Kevin Großkreutz: Die Talfahrt eines Weltmeisters

Kevin Großkreutz: Die Talfahrt eines Weltmeisters Foto: © getty
 

13. Juli 2014: Verlängerung beim WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro.

Kevin Großkreutz steht zur Einwechslung bereit, doch Bundestrainer Joachim Löw entscheidet sich im letzten Moment gegen den Einsatz des damaligen Dortmunders. Damit bleibt Großkreutz im gesamten Turnierverlauf ohne eine Minute Spielzeit.

Dennoch, seit diesem Tag darf sich Kevin Großkreutz "Weltmeister" nennen. Ein Umstand, den nicht viele für möglich gehalten hätten. Es sollte einer der letzten Höhepunkte in der Karriere des gebürtigen Dortmunders sein, denn von diesem Moment an ging es stetig bergab.

Fünf Jahre später kickt Großkreutz nur noch in Deutschlands 3. Liga beim KFC Uerdingen. Der mittlerweile 31-Jährige sorgte jüngst mit einer Tätlichkeit für Aufsehen (Großkreutz hatte seinem Gegenspieler absichtlich von hinten gegen die Wade getreten) - eine Sechs-Spiele-Sperre war die Folge.

Glück im Unglück für den Heißsporn - die Sperre gilt nur für Liga-Spiele. Damit spricht nichts dagegen, dass auf Großkreutz ein weiteres Karriere-Highlight wartet. Sein Einsatz für Uerdingen im Spiel gegen die alte Liebe - Borussia Dortmund - in der 1. Runde des DFB Pokals (Freitag, ab 20:45 Uhr im LIVE-Ticker) wird für Großkreutz ein spezieller, ein sehr emotionaler Moment werden.

LAOLA1 lässt die Karriere des Weltmeisters vor dem Pokal-Leckerbissen Revue passieren.

Kevin Großkreutz, der "Titelhamster"

Kevin Großkreutz ist ein "Ur-Borusse". Mit sieben Jahren besaß er bereits seine erste Dauerkarte für das einstige Westfalen-Stadion. Der BVB war schon immer seine große Liebe und so war es auch sein Traum, dort zu spielen. So musste er auch nicht lange überlegen, als ihn Jürgen Klopp 2009 von RW Essen nach Dortmund lotsen wollte.

Großkreutz konnte mit Borussia Dortmund so ziemlich alles gewinnen, was es im deutschen Fußball zu gewinnen gibt. Zweimal deutscher Meister, einmal DFB-Pokalsieger und auch wenn man das Finale gegen die Bayern verloren hat, ist das Erreichen des Champions-League-Endspiels 2013 für ihn als Riesen-Erfolg zu verbuchen.

Großkreutz war universell einsetzbar, eine Allzweckwaffe für jeden Position. Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2013/14 musste er sogar einmal im Tor aushelfen, nachdem Roman Weidenfeller mit Rot vom Platz flog und alle Wechseloptionen aufgebraucht waren.

Und seit 2014 ist Großkreutz eben auch Weltmeister. Es sollte der letzte Höhepunkt in seiner Nationalteam-Karriere sein, denn die Tatsache, dass Joachim Löw den Dortmunder überhaupt für die WM berufen hat, stieß bei so manchem Experten auf Unverständnis.

Kevin Großkreutz, der "Bad Boy"

Vor der WM - im Mai des Jahres 2014 - sorgte Großkreutz für Aufsehen, als ans Licht kam, dass er jemanden mit einem Döner beworfen haben soll. Großkreutz gab jedoch zu Protokoll, den Döner bloß auf den Boden geschleudert zu haben. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Wenig später setzte es den nächsten Eklat. Nachdem Dortmund im DFB-Pokalfinale 2014 gegen den FC Bayern München unterlag, "tröstete" sich die Mannschaft in einigen Berliner Klubs. Großkreutz soll dabei zu tief ins Glas geblickt und in der Folge im Dortmunder Mannschaftshotel gegen eine Säule in der Lobby uriniert haben.

Großkreutz im CL-Einsatz für den BVB
Foto: © GEPA

Die deutschen Medien nahmen Großkreutz damals scharf unter Beschuss, doch der DFB und Bundestrainer Joachim Löw stellten sich hinter ihren Schützling.

Auch bei der WM-Feier 2014 machte Großkreutz wieder von sich reden. Bei der Titel-Sause schafte er es locker in die "Elf der Spieler mit dem größten Durst". Die "Sport Bild" berichtete, dass er irgendwann im Laufe der Party-Nacht so betrunken war, dass er sich bei einem Sturz die Lippe aufgeschlug und genäht werden musste...

