Willi Ruttensteiner und das "Weltwunder"

 

"Es hat meiner Person gut getan. Es hat meiner Entwicklung gut getan."

So schmerzhaft für Willi Ruttensteiner der unfreiwillige Abschied vom ÖFB war, ohne diese Kündigung hätte sich die Chance einer "Horizonterweiterung", wie er sie gerade als Sportdirektor von Israel erlebt, nicht ergeben.

Daran, dass er sein Herzens-Projekt als Sportdirektor in Österreich fortgesetzt hätte, wenn er die Wahl gehabt hätte, lässt der 56-Jährige im folgenden LAOLA1-Interview jedoch auch keinen Zweifel.

Am 24. März kommt es in Haifa im Rahmen der EM-Qualifikation zum Kräftemessen zwischen dem alten Arbeitgeber des Oberösterreicher und seinem neuen. Für ihn eine ebenso emotionale wie paradoxe Angelegenheit, schließlich steckt im ÖFB immer noch viel mehr von Ruttensteiners 18-jähriger Arbeit als sie in der israelischen Nationalmannschaft nach gut acht Monaten stecken kann.

Die Armee als eine der Herausforderungen

Wer Ruttensteiner kennt, weiß, wie Feuer und Flamme er für seine Aufgaben sein kann, mit welcher Begeisterungsfähigkeit er auch davon berichtet.

Entsprechend gewährt er Einblicke in die Chancen und Schwierigkeiten, mit denen er im israelischen Fußball konfrontiert ist. Warum etwa die Armee ein Problem für die Talente-Entwicklung darstellt, oder wo das israelische Sportgesetz Vorteile gegenüber Österreich mit sich bringt. Das Leben abseits des Fußballs ist fraglos auch eine Umstellung.

Und natürlich darf auch der Status quo rund um das ÖFB-Team nicht fehlen, dem er weiterhin zutraut, zu vergleichbaren Fußball-Nationen wie Belgien, Kroatien und der Schweiz aufzuschließen, wo er in Sachen Weiterentwicklung jedoch auch Gefahren ortet.

Dass Ruttensteiner in Bezug auf das Nationalteam mehr als ein Mal die Wir-Form verwendet, zeigt wohl die nach wie vor große Verbundenheit mit diesem Thema. Gänzlich anders wird es wohl auch Andreas Herzog, dem ÖFB-Rekordinternationalen, nicht gehen.

Falls jemand vergeblich nach ausführlichen Aussagen Ruttensteiners zum nunmehrigen Teamchef Israels sucht, dies ist kein Zufall - dies wird in den kommenden Tagen in einem gesonderten Text nachgeliefert. Hier gibt es jedoch bereits ein Video dazu:

LAOLA1: Sie haben Ihren Anteil daran, dass Österreichs Fußball über viele Legionäre verfügt. Jetzt sind Sie selbst Legionär. Was kommt da alles auf einen zu?

Willi Ruttensteiner: Für mich war es ein großes Erlebnis, selbst vor der Situation zu stehen, mit meiner Familie nach Israel zu gehen und dort zu leben. Ich habe lange überlegt und mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber: Ich bereue es sicher nicht!

LAOLA1: Wie gestaltet sich abseits des Fußballs der Alltag?

Ruttensteiner: Bevor ich nach Israel kam, war ich etwas skeptisch. In der Außendarstellung hört man oft, dass es politisch gefährlich ist. Nach acht Monaten kann ich sagen: Es ist ein wunderschönes Land! Ich lebe in einem Vorort nördlich von Tel Aviv, genieße es sehr, die Lebensqualität ist hoch. Für einen Österreicher ist es etwas ganz Besonderes, am Meer leben zu dürfen. Ich habe mir schon viele Sehenswürdigkeiten angeschaut, um Kultur, Tradition und Bevölkerung kennenzulernen.

