Check: Welche Teamchef-"Kandidaten" machen Sinn?

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Noch ist der alte Teamchef da, das Hauptthema in der öffentlichen Diskussion ist aber längst der neue.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Amtszeit von Marcel Koller in den kommenden ein, zwei Wochen enden wird, ist hoch.

Die Frage aller Fragen: Wer soll im Fall der Fälle übernehmen?

Der erste Reflex vieler ist Andreas Herzog, Namen schwirren jedoch in der Gerüchteküche derzeit viele herum. Doch wie sinnvoll wäre ein Engagement der genannten Herrschaften? Ein – erster - LAOLA1-Check:

VIDEO - Weiter mit Koller? Wer soll folgen? Die LAOLA1-Umfrage:


SINNVOLL, ABER (EHER) UNREALISTISCH:

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RALPH HASENHÜTTL: Dank seiner sensationellen Saison mit RB Leipzig samt Champions-League-Qualifikation ist der gebürtige Grazer derzeit Österreichs erfolgreichster Trainer. Den Teamchef-Posten bezeichnete er stets als „Riesen-Ehre“ – jedoch erst am Ende seiner Laufbahn als Coach. Dieses ist noch lange nicht in Sicht, also ist eine Rückkehr in die Heimat derzeit nicht denkbar. Dies bekräftigt der 50-Jährige auch aktuell.

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PETER STÖGER: Eine ähnliche Situation wie bei Hasenhüttl. Beim 1. FC Köln, den er dank jahrelanger sachlicher Arbeit aus der zweiten Liga bis in die Europa League führte, genießt der 51-Jährige einen Kultstatus. Sein Vertrag läuft bis 2020 – mal abgesehen davon, dass es für den Wiener kaum Sinn machen würde, seinen aktuellen Job sausen zu lassen, wäre es für den ÖFB also auch finanziell nur schwer realisierbar. Stöger wäre jedoch, noch dazu gestützt durch ein gutes Team um seinen Co Manfred Schmid, fraglos ein guter Kandidat. Es bleibt wohl beim Konjunktiv.

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ADI HÜTTER: Den 47-Jährigen von Young Boys Bern loszueisen, wäre vermutlich einfacher als bei seinen beiden Trainer-Kollegen in Deutschland. Dank des Meistertitels 2015 mit Salzburg hat er auch einen Titel in seinem Lebenslauf stehen. Doch ob der Vorarlberger sich den Teamchef-Posten jetzt schon vorstellen kann, steht auf einem anderen Blatt Papier. Als sein Ziel gilt ein Trainer-Job in Deutschland. Sein Vertrag in Bern läuft übrigens am Ende dieser Saison aus.

Kurze Rückblende zum Tag der Bestellung von Koller. ÖFB-Präsident Leo Windtner prägte damals folgenden Satz: „Koller hat den Vorteil, dass er unvorbelastet und mit neutraler Sicht in den Job hineingeht, dass er wirklich mit Innovationen daherkommt, dass er in Österreich seine eigenen Spuren ziehen kann.“ Diesen Vorteil spielte der Schweizer in der Folge auch gnadenlos aus, der Begriff „Seilschaft“ ist vielleicht nicht aus dem ÖFB allgemein, aber rund um das A-Team in den vergangenen Jahren verschwunden. Bis zuletzt lehnte Koller „Freunderlwirtschaft“ mit heimischen Medien ab und agierte aus einer gewissen Distanz. Diese Herangehensweise hat in gewisser Weise Maßstäbe gesetzt und könnte nun für viele heimische Kandidaten, die logischerweise ein Vorleben (und oftmals gute „Bekannte“) in Fußball-Österreich haben, nun ein wenig zum Nachteil werden.

DIE MEDIALEN LIEBLINGE:

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ANDREAS HERZOG: Wer, wenn nicht er? Der Rekordnationalspieler ist (wieder einmal) für viele der logische Kandidat. Geworden ist er es bislang noch nie, eine Chance als Vereinstrainer hat er ebenso noch nie bekommen. Selbst Rapid entschied sich letztlich lieber dafür, Goran Djuricin weiter die Chance zu geben. Für Herzog ins Treffen führen kann man allerdings sicherlich den Fakt, dass er in den vergangenen Jahren an der Seite von Jürgen Klinsmann in den USA internationale Erfahrung sammelte und sich im Nationalmannschafts-Bereich bestens auskennt – ein Teamchef muss nun einmal anders arbeiten als ein Vereins-Trainer.