Kevin Großkreutz, der "Unglückliche"

Nachdem Thomas Tuchel das Ruder in Dortmund übernahm, war Kevin Großkreutz nicht mehr erste Wahl. Die Verantwortlichen gaben ihm zu vestehen, sich einen neuen Verein zu suchen.

Kurz vor Ende der Transferfrist meldete sich Galatasaray Istanbul, sie würden den Dortmunder gerne verpflichten. Der Deal war quasi perfekt – doch die Unterlagen dafür wurden unvollständig eingereicht. Großkreutz war zwar für ein halbes Jahr Teil des Kaders von Galatasaray, nur eben nicht spielberechtigt.

Diese Phase in der Türkei zählte nicht gerade zu den Glanzzeiten von Kevin Großkreutz. Bundestrainer Joachim Löw soll einmal versucht haben, den Weltmeister in Istanbul zu besuchen, musste sich dort aber vom Galatasaray-Trainer Kritik anhören. "Ich war in Istanbul beim Trainer von Galatasaray, der mir gesagt hat, dass Kevin fast jedes Wochenende Freitag bis Sonntag nach Hause geflogen ist. Das macht man nicht, wenn man Teil einer Mannschaft ist", verurteilte Löw das Verhalten von Großkreutz.

Weiters legte er nach: "Ich habe nur begrenzt Verständnis dafür, wie er mit seiner Karriere umgegangen ist." Damit beendete Löw die Teamkarriere von Kevin Großkreutz mit einem Schlag.

Kevin Großkreutz, der "Schläger"

In Istanbul wurde Großkreutz nie wirklich glücklich. Nach nur einem halben Jahr und ohne je ein Spiel für Galatasary absolviert zu haben, zeichnete sich bereits eine Rückkehr nach Deutschland ab.

Der VfB Stuttgart zahlte eine Ablöse von 2,17 Mio. Euro, um den Weltmeister für den Kampf gegen den Abstieg zu verpflichten. Stuttgart stieg ab, und mit dem VfB landete auch Kevin Großkreutz in der 2. Liga.

Im März 2017, gegen Ende der Folge-Saison, wurde der Vertrag von Kevin Großkreutz plötzlich aufgelöst. Die Begründung: Großkreutz zog mit mehreren Jugendspielern durch das Stuttgarter Rotlichtviertel und landete mitten in einer Schlägerei...

Großkreutz bei der BVB-Meisterfeier 2011
Foto: © getty

In der "Sky"-Talkshow "Wontorra" schilderte er die Situation wie folgt: "Ich war feiern, ein Kollege wurde angemacht. Ich habe mich davor gestellt, habe eine auf die Nase bekomme und war der Doofe. Man darf sich gar nicht vorstellen, wenn ich mich gewehrt hätte."

In einem Interview des Magazins "11 Freunde" erfuhr man, dass alles viel schlimmer hätte ausgehen können: "Der Arzt im Krankenhaus hat gesagt, ich solle in die Kirche gehen und eine Kerze anzünden. Es hätte nicht viel gefehlt und in dieser Nacht wäre alles zu Ende gegangen", schildert Großkreutz und meint weiter: "Ich hatte wahnsinniges Glück, wurde geschlagen, bin mit dem Kopf auf den Bordstein gefallen und wurde ein weiteres Mal getreten, so dass mein Jochbein brach. Es hat alles weh getan. Ich habe in der Nacht gespürt, wie sie mir mit einer Spritze das Blut aus dem Kopf gezogen haben."

"Es wurde in jenen Tagen geschrieben, geschrieben und noch mehr geschrieben. Es wurde so getan, als hätte ich jemanden umgebracht. Vieles entsprach nicht der Wahrheit", erklärte Großkreutz nach seiner tränenreichen SAbschieds-Pressekonferenz in Stuttgart.

Kevin Großkreutz, der "Sympathieträger"

Später hatte Großkreutz folgendes zu seiner Stuttgart-Abschieds-Pressekonferenz zu sagen: "An dem Tag wollte ich mit dem Fußball nichts mehr zu tun haben. Es war eine schwierige Situation. Da kam wirklich der Gedanke, dass ich aufhöre. Aber ich liebe den Fußball zu sehr. Deswegen musste ich einfach weitermachen."

Kevin Großkreutz blieb ein Fanliebling - auch in Stuttgart. VfB-Fans sammelten bis zu 50.000 Unterschriften, um Kevin Großkreutz beim Verein zu halten – ohne Erfolg.

