausgezogen, bin mit 13 Jahren bei der Admira ins Internat gekommen und musste dann auch schon mit älteren Spielern zurechtkommen, so dass ich mir gedacht habe: Ich brauche mich auch nicht so zu verstecken."

Emanuel Aiwu

"Ich bin damals früh von daheim ausgezogen, bin mit 13 Jahren bei der Admira ins Internat gekommen und musste dann auch schon mit älteren Spielern zurechtkommen, sodass ich mir gedacht habe: Ich brauche mich auch nicht so zu verstecken." Diese Erfahrungen prägten Aiwu, auch auf dem Platz: "Auf der Innenverteidiger-Position habe ich das Spiel vor mir und versuche einfach meinen Mitspielern mit Coaching zu helfen."

Der Neuzugang dirigiert, gibt Anweisungen und versteckt sich nicht hinter weitaus erfahreneren Kollegen. "Ich versuche einfach – egal auf welcher Position – mein Bestes zu geben. Ich denke, dass es auch zu einem guten Innenverteidiger dazugehört, dass man seinen Vorderleute mit Coaching hilft und es ihnen auch teilweise das Spiel leichter macht, wenn man ihnen etwa sagt, dass sie Zeit haben und sich aufdrehen können."

Das darf er vorrangig in der Innenverteidigung. Ehrlicherweise gibt Aiwu auch zu, dass er sich dort am wohlsten fühlt, da er die meisten Profi-Spiele auf dieser Position absolviert hat. Es störe ihn aber keineswegs, wenn er wie gegen Hartberg im defensiven Mittelfeld eingesetzt werde, selbst als Außenverteidiger kam er schon zum Einsatz.

Vorbild Alaba - und Parallelen

Dabei leugnet er nicht, dass er früher durchaus den Drang in die Offensive hatte. "Früher, als kleiner Junge, wollte ich schon immer vorne herumlaufen, aber mittlerweile hat sich das gelegt", lacht die rot-weiß-rote Nachwuchshoffnung, für die es trotz Anfrage nie ein Thema war, für Nigeria aufzulaufen.

Damals kam er auch im Mittelfeld zum Einsatz, sogar offensiv als Zehner. "Aber im Laufe der Zeit hat es sich immer mehr nach hinten verlagert. Jetzt haben wir andere gute Offensivspieler, die dafür zuständig sind", spricht Aiwu ein Phänomen an, das normalerweise in die Jahre gekommene Offensiv-Akteure betrifft, welche die letzten Jahre ihrer Karrieren oftmals als Verteidiger ausklingen ließen.

Oder aber wie es das Phänomen David Alaba vorzeigte, das seine größten Erfolge trotz offensiver Wunschvorstellungen als Links- bzw. Innenverteidiger hatte und dort zu den Besten der Welt zählt. Aiwu verglich seinen Spielstil einmal mit jenem von Alaba und eifert seinem Idol nach. Dabei bestätigt er, dass der jetzige Real-Profi für seine Generation nur ein Vorbild sein kann, wie weit man es von Österreich aus schaffen kann.

"Auf jeden Fall! Er ist Vorbild für alle österreichischen Fußballer. Das, was er erreicht hat, ist einzigartig. Er hat in jeder Mannschaft funktioniert, immer Leistung gebracht, Titel gefeiert und hat einfach eine großartige Karriere. Da kann man sich als Fußballer einiges anschauen", streut der Youngster dem 29-Jährigen, der ebenfalls Halb-Nigerianer ist, Rosen.

WM-Traum mit ÖFB-Team? Auch Ausland bleibt das Ziel

Wo Alaba schon seit Jahren ist, will Aiwu schlussendlich einmal hin. Nicht immer ist Tempo bei Zukunftsentscheidungen ratsam. Der Defensivakteur hat sich mit Rapid für einen Verbleib in Österreich entschieden, der Traum von einer großen Liga ist im Alter von 21 Jahren aber gerade einmal aufgeschoben.

Die Premier League ist nach wie vor seine Lieblingsliga, Manchester City in seiner Gunst weit vorne, ebenso wie die Trainer-Künste von Pep Guardiola. Sich irgendwann mit den Besten der Welt zu messen, motiviert den Rapidler nur noch mehr.

"Langfristig ist das schon immer noch mein Ziel. Aber es ist gut, wenn man sich Step by Step nach vorne arbeitet, als einen zu großen Schritt zu machen und dann einige Schritte zurückgehen zu müssen", steht Aiwu zu seinem bisherigen Karriereweg, der sich auch so sehen lassen kann.

Aiwu-Jubel im ÖFB-U21-Nationalteam
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Als vorläufige Krönung fehlt vielleicht noch die erste Einberufung ins A-Nationalteam. In der U21 unter Werner Gregoritsch war er bisher nicht wegzudenken, als Kapitän führt er die Nachwuchsauswahl an - doch die große Bühne in Rot-Weiß-Rot lässt noch auf sich warten. "Das ist, glaube ich, auch ein Ziel von jedem Spieler. Ich versuche einfach, Tag für Tag hart zu arbeiten, gute Leistungen zu erbringen. Dann wird man eh sehen, ob es für eine Einberufung reicht oder nicht."

