Marc Janko: "Die Spieler sind ja nicht blöd"

Marc Janko: Foto: © GEPA
 

Marc Janko hat fraglos für einen wesentlichen Akzent in der EURO-Vorbereitung des ÖFB-Teams gesorgt.

"Das hat das Potenzial, jederzeit zu explodieren", warnte der frühere Nationalteam-Goalgetter im Interview mit der "NÖN" und meinte damit konkret die interne Stimmung und die unattraktive Spielweise unter Teamchef Franco Foda.

Explodiert ist in den vergangenen vier Wochen bekanntlich nichts.

Dennoch fühlt sich der 70-fache Internationale nach den jüngsten Aussagen von ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel beziehungsweise ÖFB-Präsident Leo Windtner sowie der plötzlich mutigen Herangehensweise von Teamchef Franco Foda gegen die Ukraine durchaus bestätigt.

"Mir ging es nie darum, Unruhe reinzubringen, sondern es ging mir lediglich um eine Art Weckruf. Es war mein Eindruck von außen, da musste man nur zwischen den Zeilen lesen können, und aus Gesprächen mit Funktionären, Betreuern und natürlich Spielern", erklärt Janko.

Im LAOLA1-Interview erörtert er seine damalige Sicht der Dinge mit dem Wissen von heute und hat eine klare Idee, wie man gegen Italien spielen müsste.

LAOLA1: Wie hast du die "Explosion der Emotionen" nach dem Ukraine-Spiel erlebt?

Marc Janko (schmunzelt): Meine Freude, auch die in meinem Umfeld, war natürlich enorm. Man hat die Bilder gesehen, wie sich die Spieler gefreut haben. Die Jungs haben sich das vor allen Dingen mit der Art und Weise, wie sie gespielt haben, extrem verdient.

LAOLA1: Deine Aussage, es hätte das "Potenzial, jederzeit zu explodieren", hat die EURO-Vorbereitung mitgeprägt. Hast du viele Reaktionen darauf bekommen – auch aus dem Kreis des ÖFB-Teams?

Janko: Aus dem Kreis des Nationalteams habe ich keine negativen Reaktionen bekommen. Aber generell zu meinem Interview: Mir ging es nie darum, Unruhe reinzubringen, sondern es ging mir lediglich um eine Art Weckruf. Es war mein Eindruck von außen, da musste man nur zwischen den Zeilen lesen können, und aus Gesprächen mit Funktionären, Betreuern und natürlich Spielern. Die drei Generalproben sind gehörig danebengegangen. Wenn man sich die drei Ergebnisse und vor allem Dingen Leistungen aus dem März zu Gemüte geführt hat, verwundert eher, dass man auf die Idee kommt, dass die Stimmung gut gewesen sein kann.

LAOLA1: Das war sie damals auch laut heutigen Bekenntnissen nicht.

Janko: Mir war klar, dass intern natürlich nicht jeder zufrieden ist, ganz im Gegenteil. Das hat Peter Schöttel jetzt, wo das große Ziel erreicht worden ist, auch zugegeben. Auch Leo Windtner hat öffentlich zu Protokoll gegeben, dass speziell von Franco Fodas Seite zum Thema interne Stimmung nachgeschärft worden ist. Das bestätigt mich auch in meiner Einschätzung von damals. Aber noch mal: Es war von meiner Seite nie so gedacht, dass ich mich da so wichtig nehme oder den Jungs etwas missgönne. Viel mehr trifft das genaue Gegenteil zu, daher habe ich meine Sorgen geäußert. Ich wurde zu diesem Thema befragt und habe gesagt, was mir als Ex-Spieler anhand meiner Erfahrung Sorgen bereitet hat – mit einem positiv-konstruktiven Hintergedanken.

LAOLA1: In einer ersten Reaktion hatte sich Schöttel noch recht verwundert gezeigt über deine Aussagen.

