KTM-Chef Beirer: "Das treibt uns in den Wahnsinn"

KTM-Chef Beirer: Foto: © Gold & Goose / Red Bull Content Pool
 

Der Start in die MotoGP-Saison 2022 hätte für KTM gar nicht besser laufen können.

In Katar fuhr Brad Binder zu einem hervorragenden zweiten Platz, Miguel Oliveira legte in Indonesien sogar noch einen drauf und holte seinen insgesamt vierten Sieg für die Mattighofener. Es sah danach aus, als wäre das oberösterreichische Team endgültig im Konzert der Großen angekommen und könnte in jedem Rennen um den Sieg mitfahren.

Aber weit gefehlt. Bei den letzten sieben Grand Prix war ein fünfter Rang von Oliveira in dessen Heimat Portugal das beste Resultat, in der Weltmeisterschaft liegt man nur auf den Rängen sechs (Binder) und elf (Oliveira). In der Konstrukteurs-Wertung liegt KTM gar nur auf dem vierten von sechs Plätzen.

"Ich bin ja ein endloser Optimist", hofft KTM-Motorsportdirektor Pit Beirer darauf, in der zweiten Saisonhälfte wieder einen Schritt näher an die Spitze heranzukommen. "Zufrieden sind wir aber nicht. Top-3-Plätze waren vor der Saison das Ziel - und da sieht's momentan nicht gut aus", stellt er klar.

In Katar und Indonesien war die Welt noch heil

Binders sechster Platz in der Fahrer-Wertung ist für den 42-Jährigen aktuell Schadensbegrenzung. "Wir sind punktemäßig auf Tuchfühlung, da nicht nur wir mit dem Auf und Ab in dieser Saison kämpfen."

Aber auch der Deutsche hat sich den Saisonverlauf, insbesondere nach dem fabelhaften Auftakt, anders vorgestellt. "Da kommst du nach Katar, was für uns eine furchtbare Strecke in der Vergangenheit war und wirst Zweiter. Dann waren wir bei sehr heißen Bedingungen extrem stark und als es geregnet hat, waren wir wieder stark."

"Wenn du dann aber im April erfährst, dass es doch nicht so ist, ist das natürlich der Super-Gau"

Pit Beirer

"Dann denkst du dir: Jetzt funktioniert es auf verschiedenden Strecken. Und auf einmal verändern sich die Strecken ein wenig und es funktioniert überhaupt nicht mehr und du bist weiter weg denn je", ärgert sich Beirer.

"Das musst du den Ingenieuren erst einmal erklären. Die fahren natürlich auch von Katar heim, wo sie alle mit Angstschweiß auf der Stirn angereist sind, und wissen: Das Bike turnt, hat Grip, die Bremsleistung ist da. Es passt alles, beim Top-Speed sind wir nicht ganz dabei, aber dafür sind wir im Turning viel besser geworden."

Seit Argentinien ist es der "Super-Gau"

In diesem Moment hatte KTM das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. "Wenn du dann aber im April erfährst, dass es doch nicht so ist, ist das natürlich der Super-Gau", meint der Mann vom Bodensee. Vor allem unter dem Aspekt, dass man nach Katar schon angefangen hat, "sehr viel am neuen Motorrad für das nächste Jahr zu arbeiten."

Anstatt "Stabiliät reinzubringen" und im Gegensatz zu den letzten Jahren die Rennwochenenden nicht damit zu verbringen, immer wieder neue Teile zu testen, ist also genau das wieder der Fall. "Auf einmal stehst du mit dem Rücken zur Wand und wenn das Bike nicht funktioniert, kannst du nicht einfach sagen: So, wir testen jetzt nicht mehr."

Um allmählich wieder den Anschluss an die Top-Teams zu schaffen, "haben wir in Mugello ein Update verschossen, was eigentlich nicht der Plan war", erklärt der Motorsportdirektor. "Wir wussten, wir müssen etwas tun."

Denn die Vorteile in den Kurven reichen KTM nicht, in puncto Top-Speed hinken die Fahrer dieses Jahr zu stark nach. "Wenn du acht sehr schnelle Ducatis im Feld hast, dann musst du Topspeed liefern", deutet Beirer auf die bekannte Stärke der italienischen Bikes hin.

Zudem sind Binder und Oliveira "zwei exzellente Fahrer und denen müssen wir jetzt etwas bieten, damit sie auch auf ihr normales Arbeitsniveau kommen", weiß Beirer, dass die schwachen Resultate auch an der Moral der Piloten nagen. Dabei ist die Rennpace durchwegs zufriedenstellend, zählen Binder und Oliveira zu jenen Piloten, die die meisten Plätze gutmachen.

Aber: "Unser größtes Problem ist einfach diese verdammte eine Runde", spricht Beirer die ausbleibenden Leistungen im Qualifying deutlich an.

"Das treibt uns fast in den Wahnsinn"

War Binder zum Auftakt in Katar und Indonesien beispielsweise noch Siebenter und Vierter, erreichte der Südafrikaner in Folge nur noch zweimal das Q2 - und wurde dort auch jeweils nur Zwölfter. Teamkollege Oliveira schaffte es gar nur noch einmal ins Shootout um die Pole-Position.

"Wir sind in jeder normalen Lebenslage konkurrenzfähig. Aber wenn alle für eine Runde auf Zeitenjagd gehen, dann machen wir den Schritt nicht. Das treibt uns fast in den Wahnsinn", ist Beirer dementsprechend sauer. Und es komme noch etwas dazu, führt der ehemalige Motorrad-Rennfahrer aus.

"Wir haben das stärkste Motorrad am Start, gewinnen immer Positionen. Wir brauchen gar nicht die erste Startreihe. Selbst wenn wir die zweite haben, fahren wir trotzdem mit den Top 3 um die erste Kurve. Wir haben einen extremen Rennspeed, eine immense Power am Start und gute Fahrer - aber wenn sie am 16. und 17. Platz in den Sonntag gehen, ist die Moral der ganzen Truppe schon einmal im Eimer."

Jeder im Team erhoffe sich und es sei jede Woche ein Rückschlag, "den du versuchen musst, aus dem Team rauszukriegen. Das ist mühsam", seufzt Beirer.

Jeder im Team will Erfolg

Ein unangenehmer Wegbegleiter ist auch der Druck, den sich KTM allerdings selbst auferlegt, wie Beirer meint.

"Die Fahrer wollen Erfolg, wir wollen Erfolg, die Mechaniker wollen Erfolg. Natürlich will die Firma, oben drüber der Vorstand, Erfolg. Wir haben kein Schmalspur-Budget um zu sagen, uns geht das Geld aus oder wir müssen sparen. Der olympische Gedanke war auch nie die Überschrift", unterstreicht er das Ziel, "regelmäßig das Podium anzugreifen."

Beirer ist aber guter Dinge, das Ruder herumreißen zu können. "Da sind wir in Rückstand, den wollen wir aber nicht erst nächstes Jahr sondern noch vor Jahresende wettmachen."

Und vielleicht gelingt ja noch vor der überlangen Sommerpause die Kehrtwende. Die ersten Trainings-Sessions am Sachsenring waren jedenfalls wenig verheißungsvoll. Miguel Oliveira war als bester KTM-Pilot nur auf Rang 17 zu finden.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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