Endstand
7:6
3:1, 3:0, 0:5, 1:0
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Unfassbares ÖEHV-Comeback! Wie die "Fesseln" gelöst wurden

Österreich machte gegen Titelverteidiger Kanada ein 1:6 wett. Der Glaube war lange nicht da. Eine Pausenansprache brachte den historischen Umschwung.

Unfassbares ÖEHV-Comeback! Wie die Foto: © GEPA

Die Eishockey-Weltmeisterschaft in Tschechien ist noch keine fünf Tage alt, doch Österreich dürfte schon jetzt DIE Geschichte dieser Titelkämpfe geschrieben haben.

Im dritten Gruppenspiel in Prag legte das ÖEHV-Team gegen Rekordweltmeister und Titelverteidiger Kanada eine furiose wie historische Aufholjagd hin. Nach 40 Minuten lag die Auswahl von Teamchef Roger Bader mit 1:6 zurück, die Ahornblätter hatten das Geschehen fest im Griff.

Doch in einem unvergesslichen Schlussdrittel, welches in jedem Jahresrückblick zu finden sein wird, erzielte Österreich fünf Tore und glich tatsächlich auf 6:6 aus, womit ein Punkt sicher war. Bei diesem blieb es auch, da Kanada in der Overtime schnell für die Entscheidung sorgen konnte. Der Spielbericht >>>

Strahlende Gesichter, so weit das Auge reichte

(Artikel wird unterhalb des Videos fortgesetzt)

Nichtsdestotrotz hat sich das Eishockey-Nationalteam in den Annalen verankert. Einen Fünf-Tore-Rückstand hat in der über 100 Jahre währenden WM-Historie binnen 20 Minuten noch kein Team egalisieren können.

Hätte man das Spiel noch gewonnen, wäre es sogar das größte Comeback aller Zeiten und der erst zweite österreichische Sieg über Kanada nach 1930 (1:0 in einem Freundschaftsspiel, Anm.) gewesen.

Der Punktgewinn fühlt sich natürlich trotzdem wie ein Sieg an. "Wenn uns vor der WM jemand gesagt hätte, dass wir gegen Kanada unentschieden spielen, hätten wir das unterschrieben. Dass wir da einen Punkt mitnehmen können, ist unglaublich", war David Madlener sprachlos.

Der Torhüter war damit nicht alleine. Die Mannschaft wirkte regelrecht euphorisiert, jeder Spieler strahlte von einem Ohr zum anderen.

"Das war richtig geil! Ich glaube, das hätte sich niemand mehr erwartet", sagte Doppel-Torschütze Peter Schneider. Der sonst nicht unbedingt vor Emotionen strotzende Teamchef hatte ebenfalls einen großen Grinser im Gesicht, als er vor die Medien trat.

Ob er schon mal so ein Spiel erlebt hätte? "Ich bin seit 30 Jahren professioneller Head Coach und habe in diesen 30 Jahren sicher schon manche verrückte Spiele erlebt. Aber im letzten Drittel gegen den Weltmeister fünf Tore zu schießen und aufzuholen, ist ganz weit oben in meinem Ranking", so Bader.

Wie Bader die "Fesseln löste"

Bis es zu diesem letzten regulären Spielabschnitt kam, verlief das Spiel wie erwartet.

Das ÖEHV-Team spielte nicht schlecht, doch der Klassenunterschied war deutlich zu merken. Die NHL-Stars spielten teilweise Katz und Maus, jeder Pass landete punktgenau am Schläger eines Mitspielers. Drangphasen gab es en masse.

"Sie haben einfach eine brutale Qualität und haben uns teilweise an die Wand gespielt", meinte Manuel Ganahl. Doch mit dem Start des letzten Drittels änderte sich dies. Kanada wollte die Partie lässig, ohne die letzte Konsequenz runterspielen.

Und machte die Rechnung ohne die Österreicher. Obwohl Schneider offen zugab: "Wir haben uns nichts mehr erwartet." Die Situation sei auch für den Kopf nicht einfach gewesen, betonte Marco Rossi. "Unser Fokus war eigentlich schon auf die nächsten Spiele gerichtet."

"Ich habe in der zweiten Drittelpause gesagt, weil ich nicht wollte, dass das Spiel mit 1:9 oder ähnlich ausgeht, dass sie das Spiel und das letzte Drittel genießen sollen."

Roger Baders Pausenansprache fruchtete

Eine Ansprache des Teamchefs in der zweiten Drittelpause schien jedoch gewissermaßen "die Fesseln zu lösen", wie es Bader im Nachgang versuchte zu erklären.

"Ich habe in der zweiten Drittelpause gesagt, weil ich nicht wollte, dass das Spiel mit 1:9 oder ähnlich ausgeht, dass sie das Spiel und das letzte Drittel genießen sollen. Es ist nicht selbstverständlich gegen einen Weltmeister zu spielen, vor über 14.000 Zuschauern und für alle Spieler ist das etwas Besonderes."