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WERNER GREGORITSCH: Es gab Zeiten, da war es nicht unüblich, einfach den U21-Teamchef zum Chefcoach des A-Teams zu befördern. Wie es auf Nationalmannschafts-Ebene abläuft, weiß der - medial nicht so schlecht vernetzte – 59-Jährige inzwischen seit Jahren ebenfalls. 31 Siege, elf Remis und zehn Niederlagen mit den ÖFB-Junioren stehen auf der Haben-Seite, dem gegenüber stehen diverse Negativschlagzeilen auf disziplinärer Seite. Wie viel Anteil modernes Coaching an seiner Bilanz hat, und wie viel schlichtweg der gestiegenen Qualität des Spielermaterials geschuldet ist (zahlreiche seiner ehemaligen Schützlinge stehen inzwischen im A-Team), muss man ÖFB-intern bewerten. Der gerne kernig und gestreng auftretende Steirer genießt den Ruf, gut mit jungen Spielern umgehen zu können. Wie seine Art bei gestandenen Nationalspielern um die 30 ankommen würde, darf jedoch hinterfragt werden.

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FRANCO FODA: Auffällig: Wenn der Teamchef-Posten (vermutlich) ausgeschrieben wird, steht der Sturm-Coach gut da. Schon 2011 war er als amtierender Meistertrainer ein heißer Kandidat, unterlag jedoch Koller. Derzeit ist er mit den „Blackies“ ohne Punkteverlust Tabellenführer. Der Job reizte den Deutschen mit inzwischen rund zwei Jahrzehnten Österreich-Erfahrung schon einmal. Vorstellbar auch, dass man ihm in Graz keine Steine in den Weg legen würde, um diese Chance wahrzunehmen. Von seiner taktischen Flexibilität her hat er sich zuletzt durchaus weiterentwickelt. Ob sein im Vergleich zu Koller etwas unverbindlicherer Führungsstil zu diesem Kader passt, steht auf einem anderen Blatt Papier.

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ZORAN BARISIC: Was seit seinem unfreiwilligen Abgang aus Hütteldorf bei Rapid passierte, wertet die Arbeit des 47-Jährigen definitiv auf. Wie er Grün-Weiß kontinuierlich und geduldig Stück für Stück näher an Salzburg heranführte, kann kaum gegen ihn verwendet werden. Um für höhere Weihen in Frage zu kommen, wäre aber zumindest eine weitere gelungene Station als Vereinstrainer kein Fehler – das Kurzzeit-Engagement bei Karabükspor fiel nicht darunter. Mal abgesehen davon, dass die dubiosen Hintergründe seines Rapid-Rauswurfs immer noch ein wenig im Raum stehen.

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OLIVER LEDERER: ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiners Dilemma ist, dass seine – von ihm selbst – hochgelobte Trainerausbildung bislang nur eine überschaubare Zahl an Coaches hervorbrachte, die einen erfolgreichen Weg eingeschlagen haben – oder konkreter: Überhaupt einen Weg ins Profigeschäft eingeschlagen haben. Etwas kurios daher, dass hier mit Lederer als Vertreter der jüngeren rot-weiß-roten Trainer-Generation ausgerechnet ein Namen angeführt sei, der bei seinem ersten Anlauf gar nicht in den UEFA-Pro-Lizenz-Kurs aufgenommen wurde. Das folgende Theater ist noch in Erinnerung. Lederer gilt als gewiefter Taktiker und akribischer Arbeiter, hat also gute Anlagen, sollte sich nach seiner Zeit bei der Admira (die wiederum mit einem Theater endete) erst weitere Sporen verdienen.

EIN ERSTER BLICK INS AUSLAND:

Spätestens beim Blick über die Landesgrenze hinaus beginnt endgültig die Kaffeesudleserei. Auch den Namen Koller erriet 2011 die längste Zeit kein Medium, obwohl diverse internationale Kandidaten ins Treffen geführt wurden. Ein Blick auf die ersten Namen, die durch den Blätterwald geistern – garniert mit der einen oder anderen eigenen Idee:

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MATTHIAS SAMMER: Wer den Spruch „Der österreichische Fußball sollte Willi Ruttensteiner ein Denkmal setzen“ geprägt hat, wird logischerweise ins Spiel gebracht, oder? Als Trainer arbeitete der seit kurzem 50-Jährige letztmals 2005, als Sportvorstand der Bayern zog er sich aus gesundheitlichen Gründen zurück. Als Teamchef arbeitet man zwar in einem anderen Rhythmus, aber wenn man es beispielsweise mehr wie Koller und weniger wie so mancher Vorgänger anlegt, ist auch das kein stressbefreiter Job. Ob sich der Meistertrainer von Borussia Dortmund 2002 das antun will?

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LARS LAGERBÄCK: Dass der Schwede genannt wird, ist insofern nicht verwunderlich, als er schon 2011 beim ÖFB im Gespräch war. Als Mastermind der isländischen EURO-Sensation ist österreichischen Fußball-Fans in unliebsamer Erinnerung, wozu der Trainer-Fuchs mit Vorliebe für Nationalmannschafts-Jobs in der Lage ist. Derzeit ist er in Norwegen unter Vertrag, davor betreute er neben Island auch Nigeria und über viele Jahre die Auswahl seines Heimatlands. Die Expertise von Lagerbäck ist unbestritten, aber mit seinen 69 Jahren ist er womöglich nicht das richtige Signal. Diesbezüglich machte der ÖFB schon mit Karel Brückner keine gute Erfahrung.

