Lukas Müller: "Mein Unfall ist ein Präzedenzfall"

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Während in den nächsten Tagen bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld seine ehemaligen Skisprung-Kollegen Stefan Kraft und Michael Hayböck in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken, sucht Lukas Müller diese aus einem ganz anderen Grund.

Der ehemalige ÖSV-Skispringer sitzt seit einem schweren Unfall als Vorspringer beim Skifliegen am Kulm im Jänner 2016 im Rollstuhl und befindet sich seit damals in einem Rechtsstreit mit der Geschäftsführung des ÖSV.

Und das kam so: "Ich war Vorspringer und als solcher erweist du dem Veranstalter einen Dienst. Ich habe das damals nicht gewusst. Als Vorspringer werden wir entlohnt und ich habe angenommen, dass ich damit ganz normal angestellt bin", erklärt Müller.

Müller: "Eine rechtliche Grauzone"

Doch das war nicht der Fall. Zumindest argumentiert die Geschäftsführung der Austria Ski WM- und Großveranstaltungs-GmbH so. Deren Geschäftsführer sind ÖSV-Präsident Dr. Peter Schröcksnadel und ÖSV-Generalsekretär Dr. Klaus Leistner. "Das heißt, wir befinden uns da in einer rechtlichen Grauzone. Die Situation ist sowohl für mich, für uns Sportler, aber auch für den Verband unklar", weiß Müller inzwischen.

Die Kärntner Gebietskrankenkassa hat zunächst mit Bescheid festgestellt, dass Müller als Arbeitnehmer der GmbH zur Sozialversicherung angemeldet hätte werden müssen.

Gegen den Bescheid der Kärntner GKK erhob die Austria Ski WM und Großveranstaltungs-GmbH Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht und erhielt zunächst Recht. Müller sei als Vorspringer nicht als Arbeitsnehmer, sondern als professioneller Einzelsportler und somit als "neuer Selbständiger" einzustufen.

Entscheidung des Revisionsverfahren ist offen

Demnach sei Müllers Sturz von der Schanze nicht als Arbeitsunfall zu qualifizieren, womit ihm auch finanzielle Entschädigungen verwehrt bleiben. Allerdings hat das Bundesverwaltungsgericht auch ausdrücklich eine Revision zugelassen, welche im Dezember 2018 von Müller auch erhoben wurde. Rechtsanwalt Dr. Andreas Ermacora (www.advokatur.at) vertritt Müller in diesem Revisionsverfahren. Die Entscheidung darüber wird in den nächsten Monaten erwartet.

Der 26-Jährige will mit seinem Gang durch sämtliche juristischen Instanzen erwirken, dass nicht weitere (Berufs)Sportler - im Glauben an ein sicheres Dienstverhältnis – ein ähnliches Schicksal erleiden wie er und bei einem möglichen schweren Unfall nicht nur aus allen sportlichen Träumen gerissen werden.

"Mir ist immer mehr klar geworden, dass mein Unfall ein kompletter Präzedenzfall in Hinblick auf die sozialversicherungsrechtliche Stellung von Sportlern darstellt."

Lukas Müller

"Mir ist immer mehr klar geworden, dass mein Unfall ein kompletter Präzedenzfall in Hinblick auf die sozialversicherungsrechtliche Stellung von Sportlern darstellt", sagt Müller im Gespräch mit LAOLA1. "Und es gibt sicher den einen oder anderen vergleichbaren Unfall", ergänzt der dreifache Junioren-Weltmeister aus Spittal an der Drau.

Auch der schreckliche Verkehrsunfall von Vanessa Sahinovic  - die damals 15-jährige Synchronschwimmerin aus Niederösterreich ist bei den Europa-Spielen im Juni  2015 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (1st European Games) auf einem Gehsteig von einem Shuttle-Bus der Veranstaltung angefahren und schwer verletzt worden – ist so ein Fall, der wie jener von Lukas Müller nach Rechtssicherheit schreit. Ein Berufssport-Gesetz, das die Rechtsbeziehung zwischen Berufssportlern und Partnern regelt, ist wohl dringend gefordert und sollte Personen wie Lukas Müller Sicherheit geben und ihnen bei einem möglichen Unfall helfen.