"Es ist zwei Mal vorgekommen, dass im Gazastreifen Raketen geschossen wurden. Das bedauere ich sehr. Ich frage mich: Warum schafft man es nicht, überall Frieden zu haben?"

LAOLA1: Man hat medial oftmals ein gewisses Bild von einem Land. Werden Vorurteile abgebaut, wenn man den persönlichen Realitätscheck hat?

Ruttensteiner: Es ist zwei Mal vorgekommen, dass im Gazastreifen Raketen geschossen wurden. Das bedauere ich sehr. Ich frage mich: Warum schafft man es nicht, überall Frieden zu haben? Die andere Seite ist jedoch: Die Sicherheit im Land ist vielleicht sogar größer als in diversen europäischen Ländern. Ich habe mir bislang kein einziges Mal gedacht, dass in irgendeiner Form Gefahr besteht. Ich habe das Leben hier als total sicher und komfortabel erlebt. Aber natürlich: Wenn die mediale Nachricht kommt, dass im Gazastreifen eine Rakete geschossen wurde, überlegt man schon: Was kann passieren? Es wäre gelogen, wenn man sagt, man geht zur Tagesordnung über.

LAOLA1: Sie haben die Sehenswürdigkeiten bereits angesprochen. Israel ist ein kulturell spannendes Land. Wie viel Zeit bleibt dafür?

Ruttensteiner: Ich habe den Lebensrhythmus angenommen. Der Samstag ist der Sabbat – der Tag, an dem die Bevölkerung den Berufsstress herunterfährt. Einen Tag in der Woche nicht Vollgas, einen Tag in der Woche steht die Familie im Mittelpunkt. Ich habe das für mich angenommen, dass ich mir einen Tag in der Woche frei nehme und verschiedene Sehenswürdigkeiten anschaue. Mich interessieren vor allem religiöse Stätten, wo sehr viel im Sinne des Evangeliums passiert ist.

Ruttensteiner sucht den Kontakt zur Bevölkerung

LAOLA1: Wie wichtig ist es, Sitten und Bräuche des Landes anzunehmen und die Mentalität der Mitarbeiter und Leute vor Ort verstehen zu lernen?

Ruttensteiner: Sehr, sehr wichtig. Das beginnt damit, dass ich den Kontakt mit den Leuten suche, wenn ich einkaufen oder privat ins Cafe gehe. Wenn mich jemand anspricht, scheue ich mich nicht, mich zu unterhalten – über das Land und auch über den Fußball, wie ihn die Leute hier sehen. Es schadet nie, gescheiter zu werden und mehr über das Land zu wissen.

LAOLA1: Wie sieht der israelische Fan den Fußball?

Ruttensteiner: Zu Beginn herrschte eine Stimmung, dass die Nationalmannschaft eigentlich sehr negativ gesehen wurde. Israel hat ja eine ganz gute Geschichte im Fußball, ist auch schon mal unter den ersten 20 in der Weltrangliste gestanden – jetzt ist man auf Rang 92, also weit davon entfernt. Die Moral in der Nationalmannschaft war eher: Sobald man ein Gegentor bekommt oder ein zweites, gibt man auf. So ist die Nationalmannschaft in der Öffentlichkeit dagestanden. Nicht sehr positiv! Wir haben mit einer neuen Spielphilosophie und Prinzipien vieles verändert und es geschafft, dass die Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute alles gibt. Wir haben drei Spiele gewonnen, aber auch drei Spiele verloren - die Bilanz ist nicht sehr gut, aber jeder Fan in Israel hat gesehen: Es wird alles gegeben! Und das wird wertgeschätzt. Ein zweiter Aspekt ist: Wir haben den Team-Spirit enorm erhöht und auch die jüdischen und arabischen Spielern zu einer Einheit geformt. Das ist im Land sehr gut angekommen.

LAOLA1: Fühlen Sie sich an Ihre Anfangszeit beim ÖFB erinnert, als das Nationalteam auch nicht unbedingt ein Hoch erlebt hat? Gibt es Schablonen, die man anwenden kann?

