Andreas Herzog in Israel: Liebe nach Turbulenzen

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In erster Linie geht es am Sonntag zwischen Israel und Österreich (18 Uhr im LIVE-Ticker) um drei Punkte.

Dass die personellen Aspekte dieser Partie jedoch außergewöhnliche sind und es deshalb gefühlt noch um viel mehr geht, ist alles andere als ein Geheimnis. In Israels Team steckt jede Menge rot-weiß-rotes Knowhow, angeführt von Sportdirektor Willi Ruttensteiner und Teamchef Andreas Herzog.

Letzterer ist mit 103 Länderspielen Österreichs Rekordinternationale und wurde in der Karriere nach der Karriere mehrfacher "Leider-Doch-Nicht-ÖFB-Teamchef".

Diesen Job hat nun Franco Foda inne, der diese Begleiterscheiungen für sein Gegenüber relevanter hält als für sich selbst: "Für ihn ist es wahrscheinlich schon ein spezielles Spiel. Er ist Rekordnationalspieler und hat als U21-Teamchef gearbeitet. Für die Medien ist es auch speziell. Für mich persönlich nicht, für mich ist es ein EM-Quali-Spiel. Ich kenne Andi Herzog aber schon sehr lange, wir haben schon in der deutschen Bundesliga sehr oft gegeneinander gespielt."

Auch Ruttensteiner und Herzog kennen sich naturgemäß schon länger, beide haben schon beim ÖFB zusammengearbeitet. Am 1. Juli 2018 trat der Oberösterreicher sein Amt als Sportdirektor in Israel an, genau einen Monat später folgte ihm Herzog als Teamchef.

Bislang erweist sich diese Entscheidung als guter Schachzug. Bei LAOLA1 erläutert Ruttensteiner die Hintergrüde der Teamchef-Personalie Herzog. Zu Beginn galt es auch Turbulenzen zu umgehen und den Vorwurf der Verhaberung aus der Welt zu schaffen.

Doch zunächst die Frage: Warum eigentlich Herzog?

DIE AUSGANGSPOSITION:

Für Ruttensteiner war die Bestellung von Herzog ein Prozess. An dessen Beginn stand die Zusicherung von Seiten des Verbandes, dass er den Chefcoach bestimmen darf.

"Ich bin nur in einer Position nach Israel gegangen, dass ich bei der Nationalmannschaft entscheide – klarerweise in einem budgetären Rahmen. Denn ich glaube, dass im Fußball auch in Nationalverbänden die Entwicklung mit Generalsekretären, die im sportlichen Bereich entscheiden, vorbei ist. Auf Sicht wird es auch hier je einen administrativ beziehungsweise einen budgetär Verantwortlichen und auf der anderen Seite einen Sportdirektor, der wirklich etwas zu sagen hat, geben."

Dies wurde in Israel in die Struktur aufgenommen. Die erste Aufgabe des Oberösterreichers war es, das Umfeld der Nationalmannschaft zu gestalten: "Keine Frage, die wichtigste Rolle dabei ist der Teamchef."

Hierbei einfach den erstbesten Landsmann zu verpflichten, sei dabei nicht die Herangehensweise gewesen.

DIE VERPFLICHTUNG:

Ruttensteiner berichtet, dass er ein Profil erstellt hat, welche Punkte der neue Teamchef zu erfüllen habe:

"Wir wussten, dass wir uns einen Teamchef beispielsweise der Kategorie Arsene Wenger nicht leisten können. Also haben wir herausgearbeitet, einen talentierten Trainer, der Nationalmannschaften versteht und dem man zutraut, den nächsten Schritt zum Top-Trainer machen zu können, zu nehmen. Mit diesem Profil bin ich auf den Markt gegangen und habe von Österreich über England bis Deutschland und Israel Trainer herausgearbeitet, das Profil daneben hingelegt und den für mich besten Kandidaten gesucht."

"Wir wussten, dass wir uns einen Teamchef beispielsweise der Kategorie Arsene Wenger nicht leisten können. Also haben wir herausgearbeitet, einen talentierten Trainer, der Nationalmannschaften versteht und dem man zutraut, den nächsten Schritt zum Top-Trainer machen zu können, zu nehmen.

