Ein Weltrekord für Sex und Geld

Aufmacherbild Foto: © GEPA
 

Ein Weltrekord für Sex und Geld

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„Dann hätte ich mir einige depperte Sachen erspart.“

Kleinlaut war Markus Rogan fraglos noch nie. Doch Österreichs mit zwei Olympia-Silbernen erfolgreichster Schwimmer aller Zeiten wirkt reifer – oder zumindest reflektierter – als in früheren Tagen.

Vergangenen Monat jährte sich zum zehnten Mal der erste seiner zwei Weltrekorde. Also eine seiner weniger depperten Sachen. Das möchte man zumindest glauben. Denn Rogans Rückblick auf seine bei der Kurzbahn-EM 2005 in Triest über 200m Rücken geschwommenen 1:50,43 Minuten fällt nicht minder selbstkritisch aus.

„Insbesondere das war ein Rennen, in dem ich einen ziemlich großen Fehler gemacht habe“, erinnert sich Rogan, der am Dienstag im Rahmen des Comsult-Kongresses im Wiener Haus der Industrie mit dem Golden Arrow ausgezeichnet wurde.

"Bei meinem zweiten Weltrekord war meine Motivation eine ganz andere. Da lag sie viel mehr im Prozess selbst und nicht auf ‚Was zahlen’s?‘ oder ‚Wie viele Mädels kann ich danach schnackseln?‘."

Markus Rogan

Der Trieb als Antrieb

„Fehler“ beziehe der mittlerweile in Beverly Hills praktizierende Psychologe aber weniger auf Technik oder Wenden, sondern vielmehr auf seine damalige Motivation.

„Ich habe damals meine Befriedigung durch äußere Bestätigung gesucht. Speziell durch gut dotierte Sponsorenverträge, durch die Aufmerksamkeit diverserer Kamera-Teams, durch die Aufmerksamkeit diverser Missen“, diagnostiziert er im Gespräch mit LAOLA1 seinem früheren Ich sogenannte extrinsische Motivations-Quellen, die in der Sportpsychologie als nicht optimal, weil von äußeren Faktoren abhängig, gelten.

„Ich habe mir damals gedacht: Ein Zapfen, den ich mir noch in die Krone setzen könnte, wäre der Weltrekord.“ Dass er seine erste Bestmarke im Gegensatz zur 2008 folgenden zweiten (WM-Titel in Manchester in 1:47,84 min) nur ganz knapp erreichte, sei für ihn somit kein Zufall. „Weil beim zweiten Weltrekord meine Motivation eine ganz andere war. Da lag sie viel mehr im Prozess selbst und nicht auf ‚Was zahlen’s?‘ oder ‚Wie viele Mädels kann ich danach schnackseln?‘.“

Im Vorfeld des Final-Laufs 2008 gegen einen damals fast übermächtig wirkenden Ryan Lochte hatte sich Rogan keinerlei Chancen ausgerechnet. „Daher hatte ich die Möglichkeit, mich voll auf mich zu konzentrieren. Es war einer der wenigen Momente meiner Karriere, in denen ich mich traute, mich auf meinen inneren Kompass zu verlassen.“

Markus Rogan wird beim Comsult-Kongress mit dem Golden Arrow ausgezeichnet

Es dämmerte erst langsam

Die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst hat bei Rogan erst in der Spätphase seiner Karriere eingesetzt. Als der insgesamt neunfache Europameister begann, mit einem Sportpsychologen zusammenzuarbeiten, dämmerte ihm dann auch die Überflüssigkeit manch „depperter Sachen“.

Aus heutiger Sicht ortet er die Ursache vieler Fehltritte in innerer Unsicherheit. Ähnlich verhalte es sich auch bei seinem leidvollen Hermann-Maier-Sager. Dem Ski-Star hatte er vor den Olympischen Spielen 2012 mehr oder weniger indirekt eine verminderte Denkfähigkeit unterstellt.

Rogan habe das damals aus Eifersuchts- und Neid-Motiven heraus gesagt: „Ich wollte einfach immer mehr.“

„Der beste Förder-Antrag wird gefördert“

Bei der Thematisierung von Schwimm-Weltrekorden drängt sich die Frage auf, ob bzw. wann Rot-Weiß-Rot den nächsten bejubeln kann. „Erst dann wieder, wenn sich Österreich zusammenrafft und sich endlich zu einem Sportfördersystem durchringt, welches in erster Linie die besten Sportler fördert und nicht wie im Augenblick den besten Förder-Antrag“, so Rogan, der vom OSV den Medien im vergangenen Sommer als Berater vorgestellt wurde.

Mit seinen Ideen und Inputs sei der ehemalige Rückenspezialist aber bislang auf wenige offene Ohren gestoßen. Rogan spricht von Ahnungslosigkeit aufseiten des Verbandes. Zwischen den Zeilen ist Frust nicht zu überhören.

„Das momentane Fördersystem funktioniert in etwa so: Du stellst in die Mitte eines Raumes mit honorigen Personen einen Kübel voll Gold, drehst das Licht ab und wunderst dich danach, dass etwas fehlt“, soll die Dunkelheit die mangelnde Transparenz symbolisieren. Eine Kritik, die sich nicht nur auf den OSV beschränke, sondern sich auf den gesamten österreichischen Förder-Dschungel beziehe. „Es gibt zwar zig Prüfer, aber die würde es in dieser Zahl gar nicht brauchen, wenn es ein glasklares und nachvollziehbares System gäbe.“

Kampf gegen „Selecao-Trauma“

Mit den kommenden Olympischen Spielen hat Rogan schwimmerisch zwar nichts mehr zu tun, in seinem Arbeits-Kalender sind sie aber dennoch dick angestrichen. Der gebürtige Wiener betreut derzeit einige brasilianische Sportler auf deren Weg zu den Heimspielen in Rio.

„Brasiliens Olympisches Komitee hat die Befürchtung, dass die Sportler unter dem Erwartungs-Druck, den bereits die Fußball-Nationalmannschaft bei der Heim-WM hatte, nämlich zu glauben, das ganze Land retten zu müssen, zerbrechen könnten.“

Um wen es sich bei seinen Klienten konkret handelt, ist vertraulich. Nur so viel: Sie kommen aus verschiedenen Sportarten. Scheint ganz so, als ob Rogan versucht, nun andere vor extrinsischer Motivation und manch „depperten Sachen“ zu bewahren.

 

Reinhold Pühringer

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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