Kabinen-Predigt mit Wirkung

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"Wir sind eben nicht Barcelona"

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Das Glück des Tüchtigen.

Die Wiener Austria feierte am 9. Spieltag einen knappen 2:1-Erfolg gegen Meister Sturm Graz. Lange Zeit sah es jedoch nicht nach drei Punkten für die Veilchen aus.

Die dezimierten Grazer, die gleich neun Spieler verletzungsbedingt vorgeben mussten, führten bis zur 80. Spielminute dank eines frühen Treffers von Darko Bodul mit 1:0 (11.).

Doch dem eingewechselten Michael Liendl gelang mit seinem ersten Ballkontakt per Weitschuss der Ausgleich (80.), Nacer Barazite fixierte vier Minuten später den umjubelten Endstand (84.) und sorgte für den ersten violetten Heimsieg gegen Sturm seit dem 11. April 2010.

„Es war ein Hin- und Hergeschiebe“

20:7 Torschüsse, 841:479 Ballkontakte und 54,8% gewonnene Zweikämpfe sprachen schlussendlich auch für einen verdienten Sieg. Doch die Statistik täuschte.

Der Meister machte den Hausherren das Leben enorm schwer, zog sich weit zurück und lauerte auf Konter. Das Rezept schien aufzugehen. Austria konnte aus der optischen Überlegenheit zunächst keinen Profit schlagen.

„Wir haben vor der Pause zu lauwarm agiert. Wir hatten viel Ballbesitz, aber keine zwingenden Möglichkeiten. Es war ein Hin- und Hergeschiebe vor dem Tor. Das hat uns nicht geholfen. Sturm war sehr kompakt, sehr defensiv eingestellt“, berichtete Zlatko Junuzovic gegenüber LAOLA1.

Kabinen-Predigt

Auch Trainer Karl Daxbacher war mit den ersten 45 Minuten alles andere als zufrieden. „Wir müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, dass wir zu Beginn zu wenig Druck, Laufbereitschaft und Leidenschaft gezeigt haben. Es war zu wenig aggressiv, zu wenig bissig, da wir immer versuchen, alles spielerisch zu lösen. Dafür haben wir die Rechnung präsentiert bekommen.“

Zur Pause wurde es daher laut in der Kabine. „Ich habe meiner Mannschaft gesagt, dass sie auch laufen und kämpfen muss. Man muss das Glück erzwingen und auch spüren. Das hat man in der ersten Hälfte überhaupt nicht gespürt“, so der Niederösterreicher.

Junuzovic ergänzte: „Der Trainer hat uns heftig darauf hingewiesen, dass wir lasch spielen. Er hat uns heiß gemacht, hat gesagt, dass wir von der Körperhaltung und der Aggressivität anders auftreten müssen.“

„Konnten Chancen kreieren“

Und die „Kabinen-Predigt“ trug Früchte. Austria wirkte nach dem Seitenwechsel entschlossener, doch erst in der 80. Minute sollte die optische Überlegenheit in Zählbares umgemünzt werden.

Warum es solange dauerte? „Sturm hatte sehr viele Ausfälle und wollte daher zunächst hinten gut stehen. Das ist ihnen gut gelungen. Mit zunehmender Spieldauer sind sie aber kaum mehr aus ihrer Hälfte gekommen. Es gab nur einen wirklich gefährlichen Konter nach dem 1:1, den haben sie aber ganz schlecht gespielt. Wir sind verdient zur Führung gekommen, weil wir Druck ausgeübt haben und Chancen kreieren konnten“, analysierte Junuzovic.

Trotz der Freude über den spät errungenen Sieg, gab sich Österreichs Fußballer des Jahres 2010 auch kritisch.

„Wir sind aber nicht Barcelona“

 „Wir wollen immer Klein-Klein-Spielen, Doppelpässe einbauen und erst nach 40 Ballstationen aufs Tor schießen. Wir sind aber nicht Barcelona. Die können so spielen, aber wir nicht. Wir müssen auch durch den Kampf ins Spiel kommen. Das ist uns erst in der zweiten Hälfte gelungen. Da hat alles gepasst und dann kommst du auch zu Chancen.“

Dass ausgerechnet Liendl den Turnaround einleitete, freute Daxbacher. Schließlich ging der FAK-Coach ein hohes Risiko, das auch nach hinten losgehen hätte können.

„Waren die klar bessere Mannschaft“

„Ich habe mit Tadic, Gorgon und Liendl drei Offensivspieler gebracht und dabei mit Linz unseren treffersichersten Spieler runter genommen. Das war schon ein gewisses Risiko, denn man hätte damit rechnen können, dass, wenn einer ein Tor macht, dann Linz. Doch Roli ist heute nix gelungen. Ich wollte in der Schlussphase schnelle Spieler vorne sehen und habe deswegen umgestellt, Tadic und Barazite vorgezogen und Liendl für die Mitte eingetauscht. Ich freue mich, dass er getroffen hat, denn er hat eine schwere Zeit hinter sich, war manchmal gar nicht im Kader, das Tor tut ihm sicher gut."

Das End-Resümee des 58-Jährigen:  "Sturm ist am Ende für die Passivität nach dem 1:0 bestraft worden. Wir waren die klar bessere Mannschaft, ständig am Drücker, haben versucht, das Spiel unbedingt umzudrehen und am Ende verdient gewonnen.“

Oder die Austria hatte eben das Glück des Tüchtigen…

Martin Wechtl/Harald Prantl

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