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JÜRGEN KLINSMANN: Traut man es Herzog in Alleinregie nicht zu, wäre natürlich sein langjähriger Chef eine Idee. Die beiden sind ein eingespieltes Duo. Der 52-Jährige gilt vielleicht nicht als gewieftester Taktiker auf Erden, verfügt jedoch über die Gabe, Begeisterungsfähigkeit zu vermitteln. Diese Eigenschaft läutete schon von 2004 bis 2006 die Trendwende im deutschen Fußball ein. In den USA blieb er fünf Jahre im Amt. Bevor man über die Sinnhaftigkeit philosophiert, kann man dieses Gedankenspiel aber wohl schon aus finanziellen Gründen eher ausschließen.

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THOMAS TUCHEL: Wenn einer der Posterboys der gerühmten jungen Trainer-Generation aus Deutschland gerade beschäftigungslos ist, bietet es sich geradezu an, ihn ins Spiel zu bringen. Aber es wäre sehr verwunderlich, wenn der 44-Jährige nach seinem unfreiwilligen Abschied aus Dortmund erstens keine anderen Optionen und zweitens keine anderen Ziele als einen Job in Österreich hätte. Von der finanziellen Machbarkeit ganz abgesehen.

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MARKUS WEINZIERL: Mit dem 42-Jährigen sei ein weiteres Mitglied der jüngeren deutschen Trainergilde angeführt – Anwärter mit seinem Profil gibt es wohl mehrere. Auf Schalke konnte er sich nicht durchsetzen, davor leistete er in Augsburg jedoch gute Arbeit. Ein Trainer, der noch etwas beweisen will und den ÖFB-Job auch als Sprungbrett sieht, ist tendenziell keine schlechte Idee – dieser Gedankengang hat auch bei Koller funktioniert.

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URS FISCHER: Seit dem Jahr 2011 wäre es fahrlässig, den Schweizer Markt außer Acht zu lassen, noch dazu, wenn der Meistertrainer des FC Basel der vergangenen beiden Jahre gerade auf dem Markt ist. Der 51-Jährige leistete beim Schweizer Vorzeigeverein gute Arbeit, war schon bei Rapid im Gespräch und wäre tendenziell auch finanzierbar. Aber wieder ein Schweizer? Warum nicht, sofern der Kandidat Sinn macht? Allerdings könnte dann jemand auf die Idee kommen, dass die Trainerausbildung im Nachbarland vielleicht besser ist als hierzulande…

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MATJAZ KEK: Es muss aber nicht unbedingt ein Schweizer sein, auch andere Länder haben gute Trainer – einer sei hier stellvertretend angeführt. Kek führte vergangene Saison Rijeka zum kroatischen Meistertitel und ließ in dieser Saison den CL-Traum von Salzburg platzen. Mit Maribor staubte er zwei Meistertitel ab, ehe er sich knapp fünf Jahre lang in Slowenien Expertise als Teamchef aneignete und sein Heimatland 2010 zur WM führte. Österreich-Erfahrung weist der 55-Jährige übrigens auch auf. In den 80ern und 90ern kickte er neun Jahre in Spittal und beim GAK.

Wie gut Kek seine Inhalte trotz langjährigem Aufenthalt in Österreich auf Deutsch transportieren kann, bliebe abzuwarten, „Kommunikationsfähigkeit“ war 2011 zumindest einer der Punkte im Anforderungsprofil, das zur Bestellung von Koller geführt hat.

Dass wir den Slowenen hier erwähnen, soll jedoch zeigen, dass man Windtner und Ruttensteiner seit damals durchaus zutrauen kann, dass sie auf der Suche nach dem richtigen Trainer tief graben und nicht per se die naheliegendste Wahl treffen – Koller sickerte damals erst kurz vor seiner Bestellung durch und tauchte davor in keinem Namedropping auf.

Im Anforderungsprofil standen damals – unter anderem – auch Punkte wie internationale Erfahrung, Führungskompetenz, hohe soziale Kompetenz, Zugang zu modernen Trainingsmethoden, internationale Erfolge, Identifikation mit dem österreichischen Fußball und dem Projekt12 sowie Wien als Wohnsitz – Letzteres war eine Absicherung davor, dass der ranghöchste Trainer des Landes nicht auf die Idee kommt, seine Arbeit aus Olmütz, Tirol oder von sonstwo zu verrichten. Koller hat bewiesen, dass Präsenz im ÖFB-Büro nicht schadet.

Auch wenn es am Ende eine naheliegende Wahl werden sollte: Die Mindestanforderung muss sein, dass die ÖFB-Verantwortlichen ihr eigenes Anforderungsprofil von damals nicht unterschreiten, sondern im Idealfall sogar noch nachjustieren und verschärfen.

Spannend wird die Suche, sobald die Koller-Ära wirklich zu Ende ist, aber allemal. Denn ein aufgelegter Kandidat, der keine Fragezeichen mit sich bringt, ist nicht in Sicht.



Textquelle: © LAOLA1.at

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