Trayvon Bromell - Usain Bolts Erbe?

Trayvon Bromell - Usain Bolts Erbe? Foto: © getty
 

Usain Bolt, Tyson Gay, Yohan Blake, Asafa Powell, Justin Gatlin und Christian Coleman. Nur sechs Männer haben die 100 Meter jemals schneller bewältigt als Trayvon Bromell Anfang Juni 2021.

9,77 Sekunden. Das ist eine Zeit, von der viele der ganz Großen nur träumen konnten. Für den 26-Jährigen ist sie Realität. Und das, obwohl niemand glaubte, dass der US-Amerikaner auch nur in die Nähe der Weltspitze kommen könnte.

"Jeder Arzt, den ich in den letzten Jahren gesehen habe, hat mir gesagt: 'Du wirst nie wieder in Topform kommen. Du wirst nie wieder so schnell laufen können wir früher.' Aber Gott war anderer Meinung", sagt Bromell.

Rückblick ins Jahr 2016. Während seine Teamkollegen bei den Olympischen Spielen über Bronze in der 4x100-Meter-Staffel jubeln – erst später wurde die Disqualifikation bekannt – verlässt der Mann aus Florida das Stadion in Rio de Janeiro im Rollstuhl.

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Der Sprinter kam mit einem nervigen, stechenden Schmerz in der Fersengegend nach Brasilien und verließ das südamerikanische Land mit einer gerissenen Achillessehne. Was folgte, war eine endlos erscheinende Leidenszeit.

Nach einer Operation wagte Bromell 2017 ein Comeback, doch 2018 musste er erneut unters Messer. Der zweite Comebackversuch endete 2019 mit einer Adduktoren-Verletzung. 2020 meldete er sich erneut zurück. 2021 ist er voll da.

Die Jahresweltbestzeit von 9,77 wurde bereits erwähnt. Sein Sieg bei den US Trials in 9,80 und seine 9,88 Ende April beweisen, dass das kein einmaliger "Ausrutscher" war, sondern Bromell tatsächlich als großer Favorit auf die Nachfolge von Usain Bolt zu den Olympischen Spielen nach Tokio reist.

"Ich denke, der Glaube wird in Geduld gemessen"

Der Weg dorthin war steinig. 2019 wechselte der US-Amerikaner den Trainer, Rana Reider fing mit dem einstigen Nachwuchs-Star ganz von vorne an. "The Trayvon Project" nannte er es. Ganz simple Übungen waren am Anfang. "Er konnte nichtmal die Basics machen wie auf einem Bein zu springen", erinnert sich Reider an die erste Zeit.

Also begann Bromell damit, einfach nur barfuß im Gras zu gehen. Es folgten ganz kleine Sprünge. Dann kamen leichte Gewichte dazu. Monoton, mühsam, oft frustrierend. Doch sein starker Glaube an Gott gab dem Sprinter die Kraft, durchzuhalten. "Ich denke, der Glaube wird in Geduld gemessen", sagt er.

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"Die echte Goldmedaille ist die Veränderung, die sie bringen würde."

Und deswegen will er auch gar nicht viel wissen von Medaillen und so. "Es geht mir nicht um Titel oder Zeiten. Es geht um die Geschichte dahinter", sagt er. "Diese Spiele sind wichtig für mich, aber nicht aus denselben Gründen wie für andere Athleten. Eine Menge Leute wollen eine Goldmedaille. Versteht mich nicht falsch, ich sage nicht, dass ich sie nicht will. Aber mein größtes Ziel ist Veränderung. Ich will Hoffnung geben. Ich will, dass Kinder mich sehen und erkennen, dass sie das auch schaffen können."

"Die echte Goldmedaille ist die Veränderung, die sie bringen würde. Menschen würden sehen: Er war am Boden. Er hat nicht aufgegeben. Er hat weitergemacht. Er hat es zurück an die Spitze geschafft. Und gewonnen. Das ist es, was ich den Kindern auf der ganzen Welt zeigen will. Dass alle Chancen gegen dich stehen können. Dass das aber nicht heißt, dass du aufhörst, zu kämpfen."

Der lediglich 1,73 Meter große Athlet wird in den USA als erfrischende Abwechslung zu Justin Gatlin und Christian Coleman wahrgenommen. Während die Dominatoren der vergangenen Jahre eher die grimmigen Vertreter ihrer Zunft sind, oft überheblich wirkend, wortkarg, unnahbar, entspricht Bromell schon eher dem Zeitgeist.

Der 26-Jährige spricht auch mal über seine Schwächen, darüber, dass er psychologische Hilfe in Anspruch nimmt. Ein offener, junger Sportler, der die Talsohlen des Lebens kennt und auch darüber spricht.

Auf die Abwesenheit von Fans bei den Olympischen Spielen in Tokio angesprochen, sagt er: "Niemand hat auf mich geschaut, als ich aufgewachsen bin. Die Menschen waren nicht da, als ich kämpfen musste. Die Menschen waren nicht da, als meine Mutter und ich kaum die Rechnungen bezahlen konnten. Und als wir nicht wussten, ob wir ein Dach über dem Kopf haben würden, hat auch niemand auf mich geschaut. Also beeinflusst es mich auch nicht, wenn ich laufe. Es sind dieselben 100 Meter."

Bruchpilot in der Highschool

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Das Verletzungspech ist ständiger Begleiter. In der Highschool galt der Sprinter als Bruchpilot. "Ich war drei Jahre lang praktisch außer Gefecht", berichtete er aus seiner Teenagerzeit.

Bruch der linken Kniescheibe beim Versuch, einen Rückwärtssalto zu machen, Bruch der rechten Kniescheibe und des Unterarms beim Baskteball, schwere Hüftverletzung beim Sprinten – Bromell ließ nichts aus.

Doch dann explodierte er. 9,97 Sekunden lief er 2014 in Eugene. Kein anderer U20-Athlet konnte vor ihm die magische 10-Sekunden-Marke unter regulären Bedingungen knacken. Jesse Owens, Carl Lewis, Maurice Greene, Usain Bolt – sie alle waren in diesem Alter langsamer.

Ein Jahr später trommelte er die 100 Meter schon in 9,84 Sekunden über die Bahn und holte sich bei der WM in Peking die Bronzemedaille. Wiederum ein Jahr später fuhr er mit einem Stechen im Fersenbereich nach Rio. Fünf Jahre später ist Trayvon Bromell wieder zurück. Und wie!

"Die Menschen verstehen nicht, dass man nie aufhören darf. Man kann nicht einfach aufhören und selbstzufrieden sein. Für mich ist jeder Tag ein Kampf. Jeder Tag ist ein neuer Tag, um bereit zu sein, wenn Gott dir DIE Gelegenheit schenkt", sagt er.

Am 1. August 2021 wird in Tokio die Olympische Goldmedaille über 100 Meter vergeben. Bromell ist bereit.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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