Gerhard Struber: Hudson-River-Derby als Wegweiser

Gerhard Struber: Hudson-River-Derby als Wegweiser Foto: © getty
 

Während in der Admiral Bundesliga an diesem Wochenende die Hinrunde des Grunddurchgangs beschlossen wird, geht es in der nordamerikanischen Major League Soccer in die heiße Phase. Mitte November endet die Regular Season, der Kampf um die Playoff-Plätze ist entbrannt.

Auch bei den New York Red Bulls von Ex-WAC-Trainer Gerhard Struber. Die Mannschaft des Salzburgers hat noch sechs Spiele vor der Brust, der Rückstand auf die Playoff-Plätze beträgt nur drei Punkte.

Am Sonntag-Abend (19 Uhr MESZ) kommt es zum Hudson-River-Derby gegen Lokalrivale New York City FC. Für Struber ein ganz spezielles Spiel, wie der 44-Jährige gegenüber LAOLA1 erklärt.

"Es ist ein richtiges Derby mit unglaublicher Atmosphäre von beiden Seiten. Unsere Fans ordnen es ganz hoch ein, weil es einfach bedeutet, wer in der Stadt momentan die Nase vorne hat. Da wollen wir alles unter Beweis stellen", kündigt Struber an.

Für den Salzburger ist es bereits das dritte Derby gegen NYCFC. Das Ergebnis in diesem Duell könnte für den restlichen Saisonverlauf wegweisend werden.

Mit einem Remis und zuletzt einem Sieg ist der ehemalige Barnsley-Coach gegen den Stadtrivalen aus der Bronx noch ohne Niederlage. Auch ins Spiel am Sonntag geht Struber durchaus zuversichtlich: "Wir wollen uns wieder richtig darauf einlassen und einen guten Matchplan für unsere Jungs schmieden und das ganze dann mit viel Energie füllen. Dann glaube ich, dass am Sonntag wieder viel für uns drinnen sein kann."

Die Atmosphäre und die Intensität des Hudons-River-Derbys würde dem Derby-Charakter in Europa um nichts nachstehen, findet Struber: "Es ist sehr hitzig, es ist von Zweikämpfen geprägt, von einer hohen Intensität. Ich habe jetzt schon zwei Hudson-River-Derbys erleben dürfen und war von der Atmosphäre begeistert."

Sommer-Schwäche im Aufbaujahr

Die laufende Saison der Red Bulls kann man bis jetzt getrost als durchwachsen bezeichnen. Über den Sommer haben die Red Bulls aus 14 Spielen nur zwei gewonnen. Mit zehn Siegen, elf Niederlagen und sieben Remis haben die Bullen Rang neun in der Eastern Conference inne.

"Wir hatten keine richtige Vorbereitung. Einige Spieler, die mit Visa-Problemen viel zu spät zum Team gekommen sind, haben eine längere Zeit gebraucht, um Anschluss zu finden und sich auf die Teamidentität einzulassen."

Gerhard Struber über Anlaufprobleme

Seit Mitte September geht es aber aufwärts: Das Team, das seit 2009 stets in den Playoffs vertreten war, konnte vier der letzten sechs Spiele gewinnen. Beide Saisonduelle mit NYCFC fallen in diesen Zeitraum.

Dass die laufende Saison von Inkonstanz geprägt ist, ist für Struber nicht überraschend. "Immer wenn man eine neue Identität in ein Team bringt und mit so vielen jungen Spielern arbeitet, gibt es Aufs und Abs", erzählt der Salzburger, der zudem auf schwierige Rahmenbedingungen verweist.

Befeuert wird die volatile Situation des Teams "speziell wenn verletzte Spieler dazukommen, wenn die Corona-Situation, die wir gehabt haben, dazu kommt: Wir hatten keine richtige Vorbereitung. Einige Spieler, die mit Visa-Problemen viel zu spät zum Team gekommen sind, haben eine längere Zeit gebraucht, um Anschluss zu finden und sich auf die Teamidentität einzulassen. Das alles sind Gründe, warum es über den Sommer schon sehr schwankungsfreudig war", resümiert Struber, dem die Resultate der vergangenen Wochen aber Auftrieb geben.

Aufschwung gibt Hoffnung

"Jetzt sind wir stabiler, wir zeigen dementsprechend auch bessere Ergebnisse. Die letzten Wochen machen mich zuversichtlich, dass wir auch dieses Jahr die Playoffs schaffen."

Speziell die vergangenen Spiele geben uns allen sehr großen Glauben und Kraft, dass wir das heuer wieder realisieren", gibt sich der Ex-Bundesliga-Trainer kämpferisch. Die heurige Saison wollen Royer & Co. zwar nicht abschenken, der langfristige Aufbau einer konkurrenzfähigen Mannschaft ist aber oberste Maxime.