Ruttensteiner: Schablonen nicht, aber Erfahrungen. Ich weiß, was es bedeutet, den Fußball in einem Land zu entwickeln und was dabei sportpolitisch auf mich zukommt. Denn es gehört schon Stehvermögen dazu, um wie in Österreich einen Weg über 18 Jahre zu gehen. Schließlich gibt es Situationen, in denen Kritik laut wird. Es hat ja auch bei uns acht Jahre gedauert, bis wir 2007 mit der U20-WM in Kanada einen ersten großen Erfolg hatten. Ob ich diese Zeit in Israel bekomme? Schwierig! Ich habe damit aufgehört, darüber nachzudenken, was in der Zukunft passiert, sondern fokussiere mich auf meinen Weg und mein Konzept – und dieses versuche ich so rasch wie möglich voranzutreiben. Die ersten wichtigen Grundbausteine sind gelegt. Ich habe einen Langzeitplan geschrieben, der im Präsidium beschlossen wurde, auch das Budget dafür ist genehmigt. Wir haben ein professionelles Umfeld für die Nationalmannschaft geschaffen. Das sind Bausteine, die in Österreich völlig normal sind. Für die positive Zukunft von Israel sind sie enorm wichtig.

LAOLA1: Die Herausforderung ist also der Spagat zwischen Zeitdruck in der Gegenwart und Nachhaltigkeit für die Zukunft?

Ruttensteiner: Der Zeitdruck geht Hand in Hand mit dem Erfolg des A-Teams, denn es hilft wahnsinnig, wenn du gut spielst und gewinnst. Wenn die Bevölkerung diese Entwicklung schätzt, gibt es Rückenwind. Auf der anderen Seite steht der Langzeitplan. Wenn du Richtlinien in der Trainerausbildung festsetzt, ist das nett, aber medial nicht präsent. Da merkt niemand, dass etwas vor sich geht, das auf Sicht sehr positiv für den Fußball sein wird. Jetzt geht es darum: Kriegt man Unterstützung von der Regierung? Kann man ein nationales Zentrum bauen? Meine Pläne sind visionär, da schüttelt auch mancher den Kopf. Aber das war in Österreich ja auch so – als ich ein Analyse-Programm vorgestellt habe, haben manche mit dem Kopf geschüttelt. Heute hat es jeder auf seinem Computer.

"PowerPoint kennt man in Israel - und mittlerweile auch in Österreich."

LAOLA1: Aber PowerPoint kennt man in Israel…?

Ruttensteiner (lacht): Kein Interview ohne PowerPoint. Ja, das kennt man in Israel – und mittlerweile auch in Österreich.

LAOLA1: Das haben Sie selbst aufgelegt. Aber ernsthafter betrachtet: Wie viel Zeit glauben Sie, werden Sie in Israel bekommen?

Ruttensteiner: 18 Jahre wie beim ÖFB wird schwierig, dann wäre ich 74 – das wäre an sich möglich, wenn man einige ältere Herren sieht, die noch arbeiten (schmunzelt). Mein Vertrag läuft für zwei Jahre plus Option auf zwei weitere. Ich habe bereits das Angebot, jetzt schon bis 2022 zu fixieren. Das muss ich mir aber in Ruhe überlegen. Eigentlich wollte ich erst 2020 ein erstes Resümee ziehen und schauen, was gelungen ist. Es ist positiv, dass der Verband jetzt schon sagt, sie sehen, die Impulse durch unsere Arbeit lund wollen verlängern. Aber da möchte ich nichts übereilen. Wenn Erfolge da sind, bleibe ich. Ansonsten wird es eine neue Herausforderung geben.

"Meine Pläne sind visionär, da schüttelt auch mancher den Kopf. Aber das war in Österreich ja auch so – als ich ein Analyse-Programm vorgestellt habe, haben manche mit dem Kopf geschüttelt. Heute hat es jeder auf seinem Computer."

