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Vereinssterben in NÖ: Wenn Männer Tränen vergießen

Die Anzahl an Amateurvereinen in Niederösterreich, die keine Mannschaft mehr stellen können, nimmt rapide zu. Doch woran liegt's?

Vereinssterben in NÖ: Wenn Männer Tränen vergießen Foto: © Jawad Ahmadi

Quo vadis, niederösterreichischer Vereinsfußball?

Es ist ein Trend, der erschreckend ist. Jahr für Jahr verliert der Niederösterreichische Fußball-Verband Verein um Verein. Die Anzahl an Klubs, die in den vergangenen Spielzeiten zusperren mussten, ist beängstigend - alleine 2022 waren es rund ein Dutzend.

Doch woran liegt das? Spielermangel? Keine Funktionäre? Kein Geld? Wer denkt, die genaue Antwort zu kennen, der irrt sich höchstwahrscheinlich. Die Antwort ist komplex und nicht auf ein einziges Übel zurückzuführen.

LAOLA1 hat mit den teils ehemaligen Vereins-Funktionären dieser Klubs gesprochen, um der Wurzel des niederösterreichischen Vereinssterbens auf den Grund zu gehen.


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Das Hauptproblem, mit welchem sich die niederösterreichischen Amateur-Vereine herumschlagen müssen, ist definitiv der Mangel an personellen Ressourcen. Doch bei der Frage, in welchen Bereichen diese Knappheit an Leuten am akutesten ist, gehen die Meinungen auseinander.

Fakt ist: Sowohl der Mangel an Spielern als auch der Mangel an Funktionären führte in den vergangenen Jahren dazu, dass Vereine nicht mehr in der Lage waren, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. 

Männer-Kampfmannschaft? Zu viel Aufwand!

Ein Verein, dem es an Funktionären mangelte, war der SV Willendorf (zuletzt 2. Klasse Wechsel). Schon im Sommer 2020 stand der Klub vor einer ungewissen Zukunft. Auf Bitte der Spieler übernahm der bis dahin als Sportlicher Leiter amtierende Hans Katits den Obmann-Posten. Katits stellte aber von Beginn weg klar, dass er dies maximal für zwei Jahre machen würde.

Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich jedoch als schwierig: Trotz zahlreicher Maßnahmen, sogar öffentliche Veranstaltungen wurden abgehalten, fand sich lange Zeit niemand, der den Verein übernehmen würde.

Im Sommer 2022 erklärte sich dann doch Raimund Scherleitner bereit, den Klub als Obmann weiterzuführen, um ihn nicht sterben zu lassen - dennoch kam der Verein nicht um eine gewaltige Einschränkung, die Auflösung der Männer-Kampfmannschaft, herum.

Der SV Willendorf von der Seitenlinie
Foto: © Jawad Ahmadi

Blieben also noch die Frauen-Kampfmannschaft und Jugendabteilung, sie werden beim SV Willendorf weitergeführt. Zu hoch sei der enorme Aufwand und zu knapp die zeitlichen Ressourcen, um eine Herren-Mannschaft zu stellen. Dafür ist die Frauen-Mannschaft nun das neue Aushängeschild des Klubs, was durchaus selten und daher als positiv zu werten ist. 

Keine Helfer, kein Spielbetrieb!

Der SC Großengersdorf (zuletzt 1. Klasse Nord) lief in ein ähnliches Problem. Im Sommer des Vorjahres wurde der Spielbetrieb eingestellt. Grund dafür sei der Mangel an Helfern bei der Abwicklung des Vereinsbetriebes, wie Obmann Martin Wanke bestätigt. "Auch eine Reserve zu stellen, war immer recht schwierig", so Wanke.

Das Gute aber vorweg: Ganz unterkriegen hat man sich auch in Großengersdorf nicht lassen. Der Verein arbeitete verbissen daran, den Spielbetrieb nicht dauerhaft ruhenzulassen - und das mit Erfolg. In der kommenden Saison wird man nach einem Jahr Pause wieder in der 2. Klasse in den Spielbetrieb einsteigen.

Man habe zunächst Personen gesucht, die diverse Aufgaben übernehmen. Als dies gelang, habe man einen neuen Vorstand zusammengestellt und Spieler gesucht.

Die Spieler hätte man auch im Vorjahr schon bekommen, "daher wäre es nicht so das große Problem gewesen", betont Wanke. "Aber der alte Vorstand hat es nicht geschafft, genügend Helfer rundherum aufzutreiben", erklärt der Obmann.