Das Team sollte zeigen, dass Österreich gut Eishockey spielen könne und ein gutes Drittel bestreiten. "Egal ob wir ein Tor bekommen oder eines schießen. Dass sie es dann so umsetzen, habe ich natürlich nicht gewusst", lachte der Schweizer.

"Was passiert da gerade?"

Alles nahm seinen Lauf, als Benjamin Baumgartner bei 43:14 gespielten Minuten einen Konter nach perfektem Querpass von Schneider zum 2:6 abschloss. Lediglich 54 Sekunden später legte Schneider aus schier unmöglichem Winkel selbst das 3:6 nach.

"Was passiert da gerade?", dachte sich Madlener. "Ich habe (auf den Videowürfel, Anm.) raufgeschaut und gesehen, dass immer noch zwölf Minuten übrig sind. Ich dachte mir: 'Warum nicht noch eines?' Dann fangen sie vielleicht zum Zittern an."

So kam es tatsächlich auch. Jeder Treffer schien Österreich, angefeuert von über 14.000 Zuschauern, Auftrieb zu geben - und Kanada Stück für Stück zu paralysieren. Head Coach Andre Tourigny wirkte nach dem 2:6 noch gefasst, seine Miene sollte aber immer finsterer werden.

Rund sechs Minuten nach dem dritten österreichischen Treffer lief Dominic Zwerger am linken Flügel ins kanadische Drittel. Der Schweiz-Legionär packte den Hammer aus und bezwang Jordan Binnington im kurzen Eck. Plötzlich stand es 4:6.

"Ich habe die Scheibe bekommen, gemerkt, dass ich alleine bin, und dachte mir: Jetzt fass ich mir ein Herz. Zum Glück ist die Scheibe reingegangen. Das hat uns noch mehr Momentum gegeben", sagte der Vorarlberger beim "ORF".

Dann kam die Lawine angerollt

Ab diesem Zeitpunkt war der Glaube an eine mögliche Sensation da. Aber: "Wir wussten, dass es immer noch schwierig war, das Spiel zu drehen", erzählte Rossi. Die Eishockey-Götter meinten es mit dem ÖEHV-Team im Gegensatz zum Schweiz-Spiel jedoch gut.

Neuerlich Schneider erzielte knapp vier Minuten vor Spielende das 5:6. In der O2-Arena steppte der Bär, Österreich witterte seine Chance. Bader verriet, dass bereits nach dem vierten Tor überlegt wurde, Madlener für einen sechsten Feldspieler vom Eis zu nehmen.

Dies geschah erst rund eine Minute vor der Schlusssirene. Als der Vorarlberger Goalie auf der Bank angekommen war, durfte er sofort mit seinen Teamkollegen jubeln. Rossi fing die Scheibe vor dem kanadischen Tor ab, ließ Binnington aussteigen und hob den Puck backhand unter die Latte.

Marco Rossi jubelte nach dem 6:6
Foto: © GEPA

"Das Gefühl war unglaublich", strahlte der NHL-Export beim Gedanken an den Ausgleichstreffer, der nach einer bislang schwierigen WM wie ein Befreiungsschlag wirken dürfte.

Wie kann man diese Aufholjagd erklären? "Im Sport ist es manchmal so, dass es dann wie eine Lawine kommt", sagte Bader. "Da gibt es am Anfang ein, zwei Saves vom Torhüter, dann haben wir im eigenen Drittel sicher aufsässiger verteidigt, konnten schneller umschalten. Dann haben wir schnell das 2:6 erzielt, das hat schon sehr geholfen."

Danach hätte das Eine das Andere ergeben. "Dass 14.000 Fans in der Halle für den Außenseiter waren, das war schon ein irrsinniges Erlebnis für alle Beteiligten!", meinte der Schweizer.

Ein Glas Wein auf einen historischen Punkt

Da spielte es auch keine Rolle mehr, dass der Zusatzpunkt in der Overtime an die Ahornblätter ging. "Ich muss wirklich jedem gratulieren, dass wir so einen Charakter gezeigt haben", lobte Madlener seine Mannschaftskameraden.

Es hätte nämlich auch in die andere Richtung gehen können. "Dass man sagt: Okay, wir sind schon 1:6 hinten und jetzt schauen wir, den Schaden zu limitieren. Die Mannschaft hat aber weiter gefightet, das macht uns aus."

Der Zusammenhalt im Team ist spürbar, "in der Kabine war jeder immer positiv. So macht Eishockey natürlich mega Spaß, wenn dann noch sowas gegen den Weltmeister passiert - was soll man sagen? Das Ergebnis spricht für sich", fand Madlener die richtigen Worte.

Die aufgekommenen Emotionen wollte Teamchef Bader "total zulassen. Wir hatten vor zwei Jahren schon so ein Spiel, der Sieg nach Penaltyschießen gegen Tschechien, ein historischer Sieg. Das muss man jetzt zulassen."

Und wie lässt der Winterthurer selbst den Abend ausklingen? "Vielleicht trinke ich mit den Coaches noch ein Glas Wein." Zustimmung gab es von Pressesprecher Markus Riedlmayer, der eine Runde spendieren wollte. Zurecht.


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