LAOLA1: Die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass ihr berühmter Spruch vom Sportdirektor, der für das nächste Jahrzehnt zuständig ist, eher schwierig anwendbar sein wird.

Ruttensteiner (schmunzelt): Stimmt. International ist er sowieso schwierig anzuwenden. Das sieht man immer wieder, wenn Leute ins Ausland gehen und dort konzeptionell oder strukturell arbeiten wollen. Ich kann nur sagen: In den vergangenen Monaten ist es wirklich gelungen, die Situation zu analysieren und aus dieser Analyse heraus eine Strategie zu entwickeln. Wir sind bereits bei der Implementierung angelangt. Für mich gibt es einen neuen Slogan: Ich hoffe, dass ich dem Land sehr viel geben werde. Auf der anderen Seite hoffe ich, dass auch mir das Land sehr viel gibt. Ich merke als Person, dass es eine Horizonterweiterung ist, hier eine gewisse Zeit zu leben und in einem fremden Land unter völlig anderen Bedingungen arbeiten zu dürfen.

LAOLA1: Haben Sie in Israel etwas kennengelernt, wo Sie sich gedacht haben: Das wäre auch in Österreich eine gute Idee gewesen?

Ruttensteiner: Viele sagen: Du nimmst dein Programm und überträgst es auf Israel. Das stimmt zu einem gewissen Prozentsatz, ist aber nicht bis ins kleinste Detail zu 100 Prozent möglich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, was in Israel für die Zukunft meiner Meinung nach ein Vorteil ist: Im Sportgesetz ist verankert, dass Spieler bis zum Alter von 15 Jahren nicht an Vereine gebunden sind. Ein Talent von Maccabi Tel Aviv kann im Alter von 13 oder 14 Jahren am Ende eines jeden Jahres einfach sagen: Nächstes Jahr spiele ich bei einem anderen Verein oder gehe in ein Ausbildungszentrum des Nationalverbandes. Da sehe ich große Möglichkeiten. Der Kampf mit den Vereinen, dass du einen Spieler kriegst, ist bis 15 nicht existent.

LAOLA1: Noch einmal zum Jahrzehnt-Spruch: Woran man den Erfolg ihrer Arbeit in Österreich messen kann, ist relativ einfach. Aber woran messen Sie Ihren Erfolg in Israel? Wird er mehr vom schnellen Erfolg des A-Teams abhängen? Oder wollen Sie beobachten, wie sich der israelische Fußball langfristig auf Basis Ihrer Maßnahmen entwickelt?

Ruttensteiner: Nach außen hin haben Sie völlig Recht: Auch in Israel sind das A-Team und die Jugend-Nationalmannschaften der Maßstab. Ohne Erfolg bei der Nationalmannschaft wird es meiner Meinung nach über einige Jahre schwierig. Was Erfolg bedeutet, haben wir definiert. Man kann nicht davon ausgehen, dass man in einer Qualifikation Länder wie Polen und Österreich hinter sich lässt. Das wäre vermessen. Sollte es eintreffen: Weltwunder! Deswegen habe ich versucht, die Ziele ein wenig vom Ergebnis wegzubringen und auf die Performance zu fokussieren. Denn ich glaube schon, dass Entwicklung sichtbar ist. In der Bevölkerung ist spürbar, dass gesagt wird: Da tut sich etwas. Ich bin überzeugt, dass wir in der Weltrangliste nach vorne kommen. Natürlich trifft es auch Bereiche wie Trainerausbildung, Talenteförderung oder Breitenfußball. Dort kann man Performance wirklich messen. Wenn ich resümiere, möchte ich sagen: Was ich dem Land an Know-how gegeben habe, ist messbar. Und wenn die Ergebnisse beizeiten auch kommen, wäre es natürlich schön.

