Wolff: "Denke immer über neue Motivation nach"

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Ein Wiener ist der erfolgreichste Formel-1-Teamchef der Gegenwart.

Mit Toto Wolff - im Jänner 2013 als Motorsportchef und Nachfolger von Norbert Haug im Amt - ist Mercedes seit Einführung der Hybrid-Motorenformel im Jahr 2014 ungeschlagen und gewann sechs Mal die Konstrukteurs-WM und ebenso oft das Fahrer-Championat (fünf Mal Lewis Hamilton, einmal Nico Rosberg).

Der Mercedes-Teamchef zieht im Interview mit LAOLA1-Experte Gerhard Kuntschik in Austin eine erste Saison-Bilanz und blickt mittelfristig voraus.

LAOLA1: Wie beurteilst du die neuen, ab 2021 geltenden Regeln?

Toto Wolff: Für uns sind sie ein wenig zu "reduziert". Man versuchte, die Performance aller Teams anzugleichen durch eine gewisse Vereinheitlichung der Chassis. Die aerodynamischen Flächen werden verkleinert oder weniger. Die Frontflügel werden demnach alle gleich ausschauen, da frage ich mich: Ist das noch die Formel 1 oder nicht? Und ich meine: Die neuen Autos werden nicht um drei Sekunden pro Runde langsamer sein, wie die Regelmacher sagen, sondern um sechs. Aber man muss anerkennen, dass die Sache gelungen ist, wenn die Rennen spannender werden. Da ist es egal, ob die Autos schneller oder langsamer sind.

LAOLA1: Was bedeutet das alles für Mercedes? Ist die Überlegenheit der vergangenen Ära ab 2021 dahin?

Wolff: Man darf nicht davon ausgehen, immer vorn zu sein. Das muss man sich immer wieder neu verdienen. Für mich ist beruhigend, dass wir mit Regeländerungen immer gut umgehen konnten. Das war 2009 beim Vorgänger Brawn so, dass war so 2014, 2017, 2019. Vielleicht ist diese Neuerung genau die Motivation, die wir brauchen. Dass es neuen Druck gibt.

LAOLA1: Jetzt gelang heuer das sechste WM-Double in Folge. War das so zu erwarten? Oder hattest du je Zweifel?

Wolff: Nach den Wintertests auf jeden Fall. Eigentlich zweifelte ich das ganze Jahr – bis Sotschi. Als dort Ferrari das Rennen mit Vettels Ausfall und Leclercs Pech beim Safety-Car wegwarf, da wurde mir erstmals bewusst: Ja, wir schaffen es wieder. An einen "Homerun" habe ich nie geglaubt.

LAOLA1: Ist Lewis Hamilton mit seinem sechsten WM-Titel nun am Zenit seiner Karriere, schon darüber oder noch davor?

Wolff: Rein altersmäßig ist er wahrscheinlich am Zenit. Er ist aber extrem motiviert, um mit dem Michael (Schumacher, sieben WM-Titel, Anm.) gleichzuziehen.

LAOLA1: Du wirst also auch 2020 versuchen, die Mannschaft auf dem Boden zu halten und optimal neu zu motivieren?

Wolff: Ja, aber du musst jedes Jahr nachdenken, wie motiviere ich die ganze Mannschaft neu? Motiviert sein heißt noch lange nicht, dass es in die Tiefe geht. Es geht darum, die Energie auf die gesamte Firma auszubreiten. Das ist ein Fokus unseres Managements.

LAOLA1: Wie erklärst du das Phänomen, dass Mercedes keine Fehler macht? Mercedes gewinnt sogar Rennen, in denen andere haushohe Favoriten sind...

Wolff: Wir sind als Mannschaft zusammengeschweißt. Wir hatten kaum Abgänge im Team. Wir haben Vertrauen zu einander. Das sind aber alles keine Gründe, warum ein Auto haltbarer ist. Auch uns passieren Fehler, aber relativ wenige. Aber das gilt auch für andere Teams, Red Bull zum Beispiel. Vielleicht sind die häufigeren Fehler ein Ferrari-Phänomen.

LAOLA1: Hat dich die Leistung von Honda heuer überrascht?

Wolff: Ja, und zwar sehr positiv. Denn das ist gut für die Formel 1, dass Honda und Red Bull konkurrenzfähig sind.

LAOLA1: Ist Max Verstappen für dich als Mercedes-Fahrer der Zukunft ein Thema?

Wolff: Im Moment gibt es drei Fahrer, die über den anderen zu stehen scheinen: Verstappen, Hamilton, Leclerc – egal in welcher Reihenfolge. Die anderen Jungen sind schwer einzuschätzen: Russell, Ocon, Norris muss man zutrauen, dass sie in einem Topauto auch vorn sind. Die drei Erstgenannten werden immer in den besten Autos sitzen. Bei mir ist Loyalität ein ganz wichtiges Thema. Das erste Gespräch wird immer mit den eigenen Piloten stattfinden. Wenn das fruchtet, ist es gut. Wenn nicht, muss ich mich woanders umsehen.

LAOLA1: du hast jetzt mit Bottas neben Hamilton Frieden im Team und gehst eigentlich kein Risiko ein...

Wolff: Genau. Valtteri ist eine bekannte Größe und managebar. Beide Piloten sind stark. Das ist eine perfekte Kombination für 2020. Was wir 2021 machen (alle Verträge der Topfahrer enden 2020, Anm.), ist völlig offen.

LAOLA1: Wie viel Anteil hat Niki Lauda am heurigen weiteren Erfolgsjahr?

Wolff: Die Frage ist gut! Der Niki war das Herz des Teams. Ich vermisse ihn als Freund am meisten, wir alle vermissen ihn als Mentor, Sparringpartner, Seele der Mannschaft. Seine Stärke, die er dem Team gab, war allein durch seine Präsenz gegeben. Mehr hat es gar nicht gebraucht. Das vermissen wir.

LAOLA1: Mercedes beginnt in wenigen Wochen sein Werks-Engagement in der Formel E. Was erwartest du da? Siegeszüge wie in der Formel 1?

Wolff: Ich erwarte einige Höhepunkte. Es gibt viele Teams, die vergangenes Jahr gewinnen konnten. Die haben alle mehr Erfahrung. Die kann man auf Anhieb in der WM nicht schlagen. Mit Highlights meine ich: Einige Podestplätze, vielleicht den ersten Sieg. Aber wir kommen nicht dorthin und bügeln alle nieder. Das wird nicht geschehen.

LAOLA1: Herrscht im Daimler-Konzern intern Ruhe, was den Motorsport betrifft?

Wolff: In der Auto-Industrie ist derzeit nichts ruhig! Aber so lange der Motorsport funktioniert, werden die Argumente dafür immer überwiegen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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