Ruttensteiner: Ende der denkmalwürdigen Jahre?

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Es gibt vermutlich einfachere Zeitgenossen als Willi Ruttensteiner.

Auch das Schmähtreiben, das mancherorts in Fußball-Österreich immer noch einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert genießt, ist mitunter nicht seine Paradedisziplin.

Gerade am Anfang seiner Tätigkeit im ÖFB, dem er seit Herbst 1999 angehört, war vielmehr er es, der verlacht wurde - und das nicht einmal hinter vorgehaltener Hand. Als "PowerPoint-Willi", weil er sich erdreistete, mit der Zeit zu gehen.

Heute sitzen seine Kritiker von damals selbst nicht mehr hinter der Schreibmaschine, sondern können mit einem Computer umgehen.


Bemerkenswerter Widerstand

Kritiker blieben in den vergangenen 18 Jahren ein treuer Begleiter von Ruttensteiner. Die laufende Nationalteam-Woche zeigt jedoch, dass er sich in den vergangenen knapp zwei Jahrzehnten vielleicht nicht einen Beliebtheitspreis erarbeitet hat, aber jede Menge Respekt für seine Arbeit.

Zumindest gestaltet sich der, mutmaßlich von einigen Landespräsidenten geplante "Abschuss" des Oberösterreichers, nicht als "g'mahte Wiesn". Der Widerstand gegen die - je nach Interpretation und Blickwinkel - in Betracht gezogene oder bereits vollzogene Ablöse von Ruttensteiner als Sportdirektor ist jedenfalls durchaus bemerkenswert.

Alleine schon der mediale Widerstand ist - obwohl nicht das größte Liebkind vieler Medienvertreter - beachtlich. Besonders auffällig ist jedoch, mit welcher Vehemenz sich die ÖFB-Kicker vor ihn stellen. Erst Marc Janko, dann Marko Arnautovic, dann Julian Baumgartlinger.

Mit wohl durchdachten Argumenten führten sie "Willis" Vorzüge ins Treffen - und das, obwohl gerade dieses Trio nicht als Paradebeispiel für die von Ruttensteiner initiierte Trendwende im Nachwuchsfußball durchgeht, weil sie entweder als Spätstarter den Durchbruch schafften (Janko) oder entscheidende Phasen ihrer Ausbildung im Ausland genossen (Arnautovic und Baumgartlinger).

Dabei weiß jeder Fußball-Beobachter nur zu genau, dass in ähnlichen Situationen aus Fußballer-Mündern oft wohlklingende und unverfängliche Floskeln kommen, die eine gewisse Wurschtigkeit über einen anstehenden Personalwechsel unter einem ihrer Chefs nur mit Mühe verbergen. Wurscht scheint vielen ÖFB-Spielern die Art und Weise, mit der Ruttensteiner aus seinem Amt gekickt werden könnte, indessen kaum zu sein.

Hilft der Gegenwind?

Man darf gespannt sein, ob der öffentliche Gegenwind am Samstag in der Präsidiumssitzung des ÖFB zu einer Trendwende führen wird und Ruttensteiner im Amt bleiben darf, oder ob seine unfreiwillige Ablöse tatsächlich durchgezogen wird.

Man darf jedoch mutmaßen, dass die öffentliche Rückendeckung zumindest ein bisschen Rückenwind für seinen langjährigen Förderer Leo Windtner darstellt, der im Falle einer Ablöse von "Rutti" die nächste - selbst verschuldete - Niederlage hinnehmen müsste.

Oder vielleicht gibt es ja die klassische österreichische Kompromisslösung: Ruttensteiner darf viele seiner Agenden behalten, bekommt aber einen Teammanager zur Seite gestellt. Es hat schon schlechtere Kompromisse gegeben. Selbst Marcel Koller betonte, dass ein eigener Manager für das A-Nationalteam ob des riesigen Aufgabengebiets von Ruttensteiner keine schlechte Idee sei.

Denn Ruttensteiner tanzt tatsächlich auf vielen ÖFB-Hochzeiten. Arnautovic hinterfragte, warum Ruttensteiner das Scheitern in der WM-Qualifikation zum Verhängnis werden solle, wo es doch auf anderen Gebieten wie den Junioren-Nationalteams und im Frauen-Fußball in den vergangenen Jahren nachweislich bergauf ging.

Das Brachland am Beginn

Gerade der Frauen-Fußball ist kein schlechtes Beispiel. Ruttensteiner trat stets als Förderer auf, setzte mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit und Sturheit auf dieses Thema und wurde dafür verlacht. Angesichts der Performance der ÖFB-Damen bei der heurigen EM lachten viele plötzlich mit ihm und nicht mehr über ihn.

Mit welcher Hartnäckigkeit und Sturheit er an der Verbesserung der Situation des Nachwuchs-Fußballs arbeitete, ist bestens dokumentiert. Vorsichtig formuliert: Als Ruttensteiner im ÖFB anheuerte fand er diesbezüglich relatives Brachland vor. Teenager von heute glauben gar nicht, wie wenige ÖFB-Legionäre Österreich vor eineinhalb Jahrzehnten noch hatte. Mittlerweile hat sich die gestiegene Qualität in der heimischen Nachwuchsarbeit längst jenseits der Landesgrenzen, vor allem in Deutschland, herumgesprochen.