Im Interview mit "11 Freunde" sagte er: "Das hat mich beeindruckt. Ich habe in der Zeit viele Gespräche mit meinen Eltern geführt und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es kein Fehler war, in Stuttgart zu spielen. Ich war lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort."

Nachdem Großkreutz vier Monate vereinslos war, meldete sich Thorsten Frings - damaliger Trainer des Zweitligisten Darmstadt - mit den Worten, er wolle ihn nach Darmstadt holen und somit in den nächsten Abstiegskampf - dieses Mal allerdings mit mehr Erfolg als noch ein Jahr zuvor in Stuttgart.

Darmstadt konnte die Liga mit "Ach und Krach am letzten Spieltag halten. Trotzdem endete das Abenteuer Darmstadt für Großkreutz.

Kevin Großkreutz, der "Traditionelle"

Keine Stammplatz-Garantie führte dazu, dass Kevin Großkreutz vom Zweitligisten Darmstadt in 3. Liga zum Traditionsverein KFC Uerdingen, wechselte.

14 Jahre spielte der Verein in der Bundesliga, ehe nach dem Abstieg im Jahr 1996 sogar der Fall in die 6. Liga folgte.

Mittlerweile befindet sich der Klub aber wieder am Weg nach oben und freut sich am Freitag mit Großkreutz auf das Spiel des Jahres, besser gesagt des Jahrzehnts, wenn die Dortmunder Borussia im Pokalspiel der Gegner von Ex-Sturm-Graz-Trainer Heiko Vogel oder Österreichs Goalie Lukas Königshofer und von "Legende" Kevin Großkreutz ist...

Großkreutz bei der WM-Party in Berlin 2014
Foto: © getty

Großkreutz zeigt sich vom Flair und der Tradition seines aktuellen Arbeitgebers angetan.

Ziel des Klubs ist der Aufstieg in die 2. Bundesliga. 2017 schaffte man es noch in die Landesliga aufzusteigen, eine Saison später folgte der Aufstieg in die 3. Liga. Die vergangene Spielzeit schlossen die Nordreihn-Westfalen auf dem zehnten Rang ab, Kevin Grokreutz stand während seiner Premieren-Saison in Uerdingen 36 Mal auf dem Spielfeld, steuerte dabei drei Tor-Assists bei.

Der 31-Jährige traut seiner Mannschaft in dieser Saison den ganz großen Coup und den Aufstieg in die 2. Liga zu. "Es ist eine überragende Truppe. Die Mannschaft, der Trainer und, dass dieser Verein einfach mal wieder nach oben gehört, hat mich bewegt hier hin zu kommen."

Kevin Großkreutz, der "Trainer"

Im Herbst 2018 zog Großkreutz auch noch einen Nebenjob als Trainer an Land. Der Dortmunder übernahm den Job des Co-Trainers seines Heimatvereins VfL Kemminghausen, ein Klub der aktuell in der Bezirksliga spielt, der siebthöchsten Spielklasse in Deutschland.

Im Jahr 2013 war er bereits in dieser Funktion bei Kemminghausen tätig. Damals sorgte er dafür, dass der Klub von der Kreisliga A bis in die Landesliga aufstieg. Damals musste er allerdings wegen der Profi-Engagements seine Tätigkeit ruhen lassen.

Aufgrund seiner Verpflichtungen für Uerdingen kann Großkreutz auch nicht regelmäßig an den Trainingseinheiten des Siebtligisten teilnehmen: "Es kann also durchaus vorkommen, dass ich auch nur einmal die Woche beim VfL-Training bin. Das entscheidet sich kurzfristig, ist aber mit den Verantwortlichen so abgesprochen."

Das ist aktuell aber zweitrangig. Vorerst freut sich Großkreutz auf sein "Spiel des Jahres" gegen Dortmund. Dann will er dabeisein, wenn Uerdingen den Aufstieg in die 2. Liga schafft.

Das wiederum würde natürlich eine Mega-Party mit sich bringen und da könnte Großkreutz ja dann ein weiteres Kapitel seines bewegten Fußballer-Lebens schreiben.

"Es ist doch so: In dem Moment, wenn der Ball deinen Fuß verlässt und du spürst, dass der Ball ins Tor gehen könnte, ist das Gefühl, das dich überkommt, überall gleich. In Brasilien bei einer WM, hier in der Dritten Liga. Nur in Dortmund ist es etwas besser. Ich spiele gerne Fußball, ganz egal wo. Auch wenn meine Karriere beendet ist, werde ich weiter unterklassig mit Freunden zocken. Der Fußball hat mein Leben geprägt, da bleibe ich dabei."

Kevin Großkreutz

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