Ausrufezeichen des Kaders
18 Spieler mit Wurzeln, die außerhalb Italiens liegen, finden sich im Kader. Das kam auch nicht überraschend, woher hätten sie auch sonst kommen sollen? Ein gewisser Grundstock an Erfahrung und Spielniveau ist damit natürlich eher gegeben als wenn man mit italienischen Teenagern in die Schlacht hätte ziehen müssen.
Selbst im Vergleich mit Asiago, das immerhin ein paar Einheimische einbaute, soll ein kleiner, aber routinierter Kader herhalten. Die Agentur "Optima Sports" hatte bei der Kaderzusammenstellung die Hand drauf, der aus Szekesfehervar geholte GM Viktor Szelig andere Aufgaben.
Chris McSorley gibt das Bindeglied zwischen Milano und dem Schweizer SL-Team Sierre, das wie der Fußballverein Triestina ebenfalls zum Portfolio von House-of-Doge-CEO Marco Margiotta gehört. Ein siebenstelliges Minus ist für die erste Saison laut Präsident Christof Leitner eingepreist.
Der Angriff sollte allgemein besser aufgestellt sein als der Rest des Teams, allerdings stehen ohne den langzeitverletzten Wade Allison gerade zwölf Stürmer zur Verfügung. Der schnelle Nick Caamano könnte hier am ehesten einschlagen, ließ aber wie Blake McLaughlin in Norwegen einige Wünsche offen.
Nick Saracino (schon ziemlich langsam), Mikael Frycklund, Giordano Finoro und der flinke Dante Hannoun sind aus der ICE bekannt und einschätzbar, das Duo Diego Cuglietta und Lukas Chiodo (beide aus der AlpsHL gekommen) zeigte in der Vorbereitung durchaus auf.
Neben diesen abzuschätzenden Größen müssen die Hoffnungen aufgehen: Headcoach Doug Shedden kennt Winger Michael Dal Colle aus Iserlohn. Kann der ehemalige NHL-First-Rounder seinen Abwärtstrend stoppen?
Wie Dal Colle zuletzt fast völlig ohne Spielpraxis: Greg McKegg (nach Knieproblemen mit acht Spielen in zwei Saisonen), Samuel Houde (letztes Pflichtspiel: Jänner 25) und eben Wade Allison, auch schon seit Jahren von Verletzungen gebeutelt. Im Vollbestand ihrer Kräfte sicher interessante Cracks, aber wer von ihnen steht wie oft zur Verfügung?
Im Tor sollte Jake Smith für einige Highlight-Real-Saves gut sein, er pflegt von Haus aus einen spektakulären und spekulativen Stil. Als ICE-Backup (jahrelang seine Rolle und für diese heuer auch mit einem Angebot aus Bozen) jederzeit ein guter Mann, aber kann er eine Saison als Einser durchspielen?
Backup Edoardo Berti wechselte in den letzten Jahren in der Schweiz von einem Team zum anderen und verfügt über wenig Spielpraxis im Erwachsenenbereich.
Fragezeichen des Kaders
Alex Grant war über Jahre ein solider Zwei-Weg-Defender in der KHL, verspricht als einziger Verteidiger im Aufgebot gute Scorerzahlen. Nur: Er ist mittlerweile 37 und mutierte in den letzten drei Saisonen (45 Spiele gesamt) zum Teilzeitarbeiter. Wieviel Eiszeit verträgt er über die Saison?
Im PP nach ihm dürfte Wyatt Wylie gesetzt sein, er kam wie Tony Dello aus der tschechischen Extraliga. Beide verfügen nur über limitierte spielerische Mittel, ähnliches gilt für den aus Bozen gekommenen Scott Valentine, der dort nach aufopfernden Jahren nicht mehr gebraucht wurde.
Das Engagement von Gregorio Gios (Sohn von Andrea) war von Haus aus klar, er steht wohl noch über Chad Pietroniero und dem aus Siders gekommenen Olmo Pietro Albis. Allgemein fehlt es hier an Tiefe und spielerischem Können.
Spieler ohne Spielpraxis, mit Doug Shedden (Assistent Pekka Kangasalusta wohl mit den taktischen Vorgaben) ein Coach auf der Zielgeraden seiner Karriere und ein knapp bemessener Kader – alleine diese sportliche Mischung erfordert viel Daumendrücken.
Die Rahmenbedingungen in der Vorbereitung, die sogar Shedden als "Chaos" bezeichnete, können das Team entweder enger zusammenschweißen oder die Frustrationen schon vor Saisonbeginn hochkochen lassen.
Das sportliche Abschneiden steht gar nicht so im Vordergrund – aber bringt Milano einen Mehrwert für die Liga? Von der positiven Beantwortung dieser Frage hängt der Rest an Glaubwürdigkeit des ICE-Präsidiums ab.
An der Halle wird natürlich noch frisch gewerkelt, das kennt man ja von Olympia. Sogar Liga-Geschäftsführer Christian Feichtinger, der diesem Projekt völlig hörig ist, bezeichnete das erste Heimspiel am 9. Oktober gegen den HC Innsbruck als "Nagelprobe" für die Organisation. Auch abzuwarten: Wie unterscheidet sich die Halle in der Realität von den vorgelegten Plänen?
Nach insgesamt 14 Auswärtsspielen in Vorbereitung und Liga gesamt muss hier alles klappen. Sollte Milano den Spielbetrieb klaglos absolvieren und sogar italienische Sponsoren anlocken (immer wieder das Versprechen der Liga bei Neuaufnahmen), könnte dieses Projekt aufgehen. Andernfalls droht Asiago, Kapitel 2.0.
Hier könnte nachgerüstet werden
Derzeit stehen zehn Legionäre im Aufgebot, der Italo-Markt wurde auch ziemlich abgegrast.
Erwarte aber trotzdem einige Änderungen und Ergänzungen während der Saison, nicht alle Spieler werden gesundheitlich durchhalten.
Ausblick
Die Vorbereitungsergebnisse fielen durchaus achtbar aus. Aber derzeit scheint der Kader sehr knapp bemessen und auf Hoffnung aufgebaut zu sein.
Jedes Fragezeichen muss zu einem Ausrufezeichen werden, um um die Pre-Playoff-Plätze mitkämpfen zu können...