Der Teamchef verteidigt seine Lehre

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Das Nationalteam ist im Jahr 2016 in die Kritik geraten und mit ihm inzwischen auch sein Trainer.

Und das ist durchaus bemerkenswert.

Das flächendeckende In-Koller-we-trust-Phänomen ist derzeit keine Massenbewegung mehr, das Vertrauen in die Entscheidungen des Teamchefs hat mancherorts spürbar gelitten.

"Wenn man 20 Jahre Trainer ist, ist es klar, dass man so eine Situation nicht zum ersten Mal erlebt", gibt sich der Schweizer nach außen hin gelassen.

Das Modewort der Stunde heißt "hinterfragen".

Wie viel Druck verspürt Teamchef Marcel Koller?

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)


Marcel Koller hinterfragt sich selbst, die rot-weiß-rote Fußball-Öffentlichkeit ihn.

Fehlt ein Plan B? Ist seine Taktik variantenreich genug? Ist seine Personalpolitik richtig? Die Positionierung von David Alaba scheint das Publikum ohnehin so lange zu spalten, bis eine längerfristig zufriedenstellende Lösung links in der Viererkette gefunden wird.

Zu ausrechenbar?

ÖFB-Kapitän Julian Baumgartlinger findet, dass das Nationalteam mit seiner Spielweise die Gegner nicht mehr überraschen kann, weil sie sich perfekt darauf vorbereiten würden. Koller sitzt am Podium daneben und muss zustimmen. Der Leverkusen-Legionär hat seine Ausführungen tendenziell nicht als Angriff auf den eigenen Trainer gemeint, aber ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, könnte man es schon als leisen Hilfeschrei interpretieren.

Frei nach dem Motto: Österreich ist zu ausrechenbar geworden. Gegnerische Teamchefs wissen inzwischen, wie man den ÖFB-Spielstil decodiert.

Vor allem aber ist Koller inzwischen zu einem Verteidiger seiner Lehre geworden.

Vor einem Jahr im kollektiven Jubel nach der geschafften EM-Qualifikation hing Fußball-Österreich noch an seinen Lippen. Inzwischen wird ihm mancherorts Sturheit vorgeworfen.

Kollers "Sinnfrage"

Es ist Kollers gutes Recht weiter an seine Spielphilosophie zu glauben. In Wahrheit muss er das sogar. Gut möglich, dass er auch recht hat. Dennoch war es schon bemerkenswert, wie er bei der Abschluss-Pressekonferenz für den Slowakei-Test (20:45 Uhr im LAOLA1-Live-Ticker) laut Eigendefinition die "Sinnfrage" in punkto Spielstil stellte.

Der Monolog Kollers in voller Länge:

"Das ist natürlich die Frage, ob man sagt: Okay, man stellt alles auf den Kopf. Wir lassen unsere spielerischen Möglichkeiten, die wir fünf Jahre lang versucht haben auf den Platz zu bringen, gehen davon weg, kicken den Ball lange nach vorne und gehen auf die zweiten Bälle. Wenn wir den Ball verlieren, kommen wir gleich hinter den Ball, versuchen defensiv gut zu stehen und dann den einen oder anderen Konter zu fahren."

"Das ist die Überlegung. Wollen wir das? Wollen wir das umsetzen? Ist das das Richtige? Oder wollen wir weiter an unseren Stärken arbeiten, dass wir gute Fußballer haben und mit schönem Fußball erfolgreich sein können? Die Jungs haben bewiesen, dass das geht. Das ist aber auch vom Selbstvertrauen abhängig und dafür braucht es Siege. Es nutzt nichts, wenn du schön spielst, aber am Schluss verlierst, das habe ich auch schon ein paar Mal gesagt."

"Aber das ist quasi die Sinnfrage. Wollen wir das? Ist es das, was uns den Erfolg zurückbringt? Oder spielen wir Fußball? Spielen wir nach vorne? Versuchen wir Pressing, wenn es geht? Und wenn es nicht geht, müssen wir hinter den Ball kommen, kompakt stehen. Und natürlich auch mit dem Risiko, dass du in einen Konter läufst, dass du vorne die Chancen nicht verwertest."

"Das ist im Moment eine schwierige Phase, aber auch eine Phase um zu lernen, um vielleicht gelassener in dem Sinne zu werden, dass du auf dem Platz ruhiger wirst, dass du überzeugt bist, dass du aus deiner Position das Beste machen kannst und schlussendlich erfolgreich agieren wirst."

Im Moment könne er diese Frage nicht beantworten.