LAOLA1: Was in Österreich definitiv messbar war, war der signifikante Anstieg der Zahl der Legionäre. Zu Beginn der Nuller-Jahre waren es noch relativ wenige – so wie derzeit Israel. Ist das auch ein Ziel?

Ruttensteiner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wenn man es vergleicht: Österreich war Anfang der Nuller-Jahre bis zur EM 2008 mit einigen Legionären gesegnet, aber eigentlich durchwegs in der Defensive. Ich habe immer gesagt: Uns fehlen kreative Spieler, Stürmer oder auch Außenspieler, die kreativ sein können. Jetzt ist man auf fast jeder Position zwei- bis dreifach international besetzt. Es wird auch dem nicht so fußballaffinen Fan auffallen, dass wahnsinnig viel passiert ist.

"Ein Nachteil ist die Army. Man muss sich vorstellen: Mit 19 Jahren muss ein junger Spieler für drei Jahre zum Militär. Das ist ein gewaltiger Einschnitt in der Karriere. Hier verpassen wir viele Chancen, dass 18-, 19-jährige israelische Talente von internationalen Klubs genommen werden."

LAOLA1: Wie soll diese Entwicklung in Israel gelingen?

Ruttensteiner: Hier muss man vor allem an zwei Nachteilen arbeiten: Das eine ist die Army. Man muss sich vorstellen: Mit 19 Jahren muss ein junger Spieler für drei Jahre zum Militär. Das ist ein gewaltiger Einschnitt in der Karriere. Hier verpassen wir viele Chancen, dass 18-, 19-jährige israelische Talente von internationalen Klubs genommen werden. Ich möchte daran arbeiten, dass für Top-Talente mehr Unterstützung von der Army kommt – ähnlich wie bei uns im Heeressport. Das Zweite ist, dass man diese Talente oft auch unterschätzt und nicht gut anbietet. Ich habe Talente mit 15-18 Jahren gesehen, bei denen ich mich wirklich wundere, dass sie nicht von größeren Vereinen gescoutet und letztendlich auch transferiert werden. An dieser Karriere-Planung wollen wir arbeiten. Erster Erfolg: Manor Solomon ist mit 19 Jahren zu Shakhtar Donetsk gewechselt – ein Topklub, der Champions League oder Europa League spielt. Er hat eine bevorzugte Stellung in der Army bekommen. Kriegen wir mehr Spieler ins Ausland, verbessert das natürlich das Niveau der Nationalmannschaft. Talente sind vorhanden. Wir haben die U17 und U19 in der Eliterunde – das ist nicht schlecht. Aber wenn man von Endrunden spricht, haben wir uns mit Österreich in meinen 18 Jahren 18 Mal qualifiziert – das ist unglaublich. Daran sieht man auch die Qualität der Ausbildung. Die ist in Israel noch nicht gegeben, aber wir wollen den nächsten Schritt setzen, indem wir auch bei den Akademien auf internationalen Standard kommen wollen.

LAOLA1: Jetzt haben wir viel von Israel und dem dortigen Fußball erfahren. Nun treffen die drei Österreicher – Willi Ruttensteiner, Teamchef Andreas Herzog und Tormanntrainer Klaus Lindenberger – auf Österreich. Ganz ehrlich, das war doch schon vor der Auslosung klar, oder?

Ruttensteiner (schmunzelt):  Es war merkwürdig. Klaus hat mir vor der Auslosung seinen Tipp geschickt: Polen, Österreich, Israel – den Rest der Gruppe hatte er wesentlich einfacher mit Gegnern wie San Marino und Estland. Dann sitze ich bei der Auslosung vor dem Fernseher und es trifft ein: Polen – Österreich – Israel. Ich habe ihn gleich angerufen und gefragt, ob er überirdische Fähigkeiten hat. Wobei wir mit Slowenien, Mazedonien und Lettland am Ende eine viel, viel stärkere Gruppe bekommen haben, als er sie vorausgesagt hat.

