Kurskorrektur? FIA hat in Regel-Debatte noch "Asse im Ärmel"
Viele Fahrer sehen die Regelrevolution kritisch. Mögliche Änderungen sollen nach dem Grand Prix in China mit den Teams besprochen werden.
Unter dem Druck der von Red-Bull-Star Max Verstappen angeführten Nörgler-Fraktion im Fahrerlager prüft der Automobil-Weltverband FIA eine schnelle Kurskorrektur beim neuen Formel-1-Regelwerk.
Die Debatte um den fehlenden Spaßfaktor mit der neuen Motorenformel und Imageschäden für die Rennserie führt schon vor dem zweiten Rennwochenende in Shanghai zum Gegensteuern der Regelwächter. "Wir haben dazu noch ein paar Asse im Ärmel", sagte FIA-Direktor Nikolas Tombazis.
Diese wollte man aber "nicht vor dem ersten Rennen als vorschnelle Reaktion vorstellen", betonte Tombazis. Nach dem Großen Preis von China am Sonntag (8.00 Uhr MEZ/live ORF 1 und Sky sowie im Ticker>>>) werde das Thema mit den Teams besprochen.
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Spätestens seit dem Saisonauftakt in Melbourne in der Vorwoche tobt bei Piloten, Teams, Funktionären und Fans eine Diskussion über die Radikalkur, die sich die Formel 1 für dieses Jahr verordnet hat.
Weg vom Vollgasfahrer, hin zum Energiemanager, der clever mit dem Saft aus der Batterie seine Rennstrategie und Überholmanöver plant. Beziehen die Motoren doch nur noch zu gut 50 Prozent Leistung vom Verbrenner und zu fast 50 Prozent aus der Batterie, die Runde für Runde wieder geladen werden muss.
Spielkonsole statt Simulator
"Du kannst weniger einen Unterschied machen. Je mehr du auf dem Gas bist und je später du bremsen willst, desto schlechter ist das für dich", erklärte der viermalige Weltmeister Verstappen seinen Unmut über die Reform.
Wie mancher Kollege bemühte der Niederländer mehrfach den Vergleich mit dem Videospiel "Mario Kart" und höhnte, er trainiere inzwischen statt im Simulator kostensparend auf einer Spielkonsole.
In Shanghai versicherte Verstappen zugleich: "Es gibt da ein paar einfache Lösungen. Die FIA muss sie nur bei dem Zeug mit der Batterie zulassen." Er habe eine Reihe von Ideen mit den Regelhütern diskutiert, ließ er wissen. "Letztendlich ist mein Vorschlag für alle besser, weil er einfach das Rennen verbessert. Es geht nicht darum, was ich will - es geht darum, was für den Sport besser ist", sagte Verstappen.
Russell will abwarten
Eigentlich wollten die Macher der Rennserie schnelle Eingriffe ins frische Reglement vermeiden. "Das Schlimmste wäre, wenn wir etwas ändern und es verschlechtern", warnte Williams-Teamchef James Vowles. Mercedes-Star George Russell sagte: "Wir sollten dem Ganzen noch mehr Chancen geben."
Das für viele Zuschauer unterhaltsame Überholchaos von Australien werde sich in China nicht wiederholen, ebenso wie der Eindruck, dass es gerade an den schnellsten Stellen der Strecke mehr ums Batterieladen als um Topspeed geht.
"Wir sollten abwarten, bevor wir übereilte Entscheidungen treffen", sagte Russell. Allerdings führt der Brite nach seinem Auftaktsieg die WM an und gibt auch in China deutlich das Tempo an der Spitze vor. Mercedes hat die beste technische Lösung für die neuen Regeln gefunden. Kein Wunder, dass der 28-Jährige kein Interesse an schnellen Veränderungen hat.
Alonso: "Die Herausforderung ist weg"
Viele Konkurrenten sehen es anders.
Titelverteidiger Lando Norris beklagte, der nun geforderte Fahrstil sei "nicht das, was wir jemals gelernt haben und wahrscheinlich nicht das, was wir als Kinder unbedingt tun wollten". Der McLaren-Pilot vermisst ähnlich wie Veteran Fernando Alonso den Mutfaktor, wenn es auf den Rennstrecken in die rasantesten Abschnitte geht.
"Es gab immer bestimmte Kurven in der Formel 1, die die Grenzen der Physik beim Durchfahren dieser Kurven herausforderten, und der Fahrer musste all sein Können einsetzen und in manchen Momenten auch mutig sein. Diese Herausforderung ist auf ihre Weise weg. Jetzt nutzt man die Kurven, um die Batterie zu laden und nicht, um Zeit zu gewinnen", erklärte Alonso.
Sicherheitsbedenken
Hinzu kommen Sorgen um die Sicherheit, wenn sich am Start oder in anderen kniffligen Situationen dank Elektro-Schub plötzlich große Unterschiede bei der Geschwindigkeit ergeben und Unfälle böse enden könnten.
So wäre Alpine-Fahrer Franco Colapinto in Melbourne auf den ersten Metern fast ins Auto von Liam Lawson gerauscht, weil dieser am Start mit einer wohl fast leeren Batterie nicht vom Fleck kam. "Der Start ist im Moment eine Lotterie", sagte Colapintos Teamkollege Pierre Gasly.
Weniger Elektro-Schub schon in Japan?
Bis zu 60 Stundenkilometer schneller mache der neue Überholmodus mit Zusatzschub die Rennwagen, sagte Williams-Fahrer Carlos Sainz und befand, dies sei viel zu künstlich. "Für mich gehört das einfach nicht zur DNA des Sports", betonte der Spanier.
Die FIA werde die Sache mit dem Energiemanagement auf den Prüfstand stellen, versicherte Spitzenfunktionär Tombazis dem Fachportal "The Race". Möglich wäre als erster Schritt, den maximalen Elektro-Schub zu verringern. Die Maßnahme könnte sogar schon beim Rennen in Japan Ende März greifen, heißt es.
Für weitere Anpassungen könnte danach unerwartet viel Zeit sein. Die beiden für April geplanten Grand Prix in Bahrain und Saudi-Arabien stehen wegen des Iran-Kriegs vor der Absage.