Mailand/Cortina 2026: Genickbruch für den olympischen Gedanken?
Die große Sportfamilie an einem Ort? In Italien Fehlanzeige. Stattdessen droht an vielen Schauplätzen eher WM- als Olympia-Flair. Die hohen Ticketpreise schrecken Fans ab.
von Daniela Kulovits
Lasset die Spiele beginnen!
Nach 20 Jahren (Turin 2006) kehren die Olympischen Spiele nach Europa zurück - mitten in die Alpen. Dorthin, wo vor über 100 Jahren alles begann: 1924 fanden im französischen Chamonix erstmals Winterspiele statt.
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Mittlerweile ist die olympische Bewegung ein gigantisches Konstrukt, das jedoch um seine Berechtigung in der modernen und zugleich herausfordernden Zeit kämpft.
Die jüngsten Austragungsorte Sotschi (Russland), Pyeongchang (Südkorea) und Peking (China) standen sinnbildlich für explodierende Kosten, zu Ruinen verkommende Sportstätten, fehlende Nachhaltigkeit und Gigantismus. Von Wintersport-Tradition war keine Spur.
2026 ist das gänzlich anders: Cortina trug bereits 1956 Winterspiele aus, und auch die meisten anderen Wettbewerbsstätten haben Tradition. Bormio (Ski Alpin), Antholz (Biathlon) und Val di Fiemme (Langlauf) sind Fixpunkte in den Weltcup-Kalendern.
Doch genau hier liegt der Knackpunkt.
Zerstreute Spiele
Weil Italien zum Großteil auf bestehende Sportstätten setzt, sind die Wettbewerbe auf sechs Cluster im Norden des Landes aufgeteilt. Die beiden Hauptaustragungsorte Mailand und Cortina liegen 400 Kilometer voneinander entfernt. Die Schauplätze der alpinen Skirennen Cortina (Frauen) und Bormio (Männer) trennen rund sechs Stunden Fahrzeit.
Durch die verschiedenen Wettkampfstätten werden dies die am weitesten verstreuten Winterspiele der Geschichte sein. Das bedeutet für die teilnehmenden Nationen enorme organisatorische Herausforderungen.
Da tauscht ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober sogar ihr sonst so heißgeliebtes E-Auto gegen einen Verbrenner ein, um von A nach B zu kommen.
Der deutsche Alpin-Direktor Wolfgang Maier meinte gegenüber dem "BR" sogar: "Das bricht dem olympischen Gedanken das Genick."
Die große olympische Sportfamilie an einem Ort? In Italien Fehlanzeige. Stattdessen droht an vielen Schauplätzen eher WM- als Olympia-Flair. Für die meisten Athlet:innen wird es unmöglich sein, andere Sportarten live zu verfolgen.
Bleibendes Vermächtnis?
All das hat man in Italien in Kauf genommen, um so viele bestehende Sportstätten wie möglich nutzen zu können. Gänzlich neu gebaut wurde für die Spiele - erst nach langen Diskussionen um eine Austragung im Ausland - nur der Eiskanal in Cortina. Dieser wurde ebenso wie die Eishockey-Halle in Mailand erst auf den letzten Drücker fertig.
Ob sich die Hoffnung der Veranstalter erfüllt und der Eiskanal Cortina als "bleibendes Vermächtnis erhalten bleibt", darf bezweifelt werden.
Hohe Kosten - Fans verzichten
Fix ist hingegen: Die Kosten steigen. Statt der ursprünglich geplanten 1,1 Milliarden Euro liegen die Veranstaltungskosten nun bei 1,44 Milliarden. Dazu kommen knapp drei Milliarden Euro an öffentlichen Geldern für Infrastruktur, auch diese Kosten fielen höher aus als geplant.
Apropos Geld: Auch für den ein oder anderen Fan sind die Kosten für eine Reise nach Italien zu hoch. Angesichts der saftigen Ticket- und teilweise auch Hotelpreise verzichtet zum Beispiel die Familie von ÖSV-Abfahrer Daniel Hemetsberger auf einen Trip nach Bormio. Katharina Truppes Anhänger haben alleine für ein Ticket für den Olympia-Slalom 300 Euro hingeblättert.
Die Ticketpreise starten bei 25 Euro (Langlaufbewerbe der Nordischen Kombination). Am teuersten sind Karten für die Eröffnungsfeier in Mailand (bis zu 2.026 Euro) und die Schlussfeier in Verona (bis zu 2.900 Euro). Am Schwarzmarkt kursieren Preise von bis zu 9.000 Euro pro Ticket.
Rekord-Spiele
Blendet man all diese Nebengeräusche aus, sollen die Spiele in Mailand/Cortina 2026 dennoch eines sein: ein Sportfest. 116 Medaillenentscheidungen in 16 Sportarten liegen vor uns - so viele wie nie zuvor.
Hoffen wir auf faire, saubere und spannende Wettbewerbe. Auf Geschichten, die nur der Sport schreiben kann.
Ich freue mich darauf, diese Geschichten in den kommenden zwei Wochen erzählen zu dürfen.
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