Ruttensteiner war 18 Jahre lang ÖFB-Sportdirektor
Foto: © GEPA

LAOLA1: Was war Ihr erster Gedanke, nachdem Österreich und Israel in eine Gruppe gelost wurden?

Ruttensteiner: Es ist etwas ganz Besonderes. Du mühst dich 18 Jahre ab und versuchst, dass dieses Nationalteam so stark wie möglich wird, und dann spielst du in deiner zweiten Aufgabe gegen dieses Land. Für mich ist es ein irrsinnig emotionales Spiel. Die Spieler werden das übernehmen und enorm motiviert sein. Ich sage: Gegen Polen und Österreich, die unter den Top 30 sind, können wir als Nummer 92 der Welt nur gewinnen. Viel schwieriger wird es gegen Slowenien, Mazedonien oder auch Lettland. Wenn wir diese Länder hinter uns lassen können, ist ein gewaltiger Schritt passiert. Sollte gegen die zwei Topfavoriten etwas drinnen sein – ja, dann werden wir gewaltig feiern.

LAOLA1: In der Nations League wurden beide Heimspiele gewonnen. Israel startet mit zwei Heimspielen gegen Slowenien und Österreich. Wie groß ist dieser Vorteil?

Ruttensteiner: Es ist sicher ein Vorteil, mit einem Heimspiel zu beginnen. Man wird es vielleicht nicht glauben, aber mein Fokus liegt derzeit überhaupt nicht auf Österreich. Auf der einen Seite kenne ich die Mannschaft sehr gut. Auf der anderen weiß ich, wie wichtig es ist, sich auf Slowenien zu fokussieren. Wenn gegen Slowenien ein Sieg gelingt, glaube ich, wird es ein extrem positiv aufgeladenes Match gegen Österreich. Angesichts der Euphorie wäre das Stadion in Haifa wohl ausverkauft, und dann kann schon etwas passieren. Wenn nicht, ist es für unsere Entwicklung auch kein Beinbruch, weil jeder weiß, dass wir gegen zwei – mit Slowenien vielleicht drei – Mannschaften spielen, die deutlich über uns stehen. Aber in einem Spiel ist immer viel möglich.

"Man kann nicht davon ausgehen, dass man in einer Qualifikation Länder wie Polen und Österreich hinter sich lässt. Das wäre vermessen. Sollte es eintreffen: Weltwunder!"

LAOLA1: Sagen wir so: Völlig neu scouten müssen Sie Österreich in der Tat nicht. Wie groß ist der Vorteil, wenn man jeden Spieler so gut kennt? Oder gibt es auch irgendeinen Nachteil?

Ruttensteiner: Nachteil sehe ich grundsätzlich keinen, denn wir werden Österreich bei Gott nicht unterschätzen. Ich weiß, welch große Qualität das Nationalteam hat und wie großartig der Trainer auf Gegner einstellt. Da ist man wirklich gut aufgestellt. Die Spieler ganz genau zu kennen, ist für mich schon ein Vorteil, weil man die Informationen weitergeben kann. Aber: Man darf Kreativität nie unterschätzen. Natürlich kann man einem Spieler sagen: „Pass auf den rechten Fuß deines Gegenspielers auf!“ Aber man kennt ja die lustige Story zwischen Andi Herzog und Toni Polster. Als sie in der deutschen Bundesliga gegeneinander gespielt haben, wurde im Vorfeld gewarnt: „Pass auf, er hat nur einen Linken!“ Das Tor hat er dann mit rechts gemacht.

LAOLA1: Summa summarum treffen Sie auf einen Gegner, in dem mehr Ruttensteiner steckt, als bei ihrem neuen Arbeitgeber überhaupt stecken kann.