Gerade in der Innenverteidigung hatte Österreich in den vergangenen Jahren selten einen Engpass, trotzdem weiß man ÖFB-intern, was man an Aiwu hat. Die WM 2022 ist das nächste Großereignis, wofür sich das ÖFB-Team hoffentlich noch qualifiziert. Dieses Ziel könnte jedoch zu kurzfristig sein. "Mit der WM habe ich mich noch nicht beschäftigt, muss ich ehrlich sagen. Ich schaue, dass ich von Tag zu Tag denke, fit bin, Leistungen bringe und der Rest kommt eh von alleine."

Der spezielle Aiwu-Style: "Nebenaspekt, wo ich mich austoben kann"

Der Youngster ist eine interessante Persönlichkeit, hat stets ein Lächeln auf den Lippen, wirkt immer motiviert und konzentriert. Vor allem macht es den Eindruck, als würde Aiwu sein Leben und sein Dasein als Profi in vollen Zügen genießen.

Der Typ Aiwu wirkt auf den ersten Blick speziell. Deshalb überrascht es, wie sich der Spieler selbst beschreibt: "Prinzipiell bin ich eine offene, lustige Person, aber ich führe eigentlich auch ein sehr ruhiges, einfaches Leben. Neben dem Fußball mache ich viel mit meiner Familie, wenn es sich zeitlich ausgeht, oder verbringe Zeit mit meiner Freundin."

Aufgrund seines eigenen, speziellen Styles und Kleidungsstils, seiner Präsenz auf Instagram und seinem Lifestyle könnte man anderes erwarten. Aiwu weiß, dass er sich in dieser Hinsicht von anderen abhebt. Auch Erling Haaland war unlängst damit konfrontiert, öffentlich mit eigenwilligen Outfits aufzufallen, und meinte angesprochen auf Kritik seiner Mitspieler: "Das ist nur, weil es andere einfach nicht tragen können."

Ähnlich verhält es sich beim Rapid-Verteidiger. "Ich interessiere mich halt für Mode, das ist für mich auch eine kleine Leidenschaft neben dem Fußball. Ich mag es halt, verschiedene Dinge auszuprobieren, die vielleicht nicht jeder Mensch oder Spieler macht. Aber das ist so ein Nebenaspekt, wo ich mich ein bisschen austoben kann. Aber nichtsdestotrotz führe ich trotzdem ein relativ einfaches und ruhiges Leben abseits des Fußballs."

Zum Hobby Mode kommen auch noch seine Musik-Leidenschaft - vorrangig Hip Hop - sowie künstlerische Fähigkeiten. Zum Kabinen-DJ hat es aber trotz Musik-Expertise noch nicht gereicht, wie Aiwu gesteht: "Nein, den Job habe ich noch nicht übernommen, den übernimmt derzeit noch Pauli (Anm.: Gartler), den kann er sich auch behalten. Er performt bisher sehr gut, muss ich sagen." Die neue Nummer 1 der Hütteldorfer zwischen den Pfosten wird dieses Feedback freuen.

Erfolg "vorgezeichnet"? Feldhofer und Rapid: "Passt hervorragend zusammen"

Was wohl die wenigsten wissen, ist jedoch, dass der beinharte Abwehrrecke zum Ausgleich auch gerne einmal zum Stift greift und seiner Kreativität freien Lauf lässt. "Ich bin zeichnerisch begabt, aber es ist jetzt nicht so, dass ich in meiner Freizeit täglich Gemälde zeichne. In der Schule haben wir halt Zeichnen gehabt, da war ich nicht so schlecht. Aber das war's auch schon wieder."

Ob man seine Kunstwerke jemals bestaunen wird oder sie doch eher im geheimen Kämmerchen bleiben? "Ich glaube, das bleibt eher versteckt (lacht). Vielleicht, schauen wir mal. Aber es ist kein Ziel von mir, das mit der Öffentlichkeit zu teilen", schließt es Aiwu aber auch nicht kategorisch aus.

Aktuell steht aber Rapid im Vordergrund. Seiner Meinung nach hat sein Team im Herbst noch bei weitem nicht alles ausgespielt, was möglich wäre. "Ich denke, dass wir viele gute Spiele hatten, aber oft am Ende unglücklich die Gegentore eingefangen und Punkte liegen gelassen haben. Jetzt heißt es, dass wir in der Rückrunde effizienter werden, Spiele über die Zeit bringen, gewinnen, attraktiven Fußball spielen. Mit dem neuen Trainer wird das sehr gut funktionieren."

So wie Aiwu vom neuen Cheftrainer schwärmt, dürfte es sich um ein "Match" mit Rapid und auch ihm persönlich handeln. "Meiner Meinung nach passt das hervorragend zusammen. Der Trainer versucht, dass wir alternativen, aktiven Fußball spielen, selber viel den Ball haben, hohes Pressing spielen, was mir auch sehr gut gefällt. Die Vorbereitung war sehr gut für uns, dass wir die Spielphilosophie, die er sich vorstellt, noch besser verinnerlichen können. Ich muss sagen, dass ich mich schon auf die nächsten Pflichtspiele freue."

Mit Salzburg könnte die Hürde zum Bundesliga-Rückrundenstart nicht größer sein. Aiwu kann dem Erzrivalen aber so auf seine ganz spezielle Art und Weise zeigen, was den Mozartstädtern durch den geplatzten Transfer vor zwei Jahren entgangen ist.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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