Querschnittlähmung - Herausforderung und Belastung

Denn eines kann der Kärntner aus eigener Erfahrung berichten: "Eine Querschnittlähmung ist neben der gesundheitlichen auch eine lebenslange finanzielle Herausforderung und Belastung. Die ständig erforderlichen Therapien, Reha-Aufenthalte und Medikamente sowie Hilfsmittel verursachen einen enormen finanziellen Aufwand. Ich muss sagen, dass ich großartige Therapeuten habe, ohne die ich meinen heutigen Zustand nie erreicht hätte. Viele Leute aus meinem Umfeld fragen außerdem immer wieder nach mir und interessieren sich für meine Entwicklung, den Gesundheitszustand, Fortschritte, aber auch Rückschläge. So gesehen bin ich eigentlich sehr gut aufgehoben."

Müller spricht dabei auch von der mentalen Belastung: "Ich habe immer gewusst, dass ich von meiner Persönlichkeit her mit so einem Unfall vielleicht besser umgehen kann als andere Unfallopfer. Trotzdem ist eine Querschnittlähmung eine so schwerwiegende Beeinträchtigung des Lebens, die von außen nur schwer nachvollziehbar ist. Aber ich bin auch kein Roboter und ich kann das Teil, auf dem ich gerade sitze, oft nicht mehr sehen, wenn es mich traurig stimmt. Aber gut, das gehört dazu."

Großer Unterschied zwischen Freizeitunfall und Arbeitsunfall

Neben der mentalen Schwierigkeit, mit der Situation umzugehen, kommt für fast alle Unfallopfer aber auch die finanzielle. Müller merkt an: "Es ist ein großer Unterschied, ob mein Sturz auf dem Kulm oder ähnliche tragische Ereignisse von Kolleginnen und Kollegen als Freizeitunfall oder als Arbeitsunfall gelten."

"Wenn du einen Querschnitt hast, dann ist fast immer deine Blase betroffen. Das heißt, du musst externe Hilfsmittel nehmen, damit du aufs Klo gehen kannst. Wenn du einen Arbeitsunfall hast, dann werden dir die Hilfsmittel bezahlt - wenn nicht, dann darfst du dir die Katheter selber bezahlen."

Lukas Müller

Müller nennt ein Beispiel: "Wenn du einen Querschnitt hast, dann ist fast immer deine Blase betroffen. Das heißt, du musst externe Hilfsmittel nehmen, damit du aufs Klo gehen kannst. Wenn du einen Arbeitsunfall hast, dann werden dir die Hilfsmittel bezahlt - wenn nicht, dann darfst du dir die Katheter selber bezahlen. Für ein Bedürfnis, das jeder Mensch täglich hat. Eine private Unfallversicherung übernimmt solche Dinge nie, das übernimmt nur die staatliche AUVA. Und das ist der springende Punkt, warum ich mich für die Sache so einsetze und jetzt durch alle Instanzen gehe, was für mich eine ordentliche finanzielle und zusätzliche mentale Belastung ist."

Müller fand für sein Vorhaben Verbündete, wobei auch der Zufall Regie führte. Seine ehemalige Tanzpartnerin aus seiner Schulzeit in Kärnten arbeitet inzwischen in Wien in der Rechtsanwaltskanzlei von Rechtsanwältin Christina Toth (www.sportanwaeltin.at). "Nach einem gemeinsamen Treffen und meinen Schilderungen stand für Toth und ihr Team fest, dass ich mich mit meinem Fall am besten an die Gewerkschaft wenden soll, die ohnehin schon seit längerem mehr Rechtssicherheit für alle Sportler fordert. Und genau darum geht es in meinem Fall."

