Interview

Lukas Müller 10 Jahre nach dem Sturz: "Ganz große Portion Glück"

Im LAOLA1-Interview spricht der ehemalige Skispringer über seine Zeit nach dem Sturz und erklärt, warum er trotz seiner erreichten Leistungen nie sagt, dass er stolz auf sich ist.

Lukas Müller 10 Jahre nach dem Sturz: "Ganz große Portion Glück" Foto: © Red Bull Content Pool

Runde zehn Jahre ist es her, dass ein Sturz das Leben von Lukas Müller vollkommen veränderte.

Der 33-Jährige kam am 13. Jänner 2016 als Vorspringer bei der Skiflug-Weltmeisterschaft am Kulm schwer zu Sturz und zog sich eine inkomplette Querschnittslähmung zu.

Seit diesem Tag ist viel passiert, Müller hat "viele Meilensteine erreicht". Im LAOLA1-Interview spricht er über den Tag seines Unfalls, seine Entwicklung und Wünsche, die er an die Gesellschaft in Bezug auf den Umgang mit Querschnittsgelähmten hat.

"War der Meinung, wenn man sich Genick bricht, ist man tot"

An jenen Tag des Unfalls kann er sich noch gut erinnern, lediglich wenige Details aus der Intensivstation würden ihm fehlen.

Nach der Diagnose war er sich durchaus schnell bewusst, wie knapp es war, mit dem Leben davongekommen zu sein.

"Ich war immer der Meinung, wenn man sich das Genick bricht, ist man tot", berichtet der ehemalige Skispringer.

Reha als "Tor in die Freiheit"

Sechs Wochen lag er im LKH Graz, ehe es für ihn für fünf Monate ins AUVA-Rehazentrum Bad Häring ging, welches für ihn "das Tor in die Freiheit" war. "Ich wusste, da lerne ich viel, dass ich hoffentlich, wenn ich rausgehe, normal leben kann, sitzend", erzählt Müller von seinen Ursprungsgedanken.

Bereits zuvor, als er das Krankenhaus verlassen hatte, hatte er einen bestimmten Gedanken: "Ich komme mir gerade vor, als wäre ich mindestens so gut wie andere Leute, die jetzt von der Reha kommen. Mit diesen Gedanken ist mir das erste Mal bewusst geworden, vielleicht ist es doch nicht so schlimm, wie es am Anfang ausgeschaut hat".

Motivationsprobleme habe er in Bad Häring nie gehabt: "Training war ich gewohnt. Das heißt, es war für mich eigentlich ein Geschenk, in die Reha zu gehen".

"Besser funktioniert, als ich es mir erhofft habe"

Auch unter Gleichgesinnten zu sein und sich auszutauschen, habe ihm auf seinem Weg zurück geholfen.

"Ich war der, der jeden Tag noch mehr Therapien gefordert hat", betont er und ergänzt: "Mir ist ganz wichtig, zu erwähnen, dass man kein Profisportler sein muss, um das zu handhaben, wie ich es gemacht habe, sondern man muss nur ein bisschen sportaffin sein. Und am meisten Vorteil hast du, wenn du deinen Körper gut kennst."

In der Reha hätte er alle wichtigen Bereiche gehabt, die Möglichkeiten für Verunfallte sein dort sehr gut.

"Mir ist ganz wichtig, zu erwähnen, dass man kein Profisportler sein muss, um das zu handhaben, wie ich es gemacht habe, sondern man muss nur ein bisschen sportaffin sein und am meisten Vorteil hast du, wenn du deinen Körper gut kennst."

Lukas Müller über seinen vermeintlichen Vorteil als ehemaliger Leistungssportler

Seit zehn Jahren hat sich Müller in seinen Fähigkeiten deutlich verbessert. Die Frage, ob er erwartet hat, dass die Fähigkeiten, die er jetzt hat, in dieser Form wiederkommen, beantwortet er wie folgt: "Wenn du so etwas mitmachst, jeden Tag auf deine Füße herabschaust und eigentlich fast jede Sekunde probierst, diese zu bewegen und es nicht funktioniert, reichen ein paar Stunden, dass diese Erwartungshaltung rapide sinkt. Irgendwann gehst du nicht mehr davon aus, dass sich irgendetwas tut."

Das habe aber den Effekt, wenn sich doch etwas tut, dass es ein "riesiger Sieg ist", erklärt der Kärntner. "Ich habe immer gewusst, ich kann eigentlich kaum Erwartungen haben, weil du bei einer Querschnittslähmung, nachdem du nicht ins Rückenmark schauen kannst, nie weißt, wie viel tatsächlich kaputt ist. Ich habe nur eine Möglichkeit, es zu probieren. Das habe ich gemacht und das hat bei weitem besser funktioniert, als ich es mir erhofft habe", meint Müller und fügt hinzu: "Ich habe viele Meilensteine erreicht, weitaus mehr, als ich mir erträumt hätte und viele mir zugetraut haben."

