Super League: Das schandhafte Dutzend

Super League: Das schandhafte Dutzend Foto: © getty
 

Mit der Formation der Super League haben die teilnehmenden Klubs ihre jahrelangen Drohungen nun endlich wahrgemacht.

Der AC Milan, Juventus, Inter, Arsenal, Chelsea, Liverpool, Manchester United, Manchester City, Tottenham, Atletico Madrid, der FC Barcelona und Real Madrid stellen sich unumkehrbar auf die Seite des Geldes und gegen alle Prinzipien, die den Fußball auszeichnen sollten.

Diese Vereine sowie die UEFA und FIFA, die ihnen gegenüberstehen, vorschnell in "Böse" und "Gut" zu kategorisieren, greift aber viel zu kurz. Ein Kommentar:

Wertsicherung statt sportlichem Risiko

Die Gründung der Super League hat für das Dutzend abtrünniger Vereine klare Vorteile. Jedem Team sind mindestens 18 Spiele in der Gruppenphase auf europäischer Ebene garantiert. Davon sind neun Partien Heimspiele. Aktuell kann ein Klub, der in der Gruppenphase der Champions League einsteigt, maximal sechs Begegnungen vor heimischer Kulisse austragen – sportlicher Erfolg vorausgesetzt.

Aber gerade das soll kein Faktor mehr sein. Egal wie schlecht die Karten sportlich aktuell stehen mögen, für die Super League sind die 15 Gründungsmitglieder stets qualifiziert.

Der Modus wird sich allerdings schnell abnutzen. Die Super League verspricht die "besten Klubs, die besten Spieler, jede Woche". Doch wer will das sehen? Dass bestimmte Spiele nicht jede Woche zustande kommen, macht doch den Reiz der europäischen Bewerbe aus. Das Spezielle, das man in hoher Frequenz zu sehen bekommt, verliert bald seine Besonderheit.

Dass Arsenal, als Neunter der Premier League aktuell ein Ticket hat, mutet grotesk an. Die trainerlosen Tottenham Hotspur konnten 2008 ihren letzten großen Titel feiern, wenn man den englischen Liga-Pokal als solchen anerkennt. Trotzdem sind die "Spurs" für ihre Co-Konspiratoren stets super.

Corona als Brandbeschleuniger

Im Kern der Sache geht es, befeuert durch die Corona-Krise, um die Sicherung der finanziellen Werte. Aktuell ist für die meisten Klubs das Verpassen von europäischen Bewerben ein großes Problem. Finanziell und in der Außendarstellung. Für manche Spieler gilt die Champions League als wichtiges Kriterium bei der Vereinswahl. Durch die Super League machen sich die 12 Klubs unabhängig von jedem sportlichen Abschneiden, selbst im neuen Wettbewerb.

Alle Gruppenspiele verloren? Egal, nächstes Jahr darf man es noch einmal probieren, das Geld für die Teilnahme ist ohnehin garantiert. So erhalten die Gründungsmitglieder 3,5 Milliarden Euro, um die Auswirkungen der Pandemie abzufedern und in Infrastruktur-Projekte zu investieren, heißt es. Schließlich müssen die neuen, protzigen Arenen von Real Madrid und Co. auch bezahlt werden.

Für Europa ist dies Neuland – das geschlossene System ist eines, mit dem die Besitzer von Arsenal, Liverpool und Manchester United besser vertraut sind. Arsenal-Besitzer Stan Kroenke konnte jahrelang mit seinen US-Sport-Teams Schindluder treiben.

Die Tampa Bay Buccaneers der Familie Glazer, die bei Manchester United das Sagen hat, war bis vor Kurzen noch eine Lachnummer in der NFL, bis Tom Brady die Franchise aus der Bedeutungslosigkeit holte.

Was diese Beispiele eint? Sicherheit. Für Erfolglosigkeit müssen die Besitzer in einer geschlossenen Liga keine Konsequenzen befürchten. Die Hauptmotivation der Eigner – Geld, nicht der sportliche Erfolg – ist langfristig gesichert.

Spieler, die in der Super League das große Geld sehen, sollten aber gewarnt sein. Die Klubs mussten sich einem Ausgaben-Rahmen verschreiben. Eine Gehaltsobergrenze, wie in geschlossenen Ligen in Nordamerika üblich, könnte der nächste Schritt sein.

Das Geld soll schließlich bei den Besitzern und Teams bleiben. Die Super League ist ein Export des amerikanischen Systems nach Europa. Rahmenbedingungen, Historie und Fan-Wille spielen dabei keine Rolle. Solange der Rubel rollt, sind die Vereine zufrieden.

Ungebremste Chuzpe

Dass die Super-League-Klubs im gemeinsamen Kommuniqué zur neuen Vereinigung von der "Instabilität des existierenden Wirtschafts-Modell im europäischen Fußball" schreiben, ist nur der Gipfel der Hybris und ein Schlag ins Gesicht der restlichen Vereine in Europa.

Die meisten Klubs der Super League sind aktuell ohnehin Dauergast in der Champions League und sitzen damit im Gegensatz zur großen Mehrheit der anderen europäischen Teams an den großen Geldtöpfen. Trotzdem ist der Schuldenberg unter diesen Vereinen, allen voran beim FC Barcelona, gigantisch.

Das aktuelle "instabile" Modell wurde von diesen von Gier getriebenen Vereinen erbaut und gefördert. Dass es auch anders geht, beweist der FC Bayern München. Man mag vom Klub und den handelnden Verantwortlichen denken, was man will, aber der sportliche Erfolg, gepaart mit einem soliden wirtschaftlichen Fundament, ist in Europas Spitzen-Fußball beispiellos.

