Gold um jeden Preis? Lindsey Vonns riskanter Olympia-Grenzgang
Lindsey Vonn kämpft mit Kreuzbandriss um ihren letzten großen Traum. Wer über Jahre gelernt hat, Schmerzen zu ignorieren und Grenzen zu verschieben, verliert mitunter das Gespür dafür, wann es genug ist.
von Daniela Kulovits
Aufgeben? Für Lindsey Vonn keine Option. Sie kämpft wie eine Löwin, für ihren großen Traum.
Noch einmal will die US-Amerikanerin Olympia-Gold holen. In Cortina, ihrem "Wohnzimmer", wo sie schon zwölf Weltcup-Rennen gewonnen hat.
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Doch Vonns Gold-Mission, die sie im vergangenen Winter mit ihrem Comeback nach fünfeinhalb Jahren Pause mit Teilprothese im Knie startete, nahm kurz vor dem Highlight eine dramatische Wende.
Nach einem überragenden Saisonstart mit Siegen und Podestplätzen sowie dem Roten Trikot im Abfahrts-Weltcup – Sturz in Crans Montana, Kreuzbandriss.
Vonn rappelte sich schnell wieder auf und stellte klar: Ihr Olympia-Traum lebt weiter.
Viel Drama um ein Kreuzband
Schnell kamen Gerüchte auf, das Kreuzband sei entgegen Vonns Aussagen nicht komplett gerissen, sondern nur eingerissen. Auch ihr Trainer Aksel Lund Svindal wich der Frage nach der genauen Verletzung am Freitag nach dem Abfahrts-Training in Cortina aus. Vonn selbst rauschte wortlos ab.
Dafür war sie auf der Plattform "X" umso umtriebiger. Einem Arzt, der anzweifelte, dass Vonn mit einem komplett gerissenen Kreuzband so fahren könnte wie im Abfahrts-Training am Freitag, entgegnete sie:
"Mein Kreuzband war bis letzten Freitag in Ordnung. Nur weil es dir unmöglich erscheint, heißt das nicht, dass es unmöglich ist. Und ja, mein Kreuzband ist zu 100% gerissen. Nicht 80% oder 50%. Es ist zu 100% weg."
Viel Drama um ein Kreuzband.
Olympia-Gold mit Kreuzbandriss? Wenn, dann Vonn
Wie auch immer. Wenn es einer gelingen kann, mit einem Kreuzbandriss eine Olympia-Abfahrt zu gewinnen, dann Lindsey Vonn.
Ihre Verletzungs-Historie ist beinahe so eindrucksvoll wie ihre Erfolge: Brüche, Risse und Prellungen, vor allem das rechte Knie wurde in der "ersten" Karriere der US-Amerikanerin schwer in Mitleidenschaft gezogen.
"Sie hat ja extrem viel Erfahrung mit Verletzungen", merkt auch Svindal an. Das macht die aktuelle Situation einfacher zu handlen. Unterm Strich ist es dennoch ein hohes gesundheitliches Risiko, das sie bewusst in Kauf nimmt.
Vonns wahrscheinlich größte Stärke ist ihre Psyche. Die 41-Jährige wirkt mental beinahe unzerstörbar. Wo andere aufgeben würden, fängt Vonns Ehrgeiz erst an.
Doch mentale Stärke allein schützt keine Knie. Wer über Jahre gelernt hat, Schmerzen zu ignorieren und Grenzen zu verschieben, verliert mitunter das Gespür dafür, wann es genug ist.
Lindsey Vonn verkörpert diesen Spitzensport wie kaum eine andere – kompromisslos, getrieben, unbeugsam. Ob diese Haltung in Cortina noch einmal zu Gold führt oder als Mahnung zurückbleibt, wird sich zeigen.