Die Einstellung des Spielbetriebs sei auch ein Wachrütteln an die Helfer gewesen, damit diese sehen können, "dass es nicht weitergeht, wenn keiner hilft", so Wanke.

Wenn nicht mal eine Spielgemeinschaft mehr hilft...

Ganz von der Bildfläche verschwunden ist hingegen der SV Göpfritz (zuletzt 2. Klasse Waldviertel Thayatal). Der Verein aus dem Waldviertel kämpfte schon länger ums Überleben, weshalb man sich auch bereits 2017 entschied, eine Spielgemeinschaft mit dem USV Allentsteig einzugehen.

Mittlerweile gibt es aber auch diese nicht mehr. Göpfritz habe es nicht mehr zustande gebracht, einen Vorstand zu stellen, wie Allentsteig-Obmann Sascha Graf bestätigt.

"Mir blutet heute noch das Herz", so Graf. "Ich hätte gerne die Spielgemeinschaft weitergeführt – auch unter dem Namen Allentsteig/Göpfritz. Aber es hat sich eben leider kein Vorstand gefunden."

Ursprünglich sei man die Spielgemeinschaft 2017 eingegangen, da Göpfritz mit Spielermangel zu kämpfen hatte. "Ich glaube, es kämpft jeder Verein, dass er zwei Erwachsenen-Mannschaften stellen kann, plus die Jugendmannschaft, die auch verpflichtend sein müssen. Da tust du dir zu zweit leichter", so Graf.

"Wir haben gesagt, wir möchten die Synergien nutzen. Natürlich sind die Abwanderungen im Waldviertel da, geburtenschwache Jahrgänge gibt es auch. Wenn du da auf zwei Gemeinden zurückgreifen kannst, tust du dir einfach leichter", erklärt der Allentsteig-Obmann die damalige Entscheidung.

"Es wird dir als Verein nicht leichter gemacht vom NÖFV"

Auf die Spieler, die damals aus Göpfritz mitgekommen sind, könne man in Allentsteig heute noch zurückgreifen, selbiges gilt für die Jugendabteilung. Aktuell sei man noch gut aufgestellt. Dem Problem, dass der Spielermangel auch einen selbst einholen kann, sei man sich jedoch bewusst.

"Natürlich ist keiner gefeit davor, dass man mal zu wenig Spieler hat, oder man das eine oder andere Reserve-Spiel absagen muss. Das Problem hat jeder Verein. Momentan haben wir die Spieler, aber das kann auch schnell in die andere Richtung gehen", so Graf, der eine große Challenge darin sieht, die Jugend für den Fußball zu begeistern.

 

"Jeder Verein, der finanziell gut flüssig ist, hat mittlerweile drei, vier, fünf, sechs Legionäre. Dafür ist das Geld da, aber in die Jugend wird nichts gesteckt bzw. wirst du sanktioniert, wenn du keine Jugendmannschaften hast. Da ist vielleicht auch mal ein Umdenken gefragt."

Sascha Graf, USV Allensteig

Und wenn das nicht gelingt, bekommt man auch noch ein Problem mit dem NÖFV: "Wenn du gewisse Jugendmannschaften nicht stellen kannst, wirst du immer nur sanktioniert, bevor mal in eine andere Richtung gedacht wird."

"Jeder Verein, der finanziell gut flüssig ist, hat mittlerweile drei, vier, fünf, sechs Legionäre. Dafür ist das Geld da, aber in die Jugend wird nichts gesteckt bzw. wirst du sanktioniert, wenn du keine Jugendmannschaften hast. Da ist vielleicht auch mal ein Umdenken gefragt, aber das betrifft höchstwahrscheinlich auch mehrere Vereine", redet sich Graf etwas Frust von der Seele, samt Seitenhieb Richtung NÖFV: "Es wird dir als Verein nicht leichter gemacht vom Verband."

Summa summarum werde man langfristig wohl nicht darum herumkommen, wieder Spielgemeinschaften einzugehen: "Ich bin schon davon überzeugt, dass die nächsten Jahre die Spielgemeinschaften wachsen werden, weil es alleine einfach nicht mehr geht."

Suche nach Spielern? Erfolglos!

Eine Spielgemeinschaft einzugehen, ist ein Szenario, von dem Josef Rosatzin, Obmann des SV Niederabsdorf (zuletzt Bezirksklasse Waldviertel) derzeit nur träumen kann. Derzeit ist der Spielbetrieb einmal nur eingestellt, bis Ende Mai soll die Entscheidung fallen, ob man weiterspielen kann oder nicht.