Willi Ruttensteiner

Das Resultat der Suche ist bekannt: "Ich kann mit tausendprozentiger Sicherheit sagen, dass Andi Herzog für mich die beste Lösung gewesen ist. Er war mein Einser-Vorschlag."

Daraufhin hat Ruttensteiner seinen Top-Kandidaten angerufen, binnen einer Stunde sei alles erledigt gewesen: "Er hat gesagt: 'Wenn ich das machen kann, bin ich motiviert und möchte es absolut machen.' Mit dieser Rückmeldung bin ich nach Israel ins Technische Komitee gegangen und auch dort war es ein einstimmiger Beschluss. Der Vertrag ist dann schnell gegangen, weil er es wirklich machen wollte und auch wir vom israelischen Verband ihn wollten."

DIE TURBULENZEN:

Herzog 2001 nach seinem Freistoß-Tor in Israel
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Der Name Andreas Herzog war zum damaligen Zeitpunkt im israelischen Fußball keiner, der Jubelstürmer auslöste.

"Am Beginn hat es ein paar geschichtliche Turbulenzen gegeben, weil er eben damals dieses Tor erzielt hat", schmunzelt Ruttensteiner.

Besagtes Tor ist – auch weil ORF-Kommentator Hans Huber danach den Volkszorn der israelischen Fans zu spüren bekam – längst ein Youtube-Klassiker ("Ich werde mit Orangen und Steinen beschossen"). Am 27. Oktober 2001 war es, als Herzog im WM-Qualifikations-Spiel in Israel in der Nachspielzeit per Freistoß den Ausgleich für Österreich erzielte – das ÖFB-Team stieg durch diesen Treffer in die Playoff-Spiele auf, Israel war ausgeschieden.

Herzog habe diese Turbulenzen laut Ruttensteiner jedoch rasch mit seinem Auftreten entschärft. Damit ist jedoch nur zum Teil sein guter Schmäh gemeint:

"Ich schätze seinen Schmäh sehr an ihm, aber ich glaube, dass er als Person und Teamchef sehr genau unterscheidet: Wann ist ein Schmäh angebracht, wann tritt er als israelischer Teamchef auf? Wenn man die Situation rund um dieses Tor hernimmt, war die Kritik teilweise unter der Gürtellinie, Journalisten haben ihn attackiert. Seine Reaktion war, dass er der Bevölkerung sehr klar und überzeugend gesagt hat: Was er damals als Spieler getan hat, nämlich 100 Prozent für sein Land zu gaben, wird er jetzt auch als Teamchef von Israel machen. Und dann eben noch ein bisschen Schmäh: 'Vielleicht kann ich ja etwas zurückgeben!'"

DAS NATIONALTEAM-KNOWHOW:

Während Herzog in seinem Heimatland im Rahmen mehrerer Teamchef-Findungs-Prozesse - auch zu Ruttensteiners Amtszeit als ÖFB-Sportdirektor - meist der Zweier- oder Dreier-Vorschlag war, half ihm in Israel seine inzwischen reichhaltige Erfahrung auf Nationalmannschafts-Ebene.

"Das war einer der wichtigsten Punkte. Man darf nicht vergessen: Andi ist einer der erfahrensten Trainer mit Nationalmannschaften. Jetzt könnte man natürlich sagen, und das war auch die Kritik: Er hat noch keine A-Nationalmannschaft as Teamchef geführt", meint Ruttensteiner, der dem Herzogs Arbeit mit der österreichischen U21 beziehungsweise dem Olympia-Team der USA entgegenhält:

"Das sind keine jugendlichen Spieler mehr, sondern Profispieler. Und was man nicht vergessen darf: Die Jahre an der Seite von Jürgen Klinsmann in den USA - ein Nationaltrainer, der auf höchstem Niveau arbeitet und großes Knowhow hat. Andi ist immer clever gewesen, hat das Wichtigste für sich herausgenommen und für sein Konzept entwickelt. Diese Erfahrung ist ihm zu Gute gekommen."

