Damen-Trainer Rodlauer: "Nicht alles eitel Wonne"

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Kein ÖSV-Team agiert in diesem Winter erfolgreicher als die Skisprung-Damen.

21 von 34 möglichen Podestplätzen stehen bei den teils jungen Athletinnen zu Buche - in neun von elf Bewerben wurde bei der Siegerehrung die österreichische Bundeshymne angestimmt.

Wäre da nicht die Norwegerin Maren Lundby, würde sich der Kampf um den Gesamtweltcup wohl zu einer ÖSV-internen Angelegenheit entwickeln.

Trotz der Erfolge stapelt Harald Rodlauer, der seit 2018 das Amt des Cheftrainers inne hat, im Interview mit LAOLA1 aber tief: "Wir haben keinen Grund abzuheben." Außerdem spricht der 53-Jährige über den Stellenwert des Damen-Skispringens, die Schattenseiten des Erfolgs und den anstehenden Heim-Weltcup in Hinzenbach.

LAOLA1: Gratulation zur bisherigen Saison. Was ist heuer das Erfolgsrezept?

Rodlauer: Wir machen eigentlich nichts anders als letztes Jahr. Was die Trainingskurse und den Ablauf betrifft, war die Vorbereitung gleich wie letzte Saison. Vom Team her hat sich ein wenig verändert, weil ich einen neuen Co-Trainer (Romedius Moroder Anm.) habe. Das war ein Wunschkandidat von mir, ich habe mit ihm schon von 2009 bis 2011 in Italien bei den Nordischen Kombinierern zusammengearbeitet. Das war nochmals eine Qualitätssteigerung zum Vorjahr.

LAOLA1: Es hat also auch keine Umstellung beim Material gegeben?

Rodlauer: Nein, wir haben auch beim Material nichts anders gemacht. Wir haben uns viel auf das athletische Training konzentriert, dass die Mädels körperlich gut vorbereitet sind. Mir war auch sehr wichtig, dass wir sehr sauber an der Sprungtechnik arbeiten. Das war’s eigentlich, viel mehr haben wir nicht gemacht. Ich glaube, uns macht aus, dass das Betreuerteam sehr klein ist - darüber bin ich sehr glücklich. Ich sage immer: klein, aber fein. Es ist zwar für jeden einzelnen mehr Arbeit, aber das ist mir lieber, als ein großes aufgeblasenes Team.

"Es ist aber auch nicht alles eitel Wonne. Selbst wenn du Erfolg hast, gibt es immer Leute, die nicht zufrieden sind. Wir können aber nicht alle auf den ersten Platz hieven."

Harald Rodlauer

Ich glaube, dass du so viel näher dran bist und dich viel besser absprechen kannst. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Es ist aber auch nicht alles eitel Wonne. Selbst wenn du Erfolg hast, gibt es immer Leute, die nicht zufrieden sind. Wir können nicht alle auf den ersten Platz hieven. Aber das Erfolgsgeheimnis momentan ist, dass wir ein Betreuerteam haben, in dem jeder weiß, was zu tun ist und das funktioniert sehr gut. Die Athletinnen fühlen sich wohl und können sich entfalten. Es ist für mich vor allem wichtig, dass jeder gleich behandelt wird.

LAOLA1: Also eine arrivierte Springerin wird genauso behandelt, wie eine, die frisch im Weltcup-Team mit dabei ist?

Rodlauer: Genau. Es hat jede Springerin die gleiche Wertigkeit und jede Athletin bekommt die gleiche Wertschätzung. Wir schauen wirklich, dass wir für jede Athletin das Bestmögliche tun – das ist mir ein großes Anliegen. Das habe ich der Mannschaft auch oft genug gesagt und das wissen sie auch. Diese Linie verfolgen wir.

LAOLA1: Daniela Iraschko-Stolz war immer das Aushängeschild des ÖSV-Damen-Teams, jetzt springt sie etwas hinterher. Wie geht sie mit der neuen Situation um?

Rodlauer: Im Leben hast du es immer wieder mit neuen Situationen zu tun. Es kommen immer mehr junge Athletinnen in den Weltcup, die irrsinnig hungrig sind und ganz anders an die Sache herangehen. Es ist in jeder Sportart so, dass man sich irgendwann schwerer tut. Daniela ist älter geworden, bringt aber nach wie vor sehr gute Leistungen und kann immer wieder aufs Podest springen oder sogar gewinnen. Daher sehe ich ihre Situation entspannt. Ich bin auf der anderen aber Seite sehr froh, dass wir junge Athletinnen haben, die Gas geben. Wir haben momentan eine gute Mischung im Team.

LAOLA1: Wie bewerten Sie die Situation dieser jungen Springerinnen wie zum Beispiel Sara Marita Kramer, die in Japan ihren ersten Weltcup-Sieg feiern konnte, oder Lisa Eder, die sich heuer im Weltcup etablierte?

Rodlauer: Ich bin sehr zufrieden mit ihnen. Mir gefällt, wie sie arbeiten und bei der Sache sind. Es gibt einem Trainer viel, gerade wenn man lange mit den gleichen Sportlerinnen gearbeitet hat und jetzt zwei solche Talente dabei sind. Die beiden sind aber erst 18 Jahre alt, daher steht für mich die persönliche Entwicklung an erster Stelle. Wir wollen ihnen auf dieser Ebene etwas vorleben und Dinge fürs Leben weitergeben. Mir ist lieber, sie erreichen zuerst die persönliche Reife und dann die Erfolge - dann können sie auch besser damit umgehen. Man wird im Sport schnell groß und ein Star, aber die menschliche Entwicklung bleibt oft auf der Strecke. Deswegen ist uns das ein großes Anliegen.

LAOLA1: Ist es alleine deswegen schon wichtig, eine Springerin wie Daniela Iraschko-Stolz im Team zu haben, dass sich die Jungen ein Beispiel nehmen bzw. Tipps von ihr holen können?

Rodlauer: Es ist enorm wichtig, dass du solche erfahrenen Athletinnen im Team hast. Es ist aber immer die Frage, wie der arrivierte Athlet mit seiner eigenen Situation zufrieden ist. Das ist schon eine spezielle Sache: Ist er nur mit sich selbst beschäftigt, oder hat er auch den Kopf, dass er zudem auf die Jungen schaut? Da muss man schauen, dass man das gut handhabt. Das ist oft gar nicht so einfach, aber ich glaube, dass diese Situation eine gute Herausforderung ist.

LAOLA1: Vor der Saison haben Sie gesagt "Wir haben keine Favoritinnen – da gibt es andere".  Jetzt jagen mit Chiara Hölzl und Eva Pinkelnig gleich zwei ÖSV-Springerinnen die große Kristallkugel. Haben Sie die eigenen Athletinnen vor der Saison unterschätzt, oder die Konkurrenz stärker erwartet?

 

Chiara Hölzl und Eva Pinkelnig
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Rodlauer: Ich bin da im Vorhinein immer vorsichtig. Ich weiß schon, was meine Mädels können und wie sie drauf sind. Speziell wie Chiara im Sommer gesprungen ist, hat mir irrsinnig gut gefallen. Ich glaube, dass man als Trainer da den Druck etwas rausnehmen und ganz normal arbeiten muss. Andere Nationen sind extrem stark - da im Vorfeld zu sagen, dass wir Siegspringerinnen dabei haben, ist meiner Meinung nach für die Athletinnen nicht gut. Sie wissen selber, dass sie stark sind und ich sehr zufrieden bin. Trotzdem muss man das in einem kleinen Rahmen halten und ruhig bleiben. Zuerst muss man immer schauen, wie sich die Leistung im Weltcup entwickelt und dann passieren solche Dinge wie wir sie jetzt haben. Wenn man im Vorfeld schon sagt: Wir sind die Favoriten und die Besten, dann kann der Schuss komplett in die andere Richtung gehen. Ich bin schon so lange in dem Trainergeschäft, dass ich solche Situationen gut einschätzen kann. Klar bist du selber innerlich euphorisch, trotzdem musst du schauen, dass du am Boden bleibst, bevor du fällst.

LAOLA1: Trauen Sie sich, eine Prognose abzugeben, wer am Ende das Rennen macht?

Rodlauer: Nein, dafür ist es zu früh. Ich kann nur sagen, dass die Mädels irrsinnig professionell arbeiten. Sie gewinnen und sind am nächsten Tag wieder voll am Arbeiten. Sie pushen sich gegenseitig und trainieren auf einem sehr hohen Level. Wie sie miteinander umgehen, wie sie auf die Ernährung achten, das sind alles Dinge, die mich irrsinnig stolz machen. Ich habe den Mädels immer vorgelebt, dass nicht nur der Sport, sondern auch die Ernährung und die Regeneration wichtig sind, um im Endeffekt ganz oben zu stehen. Wenn ich sehe, dass meine Mädels nach Rumänien fahren, ihr eigenes Brot, Müsli oder Tee mitnehmen und nichts den Zufall überlassen, dann sage ich: Bua, ich bin eigentlich schon mit einer ganz, ganz coolen Truppe unterwegs. Das zeugt von einer brutal professionellen Einstellung.

LAOLA1: Ist das seit dieser Saison neu?

Rodlauer: Das ist mit der Zeit gewachsen. Das haben sie vorherige Saison schon gemacht und mit diesen ganzen Dingen sind sie gewachsen. Ich mache es selber genauso - sie haben es vielleicht oft gesehen, dass ich mir Sachen mitnehme, die mir guttun. Ich glaube, das macht es schon auch aus, dass du dich im Sport von den anderen abhebst. Das ist ein ganz ein wichtiger Punkt.

LAOLA1: Bei der Heim-WM letztes Jahr musste man sich im Teamspringen den überlegenen Deutschen geschlagen geben. Jetzt steht Ihr Team in dieser Saison bei 21 Podestplätzen und Deutschland bei zwei. Ist es in gewisser Art und Weise ärgerlich, dass diese starke Saison in einem Jahr ohne Großereignis passiert?

Rodlauer: Nein, überhaupt nicht. Für mich ist es sogar positiv, dass es in so einer Saison passiert. Ich habe immer gesagt, dass diese Zwischensaison eine ganz wichtige ist. Denn die Jungen können sich entfalten und wachsen ohne den Druck, sich für eine WM qualifizieren zu müssen, in die Mannschaft hinein. Mir ist das viel lieber, dass jede von meinen Mädels ihre Leistung bringt und sich entfalten kann. Es ist auch kein Problem, wenn es nicht klappt, denn da startet man vielleicht umso motivierter in die nächste Saison. Dann stehen sowieso drei Saisonen an mit WM, Olympia, WM. Da kommt genug auf uns zu, daher sehe ich diese als eine Saison, wo sie dazulernen und mit dem Erfolg umgehen können. Wo sie wissen: Ich habe jetzt einen Weltcup gewonnen, aber ich muss draufbleiben, damit ich dann wieder auf dem Level bin. Ich sehe das sehr positiv und bin überhaupt nicht traurig, dass heuer kein Großereignis ist.

LAOLA1: Sie waren bereits von 2011 bis 2014 Damen-Trainer, ehe sie 2018 das Amt wieder übernommen haben. Was hat sich in der Zwischenzeit im Damen-Skispringen getan?

Rodlauer: Es hat sich generell extrem weiterentwickelt. In meiner ersten Zeit waren zwei, drei Nationen dabei – das war’s. Da war vielleicht eine gute Skispringerin pro Land dabei. Jetzt sind es einfach viele Nationen - nun können auch die Russen skispringen, die Japaner, die Deutschen, die Norweger, die Slowenen. Da hat sich über die letzten Jahre die Breite einfach extrem gesteigert. Man muss jetzt sehr gut springen, dass man in den Top-10 landet und ganz, ganz gut springen, dass man am Stockerl steht. Dann brauchst du natürlich das Glück auch noch dazu. Ich muss schon sagen, dass es sich bei uns so entwickelt hat und wir so einen Lauf haben, weil wir auch das nötige Glück haben. Eine gute Vorarbeit bei der alles passen muss, ist wichtig, aber Glück ist immer dabei.

LAOLA1: Wie hat sich der Stellenwert bzw. die Aufmerksamkeit der Sportart verändert?

Rodlauer: Ich war jetzt extrem positiv überrascht. Normalerweise, wenn wir in Japan sind, geht an den Leuten relativ spurlos vorbei was da drüben passiert.

Da habe ich mir gedacht: Boah, was wir das leisten, muss schon relativ toll sein, sonst wäre das in Europa gar nicht so aufgenommen worden.

Harald Rodlauer

Nach unseren Leistungen da drüben war ich extrem erfreut über die Aufmerksamkeit, die plötzlich da war. Da habe ich mir gedacht: Boah, was wir das leisten, muss schon relativ toll sein, sonst wäre das in Europa gar nicht so aufgenommen worden. Es hat jeden Tag jemand angerufen, es sind unzählige Anfragen gekommen und das in Japan, wo es eigentlich eine Zeitverschiebung gibt. Obwohl das Damen-Skispringen normalerweise nicht im vorderen Bereich des Interesses steht. Da habe ich gemerkt, dass das schon nach oben gegangen ist und momentan einen sehr hohen Stellenwert hat.

LAOLA1: Dementsprechend steigt die Hoffnung, dass beim Heim-Weltcup in Hinzenbach umso mehr Fans ins Stadion kommen, oder?

Rodlauer: Ich wünsche es den Mädels und dem Veranstalter. Das organisiert ein Freund von mir, der Bernhard Zauner, der da für meine Begriffe den besten Weltcup auf die Beine stellt. Mit dem besten Umfeld. Wir genießen da einen Stellenwert wie die Herren. Ich hoffe also, dass er durch unsere Leistungen mit den Zuschauern profitiert. Wir haben alles probiert und ich hoffe, dass die Zuschauer das annehmen und viele dorthin kommen.

LAOLA1: Wie gehen die Athletinnen mit dem Druck beim Heimspringen um, weil doch eine höhere Erwartung da ist?

Rodlauer: Das haben wir bei der Heim-WM auch schon gehabt. Ich glaube, dass die Mädels wissen - und ich habe es ihnen auch immer wieder gesagt – das, was jetzt gerade passiert bzw. wo wir uns jetzt gerade bewegen, wird nicht immer so sein. Es ist wie im Leben, es geht rauf und runter und wenn einem das bewusst ist, dann kann man mit solchen Situationen umgehen. Auch mit einem Heim-Weltcup wo der Druck natürlich sehr hoch ist. Wenn es nicht funktioniert, dann ist es halt so. Es ist für mich auch dann zur Kenntnis zu nehmen, weil die Mädels auch dann ihr Bestes probiert haben.

LAOLA1: Würden Events wie die Vierschanzen-Tournee oder mehr Springen von größeren Schanzen das Interesse erhöhen?

Rodlauer: Wir sind heuer bereits auf vielen großen Schanzen unterwegs - das ist sehr positiv. Und natürlich bin ich dafür, dass es so etwas wie die Vierschanzen-Tournee auch für die Damen gibt. Da stellt sich aber die Frage, wie man das organisieren kann. Es gibt aber genug Leute bei der FIS und den Verbänden, die sich darüber Gedanken machen – es wird bereits viel darüber gesprochen. In welcher Form das kommt, weiß man nicht. Ich glaube aber, dass es schon in so eine Richtung geht und man für die Mädels etwas macht. Die Raw-Air-Tour in Norwegen und die Blue-Bird-Tour in Russland sind super und haben einen hohen Stellenwert. Vielleicht kommt da noch etwas dazu und dann haben wir einen sehr guten Kalender im Winter.

 

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Textquelle: © LAOLA1.at

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