Über seine aktuelle Lage sagt der Juniorenweltmeister von 2009 und 2010: "Ich glaube, ich habe heute einen Zustand erreicht, wo ich sagen kann, ich bin gut gesund."

Mit Krücken beim Wings for Life World Run unterwegs

Die letzte Reha in Bad Häring war 2019. Nun sei er nach vier Aufenthalten dort "austherapiert". "Ich brauche nicht mehr vier Wochen Rollstuhlfahren, weil das kann ich", gibt er zu verstehen.

Zur Physiotherapie geht er dennoch zweimal die Woche, den Sport will er täglich fördern, auch zur Prävention, um das tägliche Sitzen auszugleichen. Ein- bis zweimal die Woche steht Gangschule auf dem Programm, dazu spielt er noch leidenschaftlich Rugby, geht im Sommer Wakesurfen oder im Winter Monoskifahren.

Beim Wings for Life World Run unter dem Motto "Laufen für die, die es nicht können", der die Rückenmarksforschung unterstützt, macht Müller jedes Jahr mit. 2023 hat er 2,35 Kilometer mit Krücken zurückgelegt.

Immer wieder teilt er auch auf einer Instagram-Seite Videos aus seiner Therapie. Unter anderem beim Trampolinspringen im Olympiazentrum oder bei Versuchen auf der Slackline.

Auch auf Reisen, wie zum Beispiel nach Australien, um seinen Bruder zu besuchen, sammelt er neue Eindrücke.

"Ich sage von mir nie, dass ich stolz auf mich bin"

Über Stolz möchte er dennoch nicht wirklich reden. "Ich sage von mir nie, dass ich stolz auf mich bin. Weil das alles Dinge sind, die ich erreicht habe, von denen ich weiß, dass ich das von mir verlangen kann. Wo ich froh bin, dass ich es gemacht habe, war, dass ich die letzten 10 Jahre versucht habe, die Öffentlichkeit im Querschnittswissen ein bisschen zu schulen und das ist etwas, wo ich sicher nie damit fertig sein werde", analysiert er.

Dennoch habe er das Gefühl, dass das Früchte getragen hat. Als Beispiel nennt er das unberechtigte Parken auf einem Behindertenparkplatz.

Sein Ziel von Beginn der Reise zurück hat er bei weitem übertroffen: "Mein größter Wunsch ganz am Anfang war, einfach nur stehen zu können. Ich habe gewusst, wenn ich stehen kann und mein eigenes Gewicht auf den Füßen halten kann, dann findet sich irgendwo ein Geländer oder eine Schulter und ich kann mich von A nach B bewegen, ohne, dass ich vielleicht einen Rollstuhl dazu brauche."

Er erklärt dennoch: "Aber da kann ich im Endeffekt nicht stolz drauf sein, deshalb, weil das eine ganz große Portion Glück ist. Wenn mehr im Hals kaputt ist, kann ich trainieren wie ein Vollidiot und es wird sich nichts tun".

Wertschätzung gegenüber kleinen Details

Natürlich gab es seit seinem Unfall auch Dinge, die er gelernt hat. "Ich war sicher schon weit im Kopf, aber jetzt mindestens zwei bis drei Level weiter", sagt Müller.

Ein weiterer Punkt sei, dass "ich Kleinigkeiten, die günstig für mich ausgehen, eine ehrliche Wertschätzung entgegenbringe." Als Beispiel nennt er, wenn "ich über eine Stufe fahre, fast umfalle, aber eben nicht ganz."

Natürlich gebe es auch schlechte Tage, dann zähle das Motto: " Tag überleben, schlafen gehen - und am nächsten Tag ist es zu 99 Prozent besser".

Das Leben könnte er noch intensiver leben: "Der Wunsch nach Normalität war am Anfang so groß und ich kann jetzt definitiv sagen, ich habe diese Normalität erreicht. Mit 2022 hat sich dieses Verhältnis zwischen Leben und Training ein bisschen verändert. Ich hab das Training zurückgeschraubt und habe mehr geschaut, dass ich das, was ich kann, erhalte, als dass ich neue Dinge dazulerne. Ich habe jetzt ein relativ unspektakuläres Leben."

Dennoch schaue er, dass er viele Aktivitäten einbaue, die er noch nicht gemacht habe, auch wenn es ein Schritt "weit aus der Komfortzone ist".

Unter anderem wird Müller beim "Red Bull Target Jump" erstmals Co-Kommentator sein.

Arbeitsunfall war für Müller ein bedeutsamer Aspekt

Auch die Tatsache, dass er einen Rechtsstreit über den zuvor als Freizeitunfall eingestuften Sturz gewonnen hat, ist für ihn von großer Bedeutung.