Auch in Niederabsdorf plagt man sich mit Spielermangel herum. Die jüngsten Versuche, den Spielbetrieb durch eine Spielgemeinschaft am Leben zu halten, scheiterten. "Wir waren auf der Suche nach einem zweiten Verein in der 2. oder 1. Klasse, der vielleicht mehr Leute in der Reserve hat, als er braucht, ob wir eine Kooperation machen, also eine Spielgemeinschaft. Das ist aber danebengegangen. Das ist nämlich nicht der Fall in unserem Umkreis", so Rosatzin.

Schon in den vergangenen Jahren tat man sich in Niederabsdorf schwer, den Spielbetrieb am Leben zu halten - die vergangenen beiden Spielzeiten hat man zwar begonnen, konnte sie aber nicht beenden. "Das wäre sinnlos gewesen", so Rosatzin.

"Wir hätten zwar jede Woche unsere elf Leute zusammengebracht, aber hätten jede Woche 15, 20 Tore gekriegt. Wir wären abgeschossen worden. Da haben wir gleich im März gesagt, wir brechen ab. Aus, Ende, fertig und zahlen die Strafe. Da haben wir an die 2.000 Euro gezahlt."

"Früher haben sie Fußball gespielt, wenn sie eine Hochzeit gehabt haben. Da haben sie nach der Kirche in der Ersten gespielt und dann ist der Bräutigam wieder auf die Tafel gefahren. Wer macht das heute noch?"

Josef Rosatzin, SV Niederabsdorf

An Geld mangle es in Niederabsdorf sowieso nicht. "Wenn wir zusperren, dann sperren wir mit Geld zu", stellt Rosatzin klar. Auch Funktionäre seien vorhanden, wenn man allerdings nicht die nötigen Spieler findet, könne auch nicht gespielt werden.

"Jeder Verein in der Umgebung sucht verbissen Spieler", so Rosatzin. "Es geht fast keinem Verein gut. Wenn man sich die Reserven anschaut der anderen Vereine, die bringen auch gerade nur elf Leute zusammen. Corona hat das beschleunigt."

Der Trend sei jedoch schon seit längerem zu erkennen gewesen. Die guten, alten Zeiten seien vorbei. "Das ist alles nicht mehr wie früher. Früher haben sie Fußball gespielt, wenn sie eine Hochzeit gehabt haben. Da haben sie nach der Kirche in der Ersten gespielt und dann ist der Bräutigam wieder auf die Tafel gefahren. Wer macht das heute noch?"

Der Schmerz, sollte es den SV Niederabsdorf eines Tages tatsächlich nicht mehr geben, sei schwer in Worte zu fassen. "Mein Vater hat mir das vorgelebt und ich habe das gemacht. Ich bin seit 1980 Funktionär beim Sportverein und habe dort immer gearbeitet. Das ist meine Lebensaufgabe dort. Es hat mir auch schon viele Tränen gekostet, wie wir eingestellt haben", so Rosatzin.

Corona auch im Geldbeutel zu spüren

Mit einer ganz anderen Situation sah sich der ESV Krems (zuletzt 2. Klasse Wachau) konfrontiert: Kein Geld, kein Spielbetrieb. "Eigentlich war wirklich das ganze Corona daran schuld", erklärt Andreas Murhammer, bis zuletzt Obmann des ESV Krems.

"Das hat sich dann so entwickelt mit den Sponsoren, dass das dann immer weniger geworden ist – dadurch auch die ganze finanzielle Lage. Da haben wir dann beschließen müssen, dass man den Spielbetrieb einstellt."

Ganz verloren sei der über 100 Jahre alte Verein aber noch nicht. Hinter den Kulissen werde nach wie vor mit viel Nachdruck daran gearbeitet, den Verein wieder auf Schiene zu bringen.

Sollte man aber tatsächlich mal zusperren, wäre das kaum auszumalen. "Mich würde das sehr schmerzen, weil ich mit dem Verein so viele Emotionen verbinde", sagt Murhammer. "Als ich übernommen habe, wären wir damals schon fast geschlossen worden. Ich habe jetzt eigentlich schon das Leben verlängert. Mir wäre das sehr wichtig, dass es den ESV trotzdem weitergeben würde, weil viel persönliches Herzblut in dem Verein liegt."

Umzug? Nein, danke!

Der ASV Baden (zuletzt 2. Klasse Triestingtal) hätte auch fast noch seinen 100. Geburtstag erlebt, kurz vor dem 100-jährigen Bestehen wurde der Verein jedoch aufgelöst. Der Grund ist kurios: Verein und Stadt konnten sich nicht über eine Verlängerung des Pachtvertrages für den Platz einigen.