Janko: Ist ja logisch. Da verstehe ich jeden seitens des ÖFB. Du kannst nicht vor der EURO – zumindest nach außen hin – hergehen und sagen, die Stimmung ist überschaubar gut. Dann hast du einen riesigen Aufschrei. Du musst natürlich sagen, dass alles passt. Also stellt sich auch Peter Schöttel nicht hin und sagt, Marc hat mit der einen oder anderen Sache recht. Logischerweise sagt er, er weiß nicht, wie ich als Außenstehender auf solche Aussagen komme. Das muss er so machen. Das hätte ich an seiner Stelle genauso gemacht. Aber Fakt ist, dass nicht alles eitel Wonne gewesen ist und man sehr wohl Handlungsbedarf hatte. Das war augenscheinlich und wurde ja mittlerweile auch schon so zugegeben.

LAOLA1: Glaubst du, deine Aussagen haben geholfen? Ist vor allem Franco Foda in sich gegangen und hat nachgedacht, wie man eine mehrwöchige Turnier-Phase angehen muss?

Janko: Das weiß ich nicht. Aber ich würde mein Interview nicht für so wichtig erachten, sondern halte es für sehr wahrscheinlich, dass dieser Impuls schon vorher aus dem Inneren gekommen ist – aus der Mannschaft, der Funktionärs-Ebene oder von Peter Schöttel. Es wurde an diversen Sachen gearbeitet, und offensichtlich war da die Stimmung ein ganz großes Thema. Und wenn es wirklich so gewesen ist, werden wir es ja leider nie erfahren, dass der eine oder andere auch über meine Worte nachgedacht oder Sachen hinterfragt hat. Aber von wo dieser Impuls herkam, kann ich nicht sagen ist mir auch herzlich egal – wichtig ist nur, dass es passiert ist! Den Rest haben sich die Jungs, das Betreuerteam und der Verband erarbeitet. Als Fan freue ich mich, dass die Mannschaft Historisches geschafft hat und eine Entwicklung zu sehen ist.

"Natürlich hat man dann – ob bewusst oder unbewusst weiß ich nicht – auf Instagram gefühlt fast nur mehr Bilder und Videos gesehen, auf denen die Spieler beim Training lachen, gute Laune haben – Hashtag Sunshine."

Marc Janko

LAOLA1: Gerade auf die interne Stimmung wurde seit Beginn des EURO-Camps großes Augenmerk gelegt, sie scheint auch glaubhaft gut. Teilst du diesen Eindruck?

Janko: Mit Beginn des Camps bekommt man ja nur mehr mit, was der ÖFB aussendet. Natürlich hat man dann – ob bewusst oder unbewusst weiß ich nicht – auf Instagram gefühlt fast nur mehr Bilder und Videos gesehen, auf denen die Spieler beim Training lachen, gute Laune haben – Hashtag Sunshine. Auch das zeigt: Man hat reagiert auf dieses Thema und sich vorgenommen, dass man das Bild nach außen sendet, dass die Stimmung gut ist. Was natürlich auch dazu beiträgt, dass es sehr schnell ins Positive kippen kann, sind gute Ergebnisse. Die gab es zum Glück. Jetzt könnte man sich in einen Flow spielen.

LAOLA1: Neben der Stimmung hast du vor allem die wenig attraktive Spielweise unter Foda kritisiert. Der Auftritt gegen die Ukraine muss dir aus dieser Perspektive besonders gefallen haben, schließlich wurde die Handbremse gelöst.

Janko: Mutiger, aktiver Offensivfußball steht uns meiner Meinung nach besser zu Gesicht. Auch von den Spielertypen her. Die Mehrheit unserer Nationalteamspieler spielt bei ihren Vereinen diesen Fußball. Das hat man gegen die Ukraine bemerkt. Das war auf Nationalteam-Ebene das beste Spiel seit langer Zeit. Vor allen Dingen - auch wenn das nicht das entscheidende Kriterium sein soll - gewinnt man so die paar Herzen, die sich in den letzten Monaten möglicherweise vom Nationalteam verabschiedet haben, wieder zurück.

"Martin Hinteregger oder Marcel Sabitzer haben ja zum Beispiel zu Protokoll gegeben, dass das zu wenig war und wir uns mehr zutrauen müssen. Die Spieler sind ja auch nicht blöd und wissen das ja auch."

LAOLA1: Hattest du auch den Eindruck, dass es – spätestens nach dem Niederlande-Spiel – zumindest zwischen den Zeilen bezüglich Spielanlage rumort hat?