Der Unfall wurde in der Folge als Arbeitsunfall eingestuft, die Konsequenzen waren groß: "Dass jetzt die Vorspringer Dienstnehmer sind, hätte sich nie geändert, wenn es meinen Unfall nicht gegeben hätte".

"Ich bin mit dem Lift raufgefahren, habe oben den Warteraum besucht und den Skispringern nachgeschaut. Dann habe ich mir gedacht, wenn ich das alles so gut aushalte, dann kann mich eigentlich nichts erschüttern."

Über seinen ersten Kulm-Besuch zwei Jahr nach dem Unfall

Müller selbst arbeitet nun als Vermögensberater, in dieses Feld sei er aber "eher hineingestolpert". Nachdem Heeres- und Polizeisport nach seinem Sturz kein Thema mehr waren, wollte er die vor dem Unfall begonnene Ausbildung unbedingt fertig machen und ein Bild nach außen tragen.

"Es war mir immer wichtig, zu zeigen, dass ich im Rahmen der Querschnittslähmung trotzdem berufstätig sein kann. Einige Kollegen können nicht arbeiten, weil sie zu schwach sind oder viel Hilfe brauchen, andere wollen nicht, weil sie von dem, was sie monatlich zur Verfügung haben, gut leben können und ich dachte mir, ich zeige, dass es sehr wohl möglich ist."

Ziel ist die Aufklärung

Mittlerweile will er die Menschen "informieren, was Querschnittslähmung außerhalb dessen, dass man im Rollstuhl sitzt, noch alles heißt". Denn man müsse nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein, nicht einmal Schuld daran haben und könne sich schon in dieser Situation wiederfinden.

Besonders wichtig ist es, dass Querschnittsgelähmte "sichtbar sind". Vor allem Barrierefreiheit sei ein wichtiges Thema und betreffe auch andere Personengruppen. "Wenn wir das mehr implementieren, beschäftigen wir uns mit der Querschnittslähmung noch mehr und bringt uns als Gesellschaft weiter", so Müller.

Auf die Frage, ob es ihm etwas bedeutet, für andere eine Inspiration zu sein, meint er: "Es geht mir einfach darum, dass Leute sagen, es ist ja doch möglich".

Als ein Kind vor Kurzem bei einem Referat in der Schule ihn als Alltagshelden beschrieben hatte, fühlte er sich dennoch "brutal geehrt". "Ich mach das ja nicht deshalb, dass jemand über mich ein Referat hält, sondern ich mache es, weil es mir gefällt und ich glaube, dass wenn ich es teile, der ein oder andere sagt: Cool, es geht ja doch."

Kulm als Pflichtprogramm

Am Wochenende schließt sich der Kreis erneut. Ab Samstag sind die Skiflieger wieder am Kulm im Einsatz, an jenem Ort, der das Leben von Lukas Müller verändert hat. Für ihn persönlich ist das Event nahezu jährlich ein Pflichtprogramm.

Zwei Jahre nach seinem Sturz war er zum ersten Mal wieder auf der Schanze. "Das war nicht so ohne, ich habe viel an einem Tag gemacht. Es war Jahrestag, der 13. Jänner 2018. Ich bin mit dem Lift raufgefahren, habe oben den Warteraum besucht und den Skispringern nachgeschaut. Dann habe ich mir gedacht, wenn ich das alles so gut aushalte, dann kann mich eigentlich nichts erschüttern. Es war zwar für den Kopf richtig anstrengend, aber es ist gut vorbeigegangen". Dazu resümiert er: "Dann habe ich gewusst, es wirft mich nichts mehr aus der Bahn, was in Zusammenhang mit dem Unfall steht."

Für die Verarbeitung sei ihm dieser Schritt wichtig gewesen. "Ich habe gewusst, ich mache das lieber bewusst mit ein bisschen einer Vorbereitung, also dem Vorwissen, dass ich dort hinfahren werde." Wenn er zufällig vorbeifährt, wolle er nicht, dass ihm der Anblick auf die Schanze einen Flashback gebe.

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Lukas Müller zu Besuch beim Skiflugweltcup am Kulm
Foto: ©GEPA

Zum Weltcup reist er "durchaus mit Vorfreude". "Ich mag die Leute dort sehr gerne, ich mag die Schanze dort generell sehr gerne, ich bin dort eigentlich fast immer recht gut gesprungen und auch der Sprung, der damals im Unfall geendet hat, wäre ein Wahnsinn gewesen. Ich habe so eine Höhe gehabt und ich bin fast heute noch ein bisschen grantig, dass ich den nicht zu Ende fliegen habe können, weil der wäre weit über 200 Meter gegangen."

Abschließend zieht er folgendes Fazit: "Letztendlich ist es auch immer der Ort, wo ich meinen zweiten Geburtstag gefeiert habe und feiern werde. Und wie cool ist es, einen zweiten Geburtstag zu haben, der dich nicht älter macht?"

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