Ruttensteiner: Das sicher, aber die Arbeit ist abgeschlossen. Ich erwarte auch nichts mehr für diese Arbeit. Ich bin für mich selbst stolz auf diese Arbeit. Ich habe evaluiert, was gelungen ist und was nicht gelungen ist – zum Beispiel die EURO 2016. Wären wir dort weitergekommen, wäre es historisch gewesen. Aber es waren auch Leuchttürme dabei wie die EM-Qualifikation, die Spieler, die jetzt zur Verfügung stehen, oder das EM-Halbfinale des Frauen-Nationalteams. Das waren Meilensteine im österreichischen Fußball.

LAOLA1: Wirklich gar kein Revanche-Gedanke?

Ruttensteiner: Überhaupt kein Revanche-Gedanke! Der Gedanke ist: Gewinnen wollen!

LAOLA1: Österreich hat 2018 in Testspielen gut abgeschnitten, in der Nations League mit Höhen und Tiefen. Wie beurteilen Sie den Status quo des ÖFB-Nationalteams?

Ruttensteiner: Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Polen und Österreich. Von den Legionären her hat Österreich derzeit sogar mehr. Österreich ist eine Spitzenmannschaft, die für mich zu den Top 20 der Welt zählt und der erklärte Favorit in der Gruppe ist. Für Österreich wäre es ein gewaltiger Misserfolg, in dieser Gruppe nicht zu bestehen. Mit Polen hat man einen Gegner auf Augenhöhe. Ich gehe davon aus, dass sie das Spiel zu Hause gewinnen oder zumindest punkten werden. Und dann sehr stark und mit breiter Brust nach Israel kommen. Die Spiele müssen erst gespielt werden, das wird auch für Österreich nicht leicht. Aber letztendlich weiß ich, dass sich Österreich qualifizieren wird.

"Da geht es nicht darum, ob man den Punktewert in der Trainerausbildung verändert. Das ist für mich Marketing. Um tatsächliche Veränderungen in der Spielerentwicklung und in den Nationalmannschaften voranzubringen, bedarf es wirklich harter Arbeit – und das passiert in Belgien, Kroatien und der Schweiz."

LAOLA1: Sie haben stets vergleichbare Länder wie die Schweiz, Belgien oder Kroatien als Messlatte für Österreich genannt. Kann man diesen Schritt gehen?

Ruttensteiner: Was die Schweiz, Belgien oder Kroatien erreicht haben, ist unglaublich, aber auch für Österreich möglich. Wir waren ja schon einmal Nummer 10 der Welt. Ich habe immer gesagt: Dort muss die Reise hingehen – und noch mehr! Es wird jedoch ganz schwer, auf diesem höchsten Niveau noch neue Innovationen zu setzen. Da geht es nicht darum, ob man den Punktewert in der Trainerausbildung verändert. Das ist für mich Marketing. Um tatsächliche Veränderungen in der Spielerentwicklung und in den Nationalmannschaften voranzubringen, bedarf es wirklich harter Arbeit – und das passiert in Belgien, Kroatien und der Schweiz. Diese Weiterentwicklung muss man machen, ansonsten wird man ein nächstes Jahrzehnt erleben, in dem man vielleicht nicht mehr dort vorne steht. Stillstand birgt die größte Gefahr. Aber ich traue Österreich zu, mit einer erfolgreichen Qualifikation noch weiter nach vorne zu kommen. Warum nicht auf einen Stellenwert wie die Schweiz kommen? Das ist bei der Qualität der Spieler absolut möglich.

LAOLA1: Um es zu konkretisieren: Was sind die notwendigen Schritte?

Ruttensteiner: Das ist nicht mehr meine Aufgabe, ich beschäftige mich jetzt mit den notwendigen Schritten von Israel. Aber generell: Projekte oder Spielerentwicklung, Betreuung von Nationalmannschaften, wie spielt man in den Nationalteams? Diese Weiterentwicklung muss man ständig machen, sonst bleibt man stehen – und Stillstand ist ja bekanntlich Rückschritt. Genau das Gleiche gilt für Israel, nur dass es hier derzeit relativ leicht ist, neue Konzepte zu bringen, weil wir in allen Bereichen vom Niveau Österreichs weit entfernt sind.