Daher ist Lukas Müller auch der erste Nicht-Fußballer, der sich der Kicker-Gewerkschaft anschloss und sein Anliegen in die Hände der "younion – Die Daseinsgewerkschaft" legte.

VdF soll zur Sportgewerkschaft wachsen

VdF-Sekretär Gernot Baumgartner, der sich für solche Fälle als Anlaufstelle sieht, erläutert: "Wir haben schon seit einiger Zeit das Vorhaben, unsere Hilfestellung auf den ganzen Sport auszubreiten. Die Causa Lukas Müller zeigt uns sehr deutlich auf, dass es absolut notwendig ist, die Rahmenbedingungen für Sportlerinnen und Sportler zu verbessern. Das Know-How und die Erfahrung aus dem Fußball ist sicherlich ein großer Vorteil, um mit einer Sportgewerkschaft allen zu dienen."

Auf der Startseite der Vereinigung der Fußballer (www.vdf.at) kommt unter anderem ÖFB-Kapitän und Leverkusen-Legionär Julian Baumgartlinger zu Wort: "Die VdF verpflichtet sich, Missstände im Fußball aufzuzeigen und zu thematisieren." Mit dem Fall Müller ist klar, dass sich die Organisation nicht nur um Fußballerinnen und Fußballer kümmert, sondern sich als Stimme aller Sportler sieht. Die Sportler-Gewerkschaft legt dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die individuelle und kollektive Beratung sowie Hilfestellung für ihre Mitglieder in rechtlichen Angelegenheiten.

Lukas Müller braucht diese Hilfestellung. Er galt einst als große Skisprung-Hoffnung des ÖSV. Müller war Weltmeister bei den Junioren, ehe ihn am 13. Jänner 2016 ein verhängnisvoller Sturz auf dem Kulm in den Rollstuhl zwang. Ein Materialproblem - angeblich hat sich während des Flugs aufgrund des großen Drucks die über den Rist führende Schuhschnalle geöffnet - holte den Youngster vom Himmel.

Passiert ist der Unfall im Vorfeld der Skiflug-Weltmeisterschaft beim "Einfliegen" der Vorspringer auf dem Monster-Bakken in Bad Mitterndorf. Der Kärntner verliert aus einer guten Flugposition in der Luft plötzlich die Balance, der linke Ski drückt zum Körper und leitet eine Rotation ein, die bei dichtem Schneetreiben bei ca. 120 Meter zu einem schweren Sturz führt. Was bleibt ist eine nichtrevidierbare Querschnittlähmung, ein ziemlich heftiger Einschnitt in eine junge, hoffnungsvolle Sportler-Karriere und jede Menge Rechtsfragen.

Müller: "Eine Tür ist zugegangen, zehn andere haben sich geöffnet"

Lukas Müller nimmt sein Schicksal an, gibt sich trotz des schweren Unfalls äußerst positiv und lässt wissen: "Der Sturz hat mir meine hundert Prozent Gesundheit genommen. Die Skispringer-Tür ist zugegangen, zehn andere haben sich geöffnet." Freunde, Bekannte und Ex-Kollegen unterstützen den jungen Mann im Rollstuhl.

Müller schließt 2016 – noch im Jahr des Unfalls – eine Ausbildung ab. "Ich bin staatlich geprüfter Finanzberater. Ich habe die Ausbildung noch vor meinem Unfall begonnen und sie nach meinem Unfall abgeschlossen. Über mein Leben darf ich mich nicht beschweren. Es passiert so viel, das mich von meiner Situation wegbringt, ich habe genug Aufgaben, die ich täglich bewältigen muss und die rein gar nichts mit dem Rollstuhl zu tun haben", erklärt Müller.

Fad wird ihm jedenfalls nicht, auch weil ihn die Gerichte auf Trab halten. Und weil er zu einem Vorreiter für eine völlig neue Situation für heimische Berufssportler werden kann. "Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Und auch diesen Kampf will ich annehmen", untermauert Müller seine Kraft und Zielstrebigkeit.

Textquelle: © LAOLA1.at

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