Duo ersetzt Elisabeth
Obwohl Elisabeth nicht am Start steht, will sich Veronika nicht von ihrem Plan abbringen lassen. "Ich werde sicher in allen fünf Disziplinen am Start stehen", sagt Veronika eine Woche vor dem Start der Paralympics gegenüber LAOLA1.
Als Ersatz für ihre Schwester hat sie gleich zwei neue Guides. Lilly Sammer wird mit ihr die Speeddisziplinen bestreiten und Eric Digruber ist mit ihr in den Technik-Disziplinen im Einsatz.
"Ich bin sehr froh, dass das funktioniert hat. Mit Lilly und Eric kann ich mit einem sehr guten Gefühl in die Rennen gehen. Nach dem Aus von Lisi (Elisabeth Aigner, Anm.) ist das die beste Option, beiden kann ich vertrauen und auch zwischenmenschlich passt es sehr gut", sagt Veronika Aigner.
"Ich war deppert"
Doch nicht nur das Fehlen ihrer Schwester stellt Veronika Aigner vor Herausforderungen. "Was heuer dazugekommen ist, sie haben mich falsch eingestuft von der Behinderung her. Ich musste raten in welche Richtung ein "E" steht. Zweimal hatte ich es richtig. Ich war deppert, dass ich überhaupt eine Antwort gegeben hab. Das ist absolut nicht fair abgegrenzt. In dem Moment war ich am Boden zerstört", sagt die 23-Jährige.
Die sehbehinderten Skifahrer:innen werden in vier Klassen unterteilt, damit können alle Athlet:innen unabhängig von ihrer Sehstärke im selben Rennen antreten. Im Rennen werden die Zeiten der Läufer:innen dann mit einem Faktor, abhängig der Klasse, multipliziert. Aigner wurde nun von der zweiten Klasse AS2 in die dritte Klasse AS3 gestuft. Somit muss sie mit einem schlechteren Faktor fahren.
Aber auch davon will sie sich nicht unterkriegen lassen: "Die Lisi hat zu mir gesagt, dass ich gezwungen werde, dass ich mich weiterentwickle. Ich muss noch besser fahren. Ich würde mich jetzt umso mehr freuen, wenn ich mit einem Dreierfaktor so eine gute Zeit fahre, dass ich vielleicht eine Goldene mache."
"Vroni die Zeit ist grün"
Trotz der vielen Herausforderungen blickt Aigner positiv nach vorne, denn sie hat schon bei den vergangenen Paralympics in Peking bewiesen, dass sie Hürden überwinden kann.
Im Jänner 2021 zog sich die dreifache Gesamtweltcupsiegerin bei einem Trainingssturz Kreuzband- und Meniskusrisse in beiden Knien zu. Nur gut ein Jahr später stand die damals 19-Jährige in Peking im Slalom sowie im Riesenslalom am obersten Treppchen.
Über den Triumph von damals sagt Aigner: "Ich weiß nicht, wie das gegangen ist, aber ich bin mit sieben Sekunden Vorsprung im Ziel gestanden. Ich konnte das nicht glauben. Lisi hat einfach gesagt: 'Vroni die Zeit ist grün'. Das waren Sekunden, da habe ich das ganze Jahr Revue passieren lassen. Da sind mir die Tränen gekommen."
Von Gloggnitz in die New York Times
Doch nicht nur Veronika und Elisabeth holten 2022 Medaillen für die Familie Aigner. Auch die damals erst 16-jährigen Zwillinge Barbara und Johannes Aigner konnten in Peking Edelmetall holen.
Barbara landete zweimal hinter Veronika und holte Silber und Bronze. Johannes konnte sogar in allen fünf Disziplinen eine Medaille holen. Zweimal davon in Gold. Wären die Aigners damals als eigene Nation angetreten, wären sie sogar Achte im Medaillenspiegel geworden.
Mit ihren Erfolgen erlangte die Familie aus Gloggnitz mit einem Schlag weltweite Berühmtheit. Sogar die New York Times berichtete damals von den Aigners und bezeichnete sie als die Trapps des sehbehinderten Skifahrens. Der in den USA extrem erfolgreiche Film "The Sound of Music" basiert auf der Geschichte der Familie von Trapp.
Volle familiäre Unterstützung
Doch während in Peking noch vier Aigners am Start waren, ist in Cortina nur noch die Hälfte dabei. Neben der verletzten Elisabeth ist auch Barbara Aigner nicht mehr am Start.
Die 20-Jährige gab im Jänner 2025 überraschend ihr Karriereende bekannt. Hauptausschlaggebend war der hohe Leistungsdruck.
Von Veronika gibt es Unterstützung für die Entscheidung ihrer Schwester: "Ich finde es voll stark von der Babsi, dass sie den Schritt gewagt hat, aufzuhören. Sich einzugestehen, dass man mental nicht mehr stark genug ist, ist für mich irgendwie eine richtige Stärke."
"Ich hoffe schon, dass mindestens eine Goldene rausspringt."
Auf die Unterstützung ihrer Familie kann Veronika trotzdem voll zählen. Aufgrund der kurzen Anreise wird ein Großteil der Familie Aigner vor Ort sein.
Auf ein Familienmitglied freut sich Veronika besonders: "Der Opa, glaub ich, hat noch nie ein Skirennen bei uns gesehen, weil es oft ein weiter Weg ist. Im Fernsehen schaut es oft gar nicht so schnell aus. Das ist einfach schön, dass er das zum ersten Mal dort sehen kann."
Letzter Slalom
Gründe zum Mitfiebern gibt es für die Familie einige. Wie ihr Bruder Johannes wird auch Veronika in allen fünf Disziplinen am Start stehen. In Peking war sie nur im Riesentorlauf und Slalom am Start. Dieses Mal ist sie auch in der Abfahrt, im Super-G und in der Alpinen Kombination am Start.
In ihrer früheren Paradedisziplin dem Slalom wird sie jedoch zum allerletzten Mal am Start stehen. "Ich hab jetzt schon Probleme mit den Knien. Durch den Kreuzbandriss habe ich im rechten Knie keinen richtigen Knorpel mehr. Durch die schnellen Bewegungen im Slalom spüre ich es halt voll im Knie", sagt Aigner als Begründung.
Jetzt will sie im Slalom noch einmal zeigen, was sie kann, um sich dann auf die Speeddisziplinen zu konzentrieren.
Das Ziel ist klar
Trotz der vielen Hürden, die sie vor den Spielen zu bewältigen hat, fährt sie mit einer klaren Erwartungshaltung nach Italien: "Die Chancen stehen jetzt um mehr als das Doppelte höher, dass ich Medaillen mache. Ich hoffe schon, dass mindestens eine Goldene rausspringt."
Zudem ergänzt sie: "Wenn es eine Silberne oder eine Bronzene wird, wäre man kein richtiger Sportler, wenn man sich nicht freuen würde, gerade bei den Paralympics. Aber man fährt eben mit, dass man diesen Titel Olympiasieger mit heim nehmen kann. Für das gehe ich an den Start."
Der Start in die Paralympics ist ihr jedenfalls schon gelungen. Im ersten Abfahrtstraining holte sie mit der 16-jährigen Lilly Sammer, die sie als "richtigen Rohdiamanten" bezeichnet, eine überlegene Trainingsbestzeit.