"Es ist heuer eine Situation, dass wir auf der einen Seite die Identität in die Mannschaft hineinentwickeln wollen, gleichzeitig aber auch große Ziele haben", erklärt Struber, der so weit kommen möchte wie möglich.

"Gleichzeitig braucht so ein Projekt, wie wir es angegangen sind, einfach eine gewisse Zeit. Da sehe ich es einfach realistischer, nächstes Jahr anzugreifen, um tatsächlich einmal den Pott in der Hand haben zu können", sagt der Kuchler, dem auch wichtig ist, dass die Zuseher im Hier und Jetzt ordentlichen Fußball geboten bekommen.

"Was mir persönlich ganz, ganz wichtig ist, ist dass wir unsere Fans vor Ort mit konstant guten Leistungen überzeugen, dass die Fans erleben, dass wir in der MLS in naher Zukunft ganz vorn dabei sein und um Trophäen spielen können. Da setzen wir heuer den ersten Schritt, damit wir diese großen Ziele erreichen können. Das ist unser Weg".

Coronel kehrt nicht nach Salzburg zurück

Ein ganz wichtiger Baustein der aktuellen Red-Bulls-Mannschaft ist Salzburg-Leihgabe Carlos Coronel. Der 24-jährige Tormann, der im Februar für die gesamte MLS-Saison nach New York geschickt wurde, steigerte sich über die Spielzeit hinweg stetig. Nach 28 Saisonspielen stehen 30 Gegentore und zehn weiße Westen zu Buche.

In den letzten sechs Spielen hat sich Coronel, der stets im Rennen um den Torhüter der Woche ist, nur zwei Gegentore eingefangen.

"Wir haben die Chance, die Option zu ziehen, das wollen wir machen."

Gerhard Struber über Pläne mit Carlos Coronel

Für Struber kommen diese Leistungen nicht überraschend. "Carlos hat sich in den letzten Jahren richtig gesteigert und sich im Laufe der Saison in der MLS zu einem richtigen 'Key Player' für uns entwickelt, der stetig Leistung bringt und in ganz entscheidenden Momenten für uns da ist."

Den Brasilianer, den Struber noch aus gemeinsamen Liefering-Zeiten kennt, lobt der Salzburger in höchsten Tönen: "Er ist laufend einer der stärksten Torhüter der MLS. Ich weiß aus England und aus Österreich, was besonders gute Torhüter ausmacht, und da muss ich schon sagen, dass Carlos mittlerweile internationale Klasse hat und uns in vielen Spielen unhaltbare Bälle gefangen hat".

Hoffnungen auf eine Rückkehr nach Salzburg brauchen sich die dortigen Verantwortlichen nicht zu machen, wenn es nach Struber geht. "Wir haben die Chance, die Option zu ziehen, das wollen wir machen. Wir haben mit Carlos einen Torhüter der Extra-Klasse, der uns über die nächsten Jahre hinaus hoffentlich zur Seite steht", erklärt der 44-Jährige.

Seuchensaison für Royer

Während Coronel die Saison seines Lebens spielt, sieht dies bei ÖFB-Legionär Daniel Royer ganz anders aus. Nach Amtsantritt im vergangenen Jahr bezeichnete Struber den 31-Jährigen als für ihn ganz wichtigen Spieler. Auf diesen musste er aber bislang über weite Strecken verzichten. In der laufenden Saison kam er ehemalige Austrianer und Rieder erst auf 16 Spiele, davon nur drei von Beginn an.

"Daniel ist nach wie vor ein wichtiger Spieler für uns, halt mit einer spezielleren Rolle", erklärt Struber, der die Erfahrung des Steirers in der MLS herausstreicht. 2016 zog es den Offensivspieler vom FC Midtjylland nach New York.

"Danny hat dieses Jahr eine Achterbahn erlebt. Er ist immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen worden. Jetzt ist er dabei, sich in die erste Elf zurückzukämpfen. Er ist für uns nach wie vor ein ganz wichtiger Spieler, übernimmt einen wichtigen Part in der Mannschaft", so Struber, der Royer auch Abseits des Platzes schätzt.

"Er ist nicht nur am Platz wichtig, sondern für mich ein 'Opinion Leader' in der Kabine und hat ganz viel Einfluss, die Identität zu multiplizieren. Er macht aus meiner Sicht auch im heurigen Jahr, auch wenn es nach außen nicht immer so wirkt, einen guten Job", resümiert der Salzburger.

Die MLS-Pipeline nach Europa

Zwar hat die Major League Soccer unter teils beratungsresistenten Fußball-Fans in Europa immer noch den Ruf der Pensionisten-Liga, die Realität sieht aber anders aus. Der Nachwuchs rückt in Nordamerikas Elite-Liga immer mehr in den Fokus.