Für den Teamchef-Job in Österreich reichte diese Erfahrung auch im Herbst 2017, relativ zeitgleich mit der Ruttensteiner-Demontage als Sportchef, abermals nicht. Auf eine Chance, wie in Israel eigenverantwortlich als Cheftrainer arbeiten zu können, musste Herzog relativ lange warten. Ob deshalb die Motivation, es vor allem in seiner Heimat allen zu beweisen, umso größer sei?

Ruttensteiner: "Ich weiß nicht, ob beweisen der richtige Ausdruck ist. Ich denke, dass er eine Eigenmotivation hat, es sich zu beweisen. Er arbeitet irrsinnig gerne und überlegt gar nicht, ob er irgendwem im Fußball noch etwas zeigen muss. Er möchte mit der israelischen Nationalmannschaft etwas erreichen, daran arbeitet er mit Freude und Spaß - und das ist sehr wichtig, denn letztendlich ist man dann qualitativ auf einem sehr guten Weg, wenn man es mit Freude macht."

DIE BISHERIGE ARBEIT:

Als ausländischer Teamchef sollte man recht schnell funktionieren, und Herzog blieb dabei besonders wenig Zeit. Knapp einen Monat Vorbereitungszeit hatte Herzog auf seinen ersten Lehrgang, der rund um seinen 50. Geburtstag am 10. September 2018 stattfand. Die ersten beiden Länderspiele gingen verloren, danach ging es bergauf.

Die bisherige Bilanz aus sieben Spielen: Drei Siege, drei Niederlagen und dazu das Remis beim EM-Quali-Auftakt am Donnerstag gegen Slowenien.

"Die Leute lieben ihn bereits", berichtet Ruttensteiner, "die Bevölkerung hat gesehen, wie akribisch er arbeitet. Sie wissen selbst am besten, dass Journalisten viele Netzwerke haben und einfach mitkriegen, was im Team abläuft, welche Prinzipien und welchen Ordnungsrahmen es gibt. Wir haben in der Mannschaft vieles verändert." Die Presse für Herzog sei eine positive.

Die israelischen Fußball-Fans würden die Arbeit auf dem Platz sehen, aber auch der Typ Herzog werde positiv wahrgenommmen: "Wenn er privat unterwegs ist, wimmelt er keinen Fan ab, er redet mit den Leuten. Mittlerweile wird er, wenn du mit ihm auf der Straße gehst, überall angesprochen und um Autogramme gebeten. Das war am Beginn überhaupt nicht der Fall. Daran merkt man, dass die Fans ihn mögen und ihm abgenommen wird, was er macht. Sein Schmäh ist diesbezüglich nett, aber es ist die wirkliche Arbeit, die dahintersteckt, die immer besser angenommen wird."

DER VORWURF DER VERHABERUNG:

Wer eins und eins zusammenzählt, könnte natürlich auf den Gedanken kommen, dass es sich um Freunderlwirtschaft handelt, wenn man einen Landsmann zum Teamchef bestellt. Ruttensteiner kann mit diesem Gedanken nur wenig anfangen.

"Da muss man wirklich bei der Wahrheit bleiben. Guter Freund? Nein. Denn mit einem guten Freund trifft man sich ständig", meint der Oberösterreicher und erläutert die bisherigen Berührungspunkte mit Herzog vor der aktuellen Zusammenarbeit:

"Bevor ich ihn angerufen habe, hatten wir über Jahre hinweg kein Gespräch. Ich habe dann den Kontakt hergestellt, wir hatten ein fachliches Gespräch und ich habe aus Überzeugung zu ihm gesagt: Ich glaube, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist."

Willi Ruttensteiner

"Andi hat beim ÖFB bei mir in der technischen Abteilung als U21-Teamchef gearbeitet und einen guten Job gemacht. Er hat dann von mir jedoch die Mitteilung bekommen, dass wir uns nicht für ihn als Teamchef entschieden haben. Ich habe ihm sehr ehrlich unter vier Augen gesagt: 'Andi, ich werde dich nicht vorschlagen. Ich schätze dich wahnsinnig, aber ich glaube, dass es noch zu früh ist.'"