Dass der FC Bayern seine Seele nicht verkauft hat, wie der FC Liverpool, oder der FC Barcelona, der sich selbst für "mehr als einen Klub" hält, ist hoch anzurechnen. Auch Paris Saint-Germain, das im Vergleich zum Dutzend beinahe wie ein Sympathieträger wirkt. Um einen Klub, der aus Katar finanziert wird und für beispiellosen Kommerz steht, in so eine Rolle zu drücken, bedarf es eines Kraftakts.

Den Shitstorm der Fans wollten die abtrünnigen Vereine mit der Ankündigung, weiter an den nationalen Ligen teilzunehmen, abfedern. Doch darauf kann man getrost verzichten. Abgesehen davon, dass sich der Vorschlag nach den Ankündigungen von UEFA und FIFA nach dem Wunsch nach warmen Eislutschern anhört, würden damit die nationalen Ligen noch mehr abgewertet werden.

Die finanzkräftigsten Klubs haben ihre Ligen in den vergangenen Jahren oft in Grund und Boden gestampft. So ginge die Schere noch weiter auseinander, ein Meistertitel wie 2016 für Leicester City wäre ein Ding der Unmöglichkeit.

Als Feigenblatt an den restlichen europäischen Fußball sollen auch "Solidaritätszahlungen" sorgen. Die Super League rechnet vor, dass in der ersten "Bindungs-Phase" mehr als zehn Milliarden Euro an andere Vereine in ausgeschüttet würden.

Doch da bleiben viele Fragen offen. Wie soll das Geld generiert werden, will lange dauert die ursprüngliche "Bindungs-Phase" überhaupt? Was passiert danach? Schauen die Vereine dann durch die Finger?

UEFA und FIFA als angebliche Retter

Gegner der Super League hoffen nun auf die UEFA und die FIFA, um den Vorstoß der zwölf Klubs zu stoppen. Beide Organisationen haben die aktuelle Ungleichheit allerdings in den vergangenen Jahrzehnten nur befeuert.

Die UEFA hätte sich Juventus-Boss Andrea Agnelli – der bis vor kurzem als Vorsitzender der European Clubs Association fungierte und auch Teil des Exekutiv-Komitees des Kontinentalverbandes war – schon viel früher in den Weg stellen können. Der Italiener war für die aktuellen Verhältnisse im europäischen Fußball federführend verantwortlich.

Doch die UEFA setzt trotz der Ankündigung der Super League die Champions-League-Reform um. Mit Vorschlägen, die aus den Federn von Agnelli und Co. stammen. Nun werden 36 Teams an die Geldtöpfe gelassen, Vereine aus den großen Ländern behalten ihren eingebauten Vorteil. Die Champions League ist für die größten Vereine Europas de facto ohnehin schon eine geschlossene Gesellschaft. Für den Rest gibt es die verkleinerte Europa League und die neue Europa Conference League.

Auch die FIFA hat sich schon eingeschaltet. Dort droht man teilnehmenden Spielern mit dem Ausschluss von der Weltmeisterschaft. Die Frage, wie begehrenswert eine Weltmeisterschaft, die auf dem Rücken von toten Sklaven in Katar gebaut wurde, tatsächlich ist, sollte sich Präsident Gianni Infantino selbst beantworten.

Die Felle schwimmen davon

Für die FIFA und UEFA geht es in erster Linie um die Sicherung der eigenen Monopole. Der aktuelle Vorstoß ist der erste, der die Souveränität der Verbände in seinen Grundprinzipien angreift. Sollte die Super League tatsächlich Realität werden, ist anderen Vorhaben Tür und Tor geöffnet. Vielleicht ein Turnier auf globaler Ebene mit fix qualifizierten Nationalmannschaften, eine Art Super World Cup? Ein signifikanter Teil des Protestes der Organisationen fußt auf Angst vor dem eigenen Machtverlust und den einhergehenden finanziellen Konsequenzen.

Dass die FIFA nicht immer im Sinne der sportlichen Sinnhaftigkeit entscheidet, zeigen die Beispiele der reformierten Klub-Weltmeisterschaft und der aufgestockten Fußball-WM. Beiden Organisationen ist eine Abkehr vom aktuellen Kurs wärmstens zu empfehlen.

Am Ende liegt der Ball aber bei den Fans. Die Super League ist, ähnlich wie das bestehende "unsichere" Modell, auf Fernsehgelder ausgelegt. Zuseher, die strikt gegen die Super League sind, sollten die übertragenden Anstalten boykottieren, die Spiele der Super League nicht im Stadion ansehen.

Die abtrünnigen Klubs behaupten Milliarden von Fans zu repräsentieren, doch diese sind die Leidtragenden der neuen Situation. Ihre Herzensvereine werden im Trachten nach mehr Geld verraten und verkauft. Die Tradition, die sich die meisten dieser Klubs auf die Fahnen schreiben, mit Füßen getreten.

Es braucht Fans, Vereine, Verbände und auch die heuchlerisch anmutenden UEFA und FIFA, um die Super League zu stoppen und notwendige Gegenreformen zur Gesundung des Fußballs und der Sicherstellung des sportlichen Wettbewerbs sicherzustellen. Einzig, der Glaube daran fehlt. Das abtrünnige Dutzend ist schon mit anderen Maßnahmen durchgekommen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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