Dallas-Stürmer Ricardo Pepi war am Donnerstag Teil der bislang jüngsten US-Mannschaft in der WM-Qualifikation. Der 18-Jährige hat in 27 MLS-Spielen 13 Tore erzielt, nach vier Länderspielen stehen drei Tore zu Buche.

Kein Wunder, dass europäische Spitzenklubs bereits auf einen Wechsel des jungen Texaners spitzen. Pepi wäre in bester Gesellschaft: Bayern-Star Alphonso Davies hat seine ersten Profi-Schritte in der MLS bei den Vancouver Whitecaps unternommen, bevor der Wechsel nach München neue Türen geöffnet hat.

"Er hat besondere Qualitäten, hat einen Spielwitz, einen besonderen Style, der ihn unverkennbar macht. Er hat sicherlich eine große Zukunft vor sich, wenn er weiter so hart an sich arbeitet".

Gerhard Struber über Shooting Star Caden Clark

Über Brenden Aaronson weiß man in Österreich bestens Bescheid. Der 20-Jährige wechselte im Jänner nach zwei Profijahren bei Philadelphia Union zu Red Bull Salzburg und zeigt dort Woche für Woche seine Klasse.

Für Struber ist der mentale Aspekt einer, bei dem man in Europa von den Amerikanern lernen könne: "Wenn man sich Aaronson anschaut, der in Salzburg wöchentlich starke Leistungen zeigt, da überragt seine Einstellung: Eine Mentalität, die viele Amerikaner mitbringen, um alles dem Sport, dem Erfolg und der Entwicklung unterzuordnen."

Caden Clark: Der nächste US-Star in Europa?

Der nächste MLS-Export nach Europa steht schon in den Startlöchern: Caden Clark. Der 18-Jährige wechselte im Sommer "intern" von New York nach Leipzig, für die restliche MLS-Saison ist der Offensivspieler aber an die Mannschaft von Gerhard Struber zurückverliehen worden.

"Er hat besondere Qualitäten, hat einen Spielwitz, einen besonderen Style, der ihn unverkennbar macht. Er hat sicherlich eine große Zukunft vor sich, wenn er weiter so hart an sich arbeitet", adelt Struber den 18-Jährigen.

Dass ein junger Spieler wie Clark, der in 21 Spielen vier Tore und zwei Assists fabriziert hat, Leistungsschwankungen unterliegt, ist ganz normal. "Caden hat ein großes Talent und den Sprung nach Leipzig vor sich. Gleichzeitig erleben wir bei so ganz jungen Spielern auch Aufs und Abs. Ich finde, dass Caden ganz gut in die Saison gestartet ist, dann mit einer Blinddarm-Operation zurückgeworfen wurde und jetzt auch wieder am Weg ist, sich in die Startelf zurückzukämpfen", erklärt der Red-Bulls-Trainer.

"Haben uns bereits richtig gut entwickelt"

Die Entwicklung seiner jungen Spieler ist Struber ein ganz wichtiges Anliegen, wie der Salzburger betont, dies dürfe aber nicht zu Lasten der allgemeinen Konkurrenzfähigkeit der Mannschaft gehen.

"Mein persönliches Ziel ist, die Jungs im Rahmen unserer Identität zu entwickeln und gleichzeitig die Fans vor Ort im Stadion mit unserem typischen Spielstil zu überzeugen", so Struber, der auch die jungen Spieler seiner eigenen Mannschaft auf einem guten Weg sieht.

"Dann gibt es natürlich die logischen nächsten Schritte für die Jungs, die in der MLS perfomen. Da kann ein Red-Bull-Klub ein Thema sein oder der europäische Markt generell. Was mich tatsächlich auch freut, ist, dass es mittlerweile für einige junge Spieler von uns Anfragen aus Europa gibt. Denn das zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, einzelne Spieler top entwickeln und unsere jungen Talente deshalb wahrgenommen werden".

"Wir spielen mit einem ganz jungen Team und haben uns bereits richtig gut entwickelt. Das macht mich zuversichtlich, dass wir in Zukunft eine große Rolle in der MLS spielen", sagt Struber.

Diese große Rolle soll in der nahen Zukunft in einem Gewinn des MLS-Cups münden. Mit einem Sieg gegen NYCFC am Sonntag würde man die Chance wahren, noch in der heurigen Saison angreifen zu können.

Aber unter Druck steht Struber noch nicht, dafür ist die Zielsetzung zu langfristig ausgelegt. Sollte diese in den nächsten Jahren erfüllt werden, wäre Gerhard Struber der erste Meistertrainer der New York Red Bulls. Etwas, was auch Jesse Marsch, einem seiner Vorgänger, nicht gelungen ist.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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