Das war im Herbst 2011. Statt Herzog und Franco Foda, der damals ebenfalls schon Kandidat war, bekam Marcel Koller den Zuschlag als ÖFB-Chefcoach. Ruttensteiner habe die weitere Karriere des Rekordnationalspielers intensiv verfolgt:

"Kontakt hatten wir aber eigentlich überhaupt keinen. Ich habe gesehen, was er in der Folge auf sich genommen hat. Ich war viel für die FIFA unterwegs, ich verstehe, was es bedeutet, in Nord- und Südamerika unterwegs zu sein und dort Spiele zu bestreiten. Er hat auf diesem Weg extrem viel erfahren, und ich habe genau beobachtet, was im US-U21- und -Olympia-Team abgelaufen ist. Für mich habe ich stets zu Buche gehalten: Was er da macht, ist wahnsinniger Aufwand."

Getroffen haben sich Herzog und Ruttensteiner in all diesen Jahren jedoch wenn nur zufällig: "Bevor ich ihn angerufen habe, hatten wir über Jahre hinweg kein Gespräch. Ich habe dann den Kontakt hergestellt, wir hatten ein fachliches Gespräch und ich habe aus Überzeugung zu ihm gesagt: 'Ich glaube, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist.' Es kann schon sein, dass der eine oder andere denkt: 'Die kennen sich, er ist ja auch Österreicher. Warum holt er keinen israelischen Trainer?' Aber er war für mich die mit Abstand beste Lösung."

Diesen Einwänden versuchte Ruttensteiner einerseits mit Erklärungen, warum Herzog die beste Lösung sei, entgegenzutreten. Andererseits besteht der Trainerstab nicht nur aus Herzog:

"Wir haben eine kluge Mischung aus israelischem und internationalen Knowhow hergestellt. Wir haben unter anderem auch einen deutschen Physiotherapeuten und einen italienischen Sportwissenschafter im Team. Ich glaube, wenn man nicht so herumtut und klar formuliert, warum jemand für mich der Beste für das Team ist, wird das auch verstanden. In den letzten Monaten ist das überhaupt kein Thema mehr gewesen."

DER ROT-WEISS-ROTE FAKTOR:

Mit dem früheren Schwimm-Star Markus Rogan, der als Mentalcoach angeheuert hat, vergrößerte sich in dieser Woche das rot-weiß-rote Knowhow, auf das Israels Fußball zurückgreift. Schon länger arbeitet Klaus Lindenberger als Tormanntrainer im Betreuerstab. Auch bei ihm habe die Qualität den Ausschlag gegeben und nicht der Reisepass:

"Ich glaube, dass er einer der Besten im Bereich der Vorbereitung eines Torhüters auf ein Länderspiel ist. Deswegen habe ich ihn geholt und das vertrete ich auch", meint Ruttensteiner.

Lindenberger arbeitete zu Beginn der Teamchef-Ära Fodas noch beim ÖFB, ehe es überraschend zur Trennung kam, die Israels Sportdirektor für sein Team nutze:

"Bei ihm war es ein bisschen zufällig. Ich habe wahrgenommen, dass der ÖFB und er sich getrennt haben. Ich habe immer zu ihm gesagt: 'Klaus, wenn du im Team von Franco Foda bist, brauchen wir nicht reden, das ist überhaupt kein Thema. Solltest du jedoch aus irgendwelchen Gründen vom ÖFB weggehen, dann lass es mich bitte wissen, weil ich dich sehr schätze und auch in der Tormanntrainer-Ausbildung in Israel gebrauchen könnte.' Es hat sich dann so ergeben, dass die Tätigkeit beim ÖFB beendet wurde."

Und Lindenberger war es auch, der letztlich korrekt prophezeit hat, dass Israel in der EM-Qualifikation auf Österreich treffen wird und sich für Ruttensteiner, Herzog und ihn selbst eine sehr emotionale Reise in die eigene Job-Vergangenheit ergibt.

Textquelle: © LAOLA1.at

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