LAOLA1: Wie intensiv verfolgen Sie noch, was in Österreichs Fußball passiert? Schließlich geht es schon auch um Ihr Lebenswerk.

Ruttensteiner: Ich beobachte Österreich natürlich, überhaupt keine Frage. Es ist ja mein Heimatland. Das Interesse für mein Land ist immer groß. Vielleicht werde ich irgendwann wieder einmal in Österreich arbeiten – das muss nicht der ÖFB sein, aber vielleicht bei einem Verein. Noch mehr beobachte ich aber fast Länder, die ganz vorne stehen. Mir schweben Kooperationen mit solchen Ländern vor, um noch mehr Know-how für Israel zu gewinnen. Es gab bereits gute Gespräche.

LAOLA1: Ihre Trennung vom ÖFB ist knapp eineinhalb Jahre her. Danach herrschte Funkstille mit diversen alten Weggefährten. Ist man inzwischen wieder einen Schritt aufeinander zu gegangen?

Ruttensteiner: Für mich war die Kündigung nach dieser erfolgreichen Arbeit natürlich schon sehr hart. Meiner Meinung nach hätte man es auch anders machen können. Das ist jedoch nicht passiert. Groll hege ich gar keinen, und ich habe auch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ÖFB ein gutes Verhältnis. Als ich zuletzt beispielsweise von Walter Konir in der Trainerausbildung eine Auskunft bezüglich meiner Pro-Lizenz gebraucht habe, gab es wie immer ein tolles Service und eine offene Kommunikation. Da kann ich wirklich nichts Negatives sagen. Sicher glaube ich, dass ich mir den Abschluss anders verdient hätte. Aber gut, das wurde schon diskutiert und ist abgehakt.

"Ich hatte immer wieder Angebote. Aber letztendlich waren das Nationalteam von Österreich und diese Spieler – von David Alaba angefangen bis zu den Jüngsten im Kinder-Fußball – immer mein großes Anliegen!"

LAOLA1: Um ein Fazit zu ziehen: Die Kündigung vom ÖFB war sicher ein schwerer Rückschlag. Aber wenn man Sie über ihre Pläne in Israel philosophieren hört, könnte man auf die Idee kommen, dass dieser Rückschlag im Nachhinein auch eine Chance war.

Ruttensteiner: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich glaube nicht, dass ich angesichts meiner Einstellung zum österreichischen Fußball weggegangen wäre. Ich hatte immer wieder Angebote. Aber letztendlich waren das Nationalteam von Österreich und diese Spieler – von David Alaba angefangen bis zu den Jüngsten im Kinder-Fußball – immer mein großes Anliegen! Dieses Anliegen war immer größer als der finanzielle Reiz oder der Wunsch, einmal im Ausland zu leben. Ich war einfach rundum glücklich mit der Arbeit für den österreichischen Fußball. Am Ende hat jemand anderer für mich entschieden und gesagt: „Es ist Schluss.“ Damit habe ich zurechtkommen müssen und das bin ich auch. Dann habe ich gemerkt, dass meine Person bei der FIFA, der UEFA, beim Land Oberösterreich, bei Zeitungen und in der Wirtschaft gerne gesehen ist. Das hat mir irrsinniges Selbstvertrauen gegeben, ich habe ein Unternehmen gegründet – und als ich so richtig ins Arbeiten gekommen bin, kamen tolle Angebote aus dem Fußball, und ich habe mich für eines entschieden. Aus heutiger Sicht würde ich Ihnen völlig Recht geben: Es hat meiner Person gut getan. Es hat meiner Entwicklung gut getan. Bisher war es auch sportlich in Ordnung, wobei ich weiß, dass es sportlich schwer werden wird. Aber ich glaube, dass ich stark genug bin, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Textquelle: © LAOLA1.at

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