Die genauen Gründe dafür seitens der Stadt kenne er nicht, betont Ex-Obmann Gerald Prucha: "Aber auf dem Platz wären sehr viele Renovierungsmaßnahmen nötig gewesen. Ich nehme an, dass das der Grund war."

Auf eine andere Heimstätte wäre einer Entwurzelung gleichgekommen und war daher keine Option, wie das ehemalige Vereinsoberhaupt betont. Eine Chance, dass der Klub irgendwann neu gegründet wird, bestehe laut Prucha daher nicht.

 

"Früher sind die Spieler nach dem Training oder dem Match noch in die Kantine gekommen. Heute ziehen sie sich die Fußballschuhe aus und sind weg."

Gerald Prucha, ASV Baden

"Außerdem wird es immer schwerer, Funktionäre zu finden", so Prucha. "Früher sind die Spieler nach dem Training oder dem Match noch in die Kantine gekommen. Heute ziehen sie sich die Fußballschuhe aus und sind weg", führt er aus. Es sei nicht mehr dasselbe wie früher, der Gemeinschaftssinn sei verloren gegangen.

Einen Grund sieht er aber auch in der Auflagen des Verbandes. "Du musst in so einer Position so viele Haftungen tragen, obwohl du das alles in deiner Freizeit machst. Das tut sich ja keiner mehr an", sagt Prucha. "Du hast nur Arbeit und kaum mehr einen Dank dafür", schildert er.

Auch seien die Kosten in den letzten Jahren enorm gestiegen, man finde aber kaum noch Sponsoren. "Die Firmen kämpfen ja selber alle ums Überleben", so Prucha. Da bleibe für den Fußball kein Geld mehr übrig.

Umzug? Ja, bitte!

Platz-Probleme führten auch dazu, dass der ASK Erlaa (zuvor 2. Klasse Ost/Mitte) dem NÖFV den Rücken kehrte. Allerdings betrafen die Stadion-Probleme nicht Erlaa, sondern den FC Torpedo 03.

Der war nämlich zuvor Untermieter auf einem Sportplatz in Atzgersdorf, der dem Rugbyverband gehört. Der Rugbyverband hatte dann aber kein Interesse mehr daran, dass dort Fußball gespielt wird und hat den Mietvertrag aufgelöst.

"Man hat dann mit dem ASK Erlaa einen Partner gefunden, der Interesse hatte, hier zusammenzuarbeiten und so hat sich die Fusion ergeben", erklärt Obmann Daniel Kamleitner. Gespielt wird nun im Wiener Fußball Verband, wo man den Platz des FC Torpedo einnahm und heuer in der untersten Klasse (2. Klasse) einstieg.

Der FC Torpedo hat somit für sein Erwachsenenteam, aber vor allem für die 300 Kinder aus dem Nachwuchs eine neue Heimat gefunden. Man sei personell zwar gut aufgestellt, jedoch werde es immer schwieriger, Nachwuchstrainer zu finden. "Das war vor fünf Jahren noch wesentlich einfacher. Wenn man da etwas ausgeschrieben hat, hat es immer mehrere Bewerbungen gegeben. Das ist mittlerweile aber ganz schwer geworden", schildert Kamleitner.

"Jedes Wochenende zu fixen Zeiten verfügbar zu sein, ist für viele eine zu große Einschränkung"

Das Problem sieht er in der Regelmäßigkeit der Mithilfe. "Ich glaube, es sind schon viele interessiert, aber jedes Wochenende zu fixen Zeiten verfügbar zu sein, das ist für viele vielleicht eine zu große Einschränkung", meint er.

"Ich glaube, dass es so ist, dass man sich heute nicht gerne zu etwas verpflichtet, sondern dann mithilft, wenn es eben passt", zieht er ein Fazit.

Corona, Spielermangel, Funktionärsmangel, zu strikte Auflagen vom NÖFV, kein Platz zum Spielen - die Gründe, keine Mannschaft stellen zu können, waren nie zuvor so vielfältig. Es ist wohl alleine dem Kampfgeist einiger weniger zu verdanken, dass nicht bereits mehr Vereine über die vergangenen Jahre ins Gras bissen. 

Doch auch diese Leute werden immer weniger. Stellt sich natürlich die Frage: Brechen auch die weg, was dann? Quo vadis, niederösterreichischer Vereinsfußball?


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