Kein Hasardeur

Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass der Teamchef erst unlängst zur brachialen Alternativ-Variante, kompakt zu stehen und auf Konter zu hoffen, gesetzt hat, und zwar bei der EURO gegen Portugal. Schön anzusehen war das im Pariser Prinzenpark nicht, aber es ist bis dato das einzige Spiel ohne Gegentor seit dem Ende der EM-Qualifikation.

Die Tendenz geht aber eindeutig dahin, weiter den eigenen Fußball durchzubringen. Baumgartlinger etwa stellt klar: "Wir dürfen den fußballerischen Weg nicht verlassen."

Das kann man unterschreiben, denn auch dieser bietet bekanntlich viele Facetten. Kollers Doktrin war es bisher, seinen Spielstil samt System detailgetreu einzustudieren. Das braucht Zeit. Für die Perfektionierung nahm er sich zweieinhalb Jahre Zeit. Diesen Zeitraum nennt er im Rückblick, wenn es um die Dauer geht, bis die Mannschaft seine Idee endgültig intus hatte.

Dass es einem derart gestrickten Coach schwer fällt, etwa gegen die Slowakei beispielsweise ungeprobt eine Dreierkette aus dem Hut zu zaubern, ist nicht schwer zu verstehen. Dafür reicht Koller ein Abschlusstraining nicht.

Sein Vorgänger - vom Typ her eher "Bauchtrainer" und Hasardeur - hätte dieses Spiel mit dem taktischen Feuer indessen geliebt und wohl keine Sekunde gezögert, wenn es ihm beim Radfahren eingefallen wäre oder ein Spaziergänger im Park ihm den Tipp gegeben hätte.

Aber so tickt Koller nicht. Das hat viele Vorteile. Derzeit wird auch der eine oder andere Nachteil offenkundig.

Der "Reiz" an der aktuellen Situation

Immerhin hat er angekündigt, über andere Systeme nachzudenken, und auch das ist durchaus bemerkenswert, wenn man vom (allerdings keineswegs spontanen) "Ausrutscher" mit der Dreierkette bei der EURO gegen Island absieht.

Das muss er auch. Ob aus Trotz oder echter Überzeugung ist dabei relativ egal. Denn um das ÖFB-Team 2017 wieder auf Kurs zu bringen, wird der Schweizer alle ihm zur Verfügung stehenden Varianten zumindest andenken müssen. Schließlich wird es im kommenden Jahr auch um seinen Nimbus als Erfolgs-Teamchef gehen.

"Ich mache mir natürlich auch meine Gedanken, wie wir wieder positiver auftreten, also Spiele gewinnen können", stellt Koller klar. Das Gute ist: Ein Ehrgeizling wie der 56-Jährige flüchtet sich bei einem Negativlauf wie dem derzeitigen nicht in Resignation, sondern er sieht die Herausforderung - oder wie er es selbst ausrückt, den "Reiz" - einer derartigen Situation. Dies gibt er zumindest auf den Druck von außen auf seine Person angesprochen zu Protokoll:

"Ich habe nicht alles durchgelesen. Ich weiß schon, wenn du gewinnst, ist immer alles gut. Auf mich bezogen - und das habe ich in all den Jahren im Fußball gelernt - ist es so: Wenn es gut läuft, laufe ich nicht wie ein stolzer Gockel durch die Gegend und versuche auf dem Boden zu bleiben. Wenn es schlecht läuft, reizt es mich herauszufinden, warum das so ist. Ich versuche noch mehr zu arbeiten, noch mehr zu hinterfragen und zu gucken, wo wir etwas bewegen können. Es ist auch wichtig, auf sich selbst zu achten und nicht das, was geschrieben oder spekuliert wird, zu hinterfragen. Dementsprechend versuche ich, weiter meinen Weg zu gehen. Aber wenn es gute Hinweise gibt, nehme ich das natürlich auf und versuche das in die Arbeit mitreinzunehmen. Es ist aber speziell wichtig, dass man sich mit den Spielern und der Mannschaft beschäftigt und nicht auf aktuelle Hochs und Tiefs gleich wieder mit einer Gegenreaktion reagiert. Das macht das Ganze nur hektischer. Es ist wichtig, die Ruhe zu bewahren, nach vorne zu gehen und zu schauen, was zu tun ist, damit man da wieder rauskommt."

Eine "Gegenreaktion" auf dem Platz, sprich eine positive sportliche Reaktion, ist für einen Trainer immer noch das schlagkräftigste Argument. Gelingt es dem Teamchef, das Ruder herumzureißen, heißt es vermutlich schnell wieder "In Koller we trust". Zuzutrauen ist ihm das allemal, das hat die Vergangenheit zu Genüge gelehrt.

Vorerst muss er jedoch mit den leisen (und manchmal etwas lauteren) Zweifeln leben.

Peter Altmann




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