Janko: Rumort vielleicht nicht, aber es gab schon ungewöhnlich kritische öffentliche Aussagen, speziell von Spielern, bei denen man, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann, sehr wohl durchgehört hat, dass nicht alle bedingungslos mit der Ausrichtung und der Spielanlage zufrieden waren. Martin Hinteregger oder Marcel Sabitzer haben ja zum Beispiel zu Protokoll gegeben, dass das zu wenig war und wir uns mehr zutrauen müssen. Die Spieler sind ja auch nicht blöd und wissen das ja auch. Vor allen Dingen fühlen sie am Feld, was passiert oder was auch nicht so gut funktioniert hat. Gegen die Ukraine war das komplett anders. Es war genau das, was sie nach dem Spiel davor eingefordert oder sich selbst vorgenommen haben. Das haben sie super umgesetzt.

LAOLA1: Was ist in der K.o.-Phase drinnen? Mit Italien wartet im Achtelfinale ein denkbar schwerer Gegner.

Janko: Auch wenn ich die rot-weiß-rote Brille auf habe, glaube ich realistischerweise, dass wir einen extrem guten Tag haben müssen und die Italiener einen weniger guten. Dazu brauchen wir idealerweise noch einen guten Spielverlauf, so etwas wie zum Beispiel ein Elfergeschenk oder eine Standardsituation, die für uns reingeht. Dann wäre es schon möglich, dass wir sie ärgern. Das Wunschszenario ist natürlich, dass wir gewinnen, aber vielleicht schaffen wir auch, ein Unentschieden über die Zeit zu retten und im Elferschießen weiterzukommen. Aber normalerweise, wenn die Italiener ihre Leistung abrufen, so wie sie es bisher gemacht haben, wird es unglaublich schwer. Mir fallen nicht viele Mannschaften ein, die von der Qualität über die Italiener gehen. Wir können nur überraschen, wir können nur gewinnen. Deshalb wünsche ich mir einen mutigen und couragierten Auftritt. Es wäre für mein Befinden ein großer Fehler, wenn man gegen die Italiener abwartend spielt.

"Wenn ich Teamchef wäre, würde ich gegen die Italiener keinen abwartenden Fußball spielen. Denn sie haben neuerdings ein Gesicht gezeigt, dass sie es anders als in der Vergangenheit unglaublich gut schaffen, tief verteidigende Mannschaften auseinander zu spielen."

Marc Janko

LAOLA1: Das heißt, du wünscht dir eine ähnliche Herangehensweise wie gegen die Ukraine?

Janko: Ich bin der Letzte, der Franco Foda Tipps geben möchte. Er ist derjenige, der den Kopf hinhalten und die Verantwortung übernehmen muss. Aber wenn ich Teamchef wäre, würde ich gegen die Italiener keinen abwartenden Fußball spielen. Denn sie haben neuerdings ein Gesicht gezeigt, dass sie es anders als in der Vergangenheit unglaublich gut schaffen, tief verteidigende Mannschaften auseinander zu spielen. Sie sind eine spielfreudige Mannschaft geworden, wie man die Italiener normalerweise nicht gekannt hat. Gegen Mannschaften, die hohes, mutiges Pressing spielen, haben sie allerdings wenig Erfahrung, deswegen wäre das eventuell eine Spielweise, die überrascht und hoffentlich phasenweise überfordern könnte. Speziell die Älteren wie Chiellini, auch wenn er immer noch Weltklasse-Format hat, aber im Alter wird er auch nicht unbedingt schneller werden. Ich glaube, dass es taktisch ein gutes Mittel wäre. Das ist Punkt Nummer eins.

LAOLA1: Und Punkt Nummer zwei?

Janko: Es gibt auch die emotionale Schiene. Wenn man es nicht schafft, gegen Italien weiterzukommen, ist es kein Beinbruch und immer noch eine großartige Leistung gewesen. Man ginge zumindest erhobenen Hauptes und mit einem Feuerwerk aus dem Turnier raus, müsste sich nichts vorwerfen und könnte sogar noch Sympathien gewinnen. Wenn man sich einigelt, den Bus vor dem Sechzehner parkt und trotzdem verliert, wäre es doppelt schade.



Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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