Was Dominic Thiem jetzt machen kann/sollte

Was Dominic Thiem jetzt machen kann/sollte Foto: © getty
 

Auch angesagte Katastrophen können stattfinden. Zum Leidwesen von Dominic Thiem. Spätestens nach der völlig verpatzten Paris-Generalprobe in Lyon prophezeiten Kritiker dem österreichischen Tennis-Ass auch bei den French Open in Paris ein frühes Aus.

Mit dem Hinweis auf seine einstigen Performances bei großen Turnieren – als er trotz enttäuschender Leistungen im Vorfeld in Folge bei den wichtigen Events auftrumpfte - konnten diese mutmaßlichen Unkenrufe noch größtenteils gestillt werden. Mit der Auftakt-Niederlage am Sonntag in Roland Garros gegen den spanischen Oldie Pablo Andujar kann es aber selbst der erfahrenste PR-Experte nicht mehr schönreden: Dominic Thiem steckt in der wohl größten sportlichen Krise seiner Karriere!

Jahrelang kannten ihn die heimischen Tennis-Fans als extrem ehrgeizigen, konsequenten und zielorientierten Arbeiter, der trotz seines außergewöhnlichen Talents auch sonst alles in seinem Leben seinem großen Traum unterordnete: Dem Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier!

Ein Unterfangen, das bekanntlich im Vorjahr nach vielen Anstrengungen und Entbehrungen mit dem Triumph bei den US Open von Erfolg gekrönt worden ist.

"Nach dem Matchball spürte ich einfach nur völlige Erleichterung", meinte Thiem damals, als er sich nach zuvor drei verlorenen Grand-Slam-Endspielen endlich seinen Lebenstraum erfüllt. "Das war das pure Glück."

Sinnkrise wird zu Jahresbeginn deutlich

Schon damals wurden erste Befürchtungen laut, ob sich dadurch nicht eine gewisse Leere einstellen könnte. Eine nicht ungewöhnliche Folge, wenn ein Mensch nach einer so langen Zeit endlich sein langersehntes Ziel erreicht.

Der Viertelfinal-Einzug bei den French Open und der Final-Einzug bei den ATP-Finals ließen diese Ängste freilich etwas in den Hintergrund rücken. Dominic Thiem schien trotz seines Triumphs in New York weiter seinen Platz in der Elite des Tennis-Sports halten zu können. Erst mit dem Beginn der neuen Saison wurde immer deutlicher, dass der mittlerweile 27-jährige doch ein bisschen in eine Sinnkrise geriet.

Zwar bemühte sich der disziplinierte Lichtenwörther nach außen weiterhin um Professionalität, sowohl bei seinen Auftritten auf dem Platz als auch bei seinen Interviews schimmerte aber durch, dass bei der Person Dominic Thiem eine Veränderung stattfand.

"Ich bin 15 Jahre dem großen Ziel hinterhergelaufen, ohne nach links oder nach rechts zu schauen", meinte Thiem beispielsweise Mitte April in einem Standard-Interview. "In gewisser Art und Weise sind da einige Sachen auf der Strecke geblieben – das Privatleben, das Befassen mit anderen Dingen, die Erweiterung des Horizonts. Man muss etwas für den Kopf, fürs Hirn tun. Es gab nur Tennis. Das will ich ein bisserl ändern."

Starke Belastung durch Coronavirus-Pandemie

Kein Geheimnis ist auch, dass Thiem psychisch verhältnismäßig stark von der Coronavirus-Pandemie belastet war. "Corona hat die schönen Sachen genommen und die schlechten Sachen bleiben", beklagte er sich nicht nur einmal über die für ihn schwierige Zeit auf der Tour. Manche Spieler würden das besser wegstecken als er selbst, gab Thiem unumwunden zu.

"Seit ich denken kann, habe ich ein komplett durchgeplantes Leben. Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat ist eingeteilt. Ich fühle mich besser, wenn ich weiß, was am nächsten Tag passiert."

Mit einer kompletten Tennis-Auszeit – einem Urlaub mit Neo-Freundin Lilly Paul-Roncalli auf Mallorca – versuchte Thiem zu Frühjahrsbeginn wieder den Kopf freizubekommen. Bislang hat dieser Versuch nicht gefruchtet.

Auch der Erfolgshunger, der den Niederösterreicher bislang auszeichnete, ist noch nicht im gewohnten Ausmaß zurückgekehrt. Zu lethargisch ließ er die Niederlagen der vergangenen Wochen über sich ergehen. Kein großes Aufbäumen. Nicht einmal ein Zornausbruch über die drohende Pleite. Der bekannte Kampfgeist weilt scheinbar noch in der Auszeit.

Was kann Thiem machen?

In seiner ersten Reaktion zeigte sich Thiem nach dem Paris-Aus selbst "schockiert" und "ratlos" über seine eigene Leistung. "Es war alles nicht gut genug", kann er zumindest noch auf seine bekannte Selbstkritik setzen.

Doch was ist nun zu tun? War es das bereits mit der Karriere des Dominic Thiem? Oder kann der Lichtenwörther das Ruder in den kommenden Monaten wieder herumreißen? Mit 27 Jahren wäre der Weltranglisten-Vierte immer noch im besten Tennis-Alter.

In erster Linie wird es für Thiem ein Kampf gegen sich selbst. Und wie so oft im Tennis wird dieses Match im Kopf entschieden werden. Ob er dafür einen Mental-Coach, eine Veränderung in seinem Umfeld, eine neuerliche Auszeit, viele Arbeitsstunden am Trainingsplatz oder einfach nur wieder Erfolgserlebnisse am Tennisplatz benötigt, kann am Ende des Tages nur Dominic Thiem selbst wissen (und vor allem in die Tat umsetzen).

Meiner Meinung nach wird es einfach nur noch etwas Zeit benötigen, um seine Motivationsprobleme wieder in den Griff zu bekommen. Der große Hunger nach neuen Erfolgen wird ebenso wieder zurückkehren wie der unbedingte Wunsch, sich selbst und sein Tennis weiter zu verbessern. Diese Mentalität steckt einfach zu tief drin in Dominic Thiem, auch wenn sie derzeit etwas in den Hintergrund gerückt ist. Dieses Problem wird sich aber nicht mit dem Umlegen eines Schalters mit einem leisen "Klick" von einer Sekunde auf die andere in Nichts auflösen. Es kann auch gut sein, dass die Durststrecke noch einige Wochen, vielleicht sogar Monate anhält, ehe der endgültige Tiefpunkt erreicht ist. Darüber sollte man sich ebenfalls im Klaren sein.

Ich bin mir aber sicher, dass Dominic Thiem wieder zurück in die Spur finden wird und wir spätestens im nächsten Jahr wieder jene Version von ihm sehen werden, die imstande ist, um große Titel zu spielen.

Motivationsprobleme sind in einer langen Karriere schließlich nichts Ungewöhnliches. Wer für den Tennis-Sport so brannte, wie es ein Dominic Thiem in den letzten 15 Jahren getan hat, dessen Flamme wird nie gänzlich zum Erlöschen gebracht werden können. Das neuerliche Auflodern ist nur einen Windstoß entfernt.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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