Man könnte auch meinen, er hat lediglich internationale Selbstverständlichkeiten initiiert. Aber wenn sonst kaum einer über den Tellerrand blickte, darf man sich auch dafür loben lassen. Und Ruttensteiner streicht seine internationalen Kontakte gerne hervor.

Die Landespräsidenten

Wenn die aktuelle Lage nicht reichlich ernst wäre, könnte man über folgende Passage aus dem APA-Text anlässlich seiner Bestellung durch den ÖFB im Jahr 1999 durchaus schmunzeln: "Der Oberösterreicher deponierte eine Forderung an die Landesverbände, einen technischen, hauptberuflichen Leiter im (Nachwuchs)-Trainerbereich zu installieren."

Aller Anfang ist schwer, und es sollte nicht die letzte Forderung gewesen sein. Immer wieder ist zu hören, dass es eines der Motive so mancher gegen Ruttensteiner eingestellter Landespräsidenten sein soll, dass dieser immer und immer mehr Nachbesserungen, beispielsweise bei den Akademien, verlange. Stichwort Hartnäckigkeit und Sturheit.

Man könnte schon auf die Idee kommen, dass ein anderer Sportdirektor, noch dazu selbst ausgewählt, diesbezüglich bequemer sein könnte und vor allem weniger Kosten verursachen würde.

Apropos selbst ausgewählt: 2011 war Ruttensteiner bekanntlich die federführende Kraft hinter der Bestellung von Koller zum Teamchef. Erstmals. Zuvor hatte er nur überschaubar viel Mitspracherecht. Wie gelungen die Auswahl von Kollers Vorgängern war, möge jeder selbst für sich beantworten. Zu einem guten Teil gingen sie jedenfalls auf die Kappe des ÖFB-Präsidiums, das derzeit augenscheinlich wieder über mehr Macht verfügt.

Noch keine Ernte in der Trainerausbildung

Erschwert wird nun die Bestellung eines neuen Teamchefs kurioserweise dadurch, dass eines der Lieblings-Themenfelder Ruttensteiners (bisher) einer seiner größten Fehlschläge ist. Man muss dem 54-Jährigen durchaus zu Gute halten, dass er die Trainer-Ausbildung auf ein verbessertes Level gestellt hat und darüber auch mit enormer Begeisterungsfähigkeit referieren kann - wie über jedes Thema, das ihm am Herzen liegt.

Alleine: Die Resultate lassen noch zu wünschen übrig - Ausnahmen wie Peter Stöger oder Adi Hütter bestätigen die Regel (Ralph Hasenhüttl absolvierte den DFB-Trainer-Lehrgang). Von einer jungen Generation an Trainer-Hoffnungsträgern wie etwa in Deutschland ist Österreich auch in Relation weit entfernt. Man braucht viel Phantasie, um abseits der Trainer-Legionäre einen rot-weiß-roten Teamchef zu finden, auf den sich eine breite Mehrheit einigen könnte. Tendenziell gibt es diesen Kandidaten auch nicht.

Aber: Vielleicht braucht es auch auf Trainer-Ebene Zeit, bis die Ernte eingefahren werden kann. So wie einst auch Ruttensteiners Nachwuchs-Initiativen nicht von heute auf morgen fruchteten und einiges an Durchhaltevermögen benötigten. Heute diskutiert kaum jemand mehr über die Sinnhaftigkeit von Akademien oder dem "Projekt12" - außer vielleicht jene, die finanzielle Mittel bereitstellen müssen.

Denkmalwürdige Jahre

1999 klang das anlässlich der Bestellung Ruttensteiners in der APA noch so, um die damalige Ausgangsposition dazulegen: Neben den Bundesnachwuchs-Zentren (BNZ) wird es in Zukunft auch Landesausbildungszentren geben, in denen vor allem die "Technik" als Schwerpunkt gelehrt wird. Wie weit die einst von Frank Stronach angekündigten "Nachwuchs-Akademien" eine Rolle spielen, muss abgewartet werden. "Sollte es tatsächlich einmal solche geben, dann ist natürlich eine Zusammenarbeit wünschenswert", erklärte dazu ÖFB-Präsident Beppo Mauhart, der inständig hofft, "dass Willi Ruttensteiner zumindest ein paar Jahre am Ball bleibt."

Aus den erhofften paar Jahren wurden deren 18. Denkmalwürdige Jahre - wie der legendäre Spruch von Matthias Sammer besagt.

Ob es das tatsächlich war oder ob weitere folgen, entscheidet sich am Samstag. Der "Stunde null" für den österreichischen Fußball, wie Baumgartlinger es nannte.

Ein kleines PS für Fußball-Nostalgiker: In den ersten Jahren seines ÖFB-Engagements war Ruttensteiner auch U21-Teamchef. Dies ist die Aufstellung seines Debüt-Länderspiels (0:3 gegen Deutschland) - damals noch mit Libero, ehe er vor dem zweiten Match die Viererkette (damals auch so eine Innovation...) einführte:

Mandl - Kiesenebner - Stückler (46. Erkinger), Stranzl, Feldhofer - Lex, Hilberger (86. Mörz), Kampel (65. Keck), Feitsch (60. Ortner) - Kahraman (75. Linz), Kristo (84. Wallner)



Textquelle: © LAOLA1.at

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