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Olympia-These: Der WM-Heimvorteil wird den ÖSV-Skifahrern fehlen

Olympia steht in den Startlöchern! Deshalb diskutieren wir fünf Thesen zu den Winterspielen:

Olympia-These: Der WM-Heimvorteil wird den ÖSV-Skifahrern fehlen Foto: © GEPA

In unserem Format "Ansichtssache" versuchen wir, Meinungen, Stimmungen, Überreaktionen oder sonstige Ansichten jeglicher Art in eine These zu packen und zu analysieren.

Das kann mal provokant sein, mal eine oft gehörte Meinung. Mal sehr strittig, mal weniger. Mal eine Prognose, mal eine simple Einordnung.

In der aktuellen Ausgabe widmet sich Wintersport-Expertin Daniela Kulovits gemeinsam mit LAOLA1-Redakteur Maximilian Girschele den Olympischen Winterspielen 2026. Von der Redaktion wurden sie mit fünf Thesen konfrontiert:

These: Ohne Saalbach-Heimvorteil werden es die ÖSV-Skifahrer nicht schaffen, an die überraschend gute Medaillen-Ausbeute der WM 2025 ranzukommen.

Daniela Kulovits:

Sieben Medaillen - diese Ausbeute war bei der Heim-WM tatsächlich eine Überraschung und ist nun eine hohe Messlatte.

Ähnlich wie in Saalbach sollte man auch bei Olympia ein derart gutes Abschneiden der ÖSV-Alpinen im Vorfeld nicht erwarten. Denn an der Ausgangslage hat sich gegenüber dem Vorjahr nicht viel geändert.

Die Österreicher zählen auch in Italien mit Ausnahme von Julia Scheib im Riesentorlauf nicht zu den absoluten Medaillen-Favoriten. Die Rolle der gefährlichen Außenseiter, wie es ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober vor der WM formulierte, könnte Rot-Weiß-Rot aber auch bei Olympia liegen. Im Idealfall sind sechs bis sieben Medaillen möglich, sollten es nur zwei bis drei werden, darf man sich auch nicht beschweren.

Im Übrigen wage ich zu behaupten, dass der Heimvorteil in Saalbach gar kein so großer Vorteil war. Und nach Italien ist es für die österreichischen Fans ja auch nicht so weit.

Maximilian Girschele:

Hat ohnehin nicht die Schweiz überall Heimvorteil? Spaß beiseite, doch die Eidgenossen werden uns in Bormio und Cortina d'Ampezzo wieder einige Medaillen streitig machen.

Auch Olympia darf gerne wieder die eine oder andere Sensation aus ÖSV-Sicht bereit halten, wobei man tatsächlich froh sein muss, wenn am Ende überhaupt eine Goldene im Medaillenspiegel steht - nur kein Druck, Julia Scheib.

In jeder anderen Disziplin hat Rot-Weiß-Rot Potenzial für Überraschungen, aber leider auch Debakel. Dass die Heim-WM derart positiv verlief, war freilich märchenhaft, täuschte zugleich aber auch über die vorhandenen Problemstellen im Skiverband hinweg.

Werden diese gerade bei Olympia schonungslos aufgezeigt? Die Winterspiele könnten jedenfalls ein wichtiger Fingerzeig für die Zukunft darstellen, und vielleicht blickt man ja in erfolgreichen Zeiten wie derzeit die Schweiz zurück und sagt: Hier wurde der Umschwung eingeleitet.

Und um den Kreis zu schließen, liebe Schweizer: Wir könnten bei eurer Heim-WM 2027 in Crans-Montana den Spieß ja umdrehen?

These: Eigentlich braucht man sich die Skisprung-Bewerbe gar nicht anschauen. Es wäre ein Wunder, wenn nicht alle Goldmedaillen an Slowenien gehen.

Maximilian Girschele:

Nehmen wir bitte nicht gleich die Spannung raus, sonst hat das IOC gleich die nächste Disziplin auf die Streichliste gesetzt...

Wunder gibt es immer, und gerade der Normalschanzen-Bewerb der Männer bietet alle Möglichkeiten dafür. Aber: Es wäre keine Überraschung, wenn in Predazzo die Prevc-Festspiele abgehalten werden.

Sämtliche Einzel-Goldene werden nur über Domen und Nika Prevc gehen, zu dominant treten die beiden Gesamtweltcup-Führenden und Weltrekord-Halter heuer auf.

Ich hätte mich stattdessen gerne darauf festgelegt, dass zumindest im Teambewerb eine ordentliche Chance auf Gold für eine andere Nation als Slowenien herrscht.

Doch der Super-Teambewerb, in dem nur zwei Athleten pro Nation über drei Durchgänge an den Start gehen, spielt wieder Prevc und seinem Teamkollegen in die Karten. In der aktuellen Form sehe ich tatsächlich nur Japan als schärfsten Widersacher um Gold.

Daniela Kulovits:

Da muss ich dir - aus der Sichtweise eines objektiven Sportfans "leider" - Recht geben, lieber Kollege. Der Name Prevc ist sowohl bei den Frauen als auch Männern der, den es zu schlagen gilt. Sowohl Nika als auch Domen wären aber freilich würdige Olympiasieger.

Doch die Konkurrenz sollte sich nicht schon im Vorfeld geschlagen geben, das gilt auch für die Österreicher:innen. Ich erinnere an den Sommer-Grand-Prix in Predazzo, wo es auf der Normalschanze einen rot-weiß-roten Doppelsieg durch Jan Hörl und Daniel Tschofenig gab.

Gerade auf der kleineren Schanze ist die Chance wohl am größten, die Prevc-Geschwister zu schlagen, weil sie dort ihre Fliegerfähigkeiten vielleicht nicht ganz so ausspielen können.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Gold auf der Normalschanze bei den Männern geht NICHT an Domen Prevc.

These: Heuer ist es soweit: Österreich gelingt es das erste Mal überhaupt, Deutschland im Medaillenspiegel der Rodler hinter sich zu lassen.

Daniela Kulovits:

Deutschland im Medaillenspiegel der Rodler schlagen - das wäre wahrlich ein Prestigeerfolg. Es ist ambitioniert, aber nicht aus der Luft gegriffen.

Österreichs Rodel-Team verfügt mit Jonas Müller, Hannah Prock oder dem Doppelsitzer-Duo Selina Egle/Lara Kipp über Top-Athlet:innen, die in diesem Winter schon mehrmals bewiesen haben, dass sie den vermeintlich großen Nachbarn schlagen können.

Deutschland bleibt allerdings der Maßstab – mit enormer Breite, viel Erfahrung und einer beinahe schon systematischen Medaillensicherheit, speziell bei Großereignissen.

Entscheidend wird sein, ob Österreichs Rodler ihre Leistungsspitze punktgenau abrufen können.

Maximilian Girschele:

Und wie gut sich das ÖRV-Team auf den - für alle - völlig neuen Eiskanal in Cortina einstellt.

Die Athleten kennen die neue Olympiabahn nur von ersten Testfahrten, dort hat man sich nach anfänglichen Schwierigkeiten unisono ein gutes Gefühl erfahren.

Der bisherige Saisonverlauf deutet auf einen Thriller zwischen Österreich und Deutschland hin, wobei den Deutschen womöglich die größere Routine in die Karten spielen könnte.

Ich behaupte: Erst die Team-Staffel am 12. Februar wird die Entscheidung um den ersten Platz im Medaillenspiegel der Rodler bringen - und zugunsten Österreichs ausgehen.

These: Letzte Chance bei Olympia? Kein Österreicher ist 2026 mehr unter Zugzwang als Johannes Lamparter.

Maximilian Girschele:

Wäre Lamparter der einzige heimische Kombinierer mit Medaillen-Chancen, würde ich diese These angesichts der Tatsache, dass die Nordische Kombination 2030 womöglich gar nicht mehr im Olympia-Programm aufscheint, sofort unterschreiben.

Zum Glück, ist man geneigt zu sagen, hat sich mit Stefan Rettenegger jedoch ein weiterer ÖSV-Athlet in die Verlosung um Gold, Silber und Bronze kombiniert. In Seefeld war der Salzburger zutiefst betrübt, nachdem ihm der scheinbar sichere Triple-Sieg noch vor der Nase weggeschnappt wurde.

Das sollte umso mehr Motivation sein, bei Olympia nochmal die letzten paar Prozent mehr aus dem Körper herauszukitzeln. Und wäre es nicht ein schönes Märchen, den ersten Sieg überhaupt ausgerechnet bei den Winterspielen zu feiern? Es wäre jedenfalls hochverdient.

Daniela Kulovits:

Ich gebe zu, ich habe Johannes Lamparter auf meiner Liste der rot-weiß-roten Olympiasieger 2026.

Für den Tiroler ist in Italien alles angerichtet: Er reist in Topform und als Gesamtweltcup-Führender zu den Spielen, die Schanze und Loipe dort liegen ihm, wie er unter anderem 2022 mit einem Weltcupsieg bewiesen hat.

Zudem hat er, wie Kollege Girschele schon richtig angemerkt hat, mit Stefan Rettenegger einen starken Teamkollegen an seiner Seite, mit dem er sich zu Höchstleistungen pushen kann.

Unter Zugzwang ist Lamparter höchstens, weil er sich selbst das höchste Ziel - Olympia-Gold - gesteckt hat. Ich traue ihm allemal zu, dieses Ziel zu erreichen. Besonders, weil Lamparter nach zwei vierten Plätzen 2022 noch eine Rechnung mit Olympia offen hat.

Und daran, ob die Nordische Kombination in vier Jahren noch im Olympia-Programm aufscheint oder nicht, denkt in den nächsten zwei Wochen keiner der Athleten...

These: Bislang konnte Österreich in neun verschiedenen Sportarten mindestens ein Mal einen Olympiasieger/eine Olympiasiegerin stellen. 2026 wird eine weitere Sportart dazukommen.

Daniela Kulovits:

Ski Alpin, Skispringen, Nordische Kombination, Snowboard, Rodeln - in diesen Sportarten sind Medaillen Pflicht. Dass in Mailand/Cortina eine weitere dazukommt, halte ich für wahrscheinlich.

Die größten Chancen bieten sich sicherlich im Skeleton, wo Janine Flock bei ihren wohl letzten Olympischen Spielen ihre Karriere endlich mit einer Medaille im Zeichen der fünf Ringe krönen will. Auch beim Olympia-Debüt im Skibergsteigen darf sich Österreich durchaus Chancen ausrechnen.

Mein heißester Tipp für eine Medaille in einer der "neuen" Sportarten ist allerdings Ski-Freestyler Matej Svancer. In Italien wird seine große Stunde schlagen.

Maximilian Girschele:

Kurz zur Einordnung, um welche Sportarten es sich handelt, in denen "wir" bereits eine:n Olympiasieger:in stellen: Ski Alpin, Skispringen, Nordische Kombination, Langlauf, Snowboard, Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Rodeln, Bob.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Österreich 2026 eine:n Olympiasieger:in in einer der folgenden Sportarten stellen wird: Biathlon, Skeleton, Shorttrack, Skibergsteigen oder Freestyle-Skiing.

Viele Kandidat:innen bleiben da leider nicht mehr übrig, die heißesten Kandidat:innen sind dann tatsächlich Janine Flock und Matej Svancer. Erwischen Anna Gandler oder Lisa Hauser einen absoluten Sahnetag, könnte sogar im Biathlon der große Coup gelingen.

Letzten Endes werden wir auf den "Runden" aber wohl noch